Christa Astl

Heimepisoden: Beschäftigung

 



Ein großes Problem im Heimleben ist die Langeweile, verbunden mit Einsamkeit. Auch wenn viele Menschen in Heimen sind, jede/r beim Essen Tischnachbarn hat, gibt es wenig Gelegenheit zum Kennenlernen oder gar zu einem  Gespräch. Gründe dafür sind vielfältig. Die einen hören sehr schlecht, verstehen kaum, wenn sie angesprochen werden, da die anderen oft zu schwache Stimmen haben.
Nicht immer ist Demenz der Hauptgrund, dass Menschen teilnahmslos alleine sitzen. Man sollte sie ansprechen! Sich Zeit nehmen, sich dazu zu setzen, mit ein paar Sätzen aus ihrer Lethargie heraus holen, sie von früher erzählen lassen, und sie beschäftigen. Ich bin oft mit ihnen, ob am Arm, mit Rollator oder im Rollstuhl, in den Garten gegangen. Da gab es Anregungen und Gespräche, über Bäume, Blumen, Garten, die Gartenarbeit zu Hause, Arbeit allgemein, bis zurück zur Jugend, zur damaligen knappen Freizeit … Die Leute lebten regelrecht auf dabei.
Wenn auch ein großes Angebot an Beschäftigung vorhanden ist, es lassen sich meist nur wenige ansprechen. Bingo z.B. findet bei Manchen regen Zuspruch, andere tun es als Kinderspiel ab. Aber die Freude, wenn jemand den Wanderpokal erhält, ist groß. Eine sehr schlecht sehende, schwerhörige Dame zeigte mir stolz den Pokal, - mit welchem Glück sie den gewonnen hat, weiß ich nicht, aber die Freude war riesig.
Vor Weihnachten gab es immer einiges zum Basteln. Das Kekse-Backen war sehr beliebt, und auch das Binden der Adventkränze oder das Anfertigen von Adventgestecken. Manche waren ja schon routiniert, sie haben in ihren Familien jahrzehntelang die Kränze gebunden. Auch ich gehörte zu diesen und so durfte ich diese Aufgabe übernehmen und leiten.
Gespannt und mehr oder weniger geduldig warteten alle, bis sie die ihnen zugedachten Weidenkränze, die sie mit Zweigen umwinden sollten, bekamen. Mit dem Zuschneiden von kleinen Ästchen kam ich im ersten Jahr kaum nach, unser Gärtner musste mithelfen.
Im Jahr darauf, ich kannte mittlerweile die meisten Bewohner, suchte ich einige Männer, die diese Aufgabe übernehmen konnten. Einige schafften sie mehr oder weniger gut. Einer schlief dabei ein, ein anderer fragte nach jedem Schnitt, ob es so richtig sei, aber es gab auch tatkräftige Helfer.
Der 82jährige Herr, den ich auch anheuerte, saß im Rollstuhl, sein Weg führte normalerweise nur vom Zimmer zum Speisesaal und zurück. Nichts interessierte ihn, kaum einmal das Fernsehen, auch nicht die Zeitung. Einem kurzen Schwatz mit mir war er allerdings nicht abgeneigt. Und diesen Herrn fragte ich nun, ob er nicht helfen wolle. Erst war er wenig motiviert, fühlte sich nicht dafür geeignet, es bedurfte schon einige Überredungskunst meinerseits. Dann holte ich ihn ab in unseren Werkraum, setzte ihn mit einigenen anderen Männern in eine Ecke des Raumes, das Männereck, legte einen Berg Äste vor sie, jeder bekam seine Baumschere und dann wandte ich mich den Kranzflechterinnen zu.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich natürlich das Männereck, lobte sie, wenn ich wieder Nachschub an geschnittenen Zweigen für die Frauen holte.
Zwei Stunden vergingen im Nu. Die Kränze waren fertig, mit Bändern und Kerzen geschmückt, mit dem Besen wurde sorgfältig zusammen gekehrt, da merkte man wieder die alten Hausfrauen, dann war es Zeit zum Mittagessen.
Meinen fleißigen Herrn brachte ich als letzten in sein Stockwerk. Noch stand ein feines Leuchten in seinen Augen, als er mir zufrieden und dankbar versicherte: „Das war heute schön, endlich mal eine „gescheite“ Arbeit“.
 
ChA 16.11.16

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christa Astl).
Der Beitrag wurde von Christa Astl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • christa.astla1.net (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)
  • 4 Leserinnen/Leser folgen Christa Astl

  Christa Astl als Lieblingsautorin markieren

Buch von Christa Astl:

cover

Schneerosen: 24 Geschichten zur Advent- und Weihnachtszeit von Christa Astl



In der heutzutage so lauten, hektischen Vorweihnachtszeit möchte man gerne ein wenig zur Ruhe kommen.
Einfühlsame Erzählungen greifen Themen wie Trauer, Einsamkeit, Krankheit und Ausgrenzung auf und führen zu einer (Er-)Lösung durch Geborgenheit und Liebe. 24 sensible Geschichten von Großen und Kleinen aus Stadt und Land, von Himmel und Erde, die in dieser Zeit „ihr“ Weihnachtswunder erleben dürfen, laden ein zum Innehalten, Träumen und Nachdenken.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christa Astl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

"Schlüsselerlebnis" von Christa Astl (Wahre Geschichten)
Das wundersame süße Zitronenbäumchen von Siegfried Fischer (Wahre Geschichten)
Pariser Stippvisite von Rainer Tiemann (Impressionen)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen