Hartmut Wagner

Trübes Licht der späten Jahre

Um vier Uhr  erwachte er. Die Straßenlaterne schickte fahles Licht durch die Vorhänge. Er lag auf dem Rücken. Die Frau neben ihm schnarchte laut. Es war die Eigene. Ihr linkes Bein lag auf seinem Bauch. Es lastete schwer. Manchmal schnappte sie nach Luft. Danach atmete sie kurz lautlos. Die ewig lange Dezembernacht verging nicht. Er schwitzte. Die Zimmerluft, stickiger Dunst.
Die Frau, zwar seine eigene, aber trotzdem fremd, drehte die Heizung immer auf Maximalhöhe. Vierzig Jahre lebte er bereits mit ihr zusammen. Sie stammte aus Brasilien und hasste den kalten deutschen Winter. Erkältungen und Schnupfen plagten sie ständig. Gerade eben erschütterte sie ein grässlicher Hustenanfall. Auf dem Nachtschränkchen lagen zahlreiche voll geschnupfte Küchenhandtücher.
Seine Frau war zehn Jahre jünger als der Achtundsechzigjährige.
Das Schnarchen, der Husten  die tropische Hitze, der ewig lange Wintermorgen, das Alter!
Aushalten, ertragen, besiegen, überwinden!
Dabei hatte alles so gut angefangen.
Als Jüngster und Einziger der Familie besuchte er das mathematisch-naturwissenschaftliche Leonardo da Vinci-Gymnasium in Dortmund -Hörde. Die Mutter musste damals noch jeden Monat Schulgeld bezahlen. Seinen Vater hatten im Mai 1944 französische Partisanen erschossen. Deswegfen hatte der Sohn ihn gar nicht kennen gelernt. Dem Biologielehrer des Gymnasiasten ersetzte nach einem Kopfschuss eine Silberplatte die Schädeldecke. Der Pädagoge zeigte viel Verständnis für seinen eifrigen, vaterlosen Schüler.  
Eines Tages erschien der mit einem selbst gebastelten Starenkasten in der Schule, einer richtigen Bruchbude für Vögel. Studienrat Untersitz tröstete den ungeschickten Baumeister: “Dein Vogelhaus wirkt sehr naturnah. Ale Vögel lieben das.
Dank dieser Worte war Ödipus so0gar ein Bisschen stolz auf sein Werk,
das allerdings im Vergleich zu den prächtigen Starenkästen aus den Händen fleißiger und geschickter Väter noch kümmerlicher wirkte, als es ohnehin schon war. Ansonsten lernte er auf dem Gymnasium recht eifrig und gehörte abgesehen
von einer kleinen Matheschwäche zu den besseren Schülern seiner Klasse.
Einmal überreichte ihm sogar der Schuldirektor Georgios Nellas anlässlich einer Feierstunde in der Aula wegen guter Leistungen Conrad Ferdinand Meyers Buch: “Der goldene Bogen". Es enthält spannende Novellen.
In der Aula kam dem Geehrten ein hochmütiger Gedanke.
“Wenn in diesem Moment für fünf Sekunden der später berühmteste und erfolgreichste unter diesen ungefähr dreihundert Schülern einen
Heiligenschein trägt, dann bin ich, Ödipus Lustig, das und sonst niemand!"
Damals war er ein äußerst frommes Mitglied des Christlichen Vereins Junger Männer ( CVJM ). Deshalb erschrak er ein Bisschen über die eigene Eitelkeit.
Wegen seines religiösen Ticks, den er sich in besagtem Verein und im gymnasialen Religionsunterricht zugezogen hatte, beabsichtigte er schon relativ früh Theologie zu studieren.
Diesen Studienwunsch bestärkten die Pläne der Mutter: "Ach, Pastor, so was Frommes ist doch überhaupt nichts für dich! Lehrer, da
hast du viel Ferien, verdienst als Beamter gut und stellst was dar. Guck doch Laura, deine Kusine, an! Die ist immerhin jetzt Volksschulrektorin und hat nur drei Jahre in Dortmund an der Pädagogischen Hochschule  studiert!"
Die bedenkenswerten Argumente der Mutter erreichten zwar seine Ohren, aber weder Herz noch Hirn. Ein kompromissloser Jüngling hält an keiner Ansicht eiserner fest als an jener, die ihm seine Eltern ausreden wollen. Er glaubte zu jener Zeit mit fanatischer lnbrunst an seine Nachfolge Jesu, die absolute Verworfenheit der Onanie und des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, den Wert der weiblichen Jungfräulichkeit, die leibliche Auferstehung und jede Menge anderen Unfug.
Seine ziemlich lange Strichliste bezüglich onanistischer Fehltritte bereitete ihm heftige Gewissensbisse.
An der eigenen Auserwähltheit bestanden trotzdem keinerlei Zweifel und ebenfalls nicht am zukünftigen Ort seines Predigens und Gottdienens, einer protestantischen Kirche, die mindestens so groß war wie der Kölner Dom.
Für Jesus hätte der Jugendliche den Dortmunder Puff an der Linienstraße hinter dem Hauptbahnhof in die Luft gesprengt, wäre der Hörder CVJM-Vorsitzende darauf gekommen, es ihm zu befehlen
Noch während seines Studiensemesters in Hamburg im Winter 1968/1969, als ihn bereits beträchtliche Glaubenszweifel plagten, las der Student frühmorgens mitten in der überfüllten S-Bahn von Pinneberg zum Bahnhof Dammtor aus einer großen schwarzen Bibel demonstrativ die Worte der Bergpredigt vor, allerdings nur sehr leise. Wahrscheinlich deswegen reichte  es nicht zum Märtyrer.
Er seufzte und schob das Frauenbein von seinem Bauch, als er an die Zeit seiner fundamentalistischen Überspanntheit zurück dachte.
Schon vor der Abschlussprüfung im Februar 1965 war ihm aufgrund seiner
ordentlichen Vornoten das Abitur sicher. Daher strengte er sich nicht mehr besonders an, obwohl er das Gymnasium eigentlich immer gern besucht hatte. Denn erstens war der Junge seit seinem achten Geburtstag ein unersättlicher Leser und süchtig nach beschriebenem Papier. Damals hatte ihm Oma Adelheid ein Buch mit den  bekanntesten Märchen aus tausendundeiner Nacht geschenkt, illustriert mit vielen bunten Bildern und eingebunden in festen gelben Karton.
Diese Sucht nach beschriebenem Papier erfüllte das Gymnasium mittels Lese- und Übungsbüchern. Obendrein musste er dort schriftliche
Hausarbeiten erledigen, sowie Arbeitsmappen und -hefte führen. Dadurch war er gezwungen, selbst Papier voll zu schreiben, was ihm später noch besser gefiel als das Lesen.
Außerdem lernte er gern und traf an seinem Gymnasium angenehme Mitschüler und Lehrer.
Aber mittlerweile langweilte ihn nach fast neun Jahren die Schule und er sehnte sich nach dem akademischen Leben an der Uni. lm mündlichen Matheabitur musste er den Satz Moivres aus der Wahrscheinlichkeits-
rechnung beweisen und in Religion den ersten Psalm kommentieren. Die schriftliche Deutschprüfung gefiel ihm, eine Interpretation des Gedichtes "Der römische Brunnen" von Conrad Ferdinand Meyer. Auf die ldee, selbst Gedichte zu schreiben, kam er jedoch erst nach dem theologischen Anfangssemester an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal im Sommer 1965.  Ödipus hatte nämlich wie viele  glücklich oder unglücklich Verliebte Reime über schwarze Augen, ebensolche Locken, Lachen, Weinen, Herz, Schmerz, rötliche bis rosafarbene Sonnenauf- und -untergänge zusammen gestoppelt, nachdem er  auf einer Geburtstagsfeier der Frau seines jungen Lebens begegnet war. Danach geriet sogar flüchtig der Beruf genialischer Weltpoet auf sein optimistisches und hochmütiges Zukunftsgemälde.
Schön wie der Frühling  am ersten Maimorgen veredelte Atif Lakitu das Fest: Üppiger dunkler Haarschopf, Feuerblick, dünne, goldene Halskette, runder Korallenanhänger, kurzärmliger roter Pulli, darin Glitzerstreifen, knapper blauer Faltenrock,  Seidenstrümpfe, rote Schühchen, hohe Absätze. Er sah sie nie wieder.
Neulich hatte er mit seinem klapprigen Mondeo-Kombi an einem Zebrastreifen halten müssen und dort eine ehemals äußerst hübsche Verkäuferin aus einer Hörder Bäckerei erblickt. Einst war er hoffnungslos in sie verknallt gewesen. Er traute seinen Augen nicht: Aufgequollener fetter Körper, wirre, fettige, graue Haarsträhnen! Ödipus verzichtete darauf  zu grüßen.
Er puffte seiner Frau mit dem rechten Ellenbogen in die Seite. Das unerträgliche Sägen schlug um in verzweifeltes Luftschnappen.
In Wuppertal entsprangen die literarischen Ambitionen des Theologiestudenten vor allem einem gut gefüllten Bücherschrank seiner Studentenbude in der schönen alten Villa der Familie Kammerfrau an der Bremer Straße. Die Bücher gehörten dem Sohn der Familie, der gerade in Düsseldorf Medizin studierte, und dessen Zimmer samt Mobiliar zwischenzeitlich an den angehenden Pfarrer vermietet worden war.
Oma Kammerfrau, die ihn als Ersatzenkel adoptierte, verschaffte ihm die kon-
ditionellen Grundlagen für die nächtlichen Leseorgien, indem sie ihm jeden Morgen einen großen Teller Haferflockensuppe servierte, manchmal auch zwei. Wenn er nach einem Dritten verlangte, war für diese herzensgute alte Dame der Tag ein Fest. Er liebte sie wie seine eigene Großmutter und sie war sehr traurig, als er später in das Studentenheim der Wuppertaler Kirchlichen Hochschule umzog.
Ödipus verschlang die Werke Dostojewskis, Thomas Manns, Gottfried Benns, Theodore Dreisers, Sinclair Lewis‘, Balzacs, Maupassants undund.
Es traf sich gut, dass an der Kirchlichen Hochschule gerade ein Seminar und eine Vorlesung zu Thomas Mann bzw. Gottfried Benn stattfanden. Der Student fabrizierte daraufhin einen Wälzer über ein westfälisches Bauerngeschlecht Buddenbrookscher Dimensionen bzw. einige avantgardistische Satzfragmente, in denen es von "mürbem Fleisch“, "bläulichen Lymphknoten" und allgemeiner menschlicher Finsternis nur so wimmelte.
Die Sprachkurse für Griechisch und Hebräisch vernachlässigte er. Auf die ldee, das Theologiestudium aufzugeben, ab sofort Schriftsteller zu
werden und zwecks materieller Absicherung Journalistik, Germanistik, Theaterwissenschaften oder etwas Anderes zu studieren, kam er nicht, da er seit Kindertagen die Regeln internalisiert hatte: "Es wird gegessen, was aufden Tisch kommt!“, und: "Was man anfängt, muss man auch beenden!"
Den schöpferischen Schreibtrieb verdrängte das anstrengende Studium für lange Zeit ins Unterbewusstsein. Und außerdem, Schriftsteller konnte er immer noch werden. Da gab es doch sogar welche, die hatten erst mit fünfzig richtig losgelegt und so alt war er doch noch lange nicht.
Er streckte sich im Bett  aus und dachte an die kürzliche Untersuchung beim Diabetologen: "Wenn Sie weiter so unkontrolliert essen, kann es schnell aus mit lhnen sein!"
Der Patient hatte gedacht: “Ja, ja, immerhin bin ich schon weit über sechzig. Das schafft nicht jeder. lch geh da einfach nicht mehr hin!" Weil er nicht genug in sich selbst herein horchte, obendrein kein wohl informierter akademischer Studien- und Lebensberater zur Verfügung stand, studierte er weiter Theologie. Ab und zu besuchten ihn Trübsinn und Unruhe.
Einmal allerdings schriftstellerte er noch, weil er sich mit dem Pfarrer seiner
Heimatstadt, "Herrn Pastor Heinrich Bloeke", überworfen hatte, der gemäß christlicher Grundsätze wünschte, als “Herr Pastor” angeredet zu werden, die Todesstrafe propagierte und den Gemeindewald mit Schildern bepflastern ließ, auf denen zu lesen war: "Betreten bei Strafe verboten!".
Gegen den geistlichen Gemeindetyrannen hatte Ödipus einst gereimt: “Heinrich, der Mercedes bricht, ohne Kirchensteuer fährt er nicht! Auch nicht im evangelischen Kirchenwald, jeden Wilderer machst du da  persönlich kalt!”
Die zwei Schlichtreime prangten unten und oben auf einem Flugblatt. Eine Karikatur ergänzte sie kongenial.
Auf der fläzte sich ein Herr mit Talar im Fahrersitz eines  riesigen Cabrios der Nobelmarke herum. In der Rechten  hielt er ein riesiges Schießgewehr.
Die Zeichnung hatte Ernstken Osthoff, einer der besten Freunde Ödipus Lustigs, angefertigt, ein malerisch, aber auch lyrisch begabter Malergeselle, der Bier und Wein nicht verachtete, aber auch das Leben und politische Diskussionen liebte. Leider wurde er auf der B1 in Dortmund im besten Mannesalter von einem Auto überfahren.
Fünfzig Exemplare des Flugblattes verteilten Ernstken und Ödipus im Heiligabendgottesdienst 1966 in der Hörder Michaelskirche, was zu einem lokalen Skandal und zu einem körperlichen Angriff Heinrich Bloekes auf die zwei Verteiler führte.
Auf Wuppertal folgten Studienaufenthalte in Bochum, Berlin, Hamburg und
wieder Bochum.
Als er 1971 in Bielefeld sein erstes theologisches Examen glanzlos bestand,war er Atheist. Er dachte weder an Verse noch Romankapitel, sondern daran, wie er künftig einigermaßen angenehm und ertragreich sein Brot verdienen
konnte.
Nachdem er geistlich und geistig enttäuscht worden war, plante Ödipus nun, steinreich zu werden. Deswegen fragte er den Studentenbetreuer der ev. Landeskirche von Westfalen, Dr. Speis, der gerne Kuchen aß und auch sonstein umgänglicher Mensch war: "Kann die Landeskirche mir vielleicht ein Zweitstudium in Wirtschaftswissenschaften finanzieren?" "Nein, höchstens ein zweisemestriges Kontaktstudium an einer Gewerkschaftsschule!"
Der Theologe mit erstem landeskirchlichen Examen bezahlte sein Wirtschaftsstudium schließlich selbst aus seinen Einkünften als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Neues Testament bei Professorin Elvira von Hacke- bis Kackewitz  und schloss es im Frühjahr 1977 mit dem Tite| "Diplom-Ökonom" ab. Mittlerweile war er zweiunddreißig und niemand in unserer angeblich sozialen Marktwirtschat wollte einem so alten Jungmanager die Gelegenheit geben, die erste Million und danach viele weitere zuverdienen, weder das Direktorium für Vollblutzucht in Köln, noch der Handwerksverband in Dortmund und auch nicht die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg, wo er sich überall voller Zuversicht beworben hatte.
Er dachte an die Ratschläge seiner Mutter und bot dem Gymnasium des Internates Schloss Pferdewiese seine Arbeitskraft als angestellter Lehrer für evangelische Religion und  Wirtschaftswissenschaft an.
Die Chefin, Frau Dr. Höfner, stellte ihn sofort ein, feuerte ihn aber nach zwei Jahren, weil er mit drei weiteren Kollegen einen Betriebsrat gründen wollte.
Das anschließende Arbeitsgerichtsverfahren gegen die Kündigung gewann Ödipus. Trotzdem verließ er mit drei Monatsgehältern Abfindung das Internat und trat nach einem einjährigen Intermezzo  als Leiter der Asia-Sprachschule im niedersächsischen Oldenburg den Referendarsdienst für das Lehramt der Sekundarstufe II im öffentlichen Dienst des Landes Nordrhein Westfalen an.
Der Ex-Lehrer rollte sachte auf die Seite und seufzte schwer, als er an seine Beamtenzeit dachte. Das Bein seiner Frau verfolgte ihn und ruhte wie Blei auf seiner Hüfte.
Nach neun Lehrerjahren an den beruflichen Schulen des Märkischen Kreises in Ohnelohn suspendierte die Schlauberger Schulaufsichtsbehörde Ödipus   auf Betreiben seines Schulleiters. Der Ohnelohner Kreisanzeiger, das örtliche Käseblatt,  hatte einen Leserbrief Lustigs veröffentlicht.
Darin widersprach er seinem Chef, der zusammen mit anderen  Ohnelohner Schulleitern und ein paar Geschäftsleuten die bevorstehende Auflösung des Ohnelohner Bundeswehrstandortes verhindern wollte.
Nach der Suspendierung büßte der Leserbriefschreiber  sein Vertrauen in die deutsche Demokratie und das Grundrecht auf Meinungsfreiheit mit der unfreiwilligen Versetzung an das Albert Einstein-Berufskolleg in Dortmund.
Wut und Ohnmacht veranlassten ihn, ein Theaterstück mit dem Titel: “Ohnelohn oder die Unterdrückung der Meinungsfreiheit im Sauerland” zu verfassen. Kein Verlag hat es veröffentlicht, kein Theater aufgeführt.
Lediglich der Chefdramaturg des Schauspielhauses Bochum rief an, nachdem der Hobby-Dramatiker ihm sein Rachestück zugeschickt hatte.
Damals war Leander Hausmann dort Intendant. “Ja, das ist wirklich gut, was Sie da über das Sauerland geschrieben haben. Die
Liebeszenen sind aber alle voll daneben und es treten viel zu viele Personen auf. Sie sollten das Stück überarbeiten. Wir hier in Bochum könnten es auch verändern, falls Sie es uns so überlassen, wie es jetzt ist! Überlegen Sie sich das Alles noch einmall"
Der Verfasser überlegte und hatte einfach keine Lust, die harte Arbeit der Veränderung auf sich zu nehmen. Er hatte Tage und Nächte lang gedacht, geschrieben, verändert und verbessert. Es reichte! Die einmalige Chance blieb ungenutzt. Dass er sich dumm verhalten hatte, begriff Ödipus zu spät.
Trotzdem schrieb er seitdem weiter, weiter und weiter. Aller Erfolglosigkeit, allen Zeitdieben und einer zeitweilig mörderischen Müdigkeit trotzte er. "Haarbeutel holt den Adler zurück“, ein Jugendbuch, "Worte", eine Gedichtsammlung, "Jorge", ein globales Liebesdrama, dreihundertfünfzig  Seiten Kurzgeschichten entstanden.
Nur zwei Mal war er erfolgreich: 1991 verkaufte er die Sozialreportage: "Der Bürokratenpass" an die Wochenzeitschrift "Donnerstag". 1997 gewann er den Ödenhausener Kulturpreis mit dem Gedicht: "Eng|ischer Apriltag". Die Kulturdezernentin hielt eine Rede. 2008 beendete er als niemals beförderter Studienrat den Schuldienst.
Er quälte sich zerschlagen aus dem Bett und breitete eine zusätzliche warme Decke über seine Frau. Die Wanduhr schlug sechs. Draußen war es eiskalt und stockfinster. Er ging ins Arbeitszimmer hinüber, schaltete das
Licht ein, stellte sich ans Stehpult und schrieb
Winternacht
Worte, niemals gesprochen,
Orte, die wir nie wieder sehen,
Pläne, die als Nebel verwehen,
Freunde, mit denen wir Iängst gebrochen,
Reisen, die Katalogbilder bleiben,
Briefe, die wir niemandem schreiben,
all das besucht uns bei Nacht -
und murmelt:
"Niemals, nie wieder, niemals!"

Wind, Vogelruf, Blumenduft,
Träume, unter Beton vergraben,
Menschen, die uns verlassen haben,
weiße Sonne, blaue Luft,
all das erwacht in der Nacht -
und fragt uns:
“Wieder, nie wieder, niemals?"

Abgründiges Dunkel, dumpfes Schweigen,
Einsamkeit kriechen
im eiskalten Reigen,
verratenes Leben haucht Tod!
.
Er schrieb und dachte: "Was du schreibst, niemand veröffentlicht es und nichts wird mit dem Alter besser."
Er schrieb und dachte: "Was du schreibst, kaum jemand liest es und fast alle vergessen es."
Aber er schrieb, denn das war seine Aufgabe und das wusste er jetzt endlich.
Und vielleicht, ja vielleicht, veröffentlicht einst irgendjemand all das und einige lesen es sogar, auch diese Geschichte, die zwar wahr ist, aber keineswegs auf Tatsachen beruht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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