Wolfgang Küssner

Scherzartikel

Vor geraumer Zeit sah ich im Kino einen Film. Das könnte gut 35 Jahre zurückliegen. Der Filmtitel, die Handlung, der Ort, die Schauspielernamen – nichts ist in meinem Gehirn haften geblieben, ausgenommen, ja bis auf diese kleine, humorige Szene: Qualitätskontrolle in einer Spielwarenfabrik. Auf einem Förderband müssen Lachsäcke den finalen Test bestehen. Ein älterer Mann mit grauem Arbeitskittel, einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, nimmt die Produkte einzeln vom Band, fordert schüttelnd die Lachfunktion heraus und stellt den Sack nach gehörtem Lacher wieder auf das Laufband zurück. Triste Monotonie einer Fliessbandarbeit. Wäre da nicht dieses  permanente Lachen. Und dann plötzlich – oh, was ist das? Ein Lachsack funktioniert trotz wiederholtem Schütteln nicht, und unserer älterer, grauer, traurig dreinblickender Herr beginnt herzhaft zu lachen. Er lacht und lacht und wirft den Lachsack in die dafür vorgesehene Kiste. Eine beeindruckende Szene.

Seit vielen Jahren versuchte auf der thailändischen Ferieninsel Phuket ein älterer Herr mit kleinen Scherzartikeln seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wiederholungstäter in Sachen Phuket-Urlaub werden ihn kennen. Manchmal lief er immer Stunde um Stunde am Strand auf und ab und hoffte, einfache, kleine, bunte Tröten – die mit dem Entweichen der Luft sich wieder zusammenrollten - verkaufen zu können. Über dem linken, angewinkelten Arm trug er in einer Plastiktüte die für den Tag zu veräussernden Pusteröhrchen, in der rechten Hand ein Stück Karton mit dem aufgemalten, geforderten Preis. Dann stand er abends wie ein Butler in der Amüsiermeile und präsentierte auf einem, vor dem kleinen Schmierbauch gehaltenem Tablett, eine tanzende Flasche einer bekannten braunen, amerikanischen Brause-Marke. Er verzog dabei keine Mine, der Blick war ausschliesslich auf das offerierte Produkt gerichtet. Der Kopf mit einer Schirmmütze bedeckt, die Wangen eingefallen, die Zähne mit grossen Lücken. So kannten ihn viele Urlauber; er gehörte dazu, war so etwas wie ein Original.

Andere Male lief er mit der schon erwähnten Plastiktüte über dem Arm am Strand entlang, verbarg sein Gesicht hinter einer kleinen Maske aus Brille, Nase und – natürlich – der Pustetröte bestehend. Piep, piep, piep – versuchte er die Artikel an die Kundschaft zu bringen.

Der Verkauf von Scherzartikeln machte offensichtlich einen Grossteil seines Lebens aus, denn tagsüber war er am Strand aktiv, nachts auf der Strasse mit den vielen Bars. Gut 15 Jahre habe ich ihn immer wieder als Spass-Verkäufer gesehen. Ob er davon leben konnte, sollte nach der langen Zeit seiner Arbeit bejaht werden können. Ob seine Scherzartikel ihn selbst zu erheitern vermochten, bleibt offen. Es sah aus, als sei es kein Vergnügen, anderen Vergnügen zu verkaufen. Ein Lachen haben weder ich noch andere Gäste je bei ihm gesehen und - wir werden ihn auch nicht mehr lachen sehen können. Er ist tot, der Verkäufer ungezählter Scherzartikel. Krebs. Hat sich vor einigen Monaten das Leben genommen.
 
Mai 2016
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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