Kurt Herchenbach

Des Tabaks Fluch und Segen

Es war einmal ein Förster. Der hauste allein in einer einsamen Kate am Rande des großen Waldes. Dies Häuschen hatte der Herzog ihm erbauen lassen, Für diese Kate, sowie Brot und Trank, hielt er dessen Wald frei von Gestrüpp und Unterholz, auf dass der darinnen bequem seinem edlen Waidwerk nachgehen könne. Zu seinen Pflichten gehörte es auch, dem Wilde hinterher zu jagen, ihm den Gnadenschuss zu geben, hatte des Herzogs Schuss nicht dergestalt getroffen, dass das Wild sich gleich tot niederstreckte. Winters musste er das hungernde hingegen Wild füttern, dieweil es ansonsten unter der dicken Schneedecke nichts zum Äsen gefunden. Unser Förster hatte also sein täglich Werken, auch Speis und Heim; war derart mit seinem Dasein allweil zufrieden.
Aber, allein ein Laster braucht jeder brave Mann, So auch unser Förster. Und dieses Laster war ihm der Tobak. Selten einmal sah man ihn ohne eine seiner Pfeifen zwischen den braunen Zähnen. Und passierte das doch einmal, so fragten sich die Leute im Dorfe, ob den guten Förster denn wohl ein Zipperlein plage. Seine Rauchgeräte hielt er stets peinlichst sauber. Behufs dessen nutzte er aus-schließlich junge Gänsekiele. Diese sind trefflich biegsam, und daran konnte er auch genau ersehen, ob seine Lastergräte in der Tat sauber genug seien.
Nun gab es aber weit und breit kein Gewässer, auf dem sich diese großen Vögel niederlassen konnten. So musste er dann herbstens sowie im Frühling deren alljährliche Wanderungen abwarten, bei denen sie über den Wald des Herzogs hinweg zu ziehen pflegten. Dann aber holte er flugs seinen großen Püster heraus und schoss sich jeweils einen seiner Pfeifenreinigungslieferanten herab vom hohen Himmel. Denn der gehörte ja nicht zum Jagdrecht des Herzogs.
Seinem edlen Herrn pflegte der Förster die Erfolge seiner Nachlese herzoglicher Jagden auf eine Weise darzutun, wie sie weit und breit im gesamten Königreiche nicht ihres gleichen fand. Mit einem Stücklein Holzkohle, das er dem erloschenen Feuer des Hufschmiedes des fürstlichen Marstalles entnommen, malte er auf äußerst natürliche Weise die Köpfe der von ihm nachträglich zur Strecke gebrachten Stücke auf das hölzerne Tor des Stalles. Dergestalt konnte der Herzog, sah er frühmorgens aus dem Fenster, sich stets wohlgemut seines fleißigen Förster freuen.
Aber die Dorfleut schätzen ihn gleichfalls sehr. Zwickte die über längere Zeit ein Zahn, so war er willens und in der Lage, diesen mit großem Geschick samt Wurzelwerk, an dem der faulige Beißer hing, ihnen aus dem bös schmerzenden Kiefer zu ziehen. Doch ohne den sonst üblen schlimmen Schmerz. Denn im Walde kannte unser Förster Kräuter, deren Sud überaus schläfrig macht und somit recht wohltuend.
Auch die braven Damen, die in einem Kloster nahe des Dorfes ihr frommes Domizil gefunden, betreute er auf diese Weise auf das Trefflichste. Woran es lag, das wusste keiner so recht zu sagen, aber er musste im Laufe der Jahre viel mehr Zähne aus den Nonnenkiefern ziehen als das bei den Dorfleuten der Fall war. Somit wurden die Lippen der frommen Damen noch schweigsamer als sie es ehedem schon gewesen.
So lebte denn der Förster zufrieden und brav ein geregelt Leben.
Nun aber war vor etlichen Jahren des Herzogs treuer Hofmeister verstorben, und dessen Wittib blieb ohne den auch ihr stets zu Diensten stehenden Manne im herzoglichen Schlosse zurück. Ob die gute Frau nun den Herzog dauerte, ob er der Witib überdrüssig ward, oder aber ob er seines Försters Einsamkeit lindern wollte – wir wissen es nicht und werden es nie erfahren. Egal auch warum, er vermählte die Wittib mit seinem Förster, und die nun zog in dessen ehemals einsam Heim. Böse Mäuler hatten behauptet, der Hofmeister sei allein des üblen Maules seines Weibes wegen in die gelobten himmlischen Gefilde entflohen. Aber böse Zungen gibt es ja bekanntlich allerorten.
Egal - nun also ward die ehemalige Hofmeistergattin mit einem Manne des Waldes vermählet, dem fürderhin verboten ward, sich zumindest im Hause dem ach so geliebten Tabakgenusse hinzu¬geben. Solches erzürnte den Süchtigen so nach und nach recht grimmiglich. So ward eines Tages der Bestatter des Dorfes in die Försterkate gerufen. Und wen fand der dort? Die Gattin mit einer Gänsefeder im Rachen entleibt auf ihrem Bette liegend! Da könne man einmal sehen – so sprachen die Dorfleute untereinand – wohin es führen könne, wenn eine Frau ihres Mannes unentbehrlich Werkzeug zu lästerlichem Kitzel nutze.
Nun aber schlug in des Herzogs Brust trotz seines Standes ein weiches Herze. Und weil ihn allmählich dämmerte, welch Kuckucksei er seinerzeit dem Förster ins zuvor wohlig einsame Nest gelegt, beschloss er reuige Buße. Kurzerhand orderte er den schönsten Engel vom Deckenhimmel seiner malerischen Hofkapelle und sandte ihn, mit den besten herzoglichen Segenswünschen versehen, in die wieder einsam gewordene Kate am Waldesrand. Was sich der Förster bei der nun wieder erfolgten Einquartierung eines Weibes zunächst gedacht hatte, das ist nicht überliefert. Tatsache jedoch ist, dass der gewesene Deckenengel, weiterhin jungfräulich bleibend, fortan auf höchst fürsorgliche Art ruhig, brav und sittsam in der Kate den Haushalt führte. Auch durfte unser Förster wieder seinem Laster frönen. Dergestalt ward aus dem bislang bisher eher mürrischen Manne des Waldes ein recht kecker Bursch. Und das, obwohl sein Engel keinerlei Forderungen an ihn stellte, welche ein angetrautes Weib nun mal an einen geliebten Mann zu stellen pflegt.
Ob es aber nun die Umstellung von himmlischen Genüssen auf die im Försterhaus übliche derbe Hausmannskost bewirkte - auch das wissen wir nicht. Tatsache jedoch war, dass dem bisherigen Engel so ganz nach und nach begannen, die Federn seiner Flügel auszufallen. Dergestalt, das es dem Förster nicht mehr notwendig schien, halbjährlich seine Büchse auf die wandernden Gänse abzufeuern. Auch das erfüllte sein Gemüt mit Freude. Wie auch die stillschweigende Erlaubnis, daheim wieder ungestört seine geliebten und stets sauberen Pfeifen schmauchen zu dürfen.
Aber kaum war dem einstigen Engel der fürstlichen Kapelle die letzte Feder aus seinem Gefieder gefallen, da vollzog sich in und an ihm ein Wandel zum irdischen Weibe. Natürliche Triebe brachen sich Bahn. Plötzlich ward aus einem zarten Engel ein liebend dralles Weib. Ein Weib, dessen Leidenschaft aus dem bisherigen Hagestolz einen feurigen Liebhaber schuf. Daraus ergab sich die Folge, dass sich so nach und nach an die fünf süße Kinderlein in der Kate tummelten. Natürlich nicht, ohne dass zuvor der Hofkaplan des edlen Herzogs dafür seinen kirchlichen Segen gegeben. So führten die Sieben fortan ein derart glückliches Leben, dass es für viele brave Mitbürger im Dorfe erstrebenswertes Vorbild ward.

So lebten Jahr für Jahr überaus glückliche Menschen im einstens so düsteren Försterhaus. Bis just an dem Tage, da der Förster das Erreichen des zweiten Drittels seines Lebens feiern wollte. Da warf ihn sein plötzlich muckend Pumporgan aus der gewohnten Bahn. Doch welch ein Glück: Sein nach wie vor irgendwie engelsgleicher Ehegespon brachte ihn flugs zu den ihm immer noch wegen seiner Zahnkünste dankbaren Klosterdamen, denen nicht nur gütige Herzen innewohnten, nein, die sie zudem auch zu heilen wussten. So ging es unserem braven Förster fürderhin besser als zuvor; nachdem die frommen Damen ihm wieder zu guter Gesundheit verholfen.
Aber was währet schon ewig? Eines Tages ereilte den Förster samt seinem treu liebend Weib ein Schicksal, welches uns alle einstens treffen wird. In der Nacht des Tages, an dem der Förster zehnmal sein zehntes Lebensjahr bei voller körperlicher und geistiger Gesundheit vollendet, da holte der Herr allen Lebens beide Eheleut während ihres tiefen Schlummers zu sich in sein himmlisch Paradies. Und dort leben sie wohl auch heut noch froh und glücklich miteinand.
Wie mag solches wohl die erste Frau Gemahlin des Försters in ihrem Höllenfeuer ergrimmen?

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