Melanie Drümper

Missverständnis unter'm Mistelzweig

„Wer hat eigentlich dieses blöde Weihnachten erfunden?“, murmele ich leise vor mich hin, während ich mich durch die Stadt kämpfe, einigen der Menschen ausweiche, welche direkt meinen Weg kreuzen.
Schon seit über 3 Stunden laufe ich durch die Stadt, auf der Suche nach einem richtigen Weihnachtsgeschenk für dich und doch bin ich bislang einfach nicht fündig geworden.
Ich weiß durchaus, was du magst, wofür du dich interessiert, aber dieses Jahr sollte es etwas ganz besonderes sein, immerhin ist es unserer erstes Weihnachtsfest als Paar.
Erst vor einigen Wochen hast du mir deine Gefühle gestanden, obwohl wir uns durchaus schon länger kennen, uns teilweise besser kennen, als uns jeder andere kennt.
Ich selbst habe schon weitaus länger Gefühle für dich, die über Freundschaft hinausgingen und doch hätte ich nie damit gerechnet, dass du diese überhaupt erwiderst.

Wachsam lasse ich meinen Blick durch die Gegend schweifen und halte kurz darauf inne, als ich dich auf der anderen Straßenseite entdecke, wenn auch nicht alleine. Minutenlang sehe ich dich einfach nur an, bin mir fast schon sicher, dass du meinen Blick auf die spüren kannst, ehe ich mich abrupt abwende und in die Richtung zurück laufe, aus der ich gekommen bin.
Zu sehen, wie du einen anderen Mann umarmt, wie du die Umarmung minutenlang aufrecht erhältst und dir sogar von ihm über den Rücken streichen lässt, ähnlich wie ich es immer tue, hat mir in diesem Moment fast schon das Herz gebrochen.
„Wie konnte ich nur so blöd sein? Wie konnte ich nur so blöd sein und denken, dass er es ernst meint!“, fluche ich leise vor mich hin, ohne darauf zu achten, was die Menschen in meiner unmittelbaren dazu sagen, will ich doch gerade einfach nur meinem Ärger, meiner Wut und vor allem meiner Enttäuschung Luft machen.
Vergessen ist das Geschenk, was ich dir machen wollte, vergessen ist die Sehnsucht, welche ich mit jeder Minute gespürt hatte, in welcher du nicht bei mir warst. Alles, was bleibt ist Leere und Hoffnungslosigkeit

Je näher ich meiner Wohnung komme, umso langsamer werden meine Schritte plötzlich, wird mir doch mit einem Schlag bewusst, dass es nun ein weiteres Weihnachtsfest für mich geben wird, indem ich alleine auf dem Sofa sitzen, dabei hatte ich mich so darauf gefreut, endlich einmal richtig mit dir feiern zu können. Es zum ersten Mal zu genießen und nicht nur über mich ergehen lassen.
Ich hatte mir bereits alles genau ausgemalt.
Wir beide, wie wir gemeinsam auf meiner Couch sitzen, wie wir gemeinsam den Weihnachtsbaum in meiner Wohnung einschalten und unsere Geschenke gegenseitig und untereinander austauschen.
Wir beide, wie wir uns unter einem Mistelzweig, den ich bereits gestern über der Wohnzimmertür aufgehängt hatte, in den Armen liegen und küssen.
All das scheint nun nicht mehr von Belang zu sein, hast du doch scheinbar schon längst jemand anderes und mir deine Gefühle nur vorgespielt.
Aber warum hättest du das tun sollen? Warum hättest du so gemein zu mir sein sollen?
Wir kennen uns schon so lange, sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen und unsere gemeinsame Musik hat uns einander näher gebracht, als wir es vorher je gewesen waren.

Leise seufzend stecke ich den Schlüssel in das Schlüsselloch, welches mich in meine Wohnung führt, weiß nun gar nicht mehr, was ich überhaupt denken soll. Auf der einen Seite war diese Situation so eindeutig, aber auf der anderen Seite bist du der Mensch, dem ich wie niemandem sonst vertraue. Wieso also solltest ausgerechnet du mich belügen und betrügen?!
Frustriert lasse ich mich auf das Sofa in meiner Wohnung fallen, ohne meine Schuhe ausgezogen zu haben. Ich nehme den Bilderrahmen in die Hand, in dem sich ein Foto von uns befindet, welches ich als ersten Gedanken für ein Weihnachtsgeschenk für dich gehabt hatte.
Fast schon hauchzart streichele ich mit den Fingerspitzen über dein Antlitz hinweg, beiße mir etwas auf die Lippen.
„Ich liebe dich so sehr.“, wispere ich leise in die Stimme meiner Wohnung, ehe ich mich doch dazu entschließe, den Bilderrahmen etwas einzupacken und anschließend unter den Baum zu legen. Verabredet sind wir für halb sechs, damit wir noch genug Zeit zum Essen haben, bevor die eigentliche Bescherung stattfinden sollte, die Bescherung, von der ich mir inzwischen gar nicht mehr sicher bin, ob ich sie überhaupt stattfinden lassen soll.
Zögernd greife ich nach meinem Handy und starre es fast schon minutenlang an, ehe ich fast schon erschrocken zusammenzucke, als es mir mit einem Piepen eine SMS anzeigt, von dir.
Fast schon zaghaft öffne ich diese, lächele doch unwillkürlich, als ich dort von dir ein //Freu mich auf später. Hoffe, du hast genug Mistelzweige aufgehängt! Ich liebe dich. “ // zu lesen bekomme. Seufzend stecke ich das Handy wieder weg und begebe mich nun in Richtung Küche.
Wenn du schon vorhast, wirklich zu kommen, kann ich dir auch das versprochene Weihnachtsessen bescheren. Im Internet habe ich mich vorher erkundigt, was man dort allgemein so isst und mich hinterher doch wieder für selbstgemachte Pasta entschieden, immerhin weiß ich, dass du dieser am liebsten ist.

Völlig in meine Arbeit vertieft, merke ich gar nicht richtig, wie die Zeit vergeht, wische mir mit einer Hand über die Stirn, nachdem ich endlich fertig bin und auch schon den Esstisch in meinem Wohnzimmer gedeckt habe.
„Mist..“, fluche ich leise, als mein Blick auf die Uhr über der Tür fällt, zeigt diese doch schon viertel nach fünf, was bedeutet, dass du in nicht mal fünfzehn Minuten hier sein wirst.
Sofort lenke ich meine Schritte ins Schlafzimmer, atme erleichtert auf, aufgrund der Tatsache, dass ich mir bereits vorhin etwas passendes zum Anziehen raus gelegt habe, kurz erleichtert auf.
Ungewohnt schnell schlüpfe ich in eben diese Klamotten und lege etwas Make-up auf, eher dezent, genau wie du es an mir magst.

Pünktlich auf die Minute ertönt meine Türklingel, welche mich – trotz, dass ich dich erwarte – etwas zusammen zucken lässt. Ohne, dass ich es kontrollieren kann, lege ich den Weg zu meiner Wohnungstür in Windeseile zurück, kann ich es doch auf einer Seite kaum verbergen, wie sehr ich dich in den letzten Stunden vermisst habe, trotz dieser Situation in der Innenstadt.
Kurz atme ich vor der Tür tief durch, ehe ich diese dennoch öffne, dich mit einem Lächeln und einem „Hey Babe.“, begrüße, wie ich es in letzten Wochen auch.
„Hey Sweetheart..“, erwiderst du meine Begrüßung auf die selbe Art, ehe du einen Schritt auf mich zutrittst und doch sofort grinst, als du den Mistelzweig direkt über uns entdeckst.
„Wenn das mal kein Wink des Schicksals ist, gerade habe ich daran gedacht, wie es wohl wäre, deine Lippen wieder auf meinen eigenen zu spüren.“, wisperst du mir im selben Augenblick entgegen, bevor du mich auch sofort zu dir ziehst und deinen Worten taten folgen lässt.
Obwohl ich eigentlich noch immer etwas überfordert bin, nahezu unschlüssig, was ich von dem vorhin gesehenen halten soll, kann ich nichts anderes tun, als den Kuss zu erwidern.
Genau wie du habe ich dieses Gefühl ebenso vermisst, welches deine Lippen auf meinen hinterlässt, würde mich am liebsten gar nicht mehr von dir lösen, auch wenn du genau das im nächsten Moment tust.
„Hm.. riecht aber lecker hier.“, entgegnete du leise und streichelst mir mit einer Hand über die Wange hinweg. Kurz lehne ich mich in die sachte Berührung hinein, ehe ich dich mich ebenso wieder löse und dich sachte in meine Wohnung ziehe, müssen wir doch nun wirklich nicht die ganze Zeit mitten im Flur stehen bleiben.
„Mach es dir doch bequem, es gibt gleich Essen.“, entgegnete ich währenddessen und verschwinde wieder in der Küche, bemerke nur noch aus den Augenwinkeln, wie du dein Geschenk neben mein eigenes unter dem Tannenbaum lehnst.
In den letzten Jahren haben wir uns vermutlich beide nicht sonderlich viel aus Weihnachten gemacht, aber gerade, weil es unser erstes gemeinsames Weihnachten ist, unser erstes Weihnachten als Paar, wollen wir vermutlich beide, dass es etwas ganz besonderes wird.
Ohne, dass ich es selbst vermeiden kann, verlässt ein leises Seufzen meine Lippen, als ich endlich in der Küche stehe, weiß ich doch noch immer nicht, ob ich dich auf die Situation in der Stadt ansprechen soll.
Minutenlang blicke ich einfach nur auf die beide Teller in meiner Hand, welche ich zuvor aus dem Schrank geholt habe, fülle diese anschließend mit dem gemachten Essen, ehe ich wieder ins Wohnzimmer laufe, dich sachte anlächele.
„Wenn der Herr nun bitte am Tisch Platz nehmen würde. Das Essen ist angerichtet!“, entgegne ich eine Spur zu freundlich, was dich kurz beide Augenbrauen zusammenziehen lässt, auch wenn du meiner Aufforderung nachkommst und dich am Tisch niederlässt.
„Pasta mit gorgonzola - Soße!“, verlässt es sofort strahlend deine Lippen, nachdem ich einen der Teller vor dir abgestellt habe, was auch sofort mir ein Lächeln entlockt, weiß ich doch, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.

Innerhalb der nächsten halben Stunde sprechen unsere Blicke zwar Bände, aber dennoch scheint es nicht möglich zu sein, überhaupt ein Wort zu sagen, überhaupt die gesamte Situation zu zerstören, auch wenn mir wahrhaftig soviel auf der Zunge liegt.
Nachdem ich meinen Geschirrspülar mit dem schmutzigen Geschirr gefüttert habe, lasse ich mich auf mein Sofa fallen, lächele etwas, als du sofort an mich heran rutschte.
„Ist alles in Ordnung mit dir? Du wirst etwas... bedrückt?“, richtest du leise das Wort an mich, woraufhin ich mir prompt wieder auf die Lippen beiße, scheint das doch der Moment zu sein, indem ich von dir Antworten erhalten könnte, von denen ich nicht sicher bin, ob ich sie überhaupt hören will.
„Ich.. war in der Stadt vorhin, auf der Suche nach einem passenden Geschenk für dich.“, beginne ich nun leise, sehe dich aus den Augenwinkeln heraus an und blinzele kurz etwas, als du ein trockenes „Und? Was gefunden?“, erwiderst, dabei aber dennoch lächelst.
Ohne, dass ich etwas auf deine Worte erwidere, streiche ich mir etwas nervös durch die Haare, füge schließlich noch ein „... dabei habe ich dich gesehen.“, hinzu, was dir eine hochgezogene Augenbraue entlockt.
„Natürlich, ich habe immerhin auch nach einem Geschenk für dich gesucht!“, antwortest du mir sofort und richtest dich wieder auf, nachdem du dich zuvor etwas gegen meine Schulter hattest sinken lassen.
„... schon, aber.. du warst nicht alleine und schienst auch sehr.. naja, beschäftigt.“, murmele ich nun leise, sehe dich ein weiteres Mal von der Seite an und erzähle dir später , eher stockend als alles andere, was genau ich vorhin in der Stadt beobachtet habe.
Verwirrt blinzele ich erneut, als du neben mir urplötzlich das Lachen anfängst, kann ich damit doch nun wirklich so gar nichts anfangen.
„Scheint dich ja ganz schön zu amüsieren!“, murre ich leise auf, verschränke meine Arme vor der Brust und zucke doch mehr als nur ertappt zusammen, als du ein lachendes „Ja, aber doch nur, weil du mich zusammen mit meinem Bruder gesehen hast! Ich würde doch im Leben nie was mit meinem eigenen Bruder anfangen!“, erwiderst.
Nicht weniger ertappt und mit einem „Entschuldige...“, senke ich meinen Blick prompt etwas, komme mir mit einem Mal ziemlich bescheuert vor.
Unsicher sehe ich dich an, als du meinen Kopf mit einem Finger etwas zu dir hoch drückst, weiß gar nicht genau, wie ich überhaupt reagieren soll, geschweige denn, wie ich dich dazu bringen soll, mir zu verzeihen, dass ich überhaupt an so etwas gedacht hatte.
„Ich liebe dich, Alex. Nur dich.“, wisperst du mir wenig später leise entgegen, streichelst mir sachte über die Wange hinweg, auch wenn das mein schlechtes Gewissen nun wahrlich nicht kleiner werden lässt.
„Ich.. ich dich doch auch, Nick“, entgegne ich sofort ebenso leise, ehe ich mich zaghaft etwas gegen dich fallen lasse, deinen Geruch tief in mich aufnehme.
„Das nächste Mal komm einfach rüber und rede mit mir, anstatt klammheimlich wieder zu verschwinden“, flüsterst du mir ein weiteres Mal leise ins Ohr, streichelst sanft über meinen Rücken hinweg, was mir sofort wieder eine Gänsehaut beschert.
„Versprochen“, antworte ich dir dennoch nur leise, ehe ich mich langsam von dir löse, dich erst sekundenlang ansehe, eh ich dir mit einem erneuten „Tut mir leid...“, einen Kuss auf die Lippen hauche, mein schlechtes Gewissen dabei, aber dennoch nicht richtig verbergen kann.
„Jetzt lass uns aber endlich die Geschenke auspacken!“, gibst du wenig später euphorisch von dir und krabbelst fast über die Couch hinweg, um an dein Geschenk zu gelangen.
Leise lache ich aufgrund der Situation auf und weiß genau, dass ich genau diese Momente an dir liebe, dass ich genau diese Momente liebe, in denen du mich aufmunterst, obwohl mein schlechtes Gewissen größer ist alles alles andere.
„Ich liebe dich so sehr“, flüstere ich ein weiteres Mal leise, ehe ich nach dem Geschenk vor dir auf die gleiche Weise angele, auch wenn das zur Folge hat, dass wir beide uns im nächsten Augenblick hinter der Couch wiederfinden, in einem wahren Lachflash gefangen.
Bereits jetzt – noch bevor wir unsere gegenseitigen Geschenke geöffnet haben – weiß ich, dass das unser schönstes Weihnachtsfest überhaupt werden wird. Zumal ich gerade eben beschlossen habe, dass der Bilderrahmen nicht das einzige Geschenk sein wird, was du heute Abend noch auspacken darfst und wirst.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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