Raffael Scherer

Was ist Weihnachten?

Diese Frage wird einem immer wieder im Laufe des Lebens gestellt. Aber was ist Weihnachten? Das, was die Bibel oder Kindergartenkrippenspiele einem geschichtlich vorstellen?

Dass es rein theoretisch das Fest der Besinnlichkeit, Freude und Ruhe ist, was schon in sich ein Widerspruch ist, gerät meistens sowieso in der Praxis in Vergessenheit, da sich gerade zu dieser Zeit der größte organisatorische Aufwand des Jahres abspielt. Ach nein? Sie haben bestimmt nur noch im Kopf, wie man gemütlich am Tisch vor dem Christbaum sitzt, mit der Familie lacht, Glühwein trinkt, Lebkuchen isst und sich über Geschenke freut. Lassen Sie uns also den gesamten Weg dorthin nochmals rekapitulieren.

15. November. Sie stehen gerade im Supermarkt und machen ihren Wocheneinkauf. Doch irgendwas ist anders. Im Radio läuft Last Christmas, auf den Cocacolaflaschen sind bereits Rentiere und Weihnachtsmänner abgebildet und an der Kasse stehen bereits Schokonikoläuse. Oder besser Schokoweihnachtsmänner, um traditionell korrekt zu bleiben. Spätestens in diesem Moment fällt Ihnen auf, dass Weihnachten naht. Es ist also wieder soweit. Sie packen die Einkäufe in den Kofferraum und bemerken, wie das Gehirn bereits zu rattern beginnt. Wem schenke ich was? Wo feiern wir dieses Jahr, wer besorgt den Baum, haben wir noch genügend Christbaumkugeln, wo waren nochmal die Lebkuchenrezepte? So viele Fragen, die nach einer Antwort verlangen. Aber noch ist ja bis dahin genug Zeit. Zuhause ganz in Ruhe legen sie also eine Liste an, wem Sie was schenken wollen. Wobei dies auch leichter gesagt als getan ist, denn nur für die wenigsten hat man eine Geschenkidee die über Socken oder eine Krawatte hinausgeht parat. Sie starren also den kompletten restlichen Abend ihre leere Liste an, scrollen verzweifelt durch das Internet in der Hoffnung etwas passendes zu erblicken, aber erfolglos. Das wird schon mit der Zeit kommen, denken sie sich und beschäftigen sich wieder mit anderen Geschichten des Lebens.

23. Dezember. Sie haben die letzte Zeit gut mit Arbeit, Weihnachtsfeiern Freunden und Familie und literweise Glühwein auf den Weihnachtsmärkten verbracht Sie vollführen gerade den Hausputz und können das Radio schon gar nicht mehr anschalten, ohne von Last Christmas beschallt zu werden, als Ihnen ein Stück Papier in die Finger gerät. Eine Liste mit Namen. Verdammt. Da war ja was. Natürlich ist Ihnen in all der Zeit nichts gekommen, also wird sofort die Jacke übergezogen und ab geht es in das nächste Einkaufszentrum. Die Möglichkeiten überschlagen sich, die Ideen... Eher weniger. Papa liest gerne, also ab in die Buchhandlung. Und schon geht es mit der nächsten Frage los: Was hat und kennt er noch nicht? Die einzige Möglichkeit mit einer möglichst großen Wahrscheinlichkeit etwas zu verschenken, was er noch nicht kennt ist die, einfach nach dem neuesten Buch zu fragen und es einfach blindlings zu kaufen. Gesagt getan. Der erste auf der Liste wäre abgehakt. Was schenke ich Mama? Mama kocht gerne. Aber was schenkt man jemandem der gern kocht? Ein Topfset? Ein Nudelholz? Da wären ja Socken noch besser. Ein Rezeptbuch? Da bekommt der Beschenkte immer das Gefühl er müsste in nächster Zeit für einen kochen. Also nichts mit Kochen. Was gäbe es noch? Sie raucht. Eine Stange Zigaretten und ein Feuerzeug ist das erste, was einem dabei in den Sinn kommt, vielleicht noch einen hübschen Aschenbecher, wenn einer auffindbar ist. Also los geht’s in den nächsten Tabakladen. „Welche Marke solls denn sein?“ ertönt die Frage des Verkäufers. Uff. Wenn man das wüsste. „Sie raucht irgendetwas rotes“, ist das nächstbeste was ihnen einfällt. Zuhause anrufen und fragen, welche Marke Mama raucht ist auch doof. Also wird beschlossen die Stange Zigaretten wegzulassen und nur einen Aschenbecher und ein Feuerzeug zu kaufen. Gesagt getan, Nummer 2 wäre damit auch abgehakt. Der nächste auf der Liste ist Oma. Worüber freuen sich Omas? Was selbstgemachtes? Ein Foto von einem? Da ist ja schon eine Fotokabine, die Lebensrettung in letzter Sekunde. Sie setzen sich hinein, wählen einen Strand als Hintergrundbild und grinsen. Als sich nach 10 Sekunden noch immer nichts getan hat, in denen sie steif versuchen ihr Grinsen zu halten, kommen sie auf die Idee den Schalter zu betätigen. Ihre bereits schmerzenden Mundwinkel hochgezogen erwarten sie erneut das Blitzen. Schnell noch die Haare richten uuuuund. Der Blitz erscheint, das erste Foto ist geschossen, schnell wieder richtig platzieren, damit die nächsten beiden Bilder wenigstens etwas werden. Doch ihre Mundwinkel sind schwächer als sie dachten und das zweite Foto zeigt sie daher wie ein Zahnarztpatient, der gerade auf seine Behandlung wartet. Sie seufzen und versuchen die Mundwinkel zu entspannen, was zu einem finalen Foto führt, auf welchem sie so aussehen, als hätten sie gerade in eine saure Zitrone gebissen. Sie wählen also kurzerhand das Zahnarztpatientenbild und lassen es ausdrucken in einem schönen Rahmen. Mehr oder weniger perfekt. Die letzte Person auf der Liste ist die Freundin. Das „Wir schenken uns nichts“ nimmt sowieso niemand mehr ernst. Was ist das erstbeste, was einem einfällt? Sie hat einen Hamster. Also ab ins Zoogeschäft, die nächstbeste Mitarbeiterin aufhalten und nachfragen „Meine Freundin hat einen Hamster, ich habe aber keine Ahnung, was man einer Freundin mit Hamster schenkt.“ Blödeste Frage des Jahrhunderts? Wahrscheinlich. „Was ist es denn für ein Hamster?“ Als ob sie jemals so genau darüber nachgedacht hätten. „Er ist braun.“ Spätestens jetzt kommen Sie wie der Idiot des Jahrtausends rüber. „Nunja, sie könnten ihm einen Futternapf kaufen, da kann man nichts falsch machen.“ Ich wähle also einen Hamsterfutternapf in Herzform und herzförmige Leckerlis dazu. So geschafft. Ab geht es nach Hause und die Geschenke einpacken. Das Geschenkpapier vom letzten Weihnachten reicht gottseidank voll und ganz um die Geschenke für dieses Jahr unter dem Baum zu legen. Ach ja, da war ja was... Der Baum. Schnell wird wieder ins Auto gesprungen und losgefahren, irgendwo um die Ecke muss doch so ein Verkauf gewesen sein. Keine viertel Stunde später sind sie auch schon da und müssen feststellen, dass die einzigen Bäume, die noch verkäuflich sind entweder schiefer als der Turm von Pisa stehen oder 60% der Äste und Nadeln beim Transport bereits abhanden gekommen sind. Nichts ist es also mit dem Christbaum. Sie fallen zuhause auf die Couch und bekommen beinahe einen Heulkrampf. Weihnachten ohne Christbaum, das geht doch nicht. Sie schauen verloren aus dem Fenster, wobei ihr Blick auf die Tanne in ihrem Garten fällt. Gedacht, getan. Schnell die Säge aus dem Keller geholt und auf die Tanne geklettert. Keine 10 Minuten später ist ihre Tanne um gute 2 Meter kürzer und Sie um einen Christbaum aus eigenem Anbau reicher. Fehlt nur noch die Deko. Alles was die vergangenen Weihnachten über an Schmuck übrig geblieben ist, wird wieder hervorgeholt. Ein paar blaue, ein paar grüne ein paar rote, sogar eine rosa Kugel ist dabei, doch nichts davon passt farblich zueinander. Schweren Herzens versuchen sie also wenigstens so zu tun, als würde der regenbogenbunte Baum irgendeinem gewissen Farbschema folgen. Als Stern auf der Spitze muss auf die schnelle ein Seestern des letzten Mallorcaurlaubs herhalten, ein hoch auf die Kreativität. Den restlichen Abend verbringen sie mit dem Backen von Plätzchen, welche den Namen Plätzchen kaum verdient haben, aber darauf kann nun keine Rücksicht mehr genommen werden.

24. Dezember: Sie stehen auf, putzen das gesamte Haus so gut es geht, während sie die hässlichsten Plätzchen der gestrigen Backsession frühstücken und das Radio anbrüllen, es soll bitte aufhören Last Christmas zu spielen. Kaum ist das Haus blitzblank kommt auch schon der Anruf der Eltern, dass sie sich schon sehr auf heute Abend freuen und ein wenig eher kommen, damit man vor der Kirche noch ein wenig reden kann. In den 20 Minuten, die sie also noch bis zu deren Eintreffen haben duschen sie also, suchen ihr bestes Hemd heraus und machen sich so ansehnlich, wie es in der kurzen Zeit eben möglich ist. Zu 80% herausgeputzt warten sie also auf der Couch auf die Eltern. Nach 10 Minuten kommt ein weiterer Anruf. Die Autobahn ist gerade die Hölle, weil wohl gerade alle irgendwo hinfahren, sie schaffen es doch erst zur Messe und freuen sich schon auf das Abendessen. Abendessen. Das auch noch. Schnell den Kühlschrank aufgerissen und nachgesehen. Zwei Flaschen Limonade und eine Dose Ravioli. Daraus wird man sicher kein Festmahl zaubern können. In der einen Stunde, bevor die Messe losgeht fahren sie also zur nächstbesten Tankstelle und kaufen für viel zu viel Geld das beste, was sie an heilig Abend in einer Tankstelle kaufen können: ein paar Schnitzel, Brot, Semmeln und Tiefkühlerbsen. Da sie in den letzten Stunden sowieso mehr Benzin verfahren haben, als jeder Taxifahrer können sie dort auch gleich tanken. Immerhin etwas. Die neu errungenen kulinarischen Wunder drapieren sie so schön es geht mit Tabletts, Tellern und Schüsseln auf dem Tisch, bis es auch schon Zeit wird zur Messe zu gehen. Sie kommen gerade pünktlich als die Messe losgeht in die Kirche. Besser gesagt, zur Eingangstür der Kirche, diese ist nämlich so stickig voll, dass sie nicht einmal hinkämen, wenn sie sich quetschen würden. Somit stehen sie also zwei Stunden lang frierend in der Eingangstür und versuchen über die Köpfe der weiteren Besucher hinweg irgendetwas von dem Geschehen mitzubekommen. Ohne vom Pfarrer eine Belehrung über Weihnachten bekommen zu haben, begegnen sie also ihrer Familie und ihrer Freundin auf dem Friedhof. „Du warst gar nicht in der Kirche oder?“ begrüßt sie ihre Oma. „Doch ich habe es versucht, aber ich bin nicht über die Eingangstür hinausgekommen.“ antworten sie wahrheitsgemäß. „Ach lüg mich doch nicht an, du hast dich wieder gedrückt, wie jedes Jahr.“ „Ich habe mich noch nie gedrückt.“ „Dann hätte ich dich doch gesehen.“ „Willst du mich auch mal begrüßen oder nur mit deiner Oma streiten?“ fragt die Freundin mit verschränkten Armen. Ein paar Umarmungen, Küsse und Händeschüttler später ist man auch schon bei sich zu hause angekommen und der gesellige Teil von Weihnachten kann beginnen. Man wundert sich über das „interessante Buffet“ das sie gezaubert haben und der typische Familiensmalltalk beginnt, was machst du so, wie geht’s dir, was sind deine Aussichten, Tante Erna hat jetzt einen neuen Hund und so weiter und so fort. Kaum hat man gefühlt seine gesamte Lebensgeschichte drei mal erzählt und gerechtfertigt, ist es auch schon Zeit für die Bescherung. Sie öffnen ihre Geschenke. Socken und Krawatten. Na herzlichen Dank auch. Aber die Mundwinkel sind seit der Fotokabine ja bereits trainiert, also wird gelächelt, bedankt und umarmt was das zeug hält. „Das ist ja lieb gemeint, aber das Buch hab ich schon.“ ertönt es von ihrem Vater. „Aber, das ist brandneu, hieß es...“ versuchen sie sich zu verteidigen. „Ja, sie haben es neu aufgelegt, aber das Buch selber gibt es schon seit 5 Jahren. Aber war ja lieb gemeint.“ nimmt sie ihr Vater zur Schulter, da kommt von der Seite die Frage „Was ist denn das?“ „Das ist ein Aschenbecher, Mama.“ Sagen sie, noch in der Umarmung ihres Vaters. „Bist du dir da ganz sicher?“ Sie drehen sich, immernoch bemüht lächelnd, in ihre Richtung. Ihre Mutter steht mit dem Hamsterfressnapf und den Herzleckerlis in der Hand da, die Stirn gerunzelt. „Und diese Herzen? Was hat es damit auf sich?“ „Nun...ähm... das...“ Stottern sie vor sich hin, als sie sich umdrehen und ihre Freundin mit dem Aschenbecher in der Hand erblicken, welche sie verwirrt ansieht. „Willst du dass ich anfange zu rauchen, oder was soll das?“ Um sich nicht völlig zu blamieren, bleiben sie am besten einfach ganz entspannt. „Das ist ein Fressnapf, für deinen Hamster.“ lächeln sie sie also an. „Achso, okay, das hätte ich jetzt gar nicht erkannt.“ lächelt sie etwas gezwungen. „Und das Feuerzeug habe ich dazugelegt, weil du so heiß bist.“ Ergänzen sie panisch schnell hinterher und schicken sofort ein Stoßgebet gen Himmel, dass man Ihnen auch nur ein Wort glaubt. Da vernehmen sie auf einmal ein knusperndes Geräusch hinter sich. Sie drehen sich erneut um und erblicken ihre Mutter, welche gerade die Hamsterleckerlis verzehrt. „Du, die die du letztes Jahr hattest waren besser.“ sagt sie stirnrunzelnd und mampft weiter. „Aber macht ja nix.“ Spätestens jetzt sind sie nicht mehr in der Lage zu erkennen, ob sie lachen oder weinen sollen. Keine drei Stunden später ist die Festivität auch schon vorbei und sie fallen ins Bett. Ruhe, kein Weihnachtstress mehr, für ein ganzes Jahr. Sie schließen die Augen und genießen seit langem wieder einfach den Moment, der Freude, Stille und Glückseeligkeit. Und in diesem Moment, werden Sie es erkennen. DAS ist Weihnachten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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