Hartmut Wagner

Eine Pinneberger Polizistin sieht rot

Diplom-Ökonom Ödipus Lustig                                                                                                                                           Vier, 21.2.00
Nelson Mandela Weg 27
007 Vier

Kreis Pinneberg, Postfach 1751

AZ.:061.603569.01/Ihr Schreiben vom 16.2.00

Sehr geehrter Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein,
ich habe Ihnen bereits einmal in aller Deutlichkeit und mit Nachdruck mitgeteilt, dass ich, Diplom-Ökonom Ödipus Lustig, die mir vorgeworfene Ordnungswidrigkeit nicht begangen habe und wiederhole hiermit aufs Neue: Ich bin äußerst vorsichtig und langsam, wie es meiner Art, mit dem Auto zu fahren, meinem Alter und meinem ganzen Naturell entspricht, in die Autobahn eingebogen, die an Pinneberg vorbei irgendwohin nach Norden führt und habe sie an der nächsten Ausfahrt auf die gleiche Art wieder verlassen und  zu dem fraglichen Zeitpunkt keineswegs irgendjemand die Vorfahrt genommen. Offensichtlich beschuldigt mich aber irgendeine weibliche Person, ich hätte ihr bzw. ihrem Auto die Vorfahrt genommen. Zum Unglück für mich ist diese mir ansonsten unbekannte Dame auch noch Polizistin, was ihre Aussagequalität anscheinend auf die Glaubwürdigkeiststufe der unfehlbaren ex-cathedra-Glaubenssätze  des Papstes erhebt..
Weil dem so ist, muss also ich, der ich leider von Beruf weder Polizistin noch Papst bin, in obigem Fall der 'Vorfahrtwegnahme" entweder lügen oder mich irren, denn Polizistinnen bzw. Päpste pflegen Derartiges nicht zu tun, wie jeder intelligente Mensch einschließlich des hochintelligenten, -begabten und -berühmten Kreises Pinneberg weiß.
Ich erlaube mir jedoch, Sie, sehr geehrter Kreis Pinneberg, darauf hinzuweisen, dass mir aus historischen Werken zumindest ein Papst, Alexander VI., bekannt ist, der selbstverständlich ebenfalls unfehlbar war, aber nebenbei mit der eigenen Tochter geschlafen und ihr anlässlich dieses Vergnügens sogar ein Kind gemacht hat, und aus der aktuellen Presse zumindest ein Polizist, der die eigene Gattin gegen Bezahlung hat umbringen lassen, aber, klar doch, immer noch weitaus glaubwürdiger ist als ein vermeintlicher gewöhnlicher Verkehrssünder wie ich, der weder mit seiner liebreizenden Tochter geschlafen noch seine verehrungswürdige Ehefrau umgebracht hat.
Angenommen also den zugegeben äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass mich an der weltbekannten Autobahnauffahrt "Pinneberg-Süd" der zwar inzestuöse, gleichwohl aber unfehlbare Papst Alexander VI. in einem VB-Ferramati oder nur der gattenmörderischen Polizeiobermeister in einem Leopard C verfolgt und anschließend behauptet hätten, die Vorfahrt wäre ihnen durch mich abhanden gekommen, so müsste ich  damit rechnen, dass meine schriftlichen Äußerungen als Lügen bzw. Irrtümer betrachtet würden, weil der eine Papst und der andere Polizist war, und das, obwohl der eine seine Tochter geschwängert und der andere seine Frau auf dem Gewissen hat. Der langen Rede kurzer Sinn, man glaubt mir nicht, weil ich keine Polizistin bin.
Was bleibt mir in diesem Fall anderes übrig, als zu versuchen, meine Zeugenqualität durch eine Schilderung meiner Persönlichkeit, von der zumindest ich selbst ziemlich angetan bin, und eine Beschreibung des Vorfalls aus meiner, leider aufgrund eines bedauerlichen Geburtsfehlers, etwas kurzsichtigen Perspektive in einem besseren Lichte darzustellen?
Das mit der Kurzsichtigkeit hätte ich vielleicht besser nicht erwähnt, aber, Gott sei Dank, es gibt ja Brillen! Eine Tatsache, die ich Ihnen, lieber Kreis Pinneberg, nicht vorenthalten möchte. Ich besitze übrigens mehrere ganz ausgezeichnete, von denen eine zum fraglichen Zeitpunkt meine Sehschärfe, na, ich darf wohl schreiben, zumindest auf 100,03 prozentiges Polizistinnensehvermögen schraubte, womit meine optische Glaubwürdigkeit zwar sicherlich immer noch ein klein wenig hinter jener der polizeilichen Dame zurückbleibt, aber, um es in der Ampelsprache auszudrücken, sicherlich immer noch ganz knapp im grünen Bereich liegen dürfte.
Nun aber zum Kern der Sache oder vielmehr zunächst zu meiner Person und damit zu meiner Glaubwürdigkeit:
Seit 1968 besitze ich ohne Unterbrechung meinen Führerschein und bin bisher kein einziges Mal durch Verkehrsrowdytum aufgefallen, weswegen in der Flensburger Verkehrssünderkartei, die übrigens relativ nahe bei Pinneberg liegt, für mich auch kein einziger Punkt verzeichnet ist. Seit langen Jahren fahre ich außerdem unfallfrei und in meinem bisher immerhin schon über fünfzigjährigen Leben bin ich bis jetzt noch kein einziges Mal als Krimineller in Erscheinung getreten.
Ich bin anerkannter Kriegsdienstverweigerer und arbeite gegenwärtig wie schon in der Vergangenheit seit mehr als zwanzig Jahren zumindest zur vollen Zufriedenheit meiner Schülerinnen, Schüler und der meisten Kolleginnen und Kollegen, wenn schon nicht meiner Vorgesetztinnen und Vorgesetzten, als Berufsschullehrer für Sport und Wirtschaftslehre an der kaufmännischen Salman-Rushdie-Schule in Dortmund, deren Name übrigens auf meine persönliche Initiative zurück geht, was ich in aller Bescheidenheit anmerken möchte.
In meiner höchst knapp bemessenen  Freizeit unterstütze ich die internationale Gefangenenhilfsorganisation "amnesty international" mittels Briefen für "urgent actions", "dringende Fälle".
All diese persönlichen Daten mögen nicht genügen, um meiner Glaubwürdigkeit  Polizistinnenniveau zu verleihen, könnten Ihnen, lieber Kreis Pinneberg, jedoch vielleicht ein wenig zu denken geben und Sie zu der Erkenntnis führen, dass Sie es keineswegs mit einem hartgesottenen Verkehrsrowdy oder chronischem Lügner zu tun haben. .
Und nun möchte ich das Ereignis, um das es geht, aus meiner Sicht schildern.
Am fraglichen Abend war ·ich auf dem Weg zur  Geburtstagsfeier meines Schwagers, 50 Jahre, Heinrich Gleich im Hotel Polonia in Pinneberg.
Ich hatte in der Nähe seines Hauses Am Riemen 333 in Thesdorf getankt und fuhr in diesem Ort nach allen Regeln rücksichtsvollen Autofahrens, Blinker setzen, Blick über die Schulter und in die Rückspiegel, vorsichtig auf die Autobahn.
Ich sah hinter mir nichts, scherte deswegen auf die Fahrbahn ein und fuhr in Pinneberg-Süd wieder von der Autobahn ab. Falls ich mich recht erinnere, gibt es kurz nach der Abfahrt Pinneberg-Süd eine Ampel, an der ich bei Rot stoppte.
Plötzlich hörte ich, wie jemand an die Scheibe schlug und ich sah eine blonde, aufgeregte Frau, die mit den Händen herumfuchtelte. Ich drehte die Scheibe herunter, woraufhin sie mich ungefragt anschrie und zwar ungefähr mit folgenden Worten: "Was fällt Ihnen ein, verursachen einen Unfall und fahren weg, ohne sich um irgendetwas zu kümmern. Das wird noch ein Nachspiel haben. Ich bin nämlich Polizistin."
Ich fühlte mich zu Unrecht verfolgt, bedroht und beschimpft, weswegen ich antwortete:
"Ich habe keine Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich will zu einer Geburtstagsfeier und habe keinen Unfall verursacht. Warum soll ich glauben, dass Sie Polizistin sind? An Ihrer Nasenspitze steht das nicht geschrieben und eine Uniform tragen Sie auch nicht." Ich drehte mein Fenster wieder zu und fuhr weiter, da die Ampel inzwischen auf Grün gesprungen war. Die Frau, angeblich Polizistin, gestikulierte immer noch vor meinem Fenster herum.
Ich suchte dann das Hotel Polonia, merkte jedoch, ein Wagen fuhr dicht hinter mir her, und zwar so nah, dass sein Scheinwerferlicht mich im Innenspiegel blendete. Ich dachte mir, es handele sich um die Dame, die sich für ihre Missachtung durch möglichst dichtes Auffahren rächen wollte.
Da ich das Hotel trotz intensivster Suche nicht fand, fuhr ich schließlich auf einen Parkplatz. Die ganze Zeit klebte meine Verfolgerin  an meiner hinteren Stoßstange. Ich hatte mir überlegt, irgendwelche Passanten nach dem Weg zum Hotel Polonia zu fragen, da ich keine Lust hatte,  noch länger mit dieser äußerst lästigen Verfolgerin am Heck durch die Gegend zu fahren.
Auf dem Parkplatz stieg auch meine Freundin aus  und schoss die gleichen verbalen Salven nochmals auf mich ab.  Ich  bat sie: "Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe. Ich will nichts mit Ihnen zu tun haben. Das habe ich Ihnen doch schon einmal gesagt. Sie rauben mir die letzten Nerven." Dann wandte ich mich ab und ging meines Weges.
Daraufhin schrie sie ungebeten: "Ihr Verhalten ist unverschämt! Sie  haben mein Auto beschädigt! Ich werde die Polizei holen!"
Ich antwortete: "Nun machen Sie mal keine Witze! Die ist doch schon da." Danach kümmerte ich mich nicht weiter um ihr Gerede und machte mich auf die Suche nach dem Hotel.
Kurze Zeit später kam ein Polizeifahrzeug, dem zwei Polizisten entstiegen. Sie hielten mich an und fragten: "Haben Sie einen Unfall verursacht? Ihre Personalien bitte!" Ich gab zurück: "Ich habe genau so wenig einen Unfall verursacht wie Sie und denke mir, meine hartnäckige 'Verfolgerin', Ihre aufgeregte Kollegin, hat sie  hinter mir her geschickt."
Sie bejahten das.
Daraufhin bemerkte ich äußerst ärgerlich. "Lassen Sie mich doch endlich in Frieden. Diese Dame hat mich die ganze Zeit verfolgt wie einen Schwerverbrecher."
Einer der Polizisten äußerte etwas von oben herab: "Guter Mann, beruhigen Sie sich mal  ganz schnell!"
Darauf entgegenete ich: " Erstens bin ich nicht Ihr 'guter Mann'. Zweitens beunruhige oder beruhige ich mich, wann und wo ich will. Und drittens frage ich Sie,  ob Sie wohl vor Freude strahlen, wenn eine ausgeflippte Frau Sie mit einem Auto unablässig quer durch die ganze Stadt verfolgt?"
Dieser Polizist ging dann zum Auto meiner Verfolgerin und überprüfte, ob es Schäden aufwies, während der andere meine Personalien überprüfte.
Als der erste zurückkam und bemerkte, es gäbe keine Schäden am Auto meiner Verfolgerin, konnte ich endlich weitergehen.
Ich bemerke zu dem ganzen Vorfall abschließend: Wenn sich hier irgendjemand irgendeiner Sache schuldig gemacht hat, dann meine Verfolgerin, die mich, vielleicht im subjektiven Gefühl erlittenen Unrechts, aber objektiv völlig unberechtigt, auf nahezu filmreife Weise verfolgte und mich mehrfach nötigte, mit ihr zu sprechen, obwohl dazu gar keine Veranlassung bestand.
Durch die gelinde gesagt aufdringliche Art der Frau und durch die spätere Einvernahme seitens der Polizei wurde mir zum einen die Geburtstagsfeier halb verdorben und zum anderen durch  zwei Schreiben an die Polizei- und Ordnungsbehörden viel kostbare Zeit gestohlen, die ich für sinnvollere Tätigkeiten hätte weitaus nützlicher ausfüllen können.
Ich denke also, wie Sie wahrscheinlich schon gemerkt haben, weder wach noch im Traume daran, Ihrer Zahlungsaufforderung Folge zu leisten. Für eine Tat, die ich nicht begangen habe, werde ich niemals auch nur einen Pfennig bezahlen, und wäre es selbst der Papst oder eine Oberkommissarin, der/die mich beschuldigte.
Ganz im Gegenteil fordere ich Sie, werter Kreis Pinneberg, auf, mir eine angemessene Entschädigung für meine harte Schreibarbeit bezüglich dieses Briefes und des Anhörungsbogens zu zahlen und mir unverzüglich die Portokosten von 2,20 DM zu ersetzen. Im Übrigen: Zeigte ich jeden Verkehrsteilnehmer an, von dem ich meinte, er habe mir gegenüber einen Fahrfehler begangen, wären sämtliche Polizeibehörden und Gerichte Deutschlands auf Dauer durch meine Anzeigen lahm gelegt.  

Mit frdl. Grüßen

Ödipus Lustig, Diplom Ökonom

Antwort der Staatsanwaltschaft aus dem "sehr geehrten Kreis Pinneberg" zwei Monate später:

Sehr geehrter Herr Lustig,
vom Einzug eines Strafgeldes wegen einer Ordnungswidrigkeit sehen wir wegen Geringfügigkeit des zugrunde liegenden Tatbestandes ab. Die Portokosten und ein Entgelt für Ihre Schreibarbeit zu erstatten, sehen wir uns leider außer Stande.

Mit freundlichen Grüßen

Rainer Maria Prozesshansel, Staatsanwaltschaft des Amtsgerichtes Pinneberg, Schleswig-Holstein

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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