Sven Eisenberger

Die unverstandene Liebe des Kritikers

Wen man liebt, den kritisiert man nicht = wen man kritisiert, den liebt man nicht. Doch etwas stimmt nicht an dieser hermetischen Gleichung: entweder sind gängige Vorstellungen und Definitionen von Liebe inzwischen so fatal durchpsychologisiert, dass Kritik in diesem Kontext nur noch als sozialer Klabautermann figuriert, oder eine inzwischen porentief eingelagerte, epidemisch verbreitete Verletzungsphobie im Hysterietandem mit übersteigerter Harmoniebedürftigkeit hat den Kritikbegriff mittlerweile so sehr in Misskredit gebracht, dass er mit Liebe völlig unvereinbar erscheint. Die einst ehrwürdige Gestalt des liebenden Kritikers ist sprachlich zum Oxymoron herabkonventionalisiert worden, und dessen eigentliche Liebeserhaltungsfunktion auch nur für denkbar zu halten, wird umgehend mit (Liebes-)Verlust und kommunitär verantworteter Isolationshaft bestraft. Da persönliche Kritik allenthalben als Respektlosigkeit missverstanden und verfemt wird, erblickt man selbst im liebenden Kritiker nur noch den Totengräber der Liebe.
Dabei gehört er doch eben nicht zum Kreis der verbalen Amokläufer, welche mit "Kanonen auf Spatzen schießen" und flächendeckende Zerstörung hinterlassen, denn die Kritik am Mitmenschen ist stets nur eine partielle: Menschen, die man fundamental ablehnt, würde man keiner Kritik für würdig befinden, sondern mit gutem Grund einfach ignorieren und erst recht nicht zu lieben vermögen. Die Fähigkeit, auch seine Feinde lieben zu können, ist wohl weniger ein Nachweis für das Erklimmen einer höheren Erkenntnisstufe als eine spirituelle Verwässerung des Liebesbegriffs, welche diesen so sehr, fast bis an den Rand der Auslöschung, ausdehnt wie das romantische Liebesideal diesen verengt. Auf jegliche Kritik zu verzichten, könnte nur bedeuten, dass man endlich in der idealen Sozialwelt angekommen oder – leider sehr viel wahrscheinlicher – an einem Punkt absoluter Gleichgültigkeit oder totaler Selbstaufgabe angelangt wäre. Wenn letzteres zutrifft, sollten wir nicht den Kritiker kritisieren, sondern uns für immer von der Liebe als Beziehungsform verabschieden, denn eine emotionale Sklavenhaltergesellschaft kann wohl niemand ernsthaft wollen.
Respekt für den Anderen zu zeigen, sei das Wichtigste in einer Liebesbeziehung, aber ist es nicht vielmehr respektlos, vom Anderen zu erwarten, dass er sich selbst einen Maulkorb anlegt? Ist die höchste Form des Respekts wirklich gegeben, wenn einer stets nur anerkennend nickt, statt auch einmal zu bekennen, dass ihm das handelnde oder auch passive Gegenüber gerade auf die Nerven geht oder das gewählte Kleid leider wenig Geschmack beweist? Einer geliebten Person sagen zu müssen, dass sie an einer bestimmten Stelle ihres öffentlichen Wortbeitrags doch ihr großes intellektuelles Potential hätte ausschöpfen können, ist nicht angenehm, aber gleichwohl ehrlich – und was könnte größeren Respekt bezeugen als Offenheit in einer Liebesbeziehung? Signalisiert man doch, dass man ihren Intellekt nicht nur für eine Menübeilage hält und sie zudem vor einer Selbstbeschädigung bewahren möchte. Wer kann schon von sich behaupten, niemals in der Gefahr zu stehen, Blödsinn zu reden? Ist ein Freund, der sich nicht getraut, mir auch unangenehme Dinge oder sogar die “bittere Wahrheit” zu sagen, letztlich nicht doch nur ein guter Bekannter? Wenn es an das volksmündlich servierte “Eingemachte” geht, kann man danach schließlich im Weinkeller (in vino) gemeinsam nach einem versöhnlichen Umgang mit jener Wahrheit (veritas) suchen.

Mag sein, dass in seltenen Fällen zwei Menschen zueinander finden, die im jeweils Anderen das Ideal der Makellosigkeit erfüllt sehen. Nur allzu leicht könnte diese Konstellation jedoch in eine Form des sich wechselseitig nährenden Narzissmus übergehen. “Liebe macht blind”, doch dieser Zustand ist notwendigerweise nur temporär, denn irgendwann will und muss man auch wieder die Welt außerhalb des selbstgeschaffenen Mikrokosmos´ sehen können. Tatsächlich ist es ohne den, einem ästhetischen Wahrheitsanspruch verpflichteten, kritischen Blick gar nicht möglich, das Lieben dauerhaft auch zu leben. Wie Roland Barthes einmal schrieb, ein Leberfleck, ein schiefer Gang oder eine kleine Verhaltensanomalie binden unendlich mehr als die vermeintlich über jede Kritik erhabene Perfektion. Dass ein nüchternes Auge und Liebe keineswegs antithetisch gegeneinander gesetzt sein müssen, lässt sich im übrigen seit bereits 400 Jahren aus den Sonnetten von Shakespeare erfahren. Und das, was wir Post-Postmodernen als abstoßend empfinden, wäre im Maßstab der körperästhetischen Standards des elisabethanischen England geradezu als Perfektion betrachtet worden!
Nimmt man die Grammatik der Liebe einmal wörtlich, so entdeckt man schnell, dass das Perfekt jenen Zustand der Abgeschlossenheit repräsentiert, in dem das Gefühl nur als Erinnerung überdauert. Nur das Imperfekt trägt den Keim der Hoffnung auf eine in die Gegenwart hineinreichende Vergangenheit, auf eine die Kontinuität in der Veränderung bewahrende Liebe in sich. Das Präsens ausschließlich im Sinne eines “Hier und Jetzt” zu begreifen, bedeutet nichts weniger, als sich die Möglichkeit der eigenen Positionsbestimmung im Lebensverlauf zu nehmen und – das ist die eigentliche Tragödie – auch das Futur als hoffnungsvolles Versprechen zu verabschieden.

Der kritische Blick ist somit Voraussetzung für Lebensbejahung und Optimismus und nicht, wie ein naives oder spirituell vernebeltes Liebesverständnis es so oft propagiert, Ausdruck einer pessimistischen Lebenshaltung. Der leidenschaftliche Kritiker ist vielleicht der einzig aufrichtige Liebesbotschafter unsrerer Tage. All jene, denen Fairness mehr und etwas anderes bedeutet als ein ökonomisch verwertbares Warensiegel, sollten es sich untersagen, ihn mit den notorischen Nörglern und Miesmachern gleichzusetzen, welche uns das Alltagsleben so schwer und sauer machen. Der wahre, liebende Kritiker entdeckt auch das an- und aufregend Neue im Alten oder Schon Gesehenen (und vielleicht schon Kritisierten) und weiß es zu würdigen. Und aus genau diesem Grunde ist er zu suchen, nicht zu vermeiden, da sich sonst nie mit Gewissheit feststellen ließe, ob man nicht gerade nur jemanden ersetzt und eine Leerstelle besetzt, die eine alte Liebe hinterlassen hat. Jeder Mensch sollte sich irgendwann die Frage stellen, ob er lediglich einen emotionalen Dauerparkplatz will oder wirklich so gesehen werden möchte, wie er ist. Nur dort, wo liebevolle Kritik zugelassen ist, kann die Liebe über die Dauer eines Sommers hinaus wachsen. Und wenn der liebende Kritiker einmal nicht die richtigen, gar die falschen Worte findet, dann besitzt er doch die Größe, sich dafür zu entschuldigen. Wer wahrhaft liebt, wird ihm vergeben können.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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