Christa Astl

SABINES ÜBERLEBENSKUNST 8

 
 
Endlich Frühling
 
 
Auch die längste Wartezeit hat ein Ende. Donnerstag ist Feiertag, Freitag als Brückentag schulfrei, das ergibt also 4 Tage, um auf ihre Hütte zu gehen.
Der Rucksack ist diesmal sehr schwer, Sabine muss ihr Essen mitnehmen und auch was zum Umziehen. So unvorbereitet wie das erste Mal will sie nicht mehr unterwegs sein. Mittlerweile weiß sie, was auf sie zukommt, kennt den Weg.... Und doch ist alles ganz anders.
Es ist inzwischen Frühling geworden. Die Wiesen leuchten bereits gelb vom blühenden Löwenzahn, milde Frühlingswärme umgibt sie. Helles Laub an den Bäumen macht den Wald freundlich, darunter zeigen sich noch letzte Buschwindröschen und Vergissmeinnicht. Als sie die Waldgrenze erreicht, verändert sich das Bild wieder. Damals eine weiße Fläche, ist sie jetzt bunt gesprenkelt, Bergheide und Soldanellen blühen um letzte Schneeflecken, lila Mehlprimeln, aber auch gelbe und weiße Blumen erfreuen das Auge. Oft bleibt Sabine stehen, um diese Farbenpracht zu bestaunen. Gerne nimmt sie dazu manchmal den schweren Rucksack ab. Der Weg ist nicht so schlecht, wie der Bauer befürchtet hat, die Lawine scheint keinen Schaden angerichtet zu haben.
Endlich ist sie oben, der Schlüssel ist noch am selben Platz, kalt und dunkel ist es in der Hütte. Sabine öffnet alle Türen und Fenster, um frische Luft herein zu lassen und setzt sich vors Haus auf die Bank, um dort ihre von Mutter säuberlich verpackte mitgebrachte Jause zu essen. Soll sie Tee kochen? Nein, lieber noch draußen bleiben und ihren Saft trinken, für Tee ist abends noch genug Zeit.
Sabine sitzt und schaut und schaut. Ja, sie kennt die Gegend, heute hat sie allerdings eine Karte mit, um sich mit den umliegenden Gipfeln vertraut zu machen. Schließlich muss man die „Nachbarn“ doch kennen lernen! Sabine muss bei dem Gedanken über sich selber lachen. Die Berge sind immer noch gleich weiß wie damals, die Sonne scheint allerdings jetzt länger, da sie schon höher steht und geht erst beim nächsten Gipfel unter. Dann wird es sofort frisch, höchste Zeit um einzuheizen! Wieder dauert es eine Zeitlang, bis das klammfeuchte Zeitungspapier brennt, kleines Anzündholz hat der Bauer zurück gelassen, auch die Kiste mit den dicken Scheiten ist gut gefüllt. Sabine zieht sich den Stuhl nahe an den Ofen, sodass sie nicht bei jedem Nachheizen aufstehen muss, und die Nähe der Heizquelle ist wieder sehr wichtig.
Leider hat sie diesmal Schulsachen mit, mit denen sie sich nun so halbherzig zu beschäftigen beginnt. Einen Text für eine Deutsch-Arbeit heißt es zu bearbeiten, und, darüber freut sie sich plötzlich, ihr Biologiebuch hat sie auch mit, mit dem Aufbau der Gebirge und der in verschiedenen Gegenden vorkommenden Botanik. Mit diesem Buch will sie morgen Feldstudien betreiben.
Im Deutsch-Text muss sie fast jeden Satz zweimal lesen, um ihn einigermaßen zu verstehe, zu leicht wird sie durch den Blick durchs Fenster zum Abendrot auf den gegenüber liegenden Bergen abgelenkt.
Da es in der Hütte keinen elektrischen Strom gibt, beschließt sie den Abend bald, und hofft, am frühen Morgen mit Tagesanbruch aufzustehen.
Ein herrlicher aber kalter Morgen, mit Reif auf der Wiese, sie fröstelt, als sie zur Morgentoilette die Hütte verlässt. Aber die frische Luft tut gut! Zu Hause brächte sie natürlich niemand so früh schon vor die Tür, doch hier ist alles anders. Sabine lässt sich Zeit mit ihrem Frühstück, Brot mit Butter und Käse, sogar ein Stück Kuchen hat ihr die Mutter mitgegeben. Das Deutsch-Buch liegt noch aufgeschlagen am Tisch, noch einmal überfliegt sie den Text, der ihr aber wieder nichts sagt. Es ist auch schwer, in dieser herrlichen Bergeinsamkeit sich mit einer Revolution in einer amerikanischen Großstadt zu befassen!
Lieber nimmt sie nun das Biologiebuch zur Hand und sucht das Kapitel über die Geologie der Gebirge der Heimat. Sie hat Glück, es gibt eine Doppelseite mit Alpenpflanzen. Erst einmal aber muss sie "in Haus und Hof", - wie das klingt, - nach dem Rechten sehen, um es Herrn Huber mitzuteilen. Sabine schlüpft in Anorak und Schuhe und geht hinaus. Ach ja, die Holzkiste starrt ihr auch gähnend leer entgegen! Es ist doch immer eine Arbeit hier. Aber Arbeit, die Sinn macht, man weiß wofür man sich anstrengt.
Im Winter hat sie nicht viel von der Umgebung gesehen, nicht einmal die Nebenräume der Hütte, der Schnee lag zu hoch. Jetzt erst erkennt sie, dass auch noch ein Stall hinten ans Haus angebaut ist. Da werden wohl bald die Kühe herauf dürfen? Ob Sabine dann im Sommer einmal hier sein darf, um bei der Stallarbeit zu helfen? Es würde sie schon sehr interessieren! Der Stall ist nicht groß, stellt sie etwas enttäuscht fest. Dann gibt es dahinter noch einen Raum, in dem etwas Heu gelagert ist, und dazwischen ein kleines Stübchen, in dem Milchkannen und verschiedene Gerätschaften, die Sabine gar nicht kennt, stehen. In dem stickigen Mief nach saurer Milch wird es ihr fast übel.
Soll ich da mal mit heißem Wasser und Putzmittel drüber hergehen? denkt sie. - Lieber vorher den Bauern fragen. Eigentlich will ich ja nur die Hütte benützen...
Sie lässt alle Türen offen, dann schlägt sie einen größeren Radius ein. Einer Wegspur folgend steigt Sabine der Höhe zu, um von einer Kuppe aus ins Tal schauen zu können.
Nun erinnert sie sich, dass damals, als sie mit ihren Freunden hier war, eine Lawine abgegangen sei, das müsste hier in der Nähe gewesen sein. Von der Kuppe aus sieht sie den Platz der Verwüstung. Der gepresste Schnee liegt noch in dem Graben, Erde und Schutt an seinen Rändern. Oberhalb geborstene Äste, zersplitterte Rinde, Sabine steigt ein Stück abwärts und näher. Verwesungsgeruch dringt in ihre Nase, nun erkennt sie ein teils abgenagtes Reh, der Kopf und die Läufe sind noch intakt, den leeren toten Blick richtet es auf Sabine. Grausen erfasst sie, Mitleid mit dem armen Tier. Doch sie überwindet diesen ersten Zwang, davon zu laufen. Warum auch? Hier herrschen andere Gesetze, die strengen Gesetze vom Überleben, vom Fressen oder Gefressen werden. Hoch oben zieht ein Adler seine Kreise, - ob er diese Beute erkennt? Oder hat er sich daran schon den Hunger gestillt? Er fliegt weiter, Sabine dreht sich um, geht wieder der Sonne und der überwältigenden Aussicht ins Tal zu. - Schade, dass sie die Karte am Tisch liegen hat lassen! Der Atlas hat sie nie interessiert, aber hier, wo die Landkarte fast vor einem ausgebreitet liegt, denkt man ganz anders. Hier ist sie selber ein Teil dieser Landschaft, sie und "ihre" Hütte.
Nachdenklich steigt Sabine ein Stück ab, quert im flacheren Gelände den Hang, um auf einer anderen Seite zur Hütte abzusteigen. Der zweite Tag ist schon weit vorgerückt. Die üblichen Arbeiten, wie Holz und Wasser holen, einheizen, Tee kochen... warten. Geruhsam beschließt sie auch diesen Tag. Die Stille rundum macht auch sie ruhiger, sie bewegt sich langsamer, achtet darauf, leiser aufzutreten, umsichtiger zu hantieren, um den Frieden des Abends nicht zu zerstören.  Als sie schon im Bett liegt, ist es ihr plötzlich ein inneres Bedürfnis, laut und innig zu beten: "Danke, Gott, du Schöpfer der Welt, dass ich hier sein darf, dass du mich so gemacht hast, wie ich bin, auch wenn die Menschen oft sagen, ich sei so schwierig, und auch mir kommt es manchmal so vor. Doch hier darf ich endlich ganz, ganz glücklich sein", und mit diesem Gedanken gleitet sie wieder in tiefen Schlummer hinüber.         
 
 
ChA 21.06.15

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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