Wolfgang Küssner

Die Praxis der Taxis

Ein ehemaliger Leichtathlet und Olympiasieger (in Melbourne und Rom Vierter über 110 m Hürden und 1960 Goldmedallie im 4x100 Meter-Lauf) namens Martin Lauer, bescherte uns als Schlagersänger 1964 ein „Taxi nach Texas“. Sechzehn Jahre später brachte Frank Ripploh die Liebesgeschichte zweier Männer Ende der 70er-Jahre mit einem „Taxi zum Klo“ ins Kino. Und weitere vier Sommer gingen ins Land, bis Felix De Luxe, eine  Hamburger Popgruppe, 1984 ein „Taxi nach Paris“ orderte. Die seinerzeit aufgerufen Kosten sind nicht bekannt, zumindest wurden sie nicht publiziert.

Ein Urlauber in Thailand wird sicherlich nicht nach Texas, Paris oder zum Klo mit dem Taxi wollen, doch er stelle sich schon auf Ausgefallenes ein. Das Taxi-Business in diesem asiatischen Land ist so bunt und vielfältig wie der Globus. Der Gast aus Deutschland kennt vielleicht die nörgelnden, dummes Zeug schwätzenden, rechthaberischen, besserwissenden, natürlich immer klagenden Taxifahrer aus seiner Heimatstadt; in bester Erinnerung von der jüngsten Fahrt zum Flughafen. Lass sie reden, der Mensch hat ja zum Glück zwei Ohren. In einem Fall ist allerdings meistens Verlass auf die Fahrer: Eine geprüfte, geeigte Taxiuhr läuft und lässt keine Zweifel an der Höhe der Rechnung aufkommen. Gehen wir mal davon aus, der Fahrer hat keine „Ehrenrunden“ gedreht, was wohl gelegentlich mal vorkommen soll, hat immer die kürzeste Strecke gewählt, was Fremde schwer überprüfen können. Aber das Geschäft hat eine hohe Seriosität.

Davon muß man sich hier in Thailand verabschieden. Hier sieht die Praxis der Taxis anders aus. Schon die Mittel, die zur Beförderung des Gastes verfügbar wären, kommen recht unterschiedlich daher und variieren regional: Fahrradrikschas, Mopeds, Tuk-Tuks auf drei Rädern (also kleine Autorikschas mit einer Sitzbank) oder auf vier Rädern, mit zwei Sitzbänken, Pick-Ups, also PKWs mit überdachten Ladeflächen zum Sitzen, leuchtend bunte Taxis. Da sind alte Mercedes- oder BMW-Limousinen mit durchgessenen Sitzen, total verschlissener Federung, dringend zu wechselnden Stossdämpfern, fehlenden Türöffnern unterwegs, aber auch neue SUVs von Mitsubishi oder Toyota etc. Taxis mit Lizenz haben ein grünes, Tuk-Tuks ein gelbes Kennzeichen. Und Fahrzeuge mit einem weißen Nummernschild haben zumindest keine Lizenz.
Soviel zu den Taxis. Und wie steht es um die Gebühren, die Kosten? Da lacht der Thai und die Langnase wundert sich. Übrigens: Nur wo TAXI-METER drauf steht (der Leser kennt das von einer Schoko-Creme), ist auch ein TAXI-METER drin. Die erste sich hier stellende Frage: Wird die Uhr denn auch angeschaltet? Der Fahrgast sollte drauf bestehen. Die zweite Frage: Wurde die Uhr auch nicht manipuliert? Der Gast sollte nicht drauf bestehen, doch es gibt immer wieder entsprechende Berichte über Unregelmäßigkeiten. TAXI-METER haben nur die bunten PKWs. Alles andere hängt von Lust und Laune der Chauffeure, vom Wetter, von der Nationalität und/oder der Anzahl der Gäste ab; es soll sogar vorkommen, daß die Entfernung zur Preisermittlung eine Rolle spielt.

Was heißt das nun für Taxis in der Praxis? Japaner – so das hiesige Verständnis - haben Geld, aber keine Zeit, von ihnen werden die höchsten Preise gefordert. Urlaubende Langnasen zahlen den sogenannten „Normal-Tarif“, Thais, die nicht in Begleitung eines Farang, eines Westlers reisen, zahlen die Hälfte. Soviel zum Thema Nationalität.  Und wie sieht es beim Wetter aus? Schlecht. Regen ist sehr ungünstig und führt sofort zu 100 Prozent Aufschlag; das alte kapitalistische Prinzip von Angebot und Nachfrage. Ausserdem sind es doch erschwerte Arbeitsbedingungen für die Fahrer. Und was für das Wetter gilt, ist natürlich auch an Tagen wie Silvester erfolgreiche Praxis. Da wollen viele, viele Touristen gefahren werden.

Ja, wie ist das nun mit der Anzahl der Personen? Ein Taxi ist für die Beförderung von 4 Personen ausgelegt. Kommt da nun eine Familie mit drei Kindern, muß die Fahrt teurer werden, logisch. Der Leser könnte hier meinen, oh, es kommt ein zweiter Wagen zum Einsatz und der führt natürlich zu einer Verteuerung. Nee, nee, es werden schon alle 5 Gäste ins Auto gedrückt. Nur der Benzin-Verbrauch ist nun deutlich höher, oder? Das kostet.

Ein Gast möchte mit dem Taxi vom Shopping-Center zurück zum Hotel. Der Fahrer erkundigt sich nach dem Ziel und ruft 500 Baht auf. Auf der Preistafel hinter seinem Rücken wird für die Strecke 450 Baht aufgeführt. Das stört ihn nicht, man kann es ja versuchen.

Zum Thema Lust und Launen ein paar weitere, kleine Beispiele, die – hier auf Phuket – zum täglichen Alltag gehören. Vorab: Fahrten innerhalb von Patong sollen 200 Baht kosten. Ein Gast möchte z.B. vom Patong Beach zu einem Restaurant an der nördlich gelegenen Kalim Beach fahren. Soll 400 Baht kosten, da Kalim ja nicht Patong sei, wie der Name schon sagt, obwohl es ein und dieselbe Stadt ist. Eine ältere Dame möchte – es regnet leicht - vom Einkaufzentrum zurück zum Hotel. Der Taxi-Fahrer fordert 400 Baht, läßt mit sich handeln, 300 Baht und da es hier im Ort viele Einbahnstraßen hat, setzt er die Dame an der Kreuzung ab und erklärt ihr, wie sie zum Hotel zu gehen habe. Für eine einfache Fahrt in die 15 Kilometer entfernte Inselhauptstadt werden 500 Baht verlangt.

Die Fahrt innerhalb von Phuket-Town kostet 50 Baht, nicht wie in Patong 200. Und bei der Rückfahrt wird der Gast wieder an irgendeiner Kreuzung ausgesetzt, mit dem großzügigen Hinweis, wo das Hotel denn zu finden sei. Versucht der Gast nun, die Rechnung wegen nicht voll erbrachter Leistung zu reduzieren, verändert sich das Lachen des Fahrers rapide in eine finstere Mine. Da hört der Spaß auf. Der Kunde sollte wissen, Taxifahrer sind bewaffnet. Er ist ihm ausgeliefert. Die Preise zum Flughafen können zwischen 700 und 1.000 Baht variieren, für die Fahrt in umgekehrter Richtung, den Transport der gerade angekommenen Gäste, wurden auch schon 2.000 Baht und mehr verlangt. Und bitte das Geld immer passend bereithalten, Wechselgeld scheint rar. Verstanden? Klar!

In einem Reiseführer über New York war einst zu lesen, der Gast möge sich nicht wundern, wenn die Taxifahrer keine Ortskenntnisse hätten, denn er, der Reisende, weile vermutlich schon länger in der Stadt, als der Taxifahrer. Das kann dem Urlauber auch in Bangkok passieren. Hier kommen noch die Sprachprobleme hinzu, der Gast spricht kein Thai und der Fahrer kein Englisch. Visitenkarten in Thaischrift sind ein gutes Hilfsmittel. Und immer wieder wird der Urlauber erleben, daß der Chaffeur einen Umweg fahren will, zum Besuch eines Schmuckladens stoppt. Denn: Er steht dort auf der Gehaltliste, bekommt für jeden möglichen Kunden 100 Baht. Der Gast darf sich auch nicht wundern, wenn die Fahrt zu einem Restaurant gehen soll und nach wenigen hundert Metern der Fahrer verkündet, dort sei heute geschlossen. Natürlich hat er eine gute andere Adresse anzubieten. Alles klar? Denn auch dort bekommt er selbstverständlich seinen Obolus.

Taxis, die in Bangkok vor einem von Touristen frequentiertem Hotel auf Kundschaft warten, treiben häufig obige Spielchen mit ihren Gästen. Wer sich 50 Meter weiter begibt, ein immer irgendwo vorbeifahrendes Taxi heranwinkt, ist da meistens besser bedient. Zur Rush Hour weigern sich viele Taxifahrer, den Gast zu bestimmten Straßen zu bringen. Wiederholte Versuche sind dann häufig zielführend. Der Gast darf sich dann aber nicht wundern, wenn er eine Stunde mit dem Taxi in einer Seitenstraße steht. Der stehende Verkehr nennt sich Rush Hour – warum eigentlich rasch.

Die Taxis auf Phuket sind nicht nur die teuersten im Land, sie dürften auch im Weltranking auf den vorderen Plätzen zu finden sein. Zahlt der Gast auf der Insel für eine Strecke von fünfzehn Kilometern 500 Baht, so könnte er für den fast gleichen Preis einen Tag kreuz und quer durch die Millionenmetropole Bangkok fahren. Nur zur Orientierung: Der Mindestlohn betrug bis Ende 2015 in Thailand 300 Baht, nicht pro Stunde, für einen Tag mit 9 Arbeitsstunden. Der Mindestlohn wurde aufgehoben, weil er für viele Regionen angeblich zu hoch gewesen sei.

Geschichten über die Praxis der Taxis ließen sich seitenweise ergänzen.

Oh, eine kleine Episode zum Abschluß: Zwei Reisende aus Indien besteigen mit ihrem Gepäck am Flughafen Bangkok das Taxi zur Fahrt in die Innenstadt. Auf der Schnellstraße kommen vom Motor komische Geräusche, STOP. Der Chauffeur steigt aus, öffnet die Motorhaube, fummelt an irgendwelcher Technik herum, schließt die Haube wieder und erkundigt sich bei seinen Gästen, ob sie kurz helfen könnten den Wagen anzuschieben. Und während der Chauffeur einsteigt, verlassen die beiden Inder das Auto, schieben und schieben, der Motor springt an und der Fahrer braust mit dem Gepäck davon.
 
Juni 2016
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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