Chiara Fabiano

Tänzerische Magie

Als ich die Bibliothek verließ, führte mein Weg mich zum großen Musiksaal. Vor den Ferien hatte ich mir von meiner Musiklehrerin ein Buch ausgeliehen und wollte sehen, ob sie da war, um es wieder entgegenzunehmen. Ich bog um die Ecke. Schon von weitem konnte man das klangfrohe Spiel klassischer Musik hören. Es waren Geigen, deren Töne den Flur ertönen ließen. Unsicher legte ich die Hand auf die Türklinke, denn es musste zurzeit jemand im Raum gewesen sein. Leise öffnete ich die Tür und achtete darauf, dass wer auch immer sich in diesem Raum befand, mich nicht wahrnahm. Vorsichtig öffnete ich die Tür einen Spalt weit und mir wurde ein unglaubliches Spektakel geboten. Die federleichten Tüllröcke einer Reihe junger Damen, es mussten um die zehn gewesen sein, erhoben sich mit jeder Pirouette, die sie drehten und nahmen eine Tellergleiche Erscheinung an. An der Reihe standen um die zehn weiteren Männer, gekleidet in weiße Ballettstrumpfhosen und blaue Samttrikots. Gespannt blickten sie auf das elegant getanzte Spiel der Damen. Ich war nicht besonders sportlich begabt, somit hatte ich auch nie viel für den Tanz übrig. Doch als ich die anmutigen Bewegungen der Damen sah, und den dumpfen Knall beim Aufkommen ihrer Spitzenschuhe hörte, fiel ich in eine Art künstlerische Trance. Das äußere verpackt in eine Hülle von Anmut, konnte man doch den künstlerischen Ehrgeiz in den sanften Gesichtszügen der Tänzerinnen erkennen. Ihre Arme schwebten in die Luft, gekonnt sprangen sie, ohne sich jede Anstrengung anmerken zu lassen. Ich konnte meine Augen nicht abwenden, merkte nicht, wie mir das Buch aus der Handrutschte und zu Boden fiel. Ich spürte einen kalten Blick in meinem Nacken, machte jedoch keine Anstalten mich nach ihm umzudrehen. Erst als das künstlerische Spiel der Damen vorbei war, die Knalle verschwanden und auch der letzte Ton der gespielten Musik verstummte, löste mein Geist sich aus der Trance und wachte auf. Die Ballerinen lachten untereinander und die Männer blieben unter sich. Nun fiel mir auf, dass ich das Buch hatte fallengelassen und bückte mich, um es wieder aufzuheben. Als ich wieder hochkam, blickten mich zwei eisige Augen an. „Wer sind Sie?“. Eine edel aussehende, ältere Dame stand vor mir, das graue Haar streng nach hinten frisiert. Sie sprach mit einem starken französischen Akzent. „Ich bin eine Schülerin, und wollte bloß das Buch zurückbringen, dass ich mir von meiner Lehrerin ausgehliehen hatte“, sagte ich unsicher. „Sie haben wirklich traumhafte Tänzerinnen“, lob ich. Die Madame fixierte meinen Körper und ließ einen abfälligen Blick über ihn wandern. „Danke sehr“, erwiderte sie. „Als ich klein war, habe ich auch mal getanzt“, sagte ich etwas zu übermotiviert. Sie hob skeptisch eine Augenbraue. „Ich verstehe“. Ungeduldig versuchte ich mich aus dieser unangenehmen Situation zu befreien. „Nun… Belegen sie diesen Raum länger?“. Die Dame nickte. „Oui“, sagte sie, „Meine Kompanie wird bis Weihnachten hier proben und sich auf ihre Show vorzubereiten“. Ich nickte hektisch. „Gut, dann werde ich das Buch einfach zum Lehrerzimmer bringen. Tschüss, äh, salut meinte ich“. Ich drehte mich um und sah, wie mich eine der Tänzerinnen, mit glattem, blondem Haar mitleidig beäugte. Als ich den Raum verließ, wusste ich wieder warum ich damals mit dem Ballett aufgehört hatte. Es war diese konkurrenzabhängige Hochnäsigkeit, die man in den Augen eines jeden Tänzers wiederfand. Sie war widerlich, unmenschlich, und solch eine Oberflächlichkeit fand man nur im Sport. Ich versuchte mir aus dem Kopf zu schlagen, wozu mich diese drei Minütige Erfahrung beinahe verführt hätte. Ich konnte nicht leugnen, dass, nur einen Moment lang, ich versucht hatte mich selbst auf dieser Bühne zu sehen. Wunderschön zu sein, sich so Elegant zu bewegen, wie diese Tänzerinnen es getan haben. Auf dem Weg nach Hause, blickte ich in manche Schaufenster, denen ich über den Weg lief und blickte auf mein dickes, widerspenstiges Haar, meine Schwarzen Stiefel und meine kurzen Beine. Augenblicklich wusste ich, dass ich niemals in diese Welt passen würde und war froh um meinen Platz in der Literaturwelt, wo ich wirklich hingehörte.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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