Christa Astl

SABINES ÜBERLEBENSKUNST 10 Ende

 
 
Angst und mutige Verteidigung
 
 
Nur noch einmal vor den großen Ferien hat Sabine Zeit, „ihre“ Hütte zu besuchen. Sie merkt sofort, es war schon jemand da, Vorräte sind eingekauft, vor allem viele Dosen Bier und einige Flaschen Schnaps. Auch liegt einiger Abfall herum, eine leere Dose ist unter den Tisch gerollt, hat letzte Spuren von Bier auf dem Boden zurück gelassen, sogar ein Zigarettenstummel liegt am Herdrand. Wer war hier? Herr Huber raucht nicht, das weiß sie, er hatte auch nie Bier hier. Hatte er Besuch?
Dürfen auch noch andere Leute hier wohnen? Gehört die Hütte nicht mehr ihr allein? Herr Huber hat nichts davon gesagt. Sabine ist enttäuscht, traurig, ihr Paradies scheint zerstört. Schon überlegt sie, gleich wieder abzusteigen. Aber die Neugier siegt doch, wer war hier? Sie mustert die gelagerten Vorräte im Regal, hat ja noch in Erinnerung, was sie beim letzten Mal hierher gebracht hat. Viel ist nicht verbraucht, aber es war einiges dazu gekommen, außer den besagten Getränken. Sie schaut auch in die Milchkammer und in den Stall. Dort ist es sauber, der sauere Milchgeruch ist kaum mehr spürbar, bald wird ja das Vieh herauf getrieben. Da hat sich der Senner, dass es ein Mann sei, dessen ist sich Sabine sicher, wohl schon seine Vorräte für den langen Sommer angelegt.
Da muss sie sich erst bei Herrn Huber erkundigen, ob sie zu diesem Mann herauf kommen solle oder überhaupt dürfe.
Sabine geht wieder nach vorne in die Wohnstube. Es riecht nach frischem Zigarettenrauch. Erschrocken bleibt sie stehen. Angst lähmt sie plötzlich. Soll sie zurück, durch den Stall hinaus und fliehen? Nein, sie hat ja den Rucksack hier, die Bergschuhe und einiges an Kleidung an der Tür hängen, und der Schlafsack liegt auch auf dem Bett. Ein Blick in die Schlafecke zeigt, dass er noch unangetastet ist. Schnell und so leise wie möglich holt sie ihre Sachen und verstaut alles im Rucksack. Gerade als sie den zweiten Bergschuh geschnürt hat, geht die Tür auf und den Türstock blockiert ein großer, kräftig gebauter, noch jüngerer Mann.
Als er das erschrockene und verängstigte Mädchen sieht, beginnt er zu lachen: „Was ist mir da für ein Vöglein zugeflogen?“ Er wirft begehrliche Blicke auf Sabine. Mit dem Mut der Verzweiflung richtet sie sich auf, stellt sich breitbeinig vor ihn hin, schaut ihm in die Augen. Meine Angst darf ich ihm nicht zeigen, auf gar keinen Fall. „Was machst du denn hier, suchst du wen?“, versucht sie ihrer Stimme die nötige Festigkeit zu geben. Ein bisschen heiser klingt sie, das Atmen fällt ihr schwer, die Angst nimmt ihr doch die Luft. Natürlich lässt sich der Mann nicht beirren, lacht noch anzüglicher und macht einen Schritt auf Sabine zu. „Na mein Vöglein, ich bin extra zu dir herauf gekommen“, und wieder lässt er sein abscheuliches Lachen vernehmen. Er steht jetzt direkt vor ihrem Rucksack. Durch Reden versucht Sabine ihn hinzuhalten und abzulenken, vielleicht geht er weiter in die Hütte, vielleicht entkomme ich durch die Tür, vielleicht bin ich doch schneller mit dem Laufen, vielleicht…. „Bist du der Almer, der den Sommer über hier bleiben soll? Ich soll nämlich in den Ferien auch da bleiben.“ Natürlich stimmte das nicht, und bei ihm würde sie nie im Leben auch nur einen Tag verbringen, aber sie redet und redet, als ob jedes Wort ihr Leben verlängern könne. Seine Antworten sind allerdings sehr dürftig, er wollte nur das Eine und lauert auf die Gelegenheit.
Der Kerl steht immer noch am selben Platz, plötzlich streckt er den Arm aus und fasst Sabines Hand, um sie an sich zu ziehen. Sie kann sich nicht wehren, wie ein Schraubstock hält er sie fest, packt mit der anderen Hand ihren Kopf und drückt seine Lippen auf ihre.
Der Zorn verleiht ihr Kräfte, jedes Mittel ist ihr recht, wenn sie ihn nur von sich wegbringt, und sie beißt zu. Blutgeschmack im Mund, stößt er sie im nächsten Moment laut fluchend zurück. Sie hat seine Lippen ordentlich zerbissen. Die Gelegenheit nützend, will sie ihren Rucksack schnappen, aber gerade noch rechtzeitig erkennt sie seinen neuerlichen Angriff. Blitzschnell dreht sie sich im Aufstehen um und versetzt ihm einen Tritt. Genau an die empfindlichste Stelle trifft sie ihn, wie gut, dass sie die Bergschuhe schon anhatte, so war der Tritt noch kräftiger!
Er jault auf, krümmt sich, hopst vor Schmerz im Zimmer herum, und flucht und schreit gotterbärmlich.
‚Nichts wie weg, ein paar Minuten wird er jetzt wohl außer Gefecht sein und mir einen Vorsprung lassen‘. Sabine rast los, weglos den ganzen Hang gerade hinab, bis der Wald sie aufnimmt und seinen Blicken entzieht. Zitternd bleibt sie stehen um zu verschnaufen. Nein, gefolgt ist er ihr nicht, aber die Angst sitzt ihr im Nacken, bis sie endlich die ersten Häuser des Dorfes erreicht.
Es war nochmal gut gegangen, doch konnte sie jemals wieder hierher kommen? Gleich am nächsten Nachmittag muss sie Herrn Huber anrufen.
In der Nacht schläft Sabine sehr schlecht, der Mann verfolgt sie immer wieder. Im Traum tritt er auf sie zu, streckt seine dreckigen Hände nach ihr aus, sie schreit auf, jetzt hat sie die Stimme, jetzt muss sie nicht mehr die Starke, Mutige sein. Da stehen Vater und Mutter an ihrem Bett. Immer wieder muss sie erzählen, Mutter stöhnt jedes Mal entsetzt auf, Vater meint, da müsse die Polizei eingreifen. Am nächsten Tag kann sie kaum dem Unterricht folgen und es fast nicht erwarten, bis sie mit Herrn Huber reden kann.
Endlich ist sie zu Hause, verschwindet gleich in ihrem Zimmer und wählt die Nummer vom Hüttenbesitzer. Mit größter Mühe gelingt es Sabine, ruhig zu bleiben. Sie fragt erst, was das für ein Mann sei, der den Sommer über die Hütte benutzt. „Ja, des is da Wast, da neie Alma, i moa, ea tuat ganz guat, do brauchst nix firchtn“. Als ihm Sabine aber ihr Erlebnis erzählt, wird der Bauer fuchsteufelswild: „ Dea Saukerle, dea vafluachte, dea wenn ma unta de Finga kimmt! Glei wea i’hn oruafn, na konn a se sei Bier und sei ganz Glumpat wieda hojn“! So wild hatte sie noch nie einen Menschen schimpfen hören! Aber sie freute sich, erst recht über seinen folgenden Satz: „I moan, do wea i des Jahr sejba gen Alm geh, mechst ma ned hejfa in de Ferien? Mia zwoa wean ma des scho dapackn!“
Und ob Sabine das wollte! Fliegen hätte sie können vor lauter Glück und Freude, vergessen war die ausgestandene Angst und die Sommerferien konnten nicht schnell genug kommen. Das Leben war herrlich!
 
 
ChA 05.01.17



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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