Ann-Kathrin Hessel

Dieser eine Freund

Ich habe diesen einen Freund.
Ich kenne ihn seit der ersten Klasse. Er war der coolste Junge der ganzen Grundschule, weil er jede Pause mit mir Verstecken gespielt und mich manchmal von der Schule bis nach Hause gebracht hat, wenn ich Angst hatte alleine zu gehen.
Später mochte ich ihn nicht mehr so gerne. Irgendwann hatte er aufgehört mich nach Hause zu bringen und angefangen mit den anderen Jungs in den Pausen Fußball zu spielen. Wenn er mich gesehen hat, drehte er sich weg und redete mit seinen Freunden.
Als ich 11 war ließen sich meine Eltern scheiden. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie es meinen Freundinnen erzählten. Meine Mutter konnte nicht mit ansehen, wie traurig ich war und rief bei ihm an. Er kam vorbei und blieb das ganze Wochenende. Wir lagen auf meinem Bett, schauten fern und er weinte fast genau so viel, wie ich. Für jede Werbepause, die ich ohne Weinen überstand, erlaubte er mir eine Kugel Schokoladeneis zu essen. Von da an ging er wieder jeden Tag mit mir nach Hause.
Die Jahre vergingen. Er kam mit Mädchen zusammen und trennte sich wieder von ihnen, aber ich war immer das Mädchen das er abends nach Hause brachte.
In der elften Klasse saß ich neben ihm im Deutschunterricht. Ich sah direkt in seine grünen Augen und verstand auf einmal, was meine Mutter gemeint hatte, als sie zu mir sagte, dass die Augen das Tor zur Seele seien. In dem Moment wünschte ich mir, dass er mehr als mein bester Freund sei, aber ich wusste, dass er das nicht wollte. Ein paar Wochen später kam er mit einer Freundin von mir zusammen. Alle erzählten, wie gut die beiden zusammenpassen würden. Sie war genauso schön und beliebt wie er. Aber ich war es, die er jeden Abend nach Hause fuhr.
An einem Abend saßen wir lange zusammen in seinem Auto. Er erzählte mir, dass er gerade die schönste Zeit seines Lebens habe. Ich sah in seine wunderschönen grünen Augen und wusste, dass er die Wahrheit sagte. In dem Moment wünschte ich mir, dass er die schönste Zeit seines Lebens meinetwegen hätte. Ich wünschte mir, dass er mehr als mein bester Freund sei, aber ich wusste, dass er das nicht wollte. Am nächsten Tag in der Schule mussten wir Aufsätze über das Thema "Erste Liebe" schreiben. Ich wusste ganz genau worüber ich schreiben wollte, aber ich konnte es nicht. Als ich meinen besten Freund anschaute, sah ich wie er meine Freundin angrinste. In dem Moment wünschte ich mir, dass er diesen Aufsatz über mich schreiben würde. Ich wünschte mir, dass er mehr als mein bester Freund sei, aber ich wusste, dass er das nicht wollte.


Ein paar Wochen später rief meine Freundin an und sagte mir, dass er mit ihr Schluss gemacht habe. Als er mich am nächsten Tag nach Hause fuhr, saßen wir stundenlang in seinem Auto. Wir redeten über unsere Freunde, über die Schule, über Musik. Er erzählte mir, dass er meine Freundin nie geliebt habe. In dem Moment wünschte ich mir, dass er mir sagen würde, dass er mich liebe. Ich wünschte mir, dass er mehr als mein bester Freund sei, aber ich wusste, dass er das nicht wollte.
Die Zeit verging. Nach dem Abitur wollte er für ein Jahr nach Kanada gehen. Auf seiner Abschiedsparty saß er neben mir und sagte, dass ich seine beste Freundin sei. Ich sah in seine wunderschönen grünen Augen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. In dem Moment wünschte ich mir, dass er mir sagen würde, dass er mich küssen wolle. Ich wünschte mir, dass er mehr als mein bester Freund sei, aber ich wusste, dass er das nicht wollte.
Die Zeit verging. Er kam wieder und erzählte er mir, dass er ein Mädchen kennengelernt habe, dass er heiraten wolle. Er stellte mir sie vor. Als er mich fragte, wie ich sie finden würde, sagte ich sie sei wunderschön. Er erwiderte, dass er die Liebe seines Lebens gefunden habe. Ich wünschte mir, dass er mehr als mein bester Freund sei, aber ich wusste, dass er das nicht wollte. An diesem Tag fuhr er mich ein letztes Mal nach Hause.


Auf seiner Hochzeit saß ich in der ersten Reihe in der Kirche. Er stand vorne im Rampenlicht. Er sah unglaublich schön und glücklich aus. Ich lächelte ihn an und er lächelte zurück. Ich sah in seine wunderschönen grünen Augen und wusste, dass sein Lächeln aufrichtig war. In dem Moment wünschte ich mir, dass ich neben ihm am Altar stehen würde. Ich wünschte mir, dass er mehr als mein bester Freund sei, aber ich wusste, dass er das nicht wollte.
Mein bester Freund zog mit seiner Frau nach Kanada. Ich blieb zu Hause.
 

Heute sitze ich wieder in der Kirche, es ist seine Beerdigung. Ich erfahre, dass er sich schon nach einigen Jahren von seiner Frau getrennt hatte. Unsere Lehrerin aus der elften Klasse hält eine Trauerrede. Sie sagt, er sei schon immer wunderbarer Schreiber gewesen. Dann beginnt sie seinen Aufsatz aus der elften Klasse vorzulesen: "Meine erste Liebe: Ich habe dieses Mädchen noch nie angesehen ohne ihr sagen zu wollen, dass ich sie liebe. Ich sehe ihr in die wunderschönen grünen Augen und wünsche mir, dass sie mehr als meine beste Freundin ist, aber ich weiß, dass sie das nicht will..."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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