Ingrid Baumgart-Fütterer

Nach der Operation: Endlich wieder aufatmen!

Erfahrungsbericht:
Nasenoperation und postoperative Behandlung

Der Riechkolben macht öfter von sich reden als man glaubt! Und das ist gut so, denn ohne die Nase wäre unsere Ausdrucksweise weniger anschaulich. Folgende Geschichte mag dies verdeutlichen.
Er hatte die Nase gestrichen voll davon, dass sie alle Nas' lang ihre Nase in seine privaten Angelegenheiten steckte. Höchste Zeit, ihr dies unter die Nase zu reiben und sich nicht länger von ihr an der Nase herumführen zu lassen. So naseweis wie sie war, schien sie ihm, was Informationen anbelangte, meist eine Nasenlänge voraus zu sein. Doch wollte er von ihr etwas in Erfahrung bringen, hatte er den Eindruck ihr die Wörter wie Würmer aus der Nase ziehen zu müssen. Aber vielleicht sollte er sich an die eigene Nase zu fassen, denn auch er behielt sein Wissen lieber für sich.

Nicht nur in literarischer, sondern auch in physiologischer Hinsicht ist die Nase ein nützliches Organ, denn sie erwärmt, befeuchtet die Atemluft und reinigt sie von Schmutz und Fremdpartikeln.
Obwohl sie mitten im Gesicht sitzt, fällt sie einem außer bei Erkältungen selten auf. So kommt es, dass ihr unermüdlicher Einsatz, solange sie einwandfrei funktioniert, als selbstverständlich angesehen wird.
Infolge einer chronischen Entzündung der Nasennebenhöhlen waren die physiologischen Funktionen meiner Nase mehr oder weniger außer Kraft gesetzt. Verstopfte Nase, ausgetrocknete Schleimhäute und Halsschmerzen infolge der Mundatmung waren nur einige der lästigen Begleiterscheinungen. Bei jedem Niesen, Husten oder Pressen drückten sich vermeintlich Glasscherben in mein Frontalhirn. Beim Vorbeugen des Kopfes hatte ich das Gefühl, mein Gehirn würde zur Nase herausfallen. Hinter Stirn und Augen tobte ein pochender Schmerz. Entlang der Jochbeine verspürte ich dumpfe Schmerzen. Ein knirschendes Gefühl in den Knochen des Gesichtsschädels zeigte an, wie sehr die Stirn- und Kieferhöhlen durch die gestauten eitrigen Sekrete unter Druck standen. Die Schmerzen dehnten sich auf den Oberkiefer und dessen Zähne aus. Im Spiegel blickte mich in immer kürzeren Abständen mein geschwollenes Gesicht aus fiebrig glänzenden Augen an. Bei jeder Sinusitis erkrankte ich an einer Laryngitis und Bronchitis. Eine Antibiotikum - Therapie löste die andere ab. Ein Teufelskreislauf, der nur noch durch eine operative Intervention durchbrochen werden konnte.

Die Diagnose lautete: Chronische Sinusitis ethmoidalis et frontalis et maxillaris bds., Septumde -
viation und Nasenmuschelhyperplasie bds., Hausstaubmilbenallergie und als Therapie war vorgesehen: Endonasale, mikroskopische Siebbeinoperation - und Stirnhöhlenoperation beidseitig, Kieferhöhlenoperation beidseitig, Septumplastik, Nasenmuschelverkleinerung, Concha bullosa -Abtragung rechts in ITN.

Entsetzliche Schauergeschichten
Kaum zu glauben, wie viele Menschen von anderen zu erzählen wußten, die das durchgestanden hatten, was mich wohl jetzt erwartete. Leider ging es in den geschilderten Fällen nicht allzu glimpflich aus - genauer gesagt, die postoperativen Beschwerden waren mindestens so unangenehm wie die vor der Operation. Welche Aussichten! Aber vielleicht hatte ich mir für dieses Thema nur die falschen Gesprächspartner ausgesucht. Auf jeden Fall wurde mir klar, dass ich mir selbst gut beistehen musste - zum Beispiel durch die Art und Weise wie ich mir gut zusprach:
"Ruhig Blut! Die Ärzte werden mit äußerster Präzision und so Gewebe schonend wie möglich ans Werk gehen. Sie werden die modernsten Operationstechniken anwenden und dabei unterm Mikroskop die winzigsten Details sehen. Unzählige Patienten haben diese Prozedur bereits (so gut wie) "heil" überstanden. Bei den erwähnten "Ausrutschern", sofern diese nicht übertrieben dargestellt wurden, kann es sich nur um Einzelfälle handeln. Und solltest du durch einen Narkosezwischenfall das Zeitlich segnen, wirst du das wohl kaum mitbekommen..."

Doch dann wurden meine tröstlichen Worte von einer Stimme übertönt, die den negativen Schilderungen Glauben schenkte.
"Noch ist es nicht zu spät, das Schlimmste zu verhindern! Teile dem Stationsarzt mit, dass du erst die konservativen Behandlungsmethoden hinreichend ausprobieren willst. Es wäre doch dumm, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Stell dir vor, es würde sich nach der Operation eine Gesichtslähmung entwickeln oder eine Gehirnblutung oder Hirnhautentzündung mit allerlei neurologischen Ausfallerscheinungen bis hin zur Erblindung oder Lähmung!

Stimme der Vernunft
Zum Glück behielt die Stimme der Vernunft die Oberhand, so dass die ärztliche Aufklärung mich von der Notwendigkeit eines operativen Eingriffs dann doch überzeugte. Angetrieben durch den Mut der Verzweiflung und innerlich gestärkt durch die Hoffnung auf Besserung schob ich bisherige Bedenken beiseite. Gottergeben legte ich mein Schicksal in die Hände der Chirurgin und
Anästhesistin. Auf dem Operationstisch blitzte meine Angst vor einer Erblindung erneut auf. "Augen zu und durch! Dein Weg ist jetzt vorgezeichnet", dachte ich mir. Gleich darauf klappten meine Augenlider herunter, und nach einem kurzen Rauschzustand verabschiedete sich mein Bewusstsein für die Dauer der Operation.
Jemand rief meinen Namen. Aus dem Nebel trat mir eine männliche Gestalt entgegen. Sie beugte sich über mich. Das Gesicht schien Besorgnis auszudrücken. Es erinnerte mich an meinen Mann. Doch bevor ich meiner Wahrnehmung trauen konnte, verschwamm die Szene vor meinen Augen und gleich darauf umfing mich dunkle Nacht.
Ein kühler Waschlappen erforschte mein Gesicht. Eine Männerstimme versuchte zu mir durch zu-
dringen doch konnte ich den Sinn ihrer Worte nicht begreifen. Mein Kopf war außen und innen wie in Watte gepackt. Mein Gott war ich müde! Wäre der Himmel über mir zusammengestürzt, hätte ich vor lauter Schläfrigkeit nicht einmal Angst empfinden können. Die Schwerkraft meiner Lider widersetzte sich meinen Bemühungen die Augen offen zu halten. Nach Angaben meines Mannes sei mit mir absolut nichts anzufangen gewesen. Er war etwa eine Stunde bei mir, tupfte das aus der Nase tropfende Blut weg und verhalf mir zu einer besseren Lage, weil ich über Rückenschmerzen klagte, an die ich mich heute nicht erinnern kann. Beim Aufwachen kam mir ein Gedicht in den Sinn, das ich gerade noch aufschreiben konnte, bevor ich erneut in diesen Zustand zwischen Sein und Nichtsein versank. Trotz der beidseitig eingelegten Tamponaden und der erzwungenen Mundatmung schlief ich mit wenigen Unterbrechungen stundenlang durch. Das Lutschen von säuerlichen Bonbons trug während der Mundatmung zur Befeuchtung der Schleimhaut bei.

Blut und Wundsekret
Beim Trinken trat die Flüssigkeit entlang der Tamponaden hoch. Das schnalzende Geräusch beim Schlucken wurde von einem Vakuumgefühl begleitet. Einmal war der Fremdkörperreiz so stark, dass ich fünfzehn mal hintereinander ziemlich heftig niesen musste. Die Entfernung der Tamponaden war für mich ein "Befreiungsschlag", auf den ich mich trotz der inneren Anspannung gefreut hatte. Während dieser Prozedur redete ich mir in Gedanken gut zu:
"Reiß dich zusammen, eine schwere Geburt ist bestimmt problematischer." Und außerdem kann das Gehirn aufgrund der anatomischen Verhältnisse gar nicht mit herausgezogen werden, auch wenn es sich so anfühlt!" Blut und Wundsekret ergossen sich in die Pappschale. Zur Blutstillung wurden mir in Otriven getränkte Tupfer ins rechte Nasenloch gedreht. Zum Glück kam die Blutung bald zum Stillstand.
Nasenflügeln und Nasenrücken hatten eine fleischige Konsistenz. Meine Augen waren geschwollen, das Gesicht wirkte aufgedunsen, war aber frei von Hämatomen. Im operierten Bereich spürte ich einen dumpfen Dauerschmerz, begleitet von einem Pulsieren. Die Nase fühlte sich steif und pelzig an, so als würde sie nicht zu mir gehören. Braunrote, grünlich schimmernde Koagel drangen aus der Nase oder wurden mit der Pinzette herausgezogen. Sie riefen in mir Bilder von Regenwürmern, Blutegel und Mutterkuchen hervor. Nach einem zwei- bis dreimaligen, äußerst vorsichtigem "Schneuzen" war mein Taschentuch voller "Blutpudding".

Postoperative Versorgung
Morgens erhielt ich eine Schmerztablette. Jeden Abend schluckte ich eine Kapsel Vibrax (Antibi-otikum) Täglich wurden Koagel und Wundsekrete abgesaugt. Zweimal erfolgte nach lokaler Betäubung eine Sinuskopie mit gezielter Absaugung. Dabei verspürte ich ein Zupfen und
Ziehen an den Zahnwurzeln, die nach dem Eingriff noch längere Zeit leicht schmerzten.
Anfangs wurden die Nasennebenhöhlen und Kieferhöhlen jeden zweiten bis dritten Tag gespiegelt und abgesaugt. Die Nase pflegte ich mit einer flüssigen Salbe nach Maiwald Salitz (Mentholi 0,05, Eucerin aquosi 2,0, Paraffin subliquidum ad 20,0).

Zur Vorbeugung von postoperativen Komplikationen, insbesondere Nachblutungen, erhielt ich folgende Instruktionen:

  • täglich 2-3 Liter trinken
  • während der nächsten zwei bis drei Wochen weder Haare waschen, noch duschen oder baden.
  • Sonneneinstrahlung vermeiden
  • Kopf nicht nach vorne beugen (statt Schnürschuhen trug ich deshalb Slipper )
  • beim Zähneputzen und Eincremen des Gesichts starkes Reiben vermeiden
  • Zigarettenrauch und körperliche Anstrengungen vermeiden
  • Nase intensiv mit weicher Nasensalbe pflegen (meine Hauptbeschäftigung während des stationären Aufenthaltes).

Wegen der Instabilität der Nasenscheidewand und Nasenmuscheln gab es während der nächsten drei Monate folgendes zu beachten:

  • Niesen mit weit geöffnetem Mund, um Druckerhöhung zu vermeiden
  • Nase weder rubbeln noch drücken oder zuhalten. (Gefahr der Sattelnasenbildung wegen Instabilität der Nasenscheidewand)
  • statt schneuzen Nasensekret abtupfen.

Nach dem stationären Aufenthalt:
  • weiterhin reichliche Flüssigkeitszufuhr
  • Ambulant alle zwei bis drei Tage Sinuskopie und Absaugung durch den HNO-Arzt vornehmen lassen
  • Nasenspülung (Nasendusche) mit Emser Salz oder (jodhaltigem) Kochsalz.
  • Nasenpflege mit speziellem Öl oder Nasensalbe (Aufbau der Nasenschleimhaut dauert fünf bis acht Monate!)
  • Verzicht auf Schwimmen wegen der Reizung der Schleimhäute durch Chlorwasser
  • Verzicht auf Saunagänge wegen der Nachblutungsgefahr
  • Überkronung von Zähnen erst etwa drei Monate nach der Operation.

Allein die Angst vor einem Krummwachsen der Nase, einem Absenken der Nasenspitze mit Sattelnasenbildung motivierte mich zur Einhaltung dieser Instruktionen! Das Steifheitsgefühl in der Nasenspitze hielt monatelang an. Beim leichten Antippen der Nasenspitze strahlte der Schmerz bis
ins Gesicht aus. Ein dumpfer, tiefer Schmerz und ein Gefühl, wie wenn man mir auf die Nase geboxt hätte, hielt ebenfalls monatelang an. Unangenehm war ein Ameisenkribbeln oder Taubheitsgefühl an der Nasenspitze, am Jochbein, am vorderen Teil der rechten Wange und in der rechten Oberlippe, das sich bei Berührung verstärkte. Hin und wieder entleerte sich seröses Sekret im Schwall. Zuvor spürte ich beim Drehen des Kopfes, oder wenn ich ihn nach vorne beugte oder in den Nacken legte, wie das Sekret hin - und herschwappte.


Es bestand die Gefahr bei körperlichen Anstrengungen wie gewohnt statt durch die Nase über den Mund zu atmen, was eine mangelhafte Belüftung der Nasennebenhöhlen zu Folge gehabt hätte.
Um dies zu verhindern, verlangsamte ich bei der notwendigen Umstellung von Mund- auf Nasenatmung meine Bewegungen. Ich hütete mich vor allem in der Straßenbahn beim Ein - und Aussteigen davor, angerempelt zu werden und dabei unversehens einen Schlag gegen die frisch operierte Nase versetzt zu bekommen. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass ich meine Nase wie meinen Augapfel hütete und ihr somit endlich die Aufmerksamkeit schenkte, die längst überfällig war.

Verfärbte Schleimhaut
Seit der Operation sind meine Nasenlöcher größer und die Nasenspitze bewegt sich beim Sprechen nicht mehr mit. Beim Gähnen verspüre ich in der Tiefe der rechten Nasenhälfte einen Narbenzug.
Die geschilderten Missempfindungen sind so gut wie verschwunden.
Die letzte Ultraschalluntersuchung und Spiegelung zeigte eine teilweise Rückbildung der Nasenmuscheln und eine gereizte, bläulich verfärbte und verdickte Schleimhaut, die Folge einer Hausstaubmilben- und Roggenpollenallergie ist. Eine Desensibilisierungstherapie wird jetzt wohl anstehen. In der rechten Kieferhöhle bildete sich postoperativ eine Zyste, die sich inzwischen abgekapselt hat. Jedenfalls lobte mein HNO - Arzt das operative Kunstwerk, das an meinen Nasennebenhöhlen und der Nasenscheidewand, die jetzt pfeilgerade sitzt, vollbracht wurde. Das Gefühl, endlich durchatmen zu können, wirkt so befreiend! Allein aus diesem Grund haben sich die Strapazen mehr als gelohnt.


Narkosegedicht

Vom Schlaf eingehüllt
wird der Tag zur Nacht
von Frieden erfüllt
man im Traum erwacht.

Das Traumgeschehen
- seine Wunderwelt -
wird bald vergehen,
es im Wachsein zerfällt.

Aus dem Schlaf erwacht
wird zum Tag die Nacht
und man spürt ganz sacht
wie die Seele lacht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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