Sven Eisenberger

“Warte nicht, warte nicht zu lang!“

Mensch, hier ist ja bedeutend mehr los als in der Kneipe, in die ich gestern Abend prätherapeutisch einkehrte! Posttraumatisch heimgekehrt, verdankte ich dem langweiligen Gastspiel wenigstens die passende Filmmusik für das mich nun erwartende Drama, sowie eine in meinem Kopf noch tief eingeschliffene Textzeile von Sven Regener. Ganz gleich, welchen Arzt ich wählte, überall nur Gedrängel, Wartestau und eine Terminvergabe, die in meinem Fall optimistisch eine überdurchschnittliche Lebenszeit voraussetzte. Schon vor Öffnung der Arztpraxis musste ich mich in eine atemberaubende Warteschlange einreihen. Konnte doch nicht sein, dass der andere deutsche Staat ein zweites Mal aus (Investitions-)Ruinen auferstanden war, ohne dass ich es bemerkt hatte! Oder war meinem überwiegend narkotisierten Ich ebenfalls unbemerkt entgangen, dass ein rasantes Bevölkerungswachstum in diesem Lande eingesetzt hatte? Vielleicht doch manipulierte Flüchtlingszahlen? Mitnichten, denn die allermeisten Schlangesteher sehen auch nicht im Entferntesten so aus, als seien sie soeben einem globalen Krisenherd entkommen, allenfalls einem privaten. Das sogenannte Gesundheitswesen treibt sein Unwesen, und niemand scheint eine passende Antwort zur Hand zu haben, außer der einen offensichtlichen: Unter keinen Umständen krank werden! Das schien den Anwesenden ebenso wenig gelungen zu sein wie mir, wenngleich das wohl nur die halbe Wahrheit zu sein scheint. Als Laiendiagnostiker würde ich sagen, dass die eigentlich um sich greifende Volkskrankheit leicht ausgemacht ist: Einsamkeit und Isolation. Der Mensch, er will bekümmert werden, den Kummer loszuwerden. Und wer könnte das besser als der gute alte Volksmediziner, der mir bald darauf in höchster Not erklärte, dass er selbst in einem Dilemma gefangen war, da er einerseits keine Zeit mehr habe für eine fachgerechte Behandlung, aber auch keinen “Aufnahmestopp” in seiner Praxis verhängen wolle – ungewollte Mikro-Analogie zwischen Gesundheitsversorgung und Politik!

Kaum hatte er mir das offenbart – auch eine neue Situation: nicht der Kranke vertraut sich dem Arzt an, sondern dieser sich jenem! -, da erblicke ich sie in der Leidenskaravane. Ich weiß zwar nicht, was ihr fehlt, denn inmitten all der Siechen und Gramgebeugten wirkt sie wie ein gemaltes Heiligenbild, doch mir wird unmittelbar wieder bewusst, was mir eigentlich fehlt. Ist nicht jede Krankheit auch eine Chance, oder vollpathetisch: Wohnt ihr nicht unweigerlich die Hoffnung auf einen Neubeginn inne? Das sind die Momente, in denen ich gerne einmal Patient bin, ein Wort, welches ja nicht vom lateinischen “patieri” (leiden) abgeleitet ist, wie fälschlicherweise angenommen, sondern situationsgemäß von “patientia” (Geduld), die zuweilen reich belohnt wird. Aber wie spricht man denn nun richtiger Weise eine Frau in einem Wartezimmer an: “Na, auch die Galle?” Oder: “Vielleicht haben wir ja dieselbe Blutgruppe?” Nichts zu sagen und auf die Gunst einer zufälligen Begegnung irgendwo in der Stadt zu warten (die dann erst nach Monaten oder nie erfolgt) – so viel Geduld würde ich nicht mal als Patient besitzen! Nein, ein Mann muss handeln, sage ich mir, und offeriere spontan meine Gesellschaft im Rahmen eines kontextgerechten Wellness-Tees für den Nachmittag. Da ich ihr angeblich bereits zwei Wochen zuvor während eines Konzertbesuchs aufgefallen war, wie ich später erfuhr, sagte sie nicht minder spontan zu, was unser beider Heilungsprozess in atemraubender Weise immens beschleunigte.
Sie werden es sich schon gedacht haben, seitdem gebe ich bereitwillig selbst wildfremden Menschen die folgende lebenspraktische Empfehlung: Unter allen Umständen krank werden!

 

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