Manfred Bieschke-Behm

Wohin mit dem Geheimnis


Ich wurde gefragt, wie alt ich war, als ich anfing Erlebtes und Ausgedachtes aufzuschreiben, alles was mich bewegte, von dem ich träumte, was ich nicht vergessen wollte, was mir Halt gab und mir Mut machte. Das ist lange her. Sehr lange. In meinem Buch des Lebens muss ich unendlich viele Seiten zurückblättern, will ich mir die Anfänge meiner Schreiblust und meines Drangs zum Schreiben vor Augen führen.
Ich sehe mich in meinem kleinen Zimmer der elterlichen Wohnung sitzen, das sich zwischen Wohnzimmer und Badezimmer und dem sich anschließenden Elternschlafzimmer befand. In meinem schmalen Zimmer stand eine Bettcouch, ihrr gegenüber ein Schrank mit einem Tisch und einem Stuhl davor. An jenem Tisch erledigte ich täglich meine Hausaufgaben, las hin und wieder oder fertigte kleine Bastelarbeiten an. Eines Tages - der Monat und das Jahr lassen sich im Nachhinein nicht mehr bestimmen - saß ich in meinem Zimmer und hatte das Bedürfnis mich mitzuteilen. Ich hätte jemanden gebraucht, dem ich meine Gedanken und mein Gefühlschaos anvertrauen kann. So jemand war nicht greifbar. So jemanden gab es nicht in meinem Leben. Meine Gedanken wollten sich nicht beruhigen deshalb stand ich auf. Ich setzte mich vor den Schreibtisch, riss eine Seite aus einem Notizblock heraus und fing an, meine Gedanken in Worte zu fassen.
Ich schreibe Dir (gemeint ist der Zettel aus dem Notizblock), weil ich niemanden habe, dem ich etwas anvertrauen kann. Meiner Schwester etwas zu erzählen hat keinen Sinn. Sie behält nichts für sich und das ist gefährlich. Na und meinen Eltern davon zu berichten, dass ich mich in meinen Lehrer verliebt habe, wäre wohl das Dümmste, was ich machen könnte. Dir erzähle ich davon. Bei Dir weiß ich, dass mein Geheimnis gut aufgehoben ist. Dir vertraue ich. Ich kann Dir doch vertrauen. Oder? Wir müssen nur dafür sorgen, dass wir unentdeckt bleiben, ansonsten sehe ich finstere Wolken am Himmel. Nun zu meiner eigentlichen Knacknuss. Passiert ist es vor circa drei Wochen. Meine Klasse bekam einen neuen Deutschlehrer. Einer von denen die Mädchenherzen höher schlagen lassen und zumindest bei mir leichte Schweißausbrüche auslösen. Nachdem Herr Schönfeldt den Klassenraum betreten hatte, war es um mich geschehen. Mein Herz war dabei Purzelbaum zu schlagen. Ich bekam leichte Schluckbeschwerden und auf meinem Stuhl rutsche ich unruhig hin und her. In meinem Bauch schienen sich Schmetterlinge verabredet zu haben und etwas tiefer – Du weißt schon was ich meine – rührte sich was. In mir schien ein Vulkan zu wüten. Ich fühlte mich freudig erregt und gleichzeitig wie in einem fremden Film. Als die Deutschstunde zu Ende war und Herr Schönfeldt den Klassenraum wieder verlassen hatte, fühlte ich mich wie ausgelaugt. Den ganzen Nachmittag dachte ich an nichts anderes als an ihn. Abends im Bett wurde es noch schlimmer. Ich wälzte mich hin und her und fand keinen Schlaf. Meine Fantasie ging mit mir durch. Ich spielte an mir rum. Danach ging es mir besser.
Ich frage Dich: Ist das normal? Ich meine, dass sich ein Junge in seinen Lehrer verliebt? Was ist, wenn er das mitbekommt? Was soll ich dann machen? Fliege ich von der Schule? Soll ich Gründe erfinden nicht mehr hingehen zu müssen? Aber was für Gründe könnte ich anbringen? Ich weiß es nicht. Es ist zum Verzweifeln.
 In der vergangenen Woche ging Herr Schönfeldt wie so oft durch die Reihen und blieb vor mir stehen. Er schaute auf mein Aufgabenheft und legte seine rechte Hand kurz auf meine Schulter. Eine angenehme Wärme durchströmte meinen ganzen Körper. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Schweißhände bekam ich und sicherlich auch einen hochroten Kopf. Ich versuchte so zu tun, als würde ich nichts spüren, obwohl bei mir die Post abging, wenn Du verstehst, was ich meine.
Während ich die letzten Worte schrieb, merkte ich, dass meine Schreibhand zu schwitzen begann. Nur noch mit Mühe ließ sich der Kuli festhalten. Ich hörte auf und versprach meinem Zettel am nächsten Tag weiter zu schreiben. Ich las mir das Aufgeschriebene noch einmal durch und spürte so etwas wie Angst. Wohin damit? Ich schaute mich in meinem Zimmer um und suchte nach einem geeigneten Versteck. Mir fiel das kleine Regal ins Auge, das über meinem Bett angebracht war und auf dem Bücher eng beieinanderstanden. Zwischen eine Mozartbiografie und Defoes Robinson Crusoe schob ich das Aufgeschriebene und legte mich ins Bett. Schlaf wollte sich nicht einstellen. Immerwährend dachte ich an das Notierte, das sich ungeschützt zwischen zwei Bücherrücken befand. Was, wenn meine Mutter beim Staubwischen den Zettel entdecken würde? Und außerdem hatte ich doch vor jeden Tag etwas aufzuschreiben. Ich konnte doch nicht alle Folgenotizen ebenfalls zwischen Mozart und Robinson klemmen. Diese Überlegungen machten mich ratlos und ließen mich schwitzen. Ich versuchte die Panikgedanken zu verdrängen, indem ich gedanklich das Thema wechselte. Was würde passieren, wenn mein Lehrer mitbekommt, dass ich in ihn verknallt bin? Was würde geschehen, wenn meine Schulkameraden davon Wind bekommen? Weil ich es im Bett nicht mehr aushielt stand ich auf. Hinausschauen und den Kopf an die Scheibe zu pressen brachte für einen Moment Entspannung. Die Notizen durften nicht da bleiben, wo sie sich zurzeit befanden, entschied ich. Aber wohin damit? Mir fiel nichts Vernünftiges ein. Im Mondlicht schnappte ich mir den Zettel, zu schnappen und zerriss ihn. Anschließend ging ich zur Toilette und übergab meine intimsten Geheimnisse der Klospülung.
„Manfred bist du das auf dem Klo?“, hörte ich meine Mutter aus dem Schlafzimmer rufen.
„Ja ich bin es. Wieso?“
„Ach nichts weiter. Ich wundere mich nur, dass du so spät noch aufs Klo gehst.“
Vorsichtshalber drückte ich noch einmal den Spülknopf. Ich wollte ganz sicher sein, dass alle Schnipsel versenkt waren. Jetzt war ich mir sicher, dass das Aufgeschriebene weggespült war, der Inhalt allerdings nicht.
„Wie oft spülst du denn noch?“, erkundigte sich meine Mutter mit schläfriger Stimme.
Ohne ihr eine Antwort zu geben, begab ich mich in mein Zimmer. Völlig aufgewühlt und enttäuscht legte ich mich hin und löschte das Licht. Frustriert beobachtete ich durch die Fensterscheibe den Mond, der sich von Wolken einnebeln ließ. Flach auf dem Rücken liegend überlegte ich, welche Möglichkeiten ich hatte Gedanken, Wünsche aber auch Enttäuschungen schriftlich aufzubewahren, ohne dass sie jemand entdecken könnte. Auch dachte ich darüber nach, wie es mir am nächsten Morgen ergehen würde, wenn ich meinem Deutschlehrer begegnete. Über diese bedeutsamen Fragen schlief ich, wenn auch nicht gleich, ein. 
Später fand sich für alles eine Lösung. Das Verliebtsein in den Lehrer hörte irgendwann auf und es wurden auch keine einzelnen „Intimblätter“ mehr produziert. Ich hatte mir ein handelsübliches Tagebuch angeschafft, für das ich einen sicheren Aufbewahrungsort fand. 
 

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