Ich parkte meinen Wagen gegenüber dem zweiflügeligen schmiedeeisernen Eingangstor des Grundstücks auf der anderen Strassenseite und warf einen kurzen Blick auf die benachbarten Häuser. Villen in den unterschiedlichsten Stilarten, in riesigen Gärten, mit ausgelagerten Gästehäusern und Garagen, die andernorts wahrscheinlich die Grundfläche eines Einfamilienhauses übertrafen. Und in dieser Strasse war auch meine kleine Schülerin zuhause. Vor beinahe drei Jahren war ich von ihren Eltern damit betraut worden, das damals gerade eingeschulte Kind davor zu bewahren, noch einmal in den Kindergarten zurückgesetzt zu werden.
Als ich das Eingangstor erreicht und den Klingelknopf gedrückt hatte, meldete sich aus dem Lautsprecher eine helle Mädchenstimme und versprach mir, mich sogleich am Grundstückseingang abzuholen. Ich lächelte, als ich das Kind wenig später auf das Tor zurennen sah, mit dem Äusseren einer Elfe, zart und feingliedrig, mit goldblondem, langem Haar, grossen enzianblauen Augen, und dem Wesen eines überschäumend quirrligen Kobolds. Und genau aus dieser ungewöhnlichen Mischung, so hatte ich damals ziemlich schnell erkannt, erklärte sich auch das augenscheinliche Versagen des Kindes im alltäglichen Schulbetrieb. Als mir dieser Umstand klar geworden war, war somit auch der Weg gefunden, auf welche Weise dieses Mädchen zu begeistern war. Darüber hatten wir uns dann auch immer besser kennengelernt, und auf diese Weise hatte ich die Kleine ins Herz geschlossen.
Am Gartentor angekommen, öffnete das Kind nun einen der beiden schweren Torbögen mit einem schnellen Griff an einen Schalter an der Innenseite der beiden gemauerten Pfosten, und drückte gleich danach strahlend meine Hand. Und ich dachte bei mir, dass wohl auch diese priviligierte Umgebung selbst, in der dieses Kind aufwachsen durfte, bewirkt haben musste, dass die Kleine ein so auffallend fröhliches, unbeschwertes Wesen besass, und auch so stark war, um auch trotz des anfänglich so unglücklichen Starts ins Schulleben keinen Schaden zu nehmen. Mittlerweile konnte ich mir auch ein ungefähres Bild von der Familie meiner Schülerin machen, und auch dieses gefiel mir. Sie waren daheim drei Mädchen, beide Schwestern waren älter als sie und die Weise, in der die Kleine von den beiden anderen sprach, liess die enge Bindung erkennen, die die drei miteinander verband.
Vor uns lag, wie ich nun erkennen konnte, ein breiter, links und rechts von Hochstammrosen gesäumter Weg aus kunstvoll verlegten Pflastersteinen, der das weitläufige Grundstück mit seinem uralten Baumbestand durchquerte und dabei schliesslich vor dem Wohngebäude endete. Die letzte Distanz dorthin legten wir dann über eine beeindruckend breite Steintreppe zurück und erreichten somit die Eingangstüre, die bereits offen stand. Ich dachte daran, was das Mädchen mir einmal vom Vater erzählt hatte. Dass dieser sich am wohlsten fühlte, wenn er in seinem Forst unterwegs sein konnte, gemeinsam mit seinen Mädchen, seinen Hunden und dem zahmen Frettchen. Dann übernachteten sie immer in der Jagdhütte der Familie, und besonders Charlotte, die mittlere Tochter, wäre dann immer so besonders glücklich.
In der hell erleuchteten Eingangshalle der zweistöckigen Jugendstilvilla wurde ich offensichtlich schon von allen erwartet. Die Hausherrin kannte ich ja bereits schon und auch die älteste Schwester meiner Schülerin, denn sie hatte die Kleine in den vergangenen Jahren immer wieder einmal mit dem Auto vom Unterricht abgeholt. Nun aber lernte ich auch den Vater des Mädchens kennen, und auch die alte Köchin, die in diesem Haus jedoch viel mehr ein Mitglied der Familie als eine Angestellte war. Schnell entstand dabei eine fröhliche, ungezwungene Situation, in der ich mich willkommen und wohl fühlte. Die Mutter meiner Schülerin, eine temperamentvolle, sympathische Frau, nahm mir die Jacke ab und während ich ihr zusah, wie sie schnellen Schrittes auf die Garderobe zusteuerte, erinnerte ich mich daran, was die Kleine einmal zu mir gesagt hatte. Dass ihre Schwester Charlotte der Mutter so ähnlich sei. Sie sei deshalb auch das mutigste der drei Mädchen, das sportlichste, und auch das klügste. Und sie hatte damals sichtlich zufrieden noch hinzugefügt, Charlotte hätte deshalb auch niemals irgendwelche Schwierigkeiten in der Schule gehabt.
Schliesslich entschuldigte sich die Köchin damit, dass man nun in der Küche nach dem Rechten sehen müsse und auch der Hausherr verliess die Eingangshalle danach mit der Erklärung, er wolle aus dem Weinkeller noch den passenden Tropfen heraufholen. Wir anderen machten uns inzwischen auf den Weg zum Speisezimmer, in dem der Tisch bereits festlich gedeckt war und der überdimmensionale Kristallleuchter in der Mitte des Raumes diesen in ein warmes Licht tauchte. Als die Suppe aufgetragen und verteilt war, nahm auch die Köchin am Tisch Platz und wir begannen zu essen. Dabei fiel mir auf, dass man ganz offensichtlich noch eine weitere Person zum Essen erwartete, die sich jedoch aber verspätet haben musste. Ich war mir dabei ziemlich sicher, dass der leere Platz der von Charlotte sein musste. Dabei rief ich mir noch einmal ins Gedächtnis zurück, wie hübsch und einladend die Zimmer der drei Schwestern vorhin auf mich gewirkt hatten. Meine kleine Schülerin hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, mich gleich nach meiner Ankunft durch das Reich der Mädchen im oberen Stockwerk zu führen. Und auch da, so beendete ich diesen Gedankengang, war Charlottes Zimmer das eigenartigste davon gewesen. Auffallend aufgeräumt, alles hatte sich auf seinem Platz befunden, jedes Detaille passte zum anderen, und zusammen ergaben sie ein kleines optisches Kunstwerk. Für ein vierzehnjähriges Mädchen erschien mir dies irgendwie etwas ungewöhnlich zu sein, und ich wartete auch deshalb schon gespannt darauf, Charlotte noch an diesem Abend kennenzulernen.
Als wir auch das Dessert beendet hatten und der Hausherr vorschlug, wir könnten doch noch im Salon ein wenig weiterplaudern, war der Stuhl am Esstisch noch immer leer. Doch mir war aufgefallen, dass man die Teller, die Gläser und das Besteck nach jedem Speisengang ebenso abgetragen hatte, wie die von allen anderen Personen am Tisch auch.
Immer wieder, so stellte ich nun fest, hatte ich darauf gewartet, dass sich die Türe des Speisezimmers öffnen und Charlotte hereinkommen würde. Darüber war ich sogar etwas unruhig geworden und es war mir dabei zunehmend schwerer gefallen, nicht nach dem Verbleib des Mädchens zu fragen. Doch ich stellte keine Fragen.
Das Gespräch im Salon verlief dann eine ganze Weile noch in der selben heiteren Weise wie zuvor am Esstisch. Doch als die jüngste Schwester dabei ihren Bericht darüber beendet hatte, wie Charlotte den Vater einmal dazu überredet hatte, sie den grossen Geländewagen für einen kurzen Augenblick selbst lenken zu lassen, wollte die Unterhaltung danach irgendwie nicht mehr zu ihrer vorherigen Leichtigkeit zurückfinden. Es schien mir, als wären plötzlich alle hier in diesem Raum, mit Ausnahme von mir selbst, mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt und eine seltsame Schwere bedrücke sie dabei. Und ich konnte mir diesen plötzlichen Stimmungsumschwung auch nicht schlüssig erklären, denn das Ende der Geschichte war doch nur, dass den beiden Insassen des grossen Wagens damals nicht das geringste passiert war, als dieser schliesslich in einem Acker gelandet war. Und erneut musste ich wieder an Charlotte denken, ich fragte mich, wo sie denn an diesem Abend blieb, und auch, weshalb sich hier im Raum ganz offensichtlich niemand um sie sorgte.
Wenig später hatte ich dann das Gefühl, als wäre es deshalb an der Zeit, mich zu verabschieden. Es war tatsächlich schon spät geworden und so bedankte ich mich bei meinen Gastgebern, die mich ihrerseits sehr herzlich verabschiedeten und mir einen guten Heimweg wünschten.
Monate später, ich hatte seither immer wieder einmal über meine rätselhafte Beobachtung an jenem Abend nachgedacht und dabei keine Erklärung gefunden, hatte ich gerade die Giesskanne auf dem Friedhof in unserer Nachbargemeinde gefüllt und war danach auf meinem Weg zum Familiengrab einer Bekannten, als ich an einem ungewöhnlichen Grabstein vorbeikam. Stehen blieb und mich wieder nach ihm umdrehte. Es war eine zierliche, weisse Elfe aus poliertem Marmor, die sich anmutig zu dem Blumenteppich hinunterbeugte, der das Grab bedeckte. Und noch bevor ich den Namen richtig gelesen hatte, der mit schlanken, goldenen Buchstaben unter der Statue eingraviert war, verstand ich plötzlich das gesamte Ausmass der Tragödie.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2017.
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Der Sehnsucht fliehend Licht: Gedichte
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