Hartmut Wagner

Bewerbung

Nach längerer, aber desto gründlicherer Überlegung entschließe ich mich

nunmehr, auf Ihr Stellenangebot in der "Südburger Allschau" positiv zu

reagieren.

Zunächst: Ich halte mich für geeignet und will auch begründen warum. Ein

kurzer Rückblick auf mein ehemaliges Arbeitsfeld vermittelt Ihnen gewiss

keinen nur oberflächlichen Eindruck meiner nicht geringen Fähigkeiten. Als

Lehrer an einem lnternatsgymnasium entfaltete ich die pädagogische Seite

meiner differenzierten Persönlichkeit zu den schönsten Blüten. Wie ich die

schwierige Aufgabe meisterte, menschliches Rohmaterial zu veredeln, bildlich

gesprochen: aus Fensterglas funkelnde Diamanten zu schleifen, möchte ich

an einigen Beispielen aufzeigen.

Meine ersten Kontakte mit der Schülerschaft verliefen äußerst demütigend.

Selbst Klassenzwerge unterer Jahrgangsstufen waren in der Lage, mich mit

einigen gut gezielten Aufwärtshaken k.o. zu schlagen, da ich nur die Mittel

geistiger Auseinandersetzungen beherrschte. Pro Schulstunde ging ich

mindestens drei Mal zu Boden und auch der Schulgong bewahrte mich nicht

davor, von böswilligen Söhnen und Töchtern des degenerierten Adels und

neureicher Maurermeister durch die Klasse geschleift zu werden. So belegte

ich einen Kurs in der hohen Kunst der Selbstverteidigung.

lm Training zog ich mir einen komplizierten Schädelbruch zu, dafür erhielt ich

jedoch nach meiner Genesung den grün karierten Gurt und die Bezeichnung:

Kleinkünstler des Selbstschutzes mit Bewährungsaufstieg. Ab sofort begann

ich, mich durchzusetzen. lch provozierte eine Auseinandersetzung mit dem

Klassenschläger des Abiturjahrgangs. Es gelang mir, ihn aus einem

geschlossenen Fenster des dritten Stockwerks auf den asphaltierten Schulhof

zu werfen, was mir bewundernde Zurufe der Schülermenge und die

Aufforderung nach einer Zugabe eintrug.

Ich wollte jedoch nicht übertreiben, denn in der lnternatsordnung stand:

"Lässt sich eine Klasse nicht anders beruhigen als durch Liquidierung des

Anführers, wählt der verantwortungsbewusste Lehrer den Zeitpunkt für die

Strafaktion so, dass die Eltern des missliebigen Delinquenten die

lnternatsgebühren für den laufenden Monat noch zu entrichten haben."

Als ich mich durch meinen Kraftakt endlich pädagogisch profiliert hatte, wurde

ich von den Schülern spontan zum Vertrauenslehrer gewählt. Die Kollegen

waren sprachlos vor Bewunderung und unterstützten meine Kandidatur für

den Lehrerrat. Oberstudiendirektor Sanft lobte mich in Anwesenheit des

Kollegiums und schlug dem Kultusminister meine Beförderung zum

Reservereferendaranwärter vor. Die stellvertretende Schulleiterin,

Oberstudienrätin im Wartestand Rülps, ergänzte das Lob durch rhythmisches

Händeklatschen. Studienrat zur Anstellung Schleimig schloss sich dem

Beifallssturm an, um nicht aufzufallen. Auch der Assessor zur Probe

Hundgeburt, ansonsten ein intellektueller Spätzünder, wollte seine

Verbeamtung nicht gefährden und bewegte seine Hände, wobei sein Gesicht

einen verklärten Ausdruck annahm. Nur Sportlehrerin Tamara Eiche, zweite

Westfalenmeisterin im Kugelstoßen, kaute selbstvergessen an ihren

Fingernägeln herum. Das führte einen Tag später zu ihrer fristlosen

Kündigung wegen mangelnder pädagogischer Fähigkeiten.

Trotz meiner Ehrung seitens hoher und höchster Stellen rissen bald wieder

schlechte Manieren in der Schülerschaft ein. Der Sohn eines

Brauereibesitzers versuchte seine Klassenkameradin Ilse, die uneheliche

Tochter einer bekannten Schauspielerin auf der Damentoilette zu

vergewaltigen, was nur durch das entschlossene Eingreifen des

Hausmeisters Derbfuß gerade noch verhindert werden konnte. Die Situation

verlangte erzieherisches Taktgefühl. Ich verfeinerte mein pädagogisches

lnstrumentarium: Statt den Übeltäter fünf Minuten im Klassenspülstein unter

Wasser zu tauchen, bis auch die letzten unberechtigten Zuckungen

aufhörten, wurde er nur zu fünfzig Kratzern mit der Drahtbürste verurteilt.

Meine kluge Mäßigung erzielte sichtbare Erfolge: Statt in jeder Woche musste

nur noch jeden Monat eine neue Klasseneinrichtung beschafft werden. Mein

Talent zur Disziplinierung ungebärdiger Schüler entspricht meiner

Begabung bei der Vermittlung kompliziertester Unterrichtsinhalte Ich

unterrichtete bisher die Fächer Ökonomie und ev. Religionslehre, eine gewiss

ungewöhnliche Kombination, die aber während eines langen humanistischen

Bildungsgangs in meiner Persönlichkeit organisch gewachsen ist.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass in meinem wirtschafts-

wissenschaftlichen Leistungskurs niemand mehr die Deutsche Bundesbank

für eine Einrichtung zur Steuerung des Geldumlaufs hielt. Jedem war klar: Bei

der Bundesbank handelt es sich um die südwestlich dem Sylter FKK-Strand

vorgelagerte Sandbank, die bei Ebbe gut sichtbar ist. Gegenteilige

Auffassungen meines ignoranten Kollegen Dr. Stolper, einer Koryphäe auf

dem Sektor der ungenauen Buchhaltung, wurden als kleinbürgerliche

ldeologie entlarvt. Dieser Pseudoökonom vertrat doch allen Ernstes die

abstruse These, die Bundesbank sei eine Sitzbank vor dem Eingang des

Bonner Bundeshauses.

lm Religionsunterricht wussten alle, dass Jesus als leitender

Computerspezialist bei IBM arbeitet. Mein katholischer Glaubensbruder, Pater

Tunichtgut, S.J., behauptete jedoch steif und fest, Jesus stehe seit Jahr und

Tag bei Schalke 04 als Torhüter unter Vertrag.

Nach dem Abriss meines pädagogischen Werdeganges, weitere Ausfüh-

rungen würden den Rahmen eines Bewerbungsschreibens sprengen, sehe

ich mich noch zu einem kleinen Hinweis genötigt. Es wird Sie sicher wundern,

dass ich mich um die Stelle eines Englischlehrers bemühe, wo ich doch von

Hause aus Theologe und Ökonom bin. Wer mich kennt, weiß jedoch, dass

mich Fleiß und angeborene Lernfähigkeit beflügeln, wenn es darum geht, die

steinigsten Geisteswüsten mit Zeugnissen fruchtbarsten Lebens zu erfüllen.

Mit diesem Gleichnis möchte ich sagen: Nach einer gewissen

Einarbeitungszeit wird mir das Englische sicherlich ebenso geläufig sein wie

die Fächer Wirtschaftslehre und ev. Religion.

lch schlage Ihnen vor, mich zunächst im Kurs l, Grundstufe, einzusetzen, auf

dieser Grundlage aufzubauen und die Anforderungen allmählich zu steigern.

Mittels dieses Verfahrens werde ich in kürzester Zeit einen Englischunterricht

bieten, der das Niveau meiner sonstigen Unterrichtstätigkeit quantita- und

qualitativ höchstwahrscheinlich noch um Längen übertrifft.

Mit ganz vorzüglicher Hochachtung und in der unumstößlichen Gewissheit

eines überaus positiven Bescheids verbleibe ich als Ihr absolut ergebenster

Alois Z. Semmelhoalter

 

 

 

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