Klaus-D. Heid

Alle meine Entchen... - oder: wie Piet die Enten lieben lernte!

Als Familie Paulsen von Hamburg-Blankenese in eine Kleinstadt bei Hannover zog, brach erst einmal eine Welt für Piet Paulsen zusammen. Weshalb musste er nun darunter leiden, dass sein Vater einen neuen Job angenommen hatte? Wieso musste Piet sich von all seinen Freunden trennen, die er kannte? Aus welchem Grund zwang man Piet, alles zu verlassen, was ihm ans Herz gewachsen war? Etwa nur, weil sein Vater meinte, noch mehr Geld verdienen zu müssen? Ging es ihnen nicht gut genug? Paulsens besaßen in Blankenese ein hübschen Haus, der Kühlschrank war immer gut gefüllt und auch die Nachbarn verstanden sich bestens mit ihnen. Warum also?

Interessierte es Irgendjemanden, dass Piet sich einen echten Stammplatz in der Fußballmannschaft erkämpft hatte? Kümmerte es den Vater denn gar nicht, dass Piet eine Menge Freunde hatte, auf die er nun verzichten musste? Und überhaupt: weshalb wurde solche Entscheidungen immer getroffen, ohne die Kinder zu fragen?

Natürlich war es Piet klar, dass er, mit seinen acht Jahren, nicht bestimmen konnte, wo der Vater zu arbeiten hatte. Trotzdem ärgerte es Piet maßlos, dass er noch nicht einmal nach seiner Meinung gefragt wurde! Eines Tages baten ihn sein Vater und seine Mutter ins Wohnzimmer, um Piet die ‚tolle Neuigkeit’ mitzuteilen.

„Und? Was ist, Piet? Freust Du Dich denn gar nicht? Unser neues Haus wird noch größer als das alte sein. Du kannst ganz viele neue Freunde kennen lernen – und wir haben Dich sogar schon im Fußballverein angemeldet! Sag schon! Freust du Dich?“

Er freute sich nicht. Er zeigte seinen Eltern aber auch nicht, wie doof er diese Entscheidung fand. Letztendlich würde es doch egal sein, was er sagte. Das neue Haus war bereits gekauft, sein Vater hatte längst einen Arbeitsvertrag unterschrieben und sogar Piets Mutter schien es nichts auszumachen, dass sie in eine völlig fremde Stadt zog. Weshalb also jammern und klagen?

Nun wohnten Paulsens bereits seit vier Monaten in Neustadt bei Hannover. Neustadt! Nicht Blankenese. Nicht Hamburg. Keine Bundesliga. Lauter doofe Jungs in Piets neuer Klasse. Und dann erst die Mädchen, die Lehrer, die Gegend und die ätzende Ministadt...

Um es kurz zu machen: Piet war todunglücklich! Mehr noch. Er schaffte es nicht, neue Freunde zu finden und hatte auch jede Lust am Fußballspielen verloren. Mit seinen alten Kumpels konnte er manchmal bis spät abends auf dem Platz bolzen oder konnte einfach nur mit ihnen rumhängen, um über die Mädchen zu lästern. Mit seinen Freunden war er regelmäßig ins Stadion gefahren, um ‚seinem’ HSV zuzujubeln. Und wem sollte er jetzt zujubeln? Dem 1.FC Wacker 05 vielleicht? Tiefste Provinz! Tote Hose! Nichts los in diesem Kaff! Gähnende Langeweile.

Das Haus, in das die Paulsens gezogen waren, war ein typisches Protzhaus. Obwohl es reichlich Platz und einen riesigen Garten bot, fühlte sich Piet darin nicht wohl. Andererseits merkte er, dass seinem Vater der neue Job wohl viel Spaß machte. Ständig erzählte er Piet, dass es bald in den ersten ‚großen Urlaub’ gehen würde.

„Was hältst Du von Kuba? Oder möchtest du lieber nach Hawaii fliegen? Thailand? Die Philippinen? Na, was meinst Du dazu? Urlaub, bis uns die Sonne in knusprige Hähnchen verwandelt hat...?“

Auch Piets Mutter schien sich bestens eingelebt zu haben. Ständig traf sie sich mit irgendwelchen Frauen, mit denen sie endlos quatschte und Kaffee trank. Sie spielte jetzt sogar im popeligen Tennisclub, weil es wohl als schick galt, dort gesehen zu werden. Piets Mutter war richtig glücklich und zufrieden! Sie war so zufrieden, dass sie nicht merkte, wie viel unglücklicher ihr Sohn von Tag zu Tag wurde.

Drei Monate hatte es gedauert, bis sich Piet durchgerungen hatte, alleine die Gegend in seinem Viertel auszukundschaften. Früher hätte er jeden Quadratmeter mit seinen Kumpels durchstreift, hätte geheime Schleichpfade entdeckt und wäre mit ihnen überall hingegangen, wo kleine Jungs normalerweise nichts zu suchen hatten. Aber in Neustadt gab es keine Freunde, mit denen er die Gegend unsicher machen konnte. Es gab nur diese bescheuerte Neubausiedlung mit den noch bescheuerteren Protzhäusern, in denen Kinder sich immer brav und artig zu verhalten hatten.

„Pass auf, dass unsere Nachbarn einen guten Eindruck von Dir haben, Piet! Ich möchte nicht, dass es heißt, wir hätten Dich verzogen!“

Sein Vater legte großen Wert auf Nachbarn. Er liebte es, wenn sie ihn respektvoll grüßten und ihn ab und zu um Rat fragten, wenn sie Probleme mit ihren Computern hatten. Piets Vater war nämlich Netzwerkspezialist für riesige Firmen, die ihn immer dann riefen, wenn sie nicht mehr weiter wussten. Dass nun die Firma, für die sein Vater arbeitete, ausgerechnet ihren Sitz in Neustadt haben musste, war ein einziges großes Unglück für Piet. Die Karriere seines Vaters bedeutete für Piet, dass er plötzlich in ein tiefes, dunkles Loch aus Einsamkeit gefallen war.

Vielleicht war gerade diese Einsamkeit der Grund dafür, dass er an einem Samstag Morgen bereits um fünf Uhr aufstand. Den Abend zuvor war er extra früh ins Bett gegangen, um auch ausgeschlafen zu sein. Er hatte darauf verzichtet, lange fernzusehen und meinte zu seinen Eltern (die überrascht aus der Wäsche guckten), dass er endlich anfangen wollte, die Gegend gründlich auszuspionieren. Nachdem seine Mutter ihn eindringlich darauf hingewiesen hatte, ja nicht zu weit wegzugehen, wandte sie sich wieder ihren heißgeliebten Frauenzeitschriften zu. Auch Piets Vater schüttelte angesichts des so zeitig ins Bett gehenden Sohnes den Kopf, bevor er sich mit irgendwelchen Zahlen und Listen herumschlug.

Als seine Eltern noch tief und fest schliefen, belegte Piet bereits ein paar Scheiben Brot mit reichlich Käse und Fleischwurst. Piet liebte Fleischwurst fast mehr, als Rumkugeln, die er natürlich wie jeder andere Junge auch, zum Fressen gern hatte. Piet schnitt die Fleischwurst in so dicke Scheiben, dass sie bestimmt viermal so dick waren, wie das Brot, das sie beinahe kümmerlich bedeckte.
Er füllte sich eine Thermoskanne mit heißer Milch, stopfte noch ein paar Kekse aus dem Wohnzimmer in seine Taschen – und machte sich auf den Weg. Langsam wurde es Tag. Auch in Neustadt. Und auch in Neustadt schien im Sommer ab und zu die Sonne. Piet freute sich darauf, einen herrlich warmen Sommertag zu erleben, der vielleicht ein klitzekleines bisschen an alte Zeiten erinnern konnte. Obwohl er ganz alleine auf Wanderschaft ging, war es doch ein neuartiges Gefühl für Piet, dem er gespannt und aufgeregt entgegen sah. Irgendetwas würde es schon zu entdecken geben.

Es musste einfach etwas zu entdecken geben!

Nachdem Piet an den Rand der Neubausiedlung gewandert war und endlich die grässlichen Protzhäuser hinter sich lassen konnte, erreichte er eine parkähnliche Gegend, die tagsüber den Müttern dazu diente, ihre blökenden Sprösslinge aufzuführen. Überall lagen Hundehaufen auf den Kieswegen, die Piet wieder einmal darin bestätigten, dass Hunde und Kinder nicht zusammen passten. Seit er einmal gesehen hatte, wie ein kleines Mädchen kopfüber in einen ekligen Kothaufen gefallen war, mochte er keine Hunde mehr. Eigentlich hat er noch nie Hunde gemocht. Er verstand es nicht, wie seine Kumpels immer von ihren ‚kleinen Freunden’ erzählen konnten, die ja ‚sooo süß’ waren. Piet war da eben anders. Vierbeiner waren nicht seine Welt. Hundehaufen fand er ekelhaft und vor riesigen zähnefletschenden Kötern hatte er mehr Angst, als vor einer Sechs in Mathe!

Auch hier war es Piet noch zu gepflegt und zu ordentlich. Es war eben genau das richtige für Spaziergänger. Es war genau das, was Piet nicht suchte!

Etwa eine halbe Stunde später, die Piet an ländlichen Gärten und Feldern vorbeiführte, näherte er sich einem kleinen verwunschen aussehenden Waldstück. Plötzlich sah er keine gepflegten Wege mehr. Plötzlich wuchs die Natur überall so, wie sie aussah, wenn man sie in Ruhe ließ! Je weiter er in Richtung Wald marschierte, desto wilder wurde es. Immer dichter standen die Bäume beieinander. Auf dem Boden lag Gestrüpp und versperrten abgebrochene Äste den Weg. Das einsetzende Tageslicht verschwand im Dunkel der Bäume.

Piet wanderte querfeldein durchs Unterholz. Sicherheitshalber kontrollierte er, ob sein Taschenmesser auch an dem Platz war, wo er es verstaut hatte. Schließlich wusste man ja nie, wem man begegnete; und Piet gehörte nicht zu den Jungs, die sich leicht ins Bockshorn jagen ließen. Immerhin war er schon ganz schön groß und kräftig für sein Alter! Mehr als einmal hatte man ihm gesagt, dass er viel älter aussah, als er eigentlich war.

In dem Moment, als Piet sich richtig wohl zufühlen begann, hörte er ein aufgeregtes Schnattern.

Noch konnte er nicht sagen, woher dieses schnattern kam, aber er nahm sich vor, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen! Mit den Händen zog er die Zweige auseinander, die ihm bei der Suche nach dem Schnattern, im Wege waren. Er störte sich nicht an den Spinnenweben, die sich von Ast zu Ast spannten, als würden sie eine Barriere gegen Eindringlinge bilden wollen. Piet stapfte mit seinen festen Schuhen immer weiter. Schritt für Schritt wurde das Schnattern deutlicher zu hören.

Und dann stand Piet vor einem kleinen Teich, wie man ihn sich in einem alten russischen Märchen vorstellt. Der Teich hatte allerhöchstens einen Durchmesser von zehn Metern. Seerosen schwammen auf ihm und eine grüne Schicht bedeckte einen großen Teil des Wassers. Ein einziger Sonnenstrahl fiel durch die Bäume aufs Wasser, als sei er der Scheinwerfer, der diesem Bild erst das besonders märchenhafte verleihen wollte. Einige Äste der Bäume hingen so nah über dem Teich, dass sie die Wasseroberfläche berührten. Ein ganz sanfter Wind ließ die Spitzen der Zweige im Teich baden und produzierte so kleine Wellen auf der grünleuchtenden Oberfläche.

Piet sah sie!

Am Rand des Teiches lief die Ursache für das aufgeregte Schnattern emsig auf und ab. Eine Entenmutter schien ihren kleinen Küken, die der Mama brav hinterhermarschierten, beibringen zu wollen, wie man sich als Ente zu bewegen hatte. Piet zählte zehn kleine Entlein. Jetzt bemerkte er auch den größeren Enterich, der mit etwas Abstand dem Treiben seiner Familie zusah, als würde er wissen, dass die Entenmutter sich auch alleine bestens um die Kleinen kümmern konnte.

Und wie die Entenmutter schnatterte! Ab und zu scherte eines ihrer Kleinen aus der Reihe – und sofort schnatterte die Mama laut ihre Befehle.

Piet setzte sich ganz leise und vorsichtig auf einen dicken Baumstumpf. Das Bild der Entenfamilie verzauberte den Jungen total. Wie gebannt verhielt er sich ganz still und holte ohne das kleinste Geräusch die eingepackten Brote aus seinem Rucksack. Der Geruch von leckerer Fleischwurst vermischte sich mit dem Duft von Tannennadeln und feuchtem Holz. Konnte es eine schönere Mischung geben? Piet machte seinen Mund weit auf und füllte seine Lungen, bevor er herzhaft in die erste Scheibe Fleischwurst mit Brot biss...

„Und wir? Isst du immer alleine? Schnatterschnatter...“

Er hätte sich noch etwas süßen Senf auf die Wurst schmieren sollen, dachte Piet. Egal! Auch so gab es nichts schöneres, als jetzt zuzubeißen.

„Bist Du taub? Wir sehen doch, was Du da isst! Komm schon! Gib uns was ab, ja? Schnatter...“

Konnte es sein, dass mit der Fleischwurst etwas nicht stimmte? War sie nicht mehr gut? Bekam er jetzt schon Halluzinationen, weil er zu gierig zugebissen hatte, oder redete da wirklich jemand mit ihm?

„Wie kann man nur so blöde aussehen! Schnatter. Hast Du noch nie Enten gehört?“

Das gab’s nicht! Unmöglich! Drehte er nun vollkommen durch? Wurde er verrückt? Stiegen irgendwelche giftigen Dämpfe aus dem Teich, oder hörte er tatsächlich eine Ente, die mit ihm sprach? Ungläubig rieb Piet sich seine Augen. Er kniff sie ganz fest zusammen und öffnete sie wieder. Er bohrte sich die Finger in die Ohren und pustete kräftig mit geschlossenem Mund, bis es in seinen Ohren knackte. Dann sah er zu der Entenmutter. Noch immer wackelte sie auf und ab und zog ihre Kleinen im Schlepptau hinter sich her. Hatte SIE mit ihm gesprochen? Blödsinn!

„Hier bin ich, schnatterschnatter! Blind bist Du auch noch? Hiiiiiiier... schnatter...!“

Da stand er plötzlich. Direkt neben Piet. Der große Enterich sah mit gestrecktem Hals zu dem Jungen und bewegte dabei seinen Schnabel.

„Na endlich! Was ist das? Schmeckt es gut? Willst Du das alles alleine futtern, schnatterschnatter?“

Es kostete Piet eine Menge Überwindung, sich nun mit einer Ente zu unterhalten. Hoffentlich sah man ihn nicht! Hoffentlich kam niemand zufällig vorbei, der ihn dabei beobachtete, wie er sich mit einem Enterich über den Geschmack von Fleischwurst unterhielt!

„Du kannst überhaupt nicht reden! Enten schnattern und reden nicht, wie Menschen!“

Während Piet das zum Enterich sagte, dachte er daran, dass er tatsächlich im Begriff war, eine Unterhaltung mit einer Ente zu führen.

„Nein? Und mit wem unterhältst du dich gerade, schnatter? Bin ich vielleicht ein Mensch, der nur wie eine Ente aussieht? Frag doch meine Frau! Ich bin eine echte lebendige Ente. Wie lebendig ich bin, siehst du ja an meinen neun Kindern, oder etwa nicht?“

„Es sind zehn! Du hast zehn Kinder, Ente!“

„Ach was? Jetzt bildest du Dir schon ein... schnatter... besser als ich Bescheid zu wissen, wie viele Kinder ich habe...schnatterschnatter...? Das Zehnte ist mein Adoptivkind. Siehst du nicht, dass es vollkommen anders aussieht, als meine Neun? Aber frag mich bloß nicht, warum ich es aufgenommen habe. Es ist eine lange und sehr traurige... schnatter... Geschichte. Wie sieht’s aus...schnatter? Gibt’s jetzt was zu essen? Zwölf hungrige Schnäbel schnattern Dir ihren Hunger entgegen, schnatter...!“

Tatsächlich wackelten nun auch die zehn kleinen Entlein im Gefolge ihrer Mutter auf Piet zu.

„Ist ja schon gut! Ihr kriegt ja was ab! Warum seid Ihr bloß so gierig? Gibt’s hier nichts zu fressen für Euch?“

Der Junge begann, das Brot in kleine Bröckchen zu zerteilen. Ohnehin machte das Brot nur einen verschwindend kleinen Teil seiner Fleischwurstkreation aus. Piet formte aus dem Brot Kügelchen und warf sie zuerst dem großen Enterich vor die Watschelfüße.

„Schnatter... Brot? Und was ist das andere da... schnatter? Riecht köstlich, Junge! Das ist doch wohl nicht alles... schnatter... für Dich alleine bestimmt, oder?“

Schweren Herzens trennte Piet sich von einer dicken Scheibe Fleischwurst, die er nun so zerteile, dass sie ausreichen müsste, der Entenfamilie einen gefallen zu tun. Dieses Mal warf er die ersten Stückchen der Entenmama und ihrem Nachwuchs zu.

„Guten Appetit! Wenn Ihr so weitermacht, bleibt für mich nicht mehr viel übrig!“

„Siehst aber gar nicht... schnatter... verhungert aus, Junge! Stell Dich nicht so an und schmeiß mir auch was von dem Zeug her. Immerhin bin ich der schwerarbeitende Ernährer meiner Familie, schnatterschnatter...! Na? Dauert es noch sehr lange, schnatter..., bis ich endlich auch meinen Teil abbekomme...?“

Es blieb ja noch genug übrig. Piet trennte sich also von einer weiteren Scheibe und warf sie dem Enterich in kleinen Stückchen zu. War das ein Bild! Mama und Papa Ente schienen noch nie etwas köstlicheres gegessen zu haben. Mit ihren Schnäbeln warfen sie immer wieder Wurststückchen in die Luft, um sie dann geschickt aufzufangen. Piet sah ihnen an, dass es ihnen schmeckte.
Ganz vorsichtig und kritisch näherten sich nun auch die kleinen Entenkinder den verbliebenen Leckereien. Natürlich war Fleischwurst nicht die gewohnte Nahrung der kleinen Schnatterinchens. Zaghaft versuchten sie also erst einmal, den Geschmack des seltsamen Futters mit den Schnäbeln zu erkunden, bevor sie es dann umso gieriger verschlangen.

Piet verstand die Welt nicht mehr.

Eben dachte er noch, dass ihn nichts in seiner neuen Umgebung interessieren konnte – und schon fand er diesen wunderschönen Platz im Wald. Er sprach mit Enten! Er konnte sich tatsächlich mit Enten unterhalten, als wären es Menschen! Oder unterhielten sich die Enten mit ihm, als wäre er eine Ente? Wieso verstanden sie ihn und wieso verstand er sie? Was war das Besondere an diesem Teich, der so merkwürdig gemalt aussah?

Während die Entenfamilie noch immer emsig Piets Frühstück futterte, fragte der Junge:

„Es ist doch nicht normal, dass ich Euch verstehen kann, oder? Irgendetwas ist doch geschehen, dass Ihr mir unbedingt erklären müsst! Sagt schon! Enten schnattern doch für gewöhnlich und reden nicht mit Menschen!“

Der Entenpapa antwortete erst, als der allerletzte Rest seiner Mahlzeit seinen Hals hinunter gerutscht war. Mit seinen großen runden Kulleraugen sah er Piet an und erwiderte:

„Schnatter! Bist Du so dumm oder... schnatter... hast Du wirklich keine Ahnung, wo Du hier bist... schnatter? Wohl noch nie etwas vom Wunschteich gehört, wie? WUNSCHTEICH! Jeder kennt doch den Wunschteich, schnatter... an dem sich ganz besondere Menschen etwas wünschen dürfen... schnatter! Diese Menschen haben dann einen einzigen Wunsch... schnatter... frei, den wir ihm erfüllen! So ist das! So, und nicht ... schnatter... anders!“

„Wunschteich? So was gibt’s wirklich? Und wieso kann ausgerechnet ich mich mit Euch unterhalten? Warum können das nicht auch alle anderen Menschen?“

„Schnatterschnatter! Hab ich’s nicht gesagt? Nur GANZ BESONDERE Menschen... schnatter... können uns verstehen! Offenbar ist jemand der Meinung, dass ... schnatter ... Du etwas Besonderes bist! Vielleicht liegt es ja daran, dass Du ...schnatter... besonders einsam und traurig bist? Es stimmt doch wohl, dass ... schnatter... Du todunglücklich über den Umzug nach Neustadt warst, oder? Wie es aussieht, ... schnatter ... hat jemand ein Interesse daran, dass Du wieder ein ...schnatter... sehr glücklicher Junge bist! Falls Du ... schnatter ... uns noch ein wenig von Deinen köstlichen Leckereien abgibst, könnte ich ... schnatter ... mich überreden lassen, Dir einen ... schnatter ... Wunsch zu erfüllen! Einverstanden? Kommen wir ins Geschäft, ...schnatterschnatter?“

„Ein Wunsch? Ich darf mir tatsächlich etwas wünschen? Und Ihr Enten könnt mir diesen Wunsch erfüllen? Ganz egal, was es ist?“

„Schnatter ... ganz egal, was ... schnatter ... es ist!“

„Einverstanden! Aber zuerst wünsche ich mir etwas – und dann gibt es für Euch alles, was noch von meinen Broten übriggeblieben ist. Ja?“

„Gut, gut! Und? Wird’s bald... schnatter? Wir haben noch Hunger!“

Und Piet dachte angestrengt nach. Was konnte er sich wünschen? War es richtig, wenn er sich wünschte, wieder in Blankenese zu wohnen? Was würde das für seine Eltern bedeuten? Sein Vater und seine Mutter schienen sich hier in Neustadt sehr wohl zu fühlen! Sollte er sich seine Kumpels nach Neustadt wünschen? Wie würde es ihnen gefallen, plötzlich ohne ihre Eltern zu sein? Konnte er ihnen das antun? Durfte er das? Und Fußball? Wie wäre es, wenn er sich wünschen würde, der beste Fußballer aller Zeiten zu werden? Vielleicht konnte er sich sogar wünschen, in ein paar Jahren beim heißgeliebten HSV zu spielen? Aber war das wirklich das Wichtigste, was er sich wünschen konnte?

War es wirklich so wichtig, dass er seinen einzigen Wunsch dafür verbrauchte?

„Sagt mal, Enten; wie ist das denn? Wenn ich mir etwas gewünscht habe, kann ich doch auch weiterhin mit Euch reden, oder?“

„Natürlich ... schnatter ... nicht! Sobald Du Deinen Wunsch gesprochen hast, sind wir wieder ganz normale ... schnatter ... Enten für Dich. Diesen verzauberten Ort gibt es nur für ... schnatter ... jene, denen ein einziger Wunsch erfüllt werden darf ... schnatterschnatter... !“

Piet überlegte. Er würde also in Neustadt bleiben. Er würde auch ohne Enten wieder Spaß am Fußballspielen finden. Eines Tages würde er auch alt genug sein, um wieder nach Blankenese ziehen zu können. Also?

„Ich hab’s! Mein Wunsch lautet also...“

„Na... schnatter ... sag’s schon endlich!“

„Mein Wunsch lautet also, dass ich für alle Zeiten hierher kommen kann, um mit Euch zu reden!“

Jetzt richteten sich zwölf verblüfft dreinschauende Augenpaare auf ihn. Offenbar hatte sich Piet etwas gewünscht, mit dem die Enten nicht gerechnet hatten.

„Schnatterschnatterschnatter! Bist Du Dir ganz sicher? Schnatter? Du willst deinen einzigen Wunsch verplempern, um Dich mit uns unterhalten zu können ... schnatter?“

„Ganz sicher!“

„Tatsächlich ... schnatter?“

„Tatsächlich!“

„Schnatter ... bestimmt?“

„Bestimmt!“

Von diesem seltsamen, ungewöhnlichen Tag an, besuchte Piet die Entenfamilie regelmäßig. Seine Mutter wunderte sich zwar, dass Piet mit einem Mal viel mehr Fleischwurst aß, als es vorher schon der Fall war; aber sie freute sich, dass ihr Sohn endlich glücklich war. Auch Piets Vater staunte nicht schlecht, dass der Junge plötzlich viel mehr Spaß am Fußballspielen im Verein hatte. Es dauerte gar nicht lange, bis Piet zu einem der besten Spieler des Wacker 05 Neustadt wurde. Piet lernte ganz viele Freunde kennen, mit denen er fast soviel Spaß hatte, wie mit seinen alten Kumpels.

Nur manchmal, ganz früh morgens, machte sich Piet mit Fleischwurstbroten bewaffnet, auf den Weg in den Wald. Er achtete sehr gut darauf, dass niemand ihm folgte.

Die Entenfamilie und Piet wurden zu richtig guten Kumpels.

Vielleicht gibt es ja diesen verwunschenen Teich wirklich? Wer weiß das schon,

schnatterschnatter...?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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