Wolfgang Küssner

Gewichtsverlust durch Gesichtsverlust

Bei der Recherche zu dieser Kurzgeschichte entdeckte der Autor bei Wikipedia folgenden Satz der Erklärung: „Nach chinesischer, aber auch nach thailändischer Denkweise hat jeder Mensch ein Gesicht.“ Das mit dem Gesicht ist schon eine fundamentale Erkenntnis. Erinnerungen an eine revolutionäre Entdeckung des einstigen Bundespräsidenten Heinrich Lübke vom 6. Mai 1965 werden wach. Er schockte zum damaligen Muttertag die Fachwelt mit dem Expertenwissen: „Jeder von uns hatte eine Mutter.“ Wer hätte das gedacht? In diesen Zeilen soll es allerdings nicht um Lübke oder den Muttertag gehen, vom Gesicht bzw. dem Verlust eines solchen soll hier zu lesen sein.

Das obige Wikipedia-Zitat ist natürlich aus dem Kontext gerissen und sollte so allein nicht stehen bleiben. Erklärend heisst es dort weiter: „Das Gesicht wird durch soziale Anerkennung gegeben oder durch Missachtung entzogen. Das Gesicht eines anderen zu wahren, heißt, Schwachstellen nicht bloßzulegen. Wer Ansehen gibt, gewinnt damit selbst zugleich Ansehen. Wer einem anderen das Gesicht nimmt, hat damit seines auch verloren.“

In europäische Verhältnisse übersetzt, wäre es relativ einfach, wenn statt „Gesicht“ von Reputation oder von Ehre gesprochen würde. Die Reputation einer Marke, eines Produktes, einer Firma, einer Organisation, einer Gruppe, einer Person ist für den täglichen Umgang, für das Vertrauen relevant. Eine gute Reputation, die Ehre kann natürlich auch aufs Spiel gesetzt oder gar verspielt werden. Raffgier, Betrug, Täuschung, Enttäuschung, Lüge und Ähnliches koennen ausschlaggebend für den Verlust an Reputation, an Ehre sein.

Das „Gesicht“ in der Kultur, im Verständnis einiger asiatischer Länder ist filigraner, ist allumfassender, geht über das in Europa bekannte und praktizierte Verständnis von Reputation, von Ehre hinaus. Ein paar Beispiele moegen dieses verdeutlichen:

Es liegt nahe, daß sich ein Urlauber in Thailand bei einem Thai nach dem Weg zu seinem Reiseziel erkundigt. Ob der gefragte Einheimische den Weg nun kennt oder nicht, er wird überzeugend in eine Richtung weisen. Da werden beim Touristen keine Zweifel aufkommen. Ob der Suchende allerdings sein Ziel erreicht, das sei dahingestellt. Der Thai wollte sein Gesicht wahren, sich nicht die Bloeße eines Unwissenden geben, er hat einfach in eine Richtung gewiesen. Nebenbei gesagt, hätte der Ausländer einen zweiten, einen dritten Thai nach dem Weg gefragt, man hätte ihm eventuell zwei alternative Wege gewiesen. Übrigens jeweils mit voller Überzeugung. So lernt man dann Land und Leute kennen.

Ein thailändischer Unternehmer moechte einen Mitarbeiter entlassen, der sich als Null, als totaler Versager erwiesen hat. Geht nicht. Man müsse sich leider trennen, da man momentan keine seinen Fähigkeiten entsprechenden Aufgaben zu vergeben habe. Sollte sich die Situation ändern, dieses wieder der Fall sein, werde man sich natürlich sofort seiner erinnern. Geht doch, aber ein bißchen eleganter.

Der Reisende aus dem Westen ist gut beraten, wenn er einem Thai nicht Fehler seines Handels, seines Verhaltens, seiner Strategie, seiner Politik vorwirft, sondern stattdessen Alternativen aufzeigt, auf die jeweiligen Konsequenzen, Auswirkungen seines Handelns hinweist und somit dem Gegenüber die Moeglichkeit offeriert, zu korrigieren, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wer vor seinem Richter steht, wegen Koerperverletzung, gar Totschlag oder Mord angeklagt wurde – ich hoffe, diese Zeilen bleiben Theorie -, kann auf mildernde Umstände hoffen, wenn er  seine Tat, sein Handeln mit Wahrung seines Gesichtes, mit Abwendung eines zu befürchtenden Gesichtsverlustes, mit Wiedererlangung seines Gesichtes überzeugend begründen kann. Das Gesicht kann in einem solchen Fall ein ganz schoenes Gewicht haben.

Übrigens: Urlauber in Thailand, die krakelend durch die Straßen ziehen, in Badehose, Bikini oder gar Unterhose zum Einkaufen in den Supermarkt gehen, in Unterhemd oder gar mit freiem Oberkoerper Restaurants besuchen, oder in diesem Zustand oeffentliche Verkehrsmittel nutzen, laut schreiend kommunizieren, arrogant und klugscheißerhaft daherkommen, sich am Strand Oben-Ohne präsentieren, die Thais als Kokusnüsse bezeichnen und sich entsprechend überheblich verhalten, haben längst ihr Gesicht verloren. Sie wären für einen Thai das, was wir in Europa vielleicht als Arsch mit Ohren bezeichnen würden. Aber: Die Thais sind auch hier hoeflich und sagen es nicht. Doch: Diese Gäste dürfen sich nicht wundern, wenn sie von den Gastgebern nur noch auf das Portemonnaie reduziert werden, das man um moeglichst viele Euros, Dollars oder was auch immer erleichtern muss.

Wer andere Personen herabwürdigt, erniedrigt, gar beleidigt und somit einen Beitrag zu deren Gesichtsverlust leistet, darf sich nicht wundern, wenn das als Niveaulosigkeit empfunden wird, mit dem Verlust des eigenen Gesichtes einhergeht. Weitere Beispiele aus allen Bereichen des Umgangs miteinander, ließen sich hier ergänzen.

Etwas mehr Augenhoehe, etwas mehr Gesichtswahrung, mehr Akzeptenz und Toleranz würde vielen Europäern sicherlich auch gut stehen. Mehr Gesicht statt Ellbogen wäre wünschenswert.

Ob nun Reputation oder Ehre oder Gesicht, es ist schon ein sprichwoertliches Pfund, ein Gewicht, was da jeweils auf dem Spiel steht. Und eventuelle Einbußen, Verluste liegen in der Hand jedes Einzelnen. Man verliert keine Kilos, nimmt aber deutlich an Bedeutung ab. Denn eines ist sicher: Gesichtsverlust führt zu Gewichtsverlust.

 

Juli 2016

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