Annelie Kelch

Das Zeichen

In jenem schicksalhaften Sommer in Wyoming, als ich 14 wurde, fiel ein dunkler Schatten auf mein damals rundum glückliches Leben; ein seltsames Ereignis, das bis heute wie ein Krebsge­schwür in meinem Gedächtnis nistet, verdüsterte die darauf fol­genden Jahre zwischen Kindheit und Erwachsensein, wenn­gleich die an meinem Gewissen nagenden Selbstvorwürfe, die mich bei jedem Blick in die Vergangenheit aufs Neue plagten, im Laufe der Zeit an vernichtender Kraft verloren haben. Aber ich will von vorn beginnen: Nachdem mein Vater Deutschland verlassen hatte, um eine Arbeitsstelle als Chefkoch in einem Luxushotel in Paris anzutreten, und unsere Familie kurz darauf entzweibrach, packte auch meine vom Leben enttäuschte Mutter das Fernweh und sie besann sich auf meinen Großonkel Frank Rentzi, ihren einzigen noch lebenden Verwandten, der vor drei­ßig Jahren in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und sich in der Nähe von Cody, einer Kleinstadt im Staate Wyoming, als Farmer niederließ. Mein abenteuerlustiger Großonkel, ein rüstiges Raubein Mitte Sechzig, war im Nebenjob Herausgeber eines landwirtschaftlichen Journals, das monatlich in einer Auf­lage von 40.000 erschien und den Titel „Many a little makes a mickle“ (Kleinvieh macht auch Mist) trug. Dieser Fachzeitschrift galt seine große Leidenschaft. Als Mutter mir eines Tages eröff­nete, nun sei es bald soweit, wir zögen in wenigen Monaten zu Onkel Frank ins „Indianerland“, war ich hellauf begeistert.

Sein uraltes Farmhaus, anno 1865 von frühen Siedlern in dieser unendli­chen Weite erbaut, war mir von etlichen Fotografien und enthu­siastischen Berichten, mit denen er uns an Weihnachten und Ostern zu beglücken pflegte, nur allzu gut vertraut. Von einer unverglasten hölzernen Veranda umgeben, die mit opulenten Pflanzkübeln, in denen Tigerlilien in sämtlichen Farben blühten, liebevoll dekoriert war, entfachte das stattliche Gebäude in meiner Mutter wahre Begeisterungsstürme. Die Farm lag an die 5000 Fuß hoch am Shoshone River, weniger als 50 Kilometer östlich vom Yellowstone National Park, und wurde von zwei imposanten Gebirgszügen, dem Heart Mountain und dem Carter Mountain, flankiert. In seinem letzten Weihnachtsbrief hatte Onkel Frank geklagt, dass nicht nur Joanna, seiner langjährigen Haushälterin, die noch etliche Jährchen mehr auf dem Buckel hatte als ihr Chef, die Arbeit im Haus und auf dem Hof über den Kopf wachse, auch Little Red Cloud, seine treue „farmhand“ und Nachfahre von Sitting Bull, dem einstmals berühmt berüchtigten Häuptling der Hunkpapa‑Sioux, beklage sich über ein Ausmaß an Arbeit, das er allein nicht mehr bewältigen könne. Mutter fühlte sich nach reiflicher Überlegung dazu berufen, nicht nur Joanna im Haushalt und auf den Gemüsefeldern zur Hand zu gehen, sie wollte auch Onkel Frank in dessen Redaktion unter­stützen, damit er in einem stärkeren Maße als bisher für das Milchvieh sorgen könne, denn zur Farm gehörten damals rund sechzig Milchkühe und mehr als ein Dutzend Kälber. Obwohl ich zwei enge Freunde in Hamburg zurücklassen musste, die mir während der Schulzeit mächtig ans Herz gewachsen waren, freute ich mich riesig auf den Cowboystaat Wyoming. Einen guten Steinwurf von der Farm entfernt, in Cody, fanden von Juni bis August allabendlich grandiose Cowboy-Wettkämpfe statt, mal ganz zu schweigen von den spektakulären Events in Cheyenne, der Stadt mit dem größten Freiluft-Rodeo auf der Welt.
Wir siedelten zu Beginn der Sommerferien, Mitte Juni, in die Vereinigten Staaten über. Ende August sollte für mich die Schule in Cody beginnen. Ich gewöhnte mich schnell an mein neues Zuhause, und das zurückgezogene Leben auf der Farm, das hauptsächlich aus Arbeit bestand, war alles andere als öde; da­für sorgten allein schon die vielen Tiere, die gefüttert und um­sorgt werden wollten.
Südwestlich unserer Farm, an der Landstraße zwischen Cody und Jackson, lag die Ferienranch von Mr und Mrs Adams, dessen Sohn Steven die Schulbank mit mir teilte. Er wurde mein bester Freund, und wir waren schon nach wenigen Wochen un­zertrennlich.
In jenem verhängnisvollen Sommer, als ich 14 wurde, beschlos­sen Stevie und ich, unser Taschengeld aufzubessern. Onkel Frank unterbreitete uns ein lukratives Jobangebot. Wir sollten die Farmer und Rancher aufsuchen, denen er Werbeexemplare seines Landwirtschaftsjournals geschickt hatte, und sie davon überzeugen, wie positiv sich der Abschluss eines Abonnements auf ihren Betrieb auswirken könne. Sein Blatt unterstütze sie in ihrer Arbeit mit wertvollen Tipps und Tricks. Für jeden Jahres­vertrag, den die Präriebauern und Viehbarone nach unserem Besuch bei ihm abschlössen, winkten jedem von uns zwanzig Dollar. Stevie und ich waren Feuer und Flamme. Und obwohl jener unheilschwangere Sommer im Begriff war, alle Hitzere­korde zu brechen, freuten wir uns wie Schneekönige auf die meilenweite Tour mit unseren Mountainbikes. Wir brachen kurz nach dem lunch auf; Onkel Frank und Mutter waren über Mittag in der Redaktion in Cody geblieben, und als Stevie mich abholte, war Joanna während ihrer Verschnaufpause auf der hinteren Veranda eingedöst, während Little Red Cloud auf den Koppeln hinter den Stallgebäuden Weidezäune reparierte. Ich führte Stevie mit feierlicher Miene in Onkel Franks Arbeitszimmer und schenkte uns aus der Whiskyflasche, die auf dem Schreibtisch stand, einen „Jack Daniels“ ein. An jenem Tag trank ich den ersten Whisky meines Lebens; sein Geschmack enttäuschte mich maßlos. Wir schüttelten uns wie junge Hunde, als das scharfe Zeug durch unsere jungfräulichen Kehlen rann.

Auf der Landstraße zwischen Cody und Yellowstone kroch die Mittsommerhitze wie ein Moloch aus dem Asphalt, der in der Sonne wie ein Spiegelei brutzelte. Ich gab mich, wie jedes Mal, wenn ich außerhalb der Farm unterwegs war, der Hoffnung hin, einem Indianer aus dem Wind River Indian Reservat zu begeg­nen ‑ Indianer gehören zur Kultur von Wyoming wie die Rodeo-Events ‑, aber einzig und allein ein Fernbus, ein schnittiger Grey­hound aus Pittsburgh, kroch uns entgegen. Von den Nachfahren der Shoshoni und Cheyenne war ich selbst zwei Jahre nach unserer Übersiedlung immer noch wie besessen, obwohl die Burschen mit den hohen Wangenknochen und dem stolzen, unergründlichen Blick im Alltag weder Adlerfedern noch Zöpfe aus Büffelgras trugen und ich außerdem Tag und Nacht Little Red Cloud in meiner Nähe wusste, mit dem ich mich fast so gut verstand wie mit Stevie. Meinen Vater, der uns hin und wieder besuchte, vermisste ich kaum noch.
Die Ranches lagen kilometerweit voneinander entfernt, aber wir radelten frohgemut durch die karge Prärielandschaft und atme­ten den strengen Geruch vom ausgebleichten Wüstenbeifuß. Nur hin und wieder taten sich Ebenen auf, die kurzes, struppiges Bisongras trugen.

Als wir sechs Zusagen so gut wie unter Dach und Fach hatten, wollte Stevie umkehren ‑ wir näherten uns derweil Pahaska Tepee ‑, aber ich hatte Blut geleckt und überredete ihn weiter­zufahren ‑ was mich heute noch reut ‑, obwohl die Gegend zu­nehmend öder und menschenverlassener wurde. Wyoming ver­fügt über endlose Weiten, müssen Sie wissen. Man kann tage­lang durch ein Tal wandern, ohne einer Menschenseele zu be­gegnen. Wir saßen nach einer kurzen Rast gerade mal fünf Minuten auf unseren Sätteln, als linker Hand - als habe Wakan Tanka, der Große Geist der Sioux, sie dorthin gezaubert - eine Farm auftauchte, die nicht nur extrem heruntergewirtschaftet war, sondern obendrein einen derart bestialischen Mief ver­strömte, dass ich zügig vorbeiradeln wollte, aber Stevie sagte: „Lass uns mal nachschauen, was dort los ist, Oliver, das könnte die Umweltbehörde in Cody interessieren.“ Wir lehnten unsere bikes an den verrotteten Zaun, der einen verwahrlosten Garten mit hüfthohem Gras und einen vermüllten Vorhof von der Straße abgrenzte, und betraten zögernd das Grundstück. Das marode Farmhaus wirkte im glühenden Sonnenlicht wie ein ausgebliche­ner Riesenzuber. Sein tief heruntergezogenes, lückenhaftes Dach war mit grauen Schindeln bedeckt und unter den von Staub und Schmutz getrübten Fensterscheiben befand sich kein einziges, das nicht zerbrochen war. Vor dem Tor einer verfallenen Scheune stand ein rostiger Pick-up, auf dessen Ladefläche sich prall gefüllte Plastiksäcke stapelten, aus denen Abfall quoll, der zum Himmel stank. Es roch ekelhaft nach verdorbenem Fisch, und wir dachten zuerst, hier züchte jemand Bären, die mit Fischen gefüttert würden, bis wir die mannshohe Weißdornhecke neben der Veranda entdeckten. Sie war das Einzige, das an diesem zweifelhaften Ort in Blüte stand, wenngleich sie nicht im mindesten dazu geeignet war, den übel riechenden Dunstschleier, der über der Farm hing, positiv zu beeinflussen. Mich hatte eine unerklärliche Angst gepackt, und Stevies Stimme klang, als erginge es ihm ähnlich. Er rief betont munter: „Oh, prima, ein Windspiel. Das hält die Grizzlys fern, die im Shoshone River ihren Durst stillen und danach auf Ent­deckungsreisen gehen.“ Er deutete auf eine halbwegs intakte Glockendekoration aus Keramik, die unter der verrotteten Ve­randadecke angebracht war.
„Falls es nicht gerade windstill ist“, warf ich feixend ein. Die windstillen Tage in Wyoming konnte man nämlich an zehn Fingern abzählen. Mehr als ein halbes Dutzend im Jahr kamen selten zusammen.
„Ist es doch, Olli“, grinste Stevie, „den ganzen Tag schon. Oder spürst du auch nur den Hauch einer Brise?“ Mir war die Flaute bislang nicht aufgefallen, aber Stevie hatte Recht. Es war windstill. So windstill wie es nur sein konnte. Windstiller konnte es wahrhaftig nicht werden. Die glühend heiße Luft lag über dem weiten Land wie unter einem gigantischen Schirm, der sich aus dem Himmel herabgesenkt hatte, und kämpfte gegen die üble Pestwolke, die von der Farm aufstieg und es einem schwer machte, unbefangen zu atmen. Hinzu kam eine lauernde, beinahe unheimliche Stille ... nicht nur, dass kein einziger Vogel sang und keine Zikade zirpte, noch nicht einmal Mücken schwirrten umher. Wir entdeckten auch keine Ratten, die sich in Milieus wie diesem gemeinhin wie zu Hause fühlen. Es ging etwas Unheilvolles und gleichzeitig Traumverlorenes von diesem Ort aus, was gewiss nicht allein am gleißenden Sonnenlicht lag. Der Müll, der, wie schon erwähnt, einen beißenden Geruch verströmte, schien nicht das Einzige zu sein, dass auf diesem Hof faul war. Stevie und ich standen mit hängenden Armen auf dem herrenlosen Terrain herum, als gäbe es nichts auf der Welt, das uns mehr in seinen Bann zöge.
„Man sollte den ganzen Krempel abreißen, bevor noch mehr Leute auf die Idee kommen, ihren Müll hier abzuladen“, brach Stevie endlich unser Schweigen und hielt sich die Nase zu. „Lass uns umkehren, Olli, morgen ist auch noch ein Tag. Wir könnten gegen Abend, wenn es nicht mehr so heiß ist, Richtung Süden unser Glück versuchen.“
Ich stimmte begeistert zu. Südlich von Cody ging es zum Wind River Indian Reservat, und die Chancen standen nicht schlecht, dass uns unterwegs ein paar Shoshonis über den Weg laufen würden.
Stevie hatte schon kehrtgemacht, aber ich stand noch immer wie gelähmt auf derselben Stelle, als fiele es mir unsagbar schwer, meinen Blick von der vermüllten Ruine abwenden, als das Windspiel, wie von Geisterhand angestoßen, plötzlich zu schep­pern begann. Stevie fuhr herum und starrte ungläubig auf die wirbelnden Keramikfiguren, fünf himmelblaue Glockenblumen, die durch einen Dschungel von Spinnweben wild hin und her schwangen, obwohl nicht der kleinste Hauch eines Luftzugs zu spüren war. Wir blickten eine Weile fassungslos auf den rätselhaften Spuk. Die Töne wurden von Mal zu Mal lauter und entwickelten eine Heftigkeit, die die Glockenfiguren unter der Verandadecke toben ließ, als läute Satan Sturm, um einen Bombenangriff anzukünden. Sekunden später dröhnten die Schellen wie zu einer Totenmesse, und noch bevor wir uns von dem Gedonner erholen konnten, erklang plötzlich ein Schluchzen ‑ in einer hohen, kindlichen Frequenz, wie in einem schlechten Horrorfilm. Das Greinen hörte sich künstlich und dermaßen abstoßend an, dass es anstelle von Mitleid pures Entsetzen in uns auslöste.
„Nichts wie weg hier", rief Stevie, der leichenblass geworden war. Wir stürmten zu unseren bikes, sprangen auf die Sättel und rasten davon. Eine Kakophonie von Tönen dröhnte wie Paukenschläge hinter uns her, aber wir wandten uns kein einziges Mal um.
Wir hatten die Farm meines Onkels fast erreicht, als Stevie un­ser beredtes Schweigen brach.
„Da hat eine Brise geweht, Olli“, sagte er mit Nachdruck. „Du, da muss ein Lufthauch gewesen sein.“
„Ein Lufthauch?“, fragte ich zweifelnd. „Weshalb nicht gleich ein Orkan, Stevie? So unbändig wie sich das Windspiel aufgeführt hat.“
Wir blickten uns an und brachen in Gelächter aus, obwohl keinem von uns beiden zum Lachen zumute war, aber das Gewieher befreite uns von dem Unbehagen, das während der Rückfahrt an unseren Herzen genagt hatte, und ich konnte es nicht lassen und witzelte: „Einst hing in Wyoming ein Windspiel, das klimperte munter im Wind viel. Kam ein Grizzly vorbei, biss das Windspiel entzwei; seither ist es dort meistens windstill.“ Stevie wollte sich ausschütten vor Lachen, obwohl ich weiß Gott schon weitaus amüsantere Limericks zum Besten gegeben hatte.
Wir trennten uns vor der Auffahrt zu Onkel Franks Farm, nach­dem wir beschlossen hatten, unser gruseliges Abenteuer vorerst für uns zu behalten. Stevie bezweifelte, dass sein von Natur aus besorgter Vater ihn ein zweites Mal über die Dörfer würde radeln lassen, wenn er von jenem unerklärlichen Ereignis erführe.
Zwei Tage später, ich saß wie jeden Morgen am Küchentisch und vertilgte Cornflakes mit Milch und Früchten, die Joanna für mich zuzubereiten pflegte, während Mutter um diese Zeit das Kleinvieh versorgte, fiel mein müder Blick auf die „Cody Today“, ein Tageblatt, das Onkel Frank abonniert hatte. Nachdem ich die headline und die ersten Sätze des Aufhängers überflogen hatte, war ich mit einem Schlag hellwach. Über einem zweispaltigen Bericht, der mit zwei Fotos versehen war, stand in riesigen schwarzen Lettern: „Entführte Kim nach dreißig Tagen in abbruchreifer Farm zwischen Cody und Yellowstone tot gebor­gen.“ Meine Hand begann dermaßen zu zittern, dass ich außer­stande war, den Löffel zum Mund zu führen. Ich verbarg meine Aufregung so gut es ging, aber Joanna, die am anderen Tisch­ende saß und Bohnen schnippelte, hatte mich beobachtet.
„Furchtbar, nicht wahr“, sagte sie. „Das arme kleine Ding.“ Sie schob die Zeitung zu mir herüber, und ich betrachtete wie durch einen Nebelschleier die beiden Aufnahmen. Das erste Bild zeigte ein blondgelocktes kleines Mädchen, das fröhlich in die Kamera lachte. Auf dem zweiten Foto erkannte ich die verwahrloste Farm ‑ das mysteriöse Windspiel hing fromm und friedlich, als könne es kein Wässerchen trüben, unter der vermoderten Veranda­decke. Joanna nahm mir die Zeitung weg. Ich müsse mich mit dem Essen beeilen, wenn ich noch rechtzeitig zum Unterricht er­scheinen wolle, ermahnte sie mich und begann zu meiner Über­raschung, mir den Text vorzulesen: „Gestern abend, gegen 19:30 Uhr, fand ein officer auf einer abbruchreifen Farm zwi­schen Cody und Yellowstone den Leichnam der vor dreißig Ta­gen von der Koppel einer Ferienranch nahe Lovell entführten Kim Edwards. Der Streifenbeamte hatte das baufällige Gebäude betreten, um dort nach dem Rechten zu sehen, wobei er in einem der oberen Räume auf die Leiche des fünfjährigen Kindes stieß, das an einem Bettpfosten gefesselt war. Nachdem eine Geldübergabe gescheitert war, worauf aus ermittlungsrelevanten Gründen hier nicht näher eingegangen wird, hatten die Eltern eine weltweite Medienkampagne gestartet, die jedoch erfolglos blieb. Laut Aussage der Rechtsmediziner sei das Kind ver­durstet. Der Tod sei vor ein bis zwei Tagen eingetreten. Zu welchem Zeitpunkt das Kind auf die Farm verbracht wurde, sei noch ungewiss. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Hinweise, die an die örtliche ...“
Ich war wie in Trance aufgestanden und ohne Abschied aus der Küche geeilt. Joanna rief mir etwas hinterher, das wenig schmeichelhaft klang. Ich bildete mir ein, sie wüsste alles, als stünde mir mein Versagen, aus dem sich eine Mitschuld am Tod von Kim Edwards herleiten ließe, auf der Stirn geschrieben. Dass Joanna meiner Unachtsamkeit an jenem Nachmittag auf die Spur gekommen sein könnte, beschämte mich zutiefst. Am liebsten hätte ich mich in ein Mauseloch verkrochen. Ich verfluchte mich und den albernen Limerick vom Windspiel, und ich verfluchte Steven, der mich zur Flucht angetrieben hatte. ‑ Vor zwei Tagen, vor zwei Tagen ... hämmerte es unaufhörlich in meinem Kopf. Die Worte verfolgten mich bis in die späte Nacht hinein, bis ich endlich in einen unru­higen Halbschlaf fiel.
„Wenn wir mutiger gewesen wären, hätten wir die Kleine retten können“, sagte Stevie in der Pause und sah mich vorwurfsvoll an. „Wir hätten sie retten können, Olli!“ ‑
„Oder wir wären jetzt auch tot ... falls der oder die Täter an jenem Nachmittag auch auf der Farm gewesen sind“, erwiderte ich. ‑
„Glaub ich nicht, Olli. Ich glaube nicht, dass da außer uns und der Kleinen noch je­mand war. Dann hätten die Kim doch was zu Trinken gegeben. Man schaut doch nicht einfach zu, wie ein Kind verdurstet“, ereiferte sich Stevie.
Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich uns längst den Schwarzen Peter zugeschoben hatte und behauptete steif und fest: „Das wollten die doch. Die wollten doch, dass sie stirbt.“ ‑
„Vielleicht hat sich das Windspiel in Wirklichkeit gar nicht bewegt; wir soll­ten nur glauben, dass es sich bewegt, Olli, das war ein Zeichen, aber wir haben uns nicht mal die Mühe gemacht, es zu deuten, weil ...“ Stevie stockte mitten im Satz.
"Weil wir Angst hatten, Steven“, führte ich seinen Gedanken fort. „Angst lähmt die Sinne. Wer Angst hat, kann leicht etwas übersehen. Erinnere dich, wie sehr es uns auf dem Farmgelände gegruselt hat und dann diese Hitze und die ungewohnte Windstille ...“
Stevie warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Vielleicht hat Kim in ih­ren letzten Stunden übersinnliche Fähigkeiten entwickelt und allein mit der Kraft ihrer Gedanken das Windspiel bewegt. Das Geschepper war gewiss ein Hilferuf. Wir waren ihre letzte Ret­tung“, sagte er leise. In seinen Augen standen Tränen.
„Gut möglich“, erwiderte ich kühl und verzichtete darauf, ihn daran zu erinnern, wie scheußlich das Gegreine geklungen hatte und dass er diesen Ort als Erster verlassen wollte. Ich brauchte dringend Abstand, um nicht verrückt zu werden, aber Stevie sagte: „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass das Windspiel auf dem Foto in der Zeitung nur vier Glocken hat? Die fünfte muss bei dem Ge­schepper runtergefallen sein.“ Ich schwieg betroffen. In jenen Minuten spürte ich deutlich, dass etwas zu Ende gegangen war; ein Stück meiner Kindheit hatte sich vorzeitig und unwiederbringlich aus meinem Leben gestohlen.
Es hätte nicht viel gefehlt und das Verbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt werden konnte, hätte Stevie und mich auf ewig entzweit, aber letztendlich schweißte es uns noch fester zusam­men.
Frank Rentzi hat mir seine Farm vererbt, und meine Frau und ich geben uns alle Mühe, diesen herrlichen alten Besitz für unsere drei Kinder am Leben zu erhalten. Dass meine kürzlich verstor­bene Mutter mit mir nach Wyoming ausgewandert ist, habe ich niemals bedauert, obgleich mich das Schicksal auf die­sem Fleckchen Erde auf eine harte Probe gestellt hat.

Um Kirchen schlage ich immer noch einen großen Bogen. Das Gebimmel bringt mich jedes Mal dermaßen aus der Ruhe, dass ich tagelang nichts Vernünftiges auf die Reihe bekomme. Meiner Frau ist der Verzicht auf eine kirchliche Trauung glücklicherweise nicht schwer gefallen. Ich wollte uns diesen feierlichen Tag nicht durch Glockengeläute verderben lassen, das mich vermutlich in ein seelisches Tief gestürzt hätte.
Mein Nachbar Steven Adams, der die Ferienranch nach dem Tod seiner Eltern bewirtschaftet, ist mein bester Freund geblie­ben. Die marode Farm wurde wenige Wochen nach dem Auffin­den der Kinderleiche abgerissen. Stevie und ich haben zwei Jahrzehnte später, im Einvernehmen mit Mr und Mrs Edwards, die Kim-Edwards-Stiftung ins Leben gerufen und auf dem Ge­lände, wo das tragische Schicksal des Kindes unser Leben ge­streift hat, eine Resozialisierungsfarm für gestrauchelte Jugend­liche errichtet – um zu retten, was noch zu retten ist. Unter der Verandadecke des Schlaf- und Wirtschaftsgebäudes hängt ein Windspiel, fünf blaue Glockenblumen aus Keramik, die Stevie in einem Antiquitätengeschäft in Jackson aufgestöbert und dorthin geschleppt hat. Ich war alles andere als begeistert von dieser Aktion, aber ein Betreuer erzählte mir kürzlich, dass unsere kids, die über unsere tragische Rolle im Fall der ermordeten Kim bestens informiert sind, das Glockenspiel an windstillen Tagen nicht aus den Augen ließen. Sie legten dabei größeren Eifer an den Tag, als die Zoologen im Yellowstone National Park, die das Liebesleben der Büffel erforschen.
Die Landarbeit auf den ertragsarmen, trockenen Feldern, die zur „Bewährungsfarm“ gehören, und das Versorgen der Tiere, verbunden mit dem Schicksal der Namensträgerin unserer Stiftung, hat bisher noch keinen unserer Schützlinge kalt gelassen, und das ist weitaus mehr, als Stevie und ich jemals zu hoffen wagten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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