Christoph Platen

Der Millionär und die Bettlerin

Köln, Venloer Straße, irgendwo zwischen Hausnummer 250 und 350, in den letzten Tagen des ausgehenden Winters.
Georg, 30, schlenderte den Bürgersteig entlang.
Er dachte über sein Leben nach.
Vor ein paar Jahren hatte er eine Idee zu einem Patent.
Dieses Patent brachte ihm mittlerweile Millionen ein.
Doch die Menschen um ihn herum, die um seine Million wussten, wurden plötzlich anders.
Auch die Frauen waren auf einmal sehr interessiert an ihm.
Als er nicht bereit war, sein Geld in vollen Zügen auszugeben, machte seine damalige Freundin ihm Vorwürfe, dass er zu geizig sei.
Er wollte doch nur wie die meisten ein normales Leben führen und dabei das Geld sparen, anlegen und investieren.
Schließlich kann sich die wirtschaftliche Situation sehr schnell ändern.
Aber das war ihr nicht klar zu machen.
Irgendwann verließ sie ihn.
Da fragte er sich, wie wohl die Leute auf der Straße, auf der er sich gerade befand, alle so wären.
Ob sie auch fast alle ihr Verhalten ihm gegenüber ändern würden mit dem Wissen um seine Millionen?
Er beobachte sie und besonders ihre Gesichter.
Dann fielen ihm die Bettler auf.
Viele waren für ihn gezeichnet von einem Leben auf der Straße: Die Kleidung, die Haut.
Doch dann sah er eine Bettlerin, um die 30, die so gar nicht in dieses Schema passte:
Die Kleidung war noch einigermaßen ordentlich, ihr Gesicht war nicht gezeichnet von einem Leben auf der Straße.
Aber ihr Blick war traurig, während die anderen Bettler für ihn irgendwie abgestumpft aussahen.
Die meisten Bettler hatten eine Bierflasche bei sich stehen oder hielten eine Tasse Kaffee in der Hand, hatte diese Bettlerin doch eine Plastikflasche mit Mineralwasser bei sich stehen, natürlich die billigste aus dem Discounter.
Sie versucht wohl, sich trotz allem gesund zu ernähren, dachte er.
Auch hatte sie keine gelblichen Finger von den Zigaretten, wie so manch anderer der Bettler.
Da dachte er sich, ein paar Cent würden ihr wohl nützlich sein.
Er gab ihr ein paar.
Sie bedankte sich und wünschte einen schönen Tag.

Ein paar Tage später schlenderte er wieder diese Straße entlang und es begann zu regnen.
Und er erkannte die Bettlerin wieder, die ihm vor ein paar Tagen besonders aufgefallen war.
Er sprach sie an:
„Wie sind Sie denn zum Betteln gekommen“, fragte er.
Sie antwortete ihm: „Das ist eine lange Geschichte“.
„Was halten Sie davon, wenn ich Sie zu einer Tasse Kaffe einlade?“, fragte er darauf hin.
„Da ist es etwas trockener.
Hier um die Ecke gibt es ein kleines Café.“, ergänzte er dann.
„Gerne“, antwortete sie.
Dann gingen sie gemeinsam zum Café und suchten sich einen kleinen Tisch für zwei Personen aus.
Er bestellte für sie beide ein Kännchen Kaffee.
„Dann erzählen Sie mal“, startete er das Gespräch im  Café.
Sie erzählte und ihre Stimme klang dabei bedrückt, kaum Luft holend während des Sprechens:
Sie selbst sei arbeitslos und die Mutter, mit der sie zusammen wohne, ist Frührentnerin und schwer krank.
Sie müsse oft bei ihr nach dem Rechten schauen, weil sie körperlich angeschlagen sei und den Haushalt nur schwer alleine führen könne.
Die Medikamente für die Behandlung der Mutter kosten ein Vermögen, aber die Krankenkasse bezahlt nicht alles.
Sie selbst hat bisher vergeblich versucht, eine Arbeit zu finden.
Um einigermaßen über die Runden zu kommen, besonders wegen der Behandlung der Mutter, sah sie also als Alternative das Betteln.
Sie wollte auch nicht zu hause herum zu sitzen.
Das kann sie ja auch auf der Straße.
Die Bewerbungen schreibt sie abends.
Sie waren aber bisher ohne Erfolg, noch nicht mal ein Vorstellungsgespräch.
Wie sie so eine kleine Pause vom Sprechen machte, fragte er, welchen Beruf sie denn gelernt habe.
„Hauswirtschafterin“, sagte sie dann.
„Wenn dies alles stimmt, was Sie mir erzählt haben,“ sagte er, „könnte ich vielleicht etwas für sie tun und meine Beziehungen spielen lassen.
Allerdings möchte ich dazu ihre Geschichte prüfen“.
„Das können Sie!“, rief sie erfreut und strahlte dabei.
Sie erwähnte dann noch, dass nur wenige der Bettler in eine nicht selbst verschuldete Notlage geraten sind, weswegen sie sich gezwungen sahen, betteln zu müssen.
Er zahlte den Kaffee, worauf sie sich erfreut lächelnd bedankte.
Beide verabschiedeten sich und gingen ihre Wege.

Unterwegs überlegte er sich, wie er ihre Geschichte denn nachprüfen könne.
Und er machte sich Gedanken:
„Dass sie arbeitslos ist, ist wohl klar, sonst würde sie nicht während normaler Arbeitszeiten als Bettlerin auftreten.
Aber bemüht sie sich um Arbeit?
Das muss ich heraus finden.
Dann ist da ja noch die kranke Mutter mit der teuren Behandlung.
Das muss ich ebenfalls herausfinden.
Ich werde mir einen Spaß daraus machen, Detektiv zu spielen.
Die Zeit dafür nehme ich mir.“

In den nächsten Tagen bereitete er seine Detektivarbeit vor.
Er wollte sich verkleiden, um bei seinen Beobachtungen nicht erkannt zu werden.
So besorgte er sich eine Perücke,  einen falschen Bart, dazu noch viel zu weite Kleidungsstücke, die er dann mit kleinen Kissen und Tüchern ausstopfte, um dick zu wirken, wenn er damit umherging.
Einige Tage später machte er sich verkleidet auf dem Weg, um seine Detektivarbeit zu starten.
Sein Plan war, zuerst herauszufinden, wo die beiden, die Bettlerin und ihre Mutter, wohnen.
So stellte er sich nachmittags etwas entfernt von ihrem Stammplatz hin, aber so, dass sie ihn nicht sah, und wartete, bis sie ihre Bettelzeit beendete.
Er brauchte nicht lange zu warten, bis sie aufstand und fortging.
Er folgte ihr.
Nach einigen Hundert Metern blieb sie vor einem alten Mehrfamilienhaus stehen, nahm einen Schlüssel aus der Tasche und schloss die Haustüre auf.
„Wo die beiden wohnen, weiß ich jetzt.“, sagte er leise zu sich in einem stolzen Ton.
„Als nächstes muss festgestellt werden, wie krank die Mutter ist.“, murmelte er dann noch vor sich hin.
Er beschloss, am nächsten Tag etwas weiter entfernt, aber doch in Sichtweite, das Haus zu beobachten.
Seine Absicht war, der Bettlerin zur Apotheke zu folgen und sich die Medikamente zu merken, welche für die Krankheit der Mutter besorgt werden mussten.
Mit diesen Informationen wollte er im Internet nachsehen, für welche Krankheit diese Medikamente gedacht sind, um zu prüfen, wie krank die Mutter wirklich sei.
Er hoffte, dass die Bettlerin für ihre Mutter die Medikamente besorgen würde, da er ja die Mutter nicht kannte.
Bevor er sich auf dem Weg nach Hause machte, suchte er noch eine Apotheke in der Nähe und merkte sich die Öffnungszeiten.
Am nächsten Morgen, kurz vor der Öffnungszeit dieser Apotheke, positionierte er sich an eine für ihn geeigneter Stelle, von der er dachte, dass man ihn vom Haus nicht sehen könne.
Er wartete ungefähr eine Stunde, als die Bettlerin aus dem Haus kam.
Er folgte ihr in einem Abstand, von dem er dachte, sie würde ihn nicht bemerken.
Sie ging tatsächlich in die Apotheke hinein, welche er am Tag zuvor ausfindig machte.
Er ging ebenfalls hinein und tat so, als suchte er in den Regalen vor der Theke nach Waren.
Er nahm eine Teepackung aus dem Regal und tat so, als ob er interessiert die Beschreibung auf der Verpackung lesen würde.
Dabei blickte er ab und zu aus den Augenwinkeln zu der Bettlerin, ob sie schon bedient würde.
Als sie an der Reihe war, legte sie der Apothekerin ein Rezept vor.
Nun begab er sich mit der Teepackung in der Hand langsam, um nicht aufzufallen, in ihre Nähe.
Er sah zu, wie die Apothekerin die Medikamente eins nach dem anderen auf die Theke legte.
Dabei sprach sie den Namen des Medikaments aus.
Nachdem die Bettlerin gezahlt hatte, fragte die Apothekerin nach dem Befinden der Mutter.
Die Bettlerin antwortete, dass es ihr den Umständen entsprechend gut gehe.
Dann fragte die Apothekerin, ob das letzte Bewerbungsschreiben zu einem Vorstellungsgespräch geführt habe.
Die Bettlerin antwortete resigniert, dass es wieder zu keinem Vorstellungsgespräch gekommen sei und ihre Arbeitslosigkeit nun fast ein Jahr dauere.
Die Apothekerin bestellte der Bettlerin ein Gruß an die Mutter und wünschte einen schönen Tag.
Nachdem die Bettlerin gegangen war, kam Georg an die Reihe.
Er bezahlte die Teepackung und die Apothekerin wünschte auch ihm einen schönen Tag.
Als er wieder draußen war, murmelte er auf dem Nachhauseweg die Namen der Medikamente vor sich hin, um sie zu behalten.
Zu Hause angekommen, setzte er sich sofort an den Computer und suchte anhand der Medikamente nach den zugehörigen Krankheiten.
Als er die Suche erfolgreich beendet hatte, war er sehr zufrieden, dass er die Bestätigung hatte, dass die Mutter der Bettlerin wirklich krank war.
Er wusste auch, was die Medikamente kosteten.
Dass die Bettlerin arbeitslos war und ernsthaft nach Arbeit suchte, hatte er nun auch bestätigt bekommen.
Dann fiel ihm auf, dass er ja noch verkleidet war.
Mit einem Gefühl des Stolzes, dass er so erfolgreiche Detektivarbeit geleistet habe, zog seine Verkleidung aus.

Es vergingen einige Wochen, als Georg wieder die Venloer Straße entlang ging.
Und er hatte eine Idee.
Er stellte sich in der Nähe des Stammplatzes dieser Bettlerin hin, aber so, dass sie ihn nicht sehen konnte.
Dann gab er immer wieder einer der vorbeikommenden Personen, mal eine ältere Dame, mal ein Kind, mal ein junger Mann, ein paar Geldmünzen und bat sie, diese doch der Bettlerin zu geben.
Aber er passte auf, dass seine Geldmünzen nicht in die Taschen der Personen verschwanden.
Dies machte er so einige Tage.
Und irgendwann kam er dann wie zufällig an der Bettlerin vorbei und fragte, wie die Geschäfte so laufen.
Die Bettlerin strahlte und berichtete ihm von dem vielen Geldmünzen, die die Leute ihr gaben.
Daraufhin lud er sie wieder zu einer Tasse Kaffee ein.
Auf dem Weg zum  Café fragte er nach ihren Namen.
„Angela.“, sagte sie.
„Und ich heiße Georg.“, sagte er darauf und sie einigten sich auf ein Du.
Er tat ganz geheimnisvoll: „Ich habe eine gute Nachricht für Dich. Aber dies erzähle ich Dir bei der Tasse Kaffee.“.
Als sie dann im Café beieinander saßen, blickte sie ihn ganz erwartungsvoll an.
„Ich habe ein Arbeitsangebot für Dich!“, sagte er ganz stolz tuend zu ihr.
Die Augen der Bettlerin begannen an zu leuchten.
Dann fuhr er fort: „Und zwar hast Du die Möglichkeit in einer Villa ein paar Stunden die Woche als Hausmanagerin zu arbeiten.
Der Besitzer ist nur am Wochenende da.
Deine Aufgabe ist es, das Haus sauber zu halten, den Garten zu pflegen und für den Besitzer Besorgungen zu machen.
Du kannst auch von Montags bis Freitags dort wohnen, solange der Besitzer nicht anwesend ist.“
Sie nahm freudestrahlend das Angebot an.
„Über die Bezahlung werden wir uns schon einig.“, fügte er dann noch hinzu.
Dann berichtete er noch über die Arbeitstätigkeiten selbst und organisatorische Abläufe der Arbeit und auch, dass sie von ihm Montags zu der ein paar Kilometer entfernten Villa hingebracht und Freitags dort abgeholt wird.
Er schlug ihr dann noch den Arbeitslohn vor, welchen sie freudig zustimmte.
Schon am nächsten Montag könne sie anfangen, ergänzte er dann und vereinbarte mit ihr Ort und Zeit.
Er zahlte den Kaffee und sie verabschiedeten sich.

Montag war er pünktlich zur Stelle und sie wartete schon.
Sie stieg zu ihm ins Auto.
Auf der Fahrt kamen sie ins Gespräch.
Für Georg war das Gespräch sehr angenehm.
Irgendwie war es, als ob er sie schon lange kennen würde.
Sie war ihm irgendwie vertraut.
Dann fragte er sich in Gedanken, wie sie die Situation wohl empfinden würde.
Als er sie an der Villa abgesetzt hatte, fuhr er weiter zu seiner Arbeit.
Freitags darauf holte er sie ab.
Auf der Fahrt kam es ihm wieder so vertraut mit ihr vor.
Und so ging es Woche für Woche.
Montags hin, Freitags zurück.
Und bei jeder Fahrt hatten sie sehr nette und vertraute Gespräche.
Er hatte den Eindruck, dass sie sich bei ihm wohl fühlte, so wie er sich bei ihr wohl fühlte.
Bei einer der Fahrten fragte er sie: „Sollen wir uns nicht mal außer der Reihe treffen?“. „Ja!“, erwiderte sie freudig.
Sie machten einen Treffpunkt aus.
Bei diesem Treffen beschlossen sie, zusammenzubleiben.
Sie spazierten Hand in Hand durch Köln, mal diese, mal jene Straße.
Sie trafen sich immer öfter.

Irgendwann fragte er sie: „Du, was hälst Du davon, wenn wir beide am Wochenende bei mir zu hause gemeinsam lecker kochen und essen?“.
„Ja, sehr gerne!“, sagte sie erfreut.
Sie machten wieder einen Treffpunkt aus, wo er sie abholen wollte.
Auf der Fahrt zu ihm kam ihr die Strecke bekannt vor.
„Wo geht es denn hin?“, fragte sie.
Diese Strecke kenne ich.“, ergänzte sie dann erstaunt.
„Lass Dich mal überraschen.“, antworte er geheimnisvoll.
Nach einer Weile kamen sie bei der Villa an, wo sie die Woche über arbeitete.
„Hier arbeite ich ja!“, rief sie ganz verwundert.
„Hier wohne ich am Wochenende.“, sagte er grinsend.
Dann gingen beide ins Haus.
Sie blieb das Wochenende dort.
Montag morgen sagte er grinsend zu ihr: „Jetzt brauche ich Dich nicht zur Arbeit fahren.
Du bist ja schon da.“
„Möchtest Du bei mir wohnen?“, fragte er sie.
„Ja!“, antwortete sie erfreut.
„Allerdings muss ich öfters nach meiner kranken Mutter schauen“, ergänzte sie besorgt.
„Sie kann hier im Haus wohnen.
Die Villa ist ja groß genug.“, meinte er.
Dann fiel sie ihm freudestrahlend um den Hals.

Ein Jahr später.
„Hast Du die Eheringe?“, fragte Angela. „Ja,“, sagte Georg, „habe ich in der Hosentasche“. Dann stiegen beide in die Hochzeitskutsche, welche sie zum Traualtar brachte.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christoph Platen).
Der Beitrag wurde von Christoph Platen auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

In Schattennächten: Prosa und Reime von Rainer Tiemann



Was wäre ein Tag ohne die folgende Nacht? Die tiefschwarz, aber auch vielfarbig sein kann. In der so manches geschieht. Gutes und Schönes, aber auch Böses und Hässliches. Heiße Liebe und tiefes Leid. Dieser stets wiederkehrende Kreislauf mit all seinen täglichen Problemen wird auch in diesem Buch thematisiert. Schön, wenn bei diesem Licht- und Schattenspiel des Lebens vor allem Liebe und Menschlichkeit dominieren. In Prosa und Reimen bereitet der Autor ernsthaft, aber auch mit einem Augenzwinkern, diverse Sichtweisen auf. Auch ein Kurzkrimi ist in diesem Buch enthalten. Begleiten Sie Rainer Tiemann auf seinen Wegen „In Schattennächten“.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christoph Platen

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Bauerntochter auf der Kartoffel von Christoph Platen (Märchen)
Brennende Tränen - Teil V von Sandra Lenz (Liebesgeschichten)
Multi-Kulti von Norbert Wittke (Multi Kulti)