Norbert Schimmelpfennig

Von guten Vorsätzen, neuen Schätzen und unbekannten Fnätzen

Ein Gasthaus am Rande einer Stadt hatte sich zu Silvester ein großes Transparent über den eigentlichen Namenszug gehängt und hieß nun vorübergehend „Zum ewig währenden Vorsatz“.

Das Haus war ohnehin größtenteils von Schnee bedeckt. Unterhalb dieses Schriftzuges hatten sich schon Eiszapfen gebildet, ein besonders langer unter dem V.

 

Drinnen roch es schon nach Festbraten wie auch nach Süßlichem.

Hier feierte unter anderem eine Großfamilie – die Sehrgroßschätzlers. Also ein Urgroßvater, zwei Großmütter, sechs Mütter und Väter und noch mehr Kinder im Alter von drei bis knapp dreißig.

 

Der Urgroßvater, der vor ein paar Tagen hundert geworden war, hob ein Sektglas und sprach:

„Auf Sieglinde und Friedrich, dass sie im kommenden Jahr ihr Examen schaffen!“

Darauf stießen alle an, wenngleich sie sich sagten, dass jetzt eigentlich Marlinde und Dietrich ihre Examensprüfungen ablegen mussten – Tante Sieglinde hatte dies bereits vor dreißig Jahren getan und Opa Friedrich vor knapp fünfzig Jahren.

Dann sagte der Urgroßvater noch:

„Fürs neue Jahr sei mein Vorsatz: Im Himmel für mich ein guter Platz!“

„Du stirbst auch nächstes Jahr noch nicht!“, meinte gleich darauf seine Tochter Wilhelmine, auch schon fünfundsiebzig Jahre alt; doch ihr Vater erwiderte:

„Ich spüre es!“

Seine 35 Jahre alte Enkelin Lisa, die ihm gegenüber saß, rief rasch aus:

„Mein Vorsatz: zu finden einen großen Schatz!“

Ebenso rasch fuhr Lukas, ihr Bruder, fort:

„Und mein Vorsatz: Für uns alle eine neue Katz!“

„Die macht dann immer kratz kratz kratz!“, ergänzte Lilly, seine fünfjährige Tochter.

„Und ich knall sie euch immer vor den Latz!“, erklärte Livius, ihr siebenjähriger Bruder.

„Dann zeigt sie euch beiden eine große Fratz!“, sagte ihre Mutter zu den beiden, fuchtelte dabei mit dem Zeigefinger, den ihre Kinder dann mit ihren Zeigefingern berührten; und dazu riefen sie:

„Patz patz patz, so macht die Katz mit eurem Vorsatz!“

 

Jetzt wurde einigen schon das Essen gebracht, auch dieser Familie: Für Lukas und seine Frau Melinda gab es Braten in Rotweinsoße, für die Kinder Würstchen und Pommes und neue Cola.

Da meldete sich Mia, mit drei Jahren die jüngste in der Runde, zu Wort:

„Mein Vorsatz ist ein Latz und ein Patz … und ein großer Fnatz!“

Ihre Mutter fragte:

„Und was ist das, ein Fnatz?“

Doch Mia erwiderte:

„Sag ich euch nicht!“

 

Jetzt wurde auch für die übrigen Familienmitglieder das Essen serviert.

 

Ende des Jahrhunderts, die Erde hatte sich schon deutlich erwärmt, fand in demselben, inzwischen mehrfach renovierten Gasthaus, erneut eine Feier statt. Diesmal hingen draußen keine Eiszapfen.

Die Menschen hatten noch immer keine anderen Planeten besiedelt. Die Produzenten von Star Wars hatten schon längst erklärt, keine weiteren Fortsetzungen mehr herauszubringen. Doch etwa alle zwanzig Jahre hatte es doch einen neuen Film, oder auch mehrere, mit jeweils einer neuen Generation gegeben; auch dieses Jahr, mit den Urenkeln einiger Protagonisten von einst.

 

Ebenso hatte die 86jährige Mia vor kurzem ihren ersten Urenkel bekommen.

Ihre Tochter und ihr Sohn gaben ihr ein altes Papier, auf dem Mias Mutter einmal etwas aufgeschrieben hatte:

Liebe Mia, möchtest du uns vielleicht jetzt erklären, was ein Fnatz ist?

Doch Mia zuckte die Schultern und erklärte:

„Man hat mir gesagt, mit drei Jahren hätte ich einmal behauptet, dass mein Neujahrsvorsatz ein großer Fnatz wäre. Ich kann mich daran aber nicht erinnern; auch nicht, was ein Fnatz sein soll! Aber seht: Wenige Tage, nachdem ich das gesagt haben soll, also kurz nach Neujahr, starb mein Urgroßvater. Und an jenem Silvester soll sein Vorsatz für das neue Jahr ein guter Platz im Himmel gewesen sein!“

Da meinte ihr Sohn:

„Er muss doch schon sehr alt gewesen sein!“

Mia fuhr fort:

„Ja, genau hundert! Aber auch für meine Tante Lisa ging ihr Vorsatz in Erfüllung: Sie fand einen neuen Schatz – euren Großonkel Sam Littletrumpet! Und die Familie von eurer Tante Lilly und eurem Onkel Livius hatte viel Spaß mit ihrer neuen Katze, die bei ihnen unzählige Nachkommen zeugte, wie ihr wisst!“

Jetzt wurde das Essen aufgetragen: Ein großer Braten für die Erwachsenen, mit Wein, der mittlerweile auch in nördlicheren Gegenden wuchs; und für die Kleinen gab es die inzwischen weit verbreitete sternenförmige Art von Würstchen und kometenförmigen Pommes.

 

Wenige Tage nach Beginn des neuen Jahrhunderts starb Mia; und auf ihrem Grabstein stand alsbald geschrieben:

 

Ihr liebster Vorsatz:

Im Himmel ein guter Platz

Und dort ein wirklich großer Fnatz –

Und bitte hinterlasst auf diesem Grabstein keinen Kratz!

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