Maike Opaska

Alleingang

Wieder mal war ich reif für Tibet,denn Tibet ist schweigsam ohne Menschengeschrei, ohne Geplapper, ohne den Lärm der Städte. Wenn es in Lhasa, der Hauptstadt laut zugeht, dann ist es sicherlich das Geschrei der Chinesen. Tibets Kälte ist eine klare Kälte, eine der Höhe und des Schnees. Tibets Wärme ist eine innere Wärme, die der körperlich Strapazierte als ein tiefes seelisches Glücksgefühl empfindet. Tibet scheint nackt, eine Welt ohne Wiesen, ohne Bäume, aber dafür trägt Tibet ein Schmuckkleid aus Stein und Zeit. Und das war es, was ich mir wünschte.

Nach jener Reise durch Tibet definierte ich mich neu, rückte mein Denken und Fühlen neu zurecht und so kann ich jetzt meinen Bauch besser vom Kopf trennen und beides wieder besser zusammenbringen als je zuvor.

Wie ein unwirtlicher Planet erschien mir dieses Land im ersten Augenblick nach stundenlanger Fahrt über Schotterpisten und irgendwie erlag ich der Illusion, am Ende des leeren weiten Raumes gar die Erdkrümmung zu erblicken. Die Kargheit sorgte dafür, dass sich Wahrnehmung und Imagination vermischten. Das Durchqueren dieser Naturkulisse prägte mich nachhaltiger als jede menschliche Begegnung zuvor.
Wind, Staub, die nächtliche Kälte und die Hitze des Tages nagten an der Gesundheit und erforderten beachtliche geistige Stabilität. .

Wer auf über 5000 Meter Höhe dauernd Tabletten einwirft, der spürt seinen Atem, Herzschlag und Puls nicht mehr unverfälscht. Er vernebelt sich die Sinne und handelt wie ein Verletzter, der eine eiternde Wunde mit Heftpflaster versiegelt. Er putscht sich auf und riskiert nach dem Sieg über die Höhe eine viel tiefere Erschöpfung als ohne Chemie. Eine Reiseapotheke ist allemal vonnöten, doch dem Trainierten reicht auch Alternatives wie Spirulina, Tigerbalsam, Baldrian und Aktivkohle.

Auf der Höhe muss das Herz so pumpen, dass es durchaus schmerzen kann. Offenbart der Schmerz nun schon den Höhenrausch? Schwer zu sagen! Beim Höhenrausch ist es wie beim Rausch auf niedriger Meereshöhe – der eine verträgt mehr als der andere. Genau genommen ist ein Höhenrausch ziemlich vertrackt, denn ab 2800 m Höhenmeter kann es auch Trainierten treffen. Junge Gipfelstürmer sind sogar anfälliger als alte Hasen, weil sie ihr Ziel ungestümer angehen. Gegen den Höhenkoller gibt es weder Prophylaxe noch vorbeugende Untersuchungen, weil er gar keine richtige Krankheit ist. Zum Glück wissen wir heute, was in der Höhe im Körper passiert und sind nicht mehr so ahnungslos wie jener Linzer Jesuit, der 166o Tibet durchquerte und die Höhenkrankheit noch auf die kräftigen Ausdünstungen mancher Kräuter zurückführte, die in der dünnen Luft lebensgefährlich seien.
Am schlimmsten empfand ich das viele Trinken, das lebenswichtig ist, mir aber schon bald zumute war, als käme mir das Wasser bei den Ohren wieder raus. Trotzdem wusste ich, dass diese Trinkkur besser war als jedes Schmerzmittel, tilgte es doch nicht nur die Kopfschmerzen, sondern ließ auch das Blut nicht verdicken.
Bei der Landung in Lhasa fühlte ich mich noch pudelwohl, doch des Pudels Kern zeigte sich erst nachts, als mein Körper zur Ruhe gekommen war. Die enorme Höhe ist vor allem die ersten Nächte für mich schlimm gewesen. Das Herz raste, die Atmung wurde panikartig flach, die Schleimhäute schwollen an, die Nase war verstopft, die Haut war hitzig, und alle Organe arbeiteten auf Hochtouren, als hätte ich mir drei Kannen Espresso injiziert . Auch der Geist, das Denken war überaus gequält. Ich fühlte in mich hinein, ob mein Herz schon flimmern würde, die Angst verstärkte sich, weil ich ja wusste, dass man vom Tibetplateau nicht so einfach absteigen könne.Um dieser nächtlichen Folter der ersten Tage zu entgehen, flüchtete ich ins Freie unter die Sterne. Bei klarem Nachthimmel zeigte sich ein Schauspiel von ungeahnter Schönheit. Das Firmament war wie von Diamanten übersät und die Sternbilder funkelten. Diese Schönheit beruhigte meinen Geist und die Gedanken und langsam begann ich mich zu akklimatisieren.

Als Individualistin wollte ich wie immer allein reisen und nicht in einer Gruppe Tibet erkunden, und so musste ich zuerst nach China um Tibet betreten zu dürfen. Von Nepal aus war dies nur in einer Gruppe über Zahngmu und den Grenzübergang in Westnepal zwischen Simikot und Purang möglich. Es war zwar schon jahrelang die Rede davon, dass der Übergang nach Sikkim in Indien geöffnet werden solle, aber doch mussten alle Abenteurer eine Gruppenreise buchen –entweder schon zu Hause oder in Kathmandu.

Nun, ich reiste über China, dafür aber im Alleingang. Es war mir egal, dass es teuer war, das Permit für Tibet zu bekommen, denn ich musste sowieso auch großartige Geschenke machen und die Beamten bestechen, um so ohne weiteres mein Einzeltour absolvieren zu dürfen.
Das Permit, das ich bei der Einreise bekommen hatte, musste ich von nun an auch überall vorzeigen, denn ohne dieses Permit hätte ich nicht einmal zurückfliegen können.

Meine neuerliche Tibetreise diente der Selbstfindung und wie so oft schon, steigerte ich sie wieder mal ins Extreme. Ich begegnete unterwegs meiner eigenen Kindheit, den Phasen der Ängste, Sehnsüchte und Vorlieben. Irgendwie war ich auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens. Die Kargheit der Natur erweckte ein Echo tief in meinem Inneren. Die Leere der Landschaft ließ mich nicht kalt, es raubte mir den Boden unter den Füssen und es war, als verlöre ich die Schwerkraft, das Zentripetale, das mich am Boden hielt und es riss mich hinein in die Tiefe des Raumes. Die klare Luft, Menschenleere und die stummen, die Piste über Stunden und Tage begleitenden Telegraphenmasten durch das Karge der Landschaft und die Nähe zum tiefblauen Himmel, an den Wolken zum Greifen nahe waren. Diese Wolken die leicht und erfüllt von grenzenlosem Optimismus zu sein schienen. Ohne sie wäre dieser klare Azur des Himmels Weiß durchscheinend.


Die größte aller Ängste war die Angst vor Atemnot und Herzversagen. Harmlos dagegen ist die Angst vor der Hässlichkeit, die jeden Europäer in dieser Gegend befällt.

Ich erschrak beim Blick in den Handspiegel über das Ausmaß der Tränensäcke. Zum Glück hatte sich noch kein Ödem um die Augen gebildet. Am besten gleich die Brille aufsetzen, denn schon brach die Sonne über den Berg und schweisste sofort wie ein Laser. Zu spät, der Nasenrücken schälte sich bereits, und die Lippen waren schon am Aufplatzen. Da half auch der Lipstik mit Faktor 3o nicht mehr. Emsiges Eincremen brachte Linderung, doch die Fingerkuppen wurden dadurch nicht besser durchblutet. Die kalte Luft tat das ihre, die Haut riss auf, verkrustete und heilte schlecht ab.

Vier Wochen unterwegs und ich sah wie nach einer Schlacht aus. Verquollene Augen, geschwollene Fesseln, verbrannte Haut. Manchmal hatte ich Durchfall, ab und zu Husten und Schnupfen. Manchmal machte mir die Blase zu schaffen, denn das viele Trinken bekam mir nicht. Die Kurzatmigkeit hielt auch nach zwei Wochen noch an. Aber ich wusste, dass ich als Europäerin mit meinen spärlichen Pigmenten und der geschonten Lunge nur bedingt für die Grenzerfahrung Tibet taugte. Da half eben die beste Ausrüstung nichts.

Die graubraunen Nebel lichteten sich und die Hänge verloren ihr warmes Ocker, hatten sich hinter einem weißlichen Dunst verschanzt. Die Ebenen belebten sich mit trägen schwarzen und grauweißen Wesen. Es waren Yaks, die ästen. Mit ihren geschweiften Hörnern und ihren Stummelbeinen unter zotteligem Fell könnten sie nicht mehr Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Sie schienen die wahren Meditierer im Tibet zu sein. Es sind scheue Tiere und folgen nur dem Pfiff ihrer Treiber. Von mir liessen sie sich nicht beirren.

Wie eine Erdlawine kam plötzlich eine Ziegenherde den Hang herab und riß mich sie aus meinen Gedanken.Dicht bewegten sich die Tiere von Pflänzlein zu Pflänzlein, während das Hirtenkind mich um eine Zigarette anbettelte.
Die Schotterhänge oberhalb des Dorfes Toling im westlichen Grenzgebiet ähnelten zerknüllten Bögen Sandpapier aus dessen Faltenwurf schwarze Felsen emporragten wie die Zacken einer alten Säge. Am Ende der Dorfstraße türmte sich honigfarbener Sand zu Dünen. Der Gegenwind verwirbelte ihn zu einem lästigen Puder, der in alle Ritzen, auch in die Kamera drang, die Schleimhäute austrocknete und zwischen den Zähnen knirschte.
Das Dorf lag an einer staubigen Straße mit zwei Krämerläden, von wo aus man für wenig Geld nach Lhasa telefonieren konnte. Wenn die Sonne sank, kamen die Müßiggänger aus ihren verklickerten Häusern. Es waren chinesische Soldaten ohne Mützen und Waffen. Ziellos liefen sie auf der rechten Seite der Dorfstraße auf und ab. Die linke Seite gehörte den Tibetern, die nicht weniger teilnahmslos dreinblickten. Zwischen ihnen zuckelte eine alte Frau dahin, die im Gehen Wolle sponn. Eine Arbeit, die sonst Männer verrichten. Beide Seiten schienen sich zu belauern.
Ein Restaurant wurde eingeweiht mit viel Lärm, Krachen, Knallen und Gejohle, trockene Explosionen mit Chinakrachern. Die Soldaten zuckten zusammen. Die Allerleisuppe war gratis, die Gemüse- und Fleischplatten kosteten durchschnittlich fünf Yuan. Es gab Schnaps und Lhasa –Beer und kalte Cola. Im Staub der Strasse stand ein Billardtisch. Ich näherte mich langsam und streichelte über den Kopf eines Babys, das eine Frau im Arm hielt.. Das Neylonmützchen des Babys leuchtete grell in der fahlen Sonne.
Einige Menschen starrten mich erstaunt an, dann grüssten sie neugierig und ich dankte lächelnd.
Diese fremde Welt schien mir freundlich gesonnen und ich war froh den Augenblick genießen zu können, denn langsam quälte mich eine Art Heimweh und bleierne Müdigkeit.
Toling und all die anderen Dörfer im Westen bestanden aus einstöckigen nackten und Weißgetünchten Lehmhäusern mit Flachdach aus Balken, Ästen und gestampftem Lehm, auf dem das Brennmaterial für den Winter gehortet wurde, - getrockneter Yak-Dung und Reisig. Zur Abwehr böser Geister hing ein Gehörn über dem Eingang. Damit Wind und Wetter, vor allem Hagel, kein Unheil anrichten möge, haben die Bewohner ein Hakenkreuz oder Sonne und Mond, Symbol der Vereinigung der Gegensätze, auf die Eingangstüren gepinselt. Das rechtsgedrehte Hakenkreuz symbolisiert Glück und Heil und ein aufgemalter Skorpion soll vor negativen Einflüssen schützen.
Am traurigsten standen die Krankenhäuser in der Landschaft. Mit einem abblätternden Roten Kreuz über der ausgeschlagenen Pforte wirkten sie so armselig wie die nackten Glühbirnen in den staatlichen Gästehäusern. Zwischen den Flachbauten sprang mich Verwahrlosung an. Erschreckend viele der chinesischen Neubauten waren nur über eine Müllhalde oder über ein mit rostigem Stacheldraht eingezäuntes Feld zu erreichen. Tagaus, tagein verschleuderte eine Elektropumpe wertvolles Grundwasser über einen Platz, wo zertretene Gummisohlen, zerbrochene Bierflaschen, zerfetzte Kleider-und-Essensreste, altes Holz, Unmengen von Plastikmüll herumlagen. Der Müll hatte sich über die Jahre zu einem kniehohen Damm geformt. Einen Steinwurf weiter auf der Dorfstraße sah es aus, als hätte die Müllabfuhr gestreikt.
Das Hundegebell der letzten Nacht war verstummt, dafür grölten im Restaurant Männer, die der Schnapsteufel ritt.. Eine Tibeterin schenkte mir Jasmintee ein.
Wenn sich die Sonne über die schwarze Silhouette ergoss, begannen die Hänge zu atmen. Die Schatten der Nacht zogen sich in die Mulden der Grate zurück bis sie bald darauf verschwanden. Auch die Käte stahl sich davon und die nächtlichen Kleiderschichten konnten für den Tag wieder eingepackt werden. Schnell wurde die Sonne wieder stechend, gegen Mittag spürte man den Wind, der das Milchige vom Himmel strich und zügig ergossen sich Schleierwölkchen in ein Blau, das sich mit dem Blau der Südsee messen konnte.
Ich hatte das Dorf längst hinter mir gelassen und näherte mich einer Baracke, die sich als chinesischer Checkpoint entpuppte. Von den Uniformierten stand hier keiner stramm, alle dösten hinter Kartons von Lhasa Beer und zersprungenen Scheiben. Wenn ich auch etwas Angst hatte, so brachten mir die Soldaten Neugier und Respekt entgegen. Dass mit denen aber nicht zu spaßen war, das hatte ich sofort erkannt. Ich bot dem Soldaten an der Schranke eine Zigarette an, zeigte mein Permit.
Als ich von Westnepal den Himalaja betrat, wurde ich von einem fellgrauen Nebel begrüßt. Das Donnern der stürzenden Wasser war längst verklungen, die Brise war zu einem höhnischen Wind angeschwollen. Auf 46oo m Höhe gebärdete er sich wie eine Schutzgottheit, die Staub und feine Kiesel herumschleuderte. Er riß an meiner Kleidung und schlug mir ins Gesicht, als wolle er mich bremsen. Er ließ die Erde tanzen, wirbelte gelben Staub, der sich wie ein Film um alles legte, kroch in meine Klettverschlüsse und es war, als könne seine Härte jeden Stein besiegen. Der Wind ist die große Melodie Tibets, anschwellend, abschwellend, pianissimo, wenn die Sonne brennt, fortissimo, wenn sie sich hinter den Bergen zur Ruhe begibt.. Niemals endend, - er singt seit Ewigkeiten das tibetische Lied. Ohrenbetäubend und knatternd dröhnt es in den Gebetsfahnen.

(es ist kein Reisebericht, sondern einfach eine Erzählung von meiner ersten Tibetreise, inzwischen war ich fünfmal dort,- vielleicht in die Rubrik Abenteuer?)

Ich danke im voraus für die Mühe.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.02.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Atempause von Maike Opaska



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