Atze Schröder sitzt vor dem Fernseher und sieht sich "Bares für Rares" an. Es ist 18:45 Uhr, Freitagabend. Trotz Müdigkeit freut er sich regelmäßig auf die in der Sendung angebotenen Raritäten. Eine goldene Halskette mit einem Brillant-besetzten Harlekin als Anhänger, aus den 50er Jahren. Eine Bronzefigur aus den 20er Jahren und ein Spazierstock aus der viktorianischen Zeit, sind heute besonders interessant. Atze amüsiert es immer, das normale Volk zu beobachten, wenn es anfängt, gierig zu werden.
Atze hat im Laufe der Zeit bemerkt, dass die Expertise teilweise etwas daneben liegt mit den Schätzungen. Der tatsächliche Wert wird öfter zu niedrig als zu hoch angesetzt. Wenn dann Lucki oder der Eifler oder Wolfgang Paulitsch anfangen sich gegenseitig hochzuschaukeln, freut Atze sich mit dem Verkäufer. Besonders, wenn der Schätzpreis merklich überboten wird.
Atze genießt die allabendliche Unterhaltung, denn sie lenkt ihn ein wenig vom Alltag ab. Im letzten Jahr hat er das Rentenalter erreicht. 1053 € und 22 Cent, kommen pünktlich, jeweils am Letzten des Monats auf sein Konto. So ziemlich weit unter dem, was er sich nach 51 Jahren Arbeit ersehnt hat. Die Scheidung vor 3 Jahren kostete ihn einen Großteil der Rente.
Die Ansprüche wurden damals gegeneinander aufgerechnet. Seine Ex hat nie gearbeitet. Also wurde die Rente fast halbiert. Hätte ja auch alles anders kommen können. Es kam aber nicht anders.
Atze hat sich damit abgefunden. Zwei Mal in der Woche arbeitet er nun einige Stunden für 450 € Lohn im Monat in einem Herren-Oberbekleidungs-Geschäft. Er verkauft dort teure Krawatten und van Laak - Hemden. Was er eigentlich die Hälfte seines Lebens erfolgreich und gerne gemacht hat, ist nun zum Muss geworden. Das gefällt ihm zwar gar nicht mehr, der Zuverdienst ist jetzt aber überlebenswichtig.
Das Telefon klingelt. Schröder meldet sich und am anderen Ende der Leitung, vernimmt er eine lustige Frauenstimme.
„Schrödi, alter Schwerenöter. Isch bin et, dat Lieschen.“ Der Rheinische Dialekt ist unverkennbar. Atze Schröder aber kennt weder ein Lieschen noch jemanden aus dem Rheinland.
„Sie müssen sich verwählt haben. Ich heiße Schröder“ säuselt er so freundlich wie eben möglich ins Telefon.
„Schrödi“, sagt die Stimme wieder, „vorletztes Jahr im Bus, weißt Du nicht mehr?“
„Im Bus?“ fragt Atze.
„Wir haben eine Woche nebeneinander im Bus jesessen. Du hast mir noch zwanzisch Euro jeliehen, Schrödi“
Jetzt erinnert er sich wieder. Oder doch nicht? Zwanzig Euro? Er kann sich nicht erinnern. Er verleiht sonst nie Geld.
„Und jetzt willst Du meine Kontonummer haben?“ meint Atze etwas ironisch.
„Nein Schrödi, isch will Dir dat Jeld zurückbringen, mit Zinsen. Ist mir eben wieder einjefallen, als ich durch Dortmund fuhr. Bin noch nie hier jewesen, eine schöne Stadt.“
„Moment“ sagt Atze. „Du kommst extra von… ja, von wo kommst Du eigentlich?“ Atze versucht sich zu erinnern.
„Pulheim, in der Nähe von Köln. Dat hört man doch, Schrödi“ flüsterte Lieschen ins Telefon. So langsam kommt zu der Stimme jetzt auch ein vages Bild. „Ja, ich weiß wieder. Aber wieso….“, Weiter kommt Atze nicht. Lieschen redet gleich weiter.
„Komm, lass uns treffen. Isch hab so ein schleschtes Jewissen. Mach de Dür op. Isch schteh schon davor, Schrödi“. Lieschen versucht etwas Druck zu erzeugen.
„Aber ich bin nicht vorbereitet“ … Atze fühlt sich überrumpelt. „Und außerdem, kannst Du die zwanzig Euro behalten“… diesen Satz bereut Atze in dem Moment in dem er ihn ausgesprochen hat. Zwanzig Euro könnten ihn wieder ein bis zwei Tage über Wasser halten.
„Nene Schrödi, jetzt bin isch hier und jetzt machste de Dür op und dann bin isch auch schnell wieder wech.“ Lieschen lässt nicht locker.
„Na gut, komm hoch, ich wohne im 2. Stock die Türe rechts“ Atze drückt auf den Türöffner.
40 Sekunden Später steht Lieschen im Türrahmen.
Sie sieht ganz anders aus, als er sie vermeintlich in Erinnerung hat. Statt blond ist sie schwarz. Gut, Frauen wechseln hin und wieder ihre Haarfarbe. Sie ist auch wesentlich größer, wie ihm scheint. Hat er sie überhaupt jemals gesehen? Atze kommen erste Zweifel. Aber die zwanzig Euro reizen ihn schon.
„Willste mich nich rinlosse, Schrödi“ fragt Lieschen mit einem leichten Unterton der Entrüstung.
„Eigentlich nicht“, sagt Atze. Wenn Du mir die zwanzig Euro gibst, ist das OK.
„Aber eine Tasse Kaffee willst Du mir doch wenigstens anbieten, Schrödi…“ Lieschen tut jetzt so ziemlich entrüstet.
Atze beginnt, Lieschen zu scannen. Mitte 50, also gut 15 Jahre jünger als er, schwarze Haare…. Perücke!! Hat er es sich doch gedacht. Der Busen scheint ihm ein wenig zu groß. Die Schuhe, (sie hat Sportschuhe an), mindestens Größe 45. Die Hände, groß wie Tennisschläger und verdammt kurze und schmutzige Fingernägel.
Das ist das Letzte an das Atze sich erinnert. Alles schwindet vor seinen Augen.
Muss wohl ein Sekundenschlaf gewesen sein, denn als er wieder erwacht liegt er noch immer auf dem Sofa. „20 €, mein letztes Wort“. Der Fernseher zeigt in Großaufnahme eine schwarze Dame die gerade dem Eifler den Zuschlag für ein äußerst stark bespieltes Schuco-Auto gibt. Atze freut sich wie immer mit dem Verkäufer, denn, die Schätzung lag bei 10 Euro.Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Horst Fleitmann).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2017.
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