Diethelm Reiner Kaminski

Und es gibt es doch

Großvater ließ es sich nie nehmen, seine beiden vier- und fünfjährigen Enkelinnen, wenn sie zu Besuch waren, ins Bett zu bringen und ihnen vor dem Einschlafen eine Geschichte zu erzählen.

Inke und Geesche hatten sich brav die Zähne geputzt und ihre Pyjamas angezogen und lagen nun – die Bettdecke bis unter Nasenspitze gezogen – erwartungsvoll in ihrem Bett. Sollte die Geschichte zu gruselig werden, konnten sie blitzschnell unter die Decke schlüpfen und sich vor Gespenstern und Kobolden, Tigern und Wölfen in Sicherheit bringen.

Großvater rückte einen Stuhl näher, räusperte sich vernehmlich und begann:

„Ich weiß nicht, ob ich euch schon erzählt habe, was ich in meinem letzten Urlaub erlebt habe. Das erzähle ich auch nicht jedem. Das muss unser Geheimnis bleiben. Das müsst ihr mir versprechen. Denn wenn es zu viele wissen, bleibt für uns nichts mehr übrig.“

Die Neugier der Mädchen war geweckt: „Was bleibt für uns nicht mehr übrig?“

„Wartet´s ab“, erhöhte Großvater die Spannung. „Erst müsst ihr versprechen, alles was ich euch jetzt verrate, für euch zu behalten. Auch gegenüber Papa und Mama kein Wort.“

Wie aus einem Mund riefen sie „Versprochen!“

„Dann ist gut“, sagte Großvater. „Dann kann ich ja beginnen. Habt ihr schon mal was vom Schlaraffenland gehört? Nein? Das ist ein Land, in dem Schokoladenbäume wachsen, in dem es Bonbons vom Himmel regnet und in dem gebratene Tauben den Hungrigen in die Mäuler fliegen.“

Inke und Geesche kicherten: „Opa, du lügst. Das gibt es gar nicht. Du hast das nur geträumt.“

„Bin ich dort gewesen oder ihr? Ich muss doch wohl wissen, was ich gegessen, getrunken und mit eigenen Augen gesehen habe. Es war wunderbar, obwohl ich mir eigentlich aus Schokolade und Süßigkeiten wenig mache, aber die gebratenen Tauben waren einfach köstlich. Ich habe drei oder vier pro Tag verspeist.“

„Und wo ist dieses Land?“, fragte Geesche ungläubig.

„Gar nicht so weit. Nicht am Meer, nicht in den Bergen, nicht …“

„Im Himmel?“, rief Inke, die sich vage an eine Geschichte von Engeln im Paradies erinnerte.

„Nein, auch nicht im Himmel, denn Engel, das müsstet ihr doch wissen, ernähren sich nicht von irdischen Süßigkeiten und erst recht nicht von gebratenen Tauben.“

„Und wo ist denn nun das Schlaraffenland?“, drängelte Inke.

„An einem großen Fluss. Fünf Stunden mit der Bahn von hier. Und da fahren wir übermorgen hin. Zu meinem Bruder Heinrich und eurer Tante Berta, die haben uns eingeladen.“

„Und die wohnen im Schlaraffenland?“

„Ja, tun sie, schon seit fünfzig Jahren.“

„Und sie essen nur Bonbons, Schokolade und gebratene Tauben?“

„Natürlich nicht, aber auch“, würgte Großvater die Frage ab.

„Nur wir drei?“, wollte Geesche wissen.

„Nein, eure Eltern kommen auch mit. Sie müssen mit aufpassen, damit ihr nicht verloren geht. Und damit ihr nicht zu viele Süßigkeiten esst. Aber nun müsst ihr endlich schlafen. Es ist schon spät.“

„Du wolltest uns doch eine Geschichte vom Schlaraffenland erzählen.“

„Die brauche ich euch nicht zu erzählen, denn ihr seht es ja bald mit eigenen Augen. Und jetzt wird geschlafen.“

.-.-.

 

„Hier gibt es gar kein Schlaraffenland. Du hast dir alles nur ausgedacht“, quengelten Geesche und Inke den ganzen Tag. „Hier sieht es aus wie bei uns. Überall nur Häuser und Bäume.“

„Wartet ab“, sagte Großvater geheimnisvoll. Schlaraffenland ist nicht jeden Tag, aber morgen bestimmt. Vergesst nicht, eure Rucksäcke mitzunehmen für die Bonbons und Schokolade.“

„Und die gebratenen Tauben“, ergänze Inke.

„Um die kümmere ich mich“, erwiderte Großvater.

Am nächsten Morgen fuhren sie mit der Straßenbahn zu siebent ins Stadtzentrum: Onkel, Tante, Großvater, Inke, Geesche und ihre Eltern. Die Erwachsenen hatten jeder einen Regenschirm dabei, obwohl die Sonne schien und kein Wölkchen am Himmel zu sehen war.

„Fahren wir jetzt ins Schlaraffenland?“, fragte Inke ungeduldig, und die Eltern, die die ungewöhnliche Frage mitgekriegt hatten, schauten einander verwundert an.

Großvater erinnerte mit dem Zeigefinger vor den geschlossenen Lippen an ihre Abmachung, nickte aber unmerklich.

In der Innenstadt wimmelte es nur so von Indianern, Cowboys, Hexen, Teufeln, Bären, Löwen und Pinguinen an den Straßenrändern, die „Kölle Alaaf“ und „Kölle Helau“ und immer wieder „Kamelle, Kamelle“ riefen.

Die Gruppe bahnte sich mühsam eine Gasse durch die bunte Menschenmenge, Großvater mit einem Kind an jeder Hand – bis vor das Absperrgitter.

So etwas Aufregendes hatten die Kinder noch nie gesehen. Prachtvolle, von geschmückten Pferden gezogene Wagen und Kutschen. Darauf Prinzen und Prinzessinnen, Clowns und Seeräuber, die immer wieder in Säcke oder Kisten griffen und mit beiden Händen Bonbons, Schokoladentafeln, Gummibärchentütchen, Pralinenschachteln und Blumensträußchen in die rufende Menge warfen, sich auch ab und zu hinunterbeugten, um einer Mutter oder einem Kind eine Schachtel oder Tafel in die ausgestreckten Hände zu reichen.

„Glaubt ihr mir nun, dass es das Schlaraffenland gibt, wo es Süßigkeiten vom Himmel regnet?“, fragte Großvater. „Ihr müsst sie nur auffangen oder aufsammeln.

„Aber wie?“, fragte Inke enttäuscht, der es mit ihren kleinen Händchen ganz unmöglich war, die herabregnenden Bonbons aufzufangen.

„Keine Bange“, tröstete Großvater. „Das machen wir so. Und schon spannte er seinen Regenschirm auf, drehte ihn um und fing die Süßigkeiten darin auf. Onkel, Tante und Eltern folgten seinem Beispiel, und es dauerte nicht lange, bis sie so viel von dem süßen Regen aufgefangen hatten, dass sie damit die Rucksäcke der Kinder füllen konnten.“

„Hier bleiben wir“, begeisterten sich Inke und Geesche. „Wir fahren jetzt jeden Tag ins Schlaraffenland.“

„Das wäre nicht gut für eure Zähne. Aber nächstes Jahr kommen wir wieder. Versprochen. Für ein Jahr dürften eure Vorräte reichen, so fleißig wie wir gehamstert haben.“

Die Kinder waren so begeistert, dass sie ganz vergaßen, nach den gebratenen Tauben zu fragen.

Erst beim Abendessen wurden sie daran erinnert.

"Sind das gebratene Tauben?“, fragte Geesche.

„Tauben sind das nicht“, sagte die Tante, „sondern Enten. Aber die schmecken auch köstlich.“

„Und sind sie dir ins Maul geflogen?“, fragte Inke.

„Was die Kinder sich so alles ausdenken“, murmelte die Tante und sah Großvater strafend an, den sie im Verdacht hatte, den Kindern nur Unfug beizubringen.

27 - 02 - 2017

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Diethelm Reiner Kaminski).
Der Beitrag wurde von Diethelm Reiner Kaminski auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Diethelm Reiner Kaminski als Lieblingsautor markieren

Buch von Diethelm Reiner Kaminski:

cover

Von Schindludern und Fliedermäusen: Unglaubliche Geschichten um Großvater, Ole und Irmi von Diethelm Reiner Kaminski



Erzieht Großvater seine Enkel Ole und Irmi, oder erziehen Ole und Irmi ihren Großvater?
Das ist nicht immer leicht zu entscheiden in den 48 munteren Geschichten.

Auf jeden Fall ist Großvater ebenso gut im Lügen und Erfinden von fantastischen Erlebnissen im Fahrstuhl, auf dem Mond, in Afrika oder auf dem heimischen Gemüsemarkt wie Ole und Irmi im Erfinden von Spielen oder Ausreden.
Erfolgreich wehren sie mit vereinten Kinderkräften Großvaters unermüdliche Erziehungsversuche ab.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Kinderträume" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Diethelm Reiner Kaminski

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Entspiegelt von Diethelm Reiner Kaminski (Absurd)
Die Harfe von Frank Guelden (Kinderträume)
Wir sind ihm nicht egal! von Heidemarie Rottermanner (Schule)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen