Hans Fritz

Der Reichsverwalter

VORGESCHICHTE

Anton Staudtenwolf erklärt seiner Frau und den beiden Töchtern, er wolle zum hundertsten Jubiläum des Polytechnikums für ein paar Tage in seine Heimatstadt, die alte Reichshauptstadt Kaulhafen, reisen. Frau Emilie gibt ihm einen Krontaler, den ihr ein Gemüsehändler als Wechselgeld angedreht hat, mit auf den Weg. Jene Münzen aus der «Königszeit» sollen in Kaulhafen noch offiziell im Umlauf sein.

In Kaulhafen quartiert sich Staudtenwolf für fünf Tage in der Pension Sternenhof ein. Sein erster Gang gilt der Marktgasse, wo einst sein Zuhause war. Das Haus ist mittlerweile abgerissen und an seiner Stelle klafft eine hässliche Lücke.

Das Polytechnikum präsentiert sich mit schmuddeliger Fassade und immer noch nicht asphaltierter Zufahrt. Vor dem Tor ist eine Tafel aufgestellt mit dem Hinweis auf die Jubiläumsfeier am folgenden Tag. Doch Staudtenwolf zieht es vor, zunächst einmal dem früheren Königssitz, der Burg Kaulenfels, einen Besuch abzustatten.

Die Burg Kaulenfels galt einst, trotz ihrer exponierten Lage in Meeresnähe am Ostrand der Hauptstadt, als der Mittelpunkt des Reichs Elandolien, war Stammsitz der Onjoschdynastie, stolze Königsburg seit ihrer Gründung. Vor zwanzig Jahren verlor das Königreich von einem auf den anderen Tag seinen König Sagutosch und die Burg verwaiste. Das Volk enttabuierte die Institution Monarchie, die zur Schreckensherrschaft ausgeartet war, durch landesweite Rebellion. Barrikaden wurden errichtet. Schliesslich probte die Miliz den Aufstand, womit das unrühmliche Ende der Monarchie endgültig eingeläutet war. Der Sturm auf die Burg und die Gefangennahme der Herrscherclique schienen programmiert. Sagutosch und seinen engsten Vertrauten blieb als Alternative nur die Flucht.

Die Burg blieb lange für Besucher gesperrt, wurde aber, nach einigen Umbauten und Instandsetzungen, vor vier Monaten freigegeben. Sogar die altertümelnde Standseilbahn, die ein Messegelände mit dem Burgvorhof verbindet und dabei einen Höhenunterschied von vierhundert Metern bewältigt, tut wieder ihre Dienste. Staudtenwolf wagt den Aufstieg über den steinigen Serpentinenweg.

 

BURGBESICHTIGUNG

Gleich hinter dem Haupttor befindet sich ein Kiosk für den Verkauf von Eintrittskarten und Souvenirs. Staudtenwolf löst eine Karte. Einmaliger Eintritt. «Die nächste Führung beginnt in zehn Minuten», erklärt der Mann an der Kasse. «Sammelplatz ist beim Fetochbrunnen dort drüben».

Allmählich finden sich etwa zwanzig Besucher beim Brunnen ein. Staudtenwolf gesellt sich dazu. Er wirft seinen Krontaler durchs Abdeckgitter des Brunnens. Ob das wirklich Glück bringt, wie ein alter Brauch verheisst?

«Schönen guten Tag, die Herrschaften», begrüsst Frau Sattners, die ganz in Blau gekleidete Führerin, die Besucherschar. «Gestatten Sie mir zunächst, bevor wir die Räumlichkeiten der Burg betreten, ein paar Worte der Einführung. Bauliche Anfänge der Burg gehen auf das Jahr 1326 zurück. Später wurde die Anlage immer mehr ausgebaut und erweitert, im grossen Stil zuletzt vor achtzig Jahren. Da wurde die Ringmauer um drei Meter erhöht. Die neuesten, aus Sicherheitsgründen erforderlichen Baumassnahmen sind abgeschlossen.»

Erstes Ziel der Führung ist der hohe Königssaal. Hinter einem Absperrband steht ein barocker Schreibtisch, mahagonibraun, dahinter ein Ohrensessel mit grünem Sitzpolster. Nach einem Thron halten die Besucher vergeblich Ausschau. Frau Sattners erklärt: «Von hier aus tyrannisierte der Schreckenskönig Sagutosch das Reich. Die beiden Originaltelefone stehen noch da. Das grüne war für allgemeine Gespräche vorgesehen, das rote für Befehle an die Miliz, die ihm direkt unterstellt war. Sagutosch gab sich als der grosse Ideologe. Metrusjo war als zweiter Mann im Staat der Reichsverwalter, der des Königs abstruseste Ideen in Befehle an die paramilitärische Sicherheitsgarde umwandelte. Die engsten Vertrauten Sagutoschs, von der Sekretärin bis zum Reichsverwalter, hatten die strenge Auflage bekommen sich von engen familiären Bindungen zu lösen und nicht zu heiraten. Sie mussten sich für fünf Jahre strengen Dienstes auf der Burg verpflichten. Danach konnten sie ihren Vertrag verlängern, oder die Burg bei Auszahlung einer üppigen Abfindung für immer verlassen.» Auf die Frage einer Besucherin ob Sagutosch Familie hatte, antwortet Frau Sattners: «Er hatte in der Umgebung der Stadt viele Verwandte, die hübsche Villen, oder, wie sein Neffe Kalfungosch, ein Schlösschen bewohnten. Das Gerücht wollte, dass Sagutosch jenen Neffen als seinen möglichen Nachfolger bestimmt und ihm das Schlösschen eingerichtet hatte. Die vier Fenster mit den flaschengrünen Butzenscheiben gestatten natürlich keinen direkten Ausblick auf die Stadt. Hier an dieser Wand befand sich ein Gemälde, das den ersten Herrscher der Dynastie, also den König Onjosch, darstellte. Zu Zeiten Sagutoschs war es plötzlich verschwunden. Er unterstellte einer Putzkraft den Diebstahl und liess die gesamte für den Königstrakt zuständige Wartungskolonne hinrichten. Dann stellte sich heraus, dass der Diebstahl auf Sagutoschs Geheiss geschah. Er hatte nach einem Vorwand gesucht, die Putzleute auszuschalten, da einige von ihnen angeblich einer Untergrundorganisation angehörten, die wiederum den militanten Anti-Royalisten nahegestanden haben soll. Nach Sagutoschs Flucht wurde die Burg akribisch nach dem Gemälde durchsucht, aber ohne Erfolg. Folgen Sie mir nun in die Katakomben.»

Der Abstieg über die ausgetretenen, hohen Stufen ist sogar für sportliche Leute eine besondere Herausforderung. «Hinter dieser Tür aus Bronze fanden, meist unter brutalen Folterungen, Verhöre statt», setzt Frau Sattners ihre Führung fort. «Oft genügte von Seiten der Schergen, meist potenzielle Lustmörder, die blosse Unterstellung einer antiroyalen Gesinnung. Nur wenige Menschen sollen die barbarischen Prozeduren überlebt haben, um dann lebenslang eingekerkert zu werden. Die, die es nicht geschafft hatten, wurden durch einen düsteren Kamin auf eine der Burg vorgelagerten Klippe geschleppt und hinabgestossen. In den letzten Tagen der Tyrannei soll das auch mit lebenden Personen geschehen sein. Hinter dem eisernen Gitter dort drüben beginnt ein acht Kilometer langer, steil abfallender Gang, der hinunter zum Königshafen führt, wo stets fünfzig königliche Jachten dümpelten.»

Nach der Besichtigung des eher nüchtern ausgestatteten Kronsaals und einigen kleineren Räumen ist die Führung zu Ende.

 

STAUDTENWOLFS BEKENNTNIS

Besucher zerstreuen sich über den Burghof um ein paar Aussenaufnahmen zu machen, die nach Entrichten einer kleinen Gebühr erlaubt sind. Staudtenwolf lehnt am Brunnenrand, als Frau Sattners ihn anspricht: «Sie fotografieren nicht?» Und ohne eine Antwort abzuwarten: «Hat Ihnen die Führung gefallen?» «Ja, doch, war sehr instruktiv», fällt Staudtenwolf dazu ein. «Sagen Sie, Frau Sattners, wissen Sie Näheres über den Reichsverwalter Metrusjo?» «Nicht viel, einzig dass er das ausführende Organ, sozusagen die rechte Hand Sagutoschs war. Wissen Sie etwas über diesen Menschen?» «Ja, sogar sehr viel. Ich war Metrusjo –« «Nein, nein-« «Doch, Frau Sattners. Ich war der Reichsverwalter Metrusjo. Ich war es, der kurz vor der vermeintlichen Erstürmung der Burg durch die Anti-Royalisten eine Flucht organisierte. Wir waren acht Personen. Sagutosch, vier Ministerialbeamte, die beiden Sekretärinnen und ich. Durch den Gang, auf den Sie bei dem Rundgang hingewiesen haben, gelangten wir unbehelligt zum Jachthafen, bestiegen ein Schiff und fuhren los. Ich hatte das Vergnügen das Schiff zu steuern. Zwei Beamte hatten Proviant auf eine Karre geladen, die sie auf das Schiff schoben. Zwei Monate dauerte die Fahrt bis zur Roten Küste. Von da aus ging es in achtzehn Tagesmärschen weiter nach Strungenheim, also unserer neuen Hauptstadt und meinem jetzigen Wohnsitz, wo wir uns einer Gruppe von Neomonarchisten anschlossen. Die hatten am Rande der Stadt ein Camp errichtet. Sagutosch war eines Morgens verschwunden. Wir machten uns nicht die Mühe nach ihm zu suchen. Über seinen Verbleib gab es später die wildesten Gerüchte, die auszuplaudern ich mir auch weiterhin ersparen möchte. Wir anderen konnten in Strungenheim untertauchen. Ich stieg, unter dem Namen Carl Anghermons als Lagerist in eine Fabrik für Haushalts- und Küchengeräte ein und lernte während einer Inventur meine künftige Frau kennen. Wir heirateten bald und ich nahm ihren sehr deutsch klingenden Familiennamen an, Staudtenwolf. So hiess nämlich mein Schwiegervater, der das Geschäft gegründet hatte. Mit meinen Fluchtgenossen hatte ich nie mehr Kontakt. Meine Vergangenheit verschwieg ich geflissentlich. Der Metrusjo galt als verschollen, das Schicksal Sagutoschs und seiner Getreuen teilend. «Wie kamen Sie in die Dienste Sagutoschs?» möchte Frau Sattners wissen. Staudtenwolf antwortet: «Während meiner Tätigkeit am Polytechnikum als Technischer Assistent hatte ich mich politisch betätigt. Ich war ein übereifriger Verfechter der Monarchie und avancierte unversehens zum Ersten Vorsitzenden der Royalisten. Sagutosch, gerade mal zehn Tage im Amt, hatte inkognito an einer unserer stets gut besuchten Versammlungen teilgenommen und war von meiner Dreiminutenrede so beeindruckt, dass er meine Adresse ausfindig machte und durch einen Gesandten anfragen liess, ob ich Interesse hätte, die immer noch vakante Rolle des Reichsverwalters zu übernehmen. Das Jahresgehalt sollte das des angeblich reichsten Kaulhafener Immobilienmoguls bei Weitem übertreffen. Ich bat um Bedenkzeit. Die lehnte der Gesandte ab und ich sagte prompt zu. Die Aussicht auf die Millionen hatten meine Sinne getrübt und mich zum skrupellosen Gehilfen Sagutoschs gemacht, der schon vor seiner Inthronisation als grausam und unberechenbar galt. Von nun an war Tyrannei offiziell Programm. Und ich fühle mich schuldig, obwohl mir ein Schuldbekenntnis als Sagutoschs willigem Werkzeug nicht leichtfällt.» «Ich bewundere Ihre Offenheit, Herr Staudtenwolf», sagt Frau Sattners. «Schuldbeladen sind doch alle, die dem Tyrannenkönig zujubelten.» Eine ältere Dame im aschgrauen Kostüm eilt herbei und spricht Frau Sattners an: «Komm, Martina, wir müssen uns beeilen-« «Entschuldigung, Herr Staudtenwolf, ich muss meine Mutter zu einer Besprechung begleiten. Tschüss». «Mit wem hast du dich unterhalten?» möchte die Mutter wissen. «Ein Besucher. Er hatte noch ein paar Fragen zur Geschichte der Burg.» «Komisch, er kommt mir irgendwie bekannt vor.» Staudtenwolf bleibt einen Abschiedsgruss schuldig. Von trüben Gedanken begleitet tritt er den Weg zurück zur Pension an.

 

NACHKLANG

Frau Sattners versucht in ihren Alltag zurückzufinden und die Begegnung mit Staudtenwolf zu verdrängen. Wird es ihr gelingen? Ein paar Tage nach ihrer Begegnung mit dem unheimlichen Besucher ist in einem Mittwochs-Journal zu lesen: «Der Teufel und sein Admiral sind per Schiff geflohen.» Der Artikel ist mit beneidenswerter Phantasie über die vermeintlich Schiffbrüchigen ausgeschmückt.

Am Abend schaut Frau Sattners hinüber zur Klippe, die von einem Starenschwarm umkreist wird. Dort oben steht eine offenbar schwarz gekleidete Gestalt. Die Gestalt ist urplötzlich nicht mehr zu sehen.

Bald darauf ist in der Strungenheimer Tageszeitung zu lesen: Anton Staudtenwolf, Geschäftsführer der Firma Staudtenwolf, ist in Kaulhafen, in unmittelbarer Nähe der Burg Kaulenfels, durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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