Wolfgang Küssner

Geschüttelt, nicht gerührt

Es soll das Jahr 1944 gewesen sein, als in San Fransisco ein 42-Jähriger Barkeeper namens Victor Jules Bergeron Jr. alias Trader Vic zwei Gästen eine neue Kreation servierte. Er hatte 6 cl eines fassgelagerten Jamaika-Rums, 1,5 cl Orangenlikoer, auch als Curacao bekannt, 0,75 cl Orgeat (Sirup mit Mandelgeschmack), 0,75 cl Zuckersirup und 2 cl frisch gespressten Limettensaft mit Eiswürfeln im Cocktail-Shaker geschüttelt, in ein Glas mit Crushed Ice gegeben und mit einem Blatt Minze dekoriert. Wie heißt es in Goethes Gedicht „Der Sänger“ – „Er setzt ihn an, er trank ihn aus: O Trank voll süßer Labe. O wohl dem hochbeglückten Haus, wo das ist kleine Gabe.“ Nun, ob die beiden Gäste in Traders Bar Poeten oder gar Sänger waren, ist nicht überliefert. Doch sie waren von dem Cocktail überzeugt, nein, sie waren begeistert und sollen gerufen haben „Mai Tai Roa Ae“, sie kamen nämlich aus Tahiti. Ins Deutsche übersetzt: „Nicht von dieser Welt – Das Beste.“ Der Leser ahnt, der Klassiker „Mai Tai“ war geboren. Es gibt viele Variationen dieses Drinks, die leider nicht immer „Mai Tai Roa Ae“ sind.

Der Kenner wird jetzt vielleicht an die Hausbar eilen, einen Drink mixen; der Autor bietet ein weiteres Rezept. Nichts mit Schütteln, aber ein wenig Rühren, ein bisschen Stossen. Die Zubereitung findet direkt im Longdrinkglas statt. 6-8 Minzeblätter ins Glas geben, 2,5 cl Limettensaft hinzufügen, 3 Barloeffel mit weißem Rohrzucker ergänzen; etwas rühren, damit die Minze die Aromen freisetzen kann, der Zucker durch den Limettensaft aufgeloest wird. 5 cl weissen kubanischen Rum aufgiessen; eventuell kurz ziehen lassen. Grobgestossenes Eis ins Glas geben und mit 4 cl Sodawasser aufgiessen. Das Ergebnis – der Kundige weiß es längst – trägt den Namen Mojito. Das ist ein ursprünglich aus Kuba kommender Drink, den man ein wenig mit „kleiner Zauber“ übersetzen koennte. Kein geringerer als Ernest Hemingway war es, der diesen Cocktail weltberühmt gemacht hat, nicht ohne selbst ungezählte Drinks in seiner Stamm-Bar „La Bodeguita del Medio“ in Havannas Altstadt genossen zu haben.

Hat der Leser eine Vorstellung, welcher Drink am Ende des nun folgenden Rezeptes steht? In den Shaker werden gegeben: 60 ml weißer Rum, 20 ml Kokoslikoer, 100 ml Ananassaft sowie 20 ml Schlagsahne und 40 ml Kokosmilch. Es sollten 2 Teeloeffel Zucker folgen, bevor der Shaker geschlossen und geschüttelt wird. Kräftig schütteln bitte, nicht rühren. Dann den Mix in ein mit Eiswürfel gefülltes Glas geben und mit Früchten am Glasrand dekorieren. Und? Hat der Leser es erraten? Denken Sie noch einmal nach. Kokoslikoer, Schlagsahne, Ananassaft? Richtig, Pina Colada heisst dieser cremig-süße Cocktail, er soll 1949 in der Hotelanlage des Hotels Caribe Hilton auf Puerto Rico kreiert worden sein. Auf die Gesundheit.

Und was koennte sich hinter folgender Rezeptur verbergen? Vorab: Da ist nichts zu schütteln, ein bisschen Rühren, ein wenig Quetschen. Doch nun zur Zubereitung: Das Glas sollte für einen 0,4 l umfassenden Drink geeignet sein. Eine frische Limette wird in kleine Stücke geschnitten und mit 3 EL Rohr-Zucker ins Glas gegeben. Mit einem Stoessel ein wenig gequetscht und vermengt. Nach einer kurzen Wartezeit wird das Glas mit Crushed Ice gefüllt und mit 6 cl Cachaca, also einem Schnaps aus Zuckerrohrsaft aufgefüllt.  Die Frage war vermutlich leicht zu beantworten, oder? Richtig, es geht um Caipirinha, einem vor einigen Jahren in Mode gekommenen Cocktail aus Brasilien. Caipirinha ist übrigens die Verniedlichungsform von Caipira, was in Brasilien so viel wie Hinterwäldler bedeutet. Salopp ins Deutsche übersetzt, koennte man beim Caipirinha wohl von so etwas wie der Unschuld vom Lande sprechen. Dennoch: Zum Wohl.

Und hier noch etwas, was der Leser eventuell anhand der Zutaten leicht erraten wird. Schütteln ist diesmal angesagt. Also: Man gebe 2 cl hochprozentigen Rum, 2 cl braunen Rum, 2 cl weißen Rum, 2 cl Kirschlikoer, 4 cl Organgensaft, 4 cl Ananassaft, 3 cl Zitronensaft und 1-2 cl Grenadin mit ein paar Eiswürfeln in den Mixer und shake, also schüttele diesen etwa zehn Sekunden lang. 3 bis 4 Eiswürfel in ein Glas geben und dann den Inhalt des Shakers durch ein Sieb in das Glas füllen. Bei Bedarf mit einer Orangenscheibe, einem Strohhalm garnieren. Die Zutaten sind nicht von schlechten Eltern. Und der Drink? Der hat es in sich. Und wie heisst er? Richtig: Zombie. Dieser umwerfende Cocktail geht auf Donn Beach zurück, der ihn wohl in den 1930er-Jahren in seinem Restaurant in Hollywood erstmals servierte. Sagen wir bei diesem Schwergewicht einfach - Prost. Das ist jetzt aber eine eigenwillige, komische (?), heftige (?), nicht ganz einfache – ja, ich weiß nicht - Überleitung zum nächsten Mix.

Der Leser befindet sich gerade im Rate-Fieber. Er moege das Wort Zombie bitte vergessen. Der Autor ist an dieser Situation natürlich nicht ganz unschuldig. Dennoch, ein neues Spiel: Was steht wohl am Ende des folgenden Zutaten-Mixes? 2 Anteile All-Inclusiv-Hotel, 2 Anteile grosse Pause in einer Grundschule, 1 Anteil Disney-World, 2 Anteile pubertierende Jugendliche, 2 Anteile närrisches Treiben und 1 kräftiger Schuß Egoismus. Zur Feinabstimmung 2 BL (das sind Barloeffel) Rüpel und 3 cl Spucke ergänzen. Die Anteile gut mixen und dann mit Lautstärke, Plastik, Kindergarten, Tüll, Zigaretten im Partnerlook servieren. Das Selfie nicht vergessen. Ja, der Autor räumt ein, das ist schon eine Frage für Kenner. Und eine Entscheidung, ob nun gerührt oder geschüttelt, wird sich selbst bei Agent 007 hier absolut nicht stellen. Niemand wird vom Verhalten chinesischer Touristen gerührt sein. Beobachtende Koepfe werden beim Auftritt  dieser Gäste aus dem Reich der Mitte nur geschüttelt. Übrigens, nach ausreichendem Konsum oben genannter Cocktails wird der letzte Mix deutlich erträglicher. Auf die Gesundheit. Geschüttelt, nicht gerührt.

 

Juli 2016

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gedankenreisen (Anthologie) von Wolfgang Scholmanns



von Mona Seifert, Markus P. Baumeler und 16 weiteren Autorinnen und Autoren,

Worte rund um das Leben und die Liebe mit wunderschönen handgezeichneten Skizzen zu Texten, Gedichten und Gedanken. Werke von 18 Autoren und Künstlern des Forums Gedankenreisen (http://31693.rapidforum.com) in einer zauberhaften Anthologie.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie Reiseberichte Thailand

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Rollmops & Pumpernickel - Teil 10 von Wolfgang Küssner (Krimi)
Blick vom Turm von Paul Rudolf Uhl (Reiseberichte)
Wenn die Hoffnung stirbt von Uwe Walter (Trauriges / Verzweiflung)