Kat Mirabile

…und die Sehnsucht so groß

Ihre Bluse war nur leicht zerknittert und die Augenringe konnten mit etwas Abdeckstift versteckt werden. Ausnahmsweise hatte sie es geschafft, ihre Haare trocken zu föhnen, bevor sie Hals über Kopf die Wohnung verließ, um rechtzeitig in dem kahlen Bürogebäude anzukommen. Sie sah annehmbar aus, so als hätte sie letztes Wochenende zumindest ein paar Stunden geschlafen. Nachdem sie eine letzte Grimasse in den Spiegel geschnitten hatte, wusch sie sich die Hände und verließ die Damentoilette.

Natürlich waren ihre Kollegen bereits in dem stickigen Bürozimmer. Das Geräusch von hektischem Tippen und der Geruch von abgestandenem Kaffee sendete eine Welle von Nervosität durch ihren Körper. Sie nickte ihrem Schreibtischnachbarn kurz zu und hoffte, dass niemand das Zittern ihrer Hand bemerkte, als sie den Computer startete.

Es waren wahrscheinlich einige Minuten vergangen, bis sie bemerkte, dass der Anmeldebildschirm aufgeleuchtet hatte. Sie tippte ihr Passwort ein, welches sie auf einem gelben Klebezettel notiert hatte. Trotzdem brauchte sie drei Versuche, bis sie erfolgreich war. Es hatte schon schlechtere Morgen gegeben.

Die Nummern in den scheinbar endlosen Tabellen tanzten vor ihren Augen. Ob ihre Kollegen wohl  merkten, wie ungewöhnlich häufig sie blinzelte? Sie wagte es nicht, sich im Raum umzusehen, sie wollte auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen.

Eine halbe Stunde war vergangen und sie hatte die Abrechnungen von letzter Woche noch immer nicht ausgewertet. Es kostete ihre ganze Kraft, sich auf langsame, kontrollierte Atemzüge zu konzentrieren. Außerdem war ihr Bildschirm so hell, so schmerzhaft blendend. Sie hatte ihn bereits auf die dunkelste Stufe gestellt. Und erst die Geräusche. War niemand sonst irritiert vom Tippen und Klicken, dem Knarzen der Türen, dem Seufzen der Sessel?
Obwohl jeder der anwesenden Arbeitskollegen sie wahrscheinlich für faul und inkompetent, dumm und merkwürdig hielt, schlich sie sich nach nur 37 Minuten Arbeitszeit wieder auf die Toilette.

Sie wusste, sie musste sich zusammenreißen. Sie wusste, sie durfte ihr Potential nicht verschwenden. Sie brauchte das Geld. Als ihr Magen in dem kleinen Waschraum knurrte, wurde ihr bewusst, wie erfolgreich sie verdrängt hatte, dass sie das gesamte Wochenende nichts gegessen hatte. Dennoch war eine Mahlzeit so ziemlich das Letzte, wonach sie sich sehnte. Sie fuhr sich durch die Haare und spülte das resultierende Büschel in ihrer Hand in den Abfluss.

 

Als sie die Toilette verließ, war sie wieder die Agatha, die sich innerhalb von 5 Jahren von der unbezahlten Praktikantin zur Juniormanagerin hochgearbeitet hatte. Die Agatha, die jeden ihrer Kollegen mit einem warmen Lächeln begrüßte und mit einem unbeschwerten Scherz den Tag verschönerte. Frisch gepudert und frisiert, die bunt gestrichene Fassade einer bröckelnden Leichenhalle.

Das einzige, was ihre Euphorie trübte, war, dass sie wusste, dass sie ihren Vorrat beinahe aufgebraucht hatte, und es noch eine Woche war, bis sie ihn mit ihrem Gehalt aufstocken konnte.

Sie war wieder einmal die Letzte im Büro. Die Besprechungen und Berechnungen hatten sie voll und ganz eingenommen, sodass sie nicht einmal bemerkt hatte, dass es dunkel geworden war. Genauso wenig konnte sie sich erinnern, was sie zu Mittag gegessen hatte, und ob sie überhaupt eine Pause gemacht hatte.
„Aga, nochmals, ich muss dich ausdrücklich darauf hinweisen, dass …“
Sie erwachte zu den schwammigen Worten ihres Chefs, der motiviert auf sie einredete, aus Ihrer Trance. Nein, Moment, sie war alleine, das Büro war dunkel und ihr Computerbildschirm schwarz. Das Gespräch war seit Stunden vorbei und es war höchste Zeit für sie, auszustempeln und nach Hause zu gehen. Sie erhob sich mit wackligen Knien und versuchte die plötzlich aufkommende Übelkeit zu verdrängen. Es war bereits nach 21 Uhr und sie wusste genau, dass sie auch diese Nacht nicht zur Ruhe kommen würde. Was würde ein bisschen mehr also schaden? Ihren Vorsatz, eine Woche ohne hatte sie ohnehin schon gebrochen.
Sie suchte nach dem Plastikpäckchen in ihrer Handtasche.

Nein.

Nein, das konnte nicht sein!

Der Beutel war leer! Nur mehr Spuren des weißen Pulvers waren zu sehen.

Verdammt. In einem Anfall blinder Wut schmiss sie das Erstbeste, was sie in ihrer Handtasche fand, gegen den Spiegel. Es klirrte, Risse hatten sich ausgebreitet wie das Netz einer Spinne.

 

Als sie die Toilette dieses Mal verließ, war sie das genaue Gegenteil der beherrschten Vorzeigemitarbeiterin, die sie sich sonst so bemühte, der Welt zu präsentieren. Abgesehen von dem teuren Hosenanzug und der Designerhandtasche sah sie aus wie die Abhängigen, die immer im Fernsehen zu sehen war. Ihre Augen hatten denselben gehetzten Blick wie die des Obdachlosen, dem sie früher manchmal ihr Wechselgeld gegeben hatte, damit er aufhörte, ihr von seinen Begegnungen mit Außerirdischen zu erzählen.

 

Der Wecker klingelte und ihr Magen verkrampfte sich. Sie erinnerte sich dunkel, manisch durch die Stadt gelaufen zu sein, um ihren Stoff auftreiben zu können. Wie sie letztendlich nach Hause gekommen war, wusste sie nicht, doch den Kopfschmerzen nach zu urteilen hatte sie sich an der Flasche 5€ Tankstellenwhisky zu schaffen gemacht, die sie für Notfälle wie diesen im Handschuhfach ihres Autos aufbewahrte. Dunkel erinnerte sie sich, dass ihr Geld bis auf 10,54€ aufgebraucht, und ihre Kokainverstecke geleert waren. Sie saß auf dem Trockenen.

 

Sie war keinesfalls in einem Zustand, in dem sie zur Arbeit gehen konnte, dennoch war der Gedanke an den nächsten Gehaltszettel und die dadurch erschwinglichen Anschaffungen genug, dass sie sich überwinden konnte, das Haus zumindest einigermaßen lebendig aussehend zu verlassen. Der Vorteil an dem Kater war, dass sie sich weniger Sorgen um ihre beklemmende, nahezu krankhafte Nervosität machte. Dennoch vermisste sie den Kick, sie brauchte den Kick. Gerade nach einem Wochenende wie dem vergangenen, das sie in einem 40-stündigen Dauerrausch verbracht hatte, war es unerträglich, nüchtern zu sein. Ihren weißen Engel, ihren besten Freund, sie brauchte ihn. Mehr als den Job, mehr als ihre Freunde, mehr als ihre Familie. Kokain war alles, an das sie an diesem Morgen denken konnte.

„… Nicht mal gemeldet haben sie es, klar, wo die herkommen gibt’s so was wie Arbeitsmoral und Aufrichtigkeit eben nicht! Verdammte Putzfrauen, zerstören den Spiegel, und dann müssen’s sie’s nicht mal aus eigener Tasche zahlen!“ Bettina, die Sekretärin ihres Chefs, hatte wohl seit einiger Zeit auf sie eingeredet. Es war vermutlich besser nicht zuzugeben, wie der Schaden wirklich zustande gekommen war.

„Ich sag’s dir, Aga, die Tschetschenen sind die schlimmsten! Übrigens, der Chef will dich in einer halben Stunde sehen, und so wie der dreingeschaut hat, willst du nicht zu spät kommen.“

Ihr Puls verdoppelte sich, das konnte nichts Gutes heißen.

 

„Du bist eine sehr geschätzte und geachtete Mitarbeiterin in diesem Betrieb und dennoch kann ich mir nicht helfen und muss einige Unregelmäßigkeiten feststellen“

Metallischer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, sie hatte sich die Lippen blutig gebissen.
„Ich …“

„Aga, wenn du persönliche Probleme hast, ist es vielleicht besser, wenn du etwas Abstand zu der Firma hältst.“

„Es tut mir, leid, aber...“

„Nein, mir tut es leid, aber dich in diesem Zustand arbeiten zu lassen ist unverantwortlich, du hast uns bereits signifikante Schäden gekostet“

Er wedelte ihr mit Unterlagen vor dem Gesicht herum, die sie kaum zur Kenntnis nahm.

„Ich sehe keine andere Möglichkeit, als dich vorläufig zu beurlauben, Agatha.“

 

Das war der letzte Strohhalm, ihre letzte Möglichkeit, irgendwie wieder ein normales Leben zu finden. Ohne diesen Job hatte sie keine Möglichkeit, irgendwie an Geld, und somit an Stoff, zu kommen.

 

Ihr Bekannter, der ihr normalerweise mit dem Beschaffen half, hatte ihr seit Tagen nicht zurückgeschrieben. Vermutlich weil er wusste, dass sie nicht gerade liquide war. Ihre Mutter wollte ihr, seit sie vollkommen zu gedröhnt die Wohnung demoliert hatte, auch kein Geld mehr geben. Sie war alleine. Wenn sie früher von diesen Gefühlen der Einsamkeit überrollt wurde, hatte sie sich einfach die Nase gepudert und ein paar Kurze getrunken. Das hatte immer die Probleme behoben. Zumindest vorläufig. Was würde sie jetzt für eine Line geben? Hatte sie nicht schon alles gegeben?

Irgendwo wusste sie, dass die Droge sie dieses Mal nicht retten würde. Sie fehlte ihr trotzdem.

Agatha vermisste ihr altes Leben. Ihre beste Freundin, mit der sie früher so gerne Shoppen gegangen war, bis sie ihr ganzes Geld nur mehr für Koks ausgab. Ihren kleinen Bruder, der ihr immer zutiefst vertraut hatte, bis sie verzweifelt sein Sparschwein plünderte. Ihre Mutter, die sie umarmte und ihr sagte, dass alles wieder gut werden würde.

Doch am meisten sehnte sie sich nach dem, das ihr Schicksal schon vor geraumer Zeit besiegelt hatte.

Die Sehnsucht klopfte unaufhörlich an die Tür und nur die Sucht antwortete. Sie war größer als Agatha selbst.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.03.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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