Wolfgang Küssner

Am Anfang stand der Samenklau

Sie wollen unser Land wieder verlassen, Mister Henry Wickham? Hat es Ihnen bei uns nicht gefallen? Vermutlich wartet die Arbeit in England auf Sie. Nun denn, haben Sie etwas zu verzollen? Nein, nein, dieser Mr. Wickham hatte nichts zu verzollen. Doch der Zollbeamte war ein wenig skeptisch. Was haben Sie hier Mr. Wickham? Das sieht ja aus wie Eicheln. Die kannte der Beamte natürlich nicht. Woher auch. Er arbeitete in Brasilien und die Eiche ist doch eher ein Gewächs aus dem Norden Europas. Doch die Groeße dieser Früchte, das hätte schon gepasst. Nur waren diese Samen in ihrer Maserung deutlich schoener, hatten fast etwas von einem Tigerauge. Kannte der Zollbeamte aber auch nicht. Mister Wickham, was haben Sie hier Schoenes gesammelt? Und mit der Antwort, es würde sich um Orchideen-Samen handeln, gab sich der Beamte zufrieden. Wäre der Zoellner nun besser ausgebildet gewesen, hätte er über ein besseres Allgemeinwissen verfügt, wäre seinem Land Brasilien eine Katastrophe erspart geblieben.

 Was Mr. Henry Wickham seinerzeit – wir schreiben das Jahr 1876 – dem Zoellner als Orchideen-Samen erfolgreich vorgaukeln konnte, war nichts anderes als Kautschuk-Samen. Wickham war ein Abenteurer und hatte vom britischen India Office und vom Koeniglichen Botanischen Garten in Kew bei London den Auftrag, den wichtigen Samen nach Europa zu bringen, damit zu experimentieren. Brasilien hatte bis dato ein Monopol auf dieses Naturprodukt, die damaligen Kautschuk-Barone schwammen in Geld. Und nun, mit der Ausreise von Mr. Henry Wickham, an einem Tag im Jahr 1876, mit 70.000 Samen im Gepäck, gehoerte dieses Monopol der Vergangenheit an. Schluß mit lustig, Schluß mit Reichtum.

Mister Henry Wickham hatte den Kautschuk-Samen geklaut; in England wurde damit experimentiert und dann die ersten – es sollen wohl nur 7 Pflanzen gewesen sein, andere Quellen sprechen von 200 Setzlingen – in Sri Lanka, was damals noch Ceylon hieß und in Burma – beides zum Britischen Commonwealth gehoerend - in den Boden gebracht. Nicht ohne Erfolg. Bis zur ersten Ernte vergingen zwar 13 Jahre, doch das Monopol der Brasilianer war gebrochen, Südost-Asien würde fortan der groeßte Kautschuk-Produzent der Welt sein. 2003 wurden in Thailand (weltgroeßter Erzeuger) mehr als 3 Millionen Tonnen Kautschuk produziert, in Indonesien knapp 1,8 Millionen, in Malaysia 1,0 Millionen, in Indien knapp 0,7 und in China 0,550 Millionen Tonnen Kautschuk gewonnen. Im Vergleich dazu Brasilien: knapp 0,1 Millionen Tonnen. Ja, der Samenklau hatte beachtliche Auswirkungen, für Brasilien und natürlich für Südost-Asien.

Was ist Kautschuk eigentlich? Wie wird Kautschuk gewonnen? Nun, zunächst einmal sind es Bäume, die in Reih und Glied gepflanzt werden und heute nur noch 6 Jahre benoetigen, um erstmals angezapft, „gemolken“ werden zu koennen. Diese Arbeit wird in der kältesten Tageszeit, also nachts zwischen drei und sieben Uhr geleistet. Mit einem speziellen Messer wird die Rinde schräg angeritzt, der Milchsaft – auch Latex genannt - tritt dann aus und läuft als kleines Rinnsal in einen an jedem Baum befestigten Behälter. Dieser Milchfluß kann bis zu 3 Stunden anhalten. Mit den ersten Sonnenstrahlen versiegt er aber. Jeder Baum kann ein- bis zweimal woechentlich angezapft werden. 500 Bäume ergeben etwa täglich 30 bis 35 Kilo Naturkautschuk.

Die Milch im Auffangbehälter erhärtet gering und kann jetzt zu einer Art Knolle geformt entnommen und verkauft werden. Die für die Kautschuk-Farmer oekonomisch attraktivere Variante ist die Verarbeitung zu kleinen Matten. Dazu wird die Milch zunächst mit einer Chemikalie abgebunden, gewaschen, geknetet und in einheitliche Formen gegossen. Mit diesen Formen geht es dann an die Walze zur Herstellung der Matten. Überall im Süden Thailands kann man die zum Trocknen aufgehangenen Matten sehen. Der Farmer verkauft diese dann zum Kilopreis.

Etwa 70 Prozent der weltweiten Kautschuk-Produktion landen in der Herstellung von PKW- und Flugzeugreifen. Wie der Name schon sagt, ist die Milch in Latex-Produkten wie Matrazen, Teppichrücken etc. enthalten; dünnwandige Produkte, wie Folien, Handschuhe, Kondome würden ohne die Elastizität des Kautschuks nicht ihre Funktion erfüllen.

Nachdem sich die drei groeßten südost-asiatischen Produzenten, also Thailand, Malaysia und Indonesien, vor etlichen Jahren dazu entschlossen, nicht als Konkurrenten aufzutreten, sondern gemeinsam das Naturprodukt zu vermarkten, stiegen die Preise. Als die Witschaft dann richtig boomte, waren für den Farmer in Thailand schon 160-180 Baht pro Kilo zu erzielen. Das führte – das alte Gesetz von Angebot und Nachfrage – zunächst zu einer Überproduktion, damit zum Verfall der Preise. Als vor ein paar Jahren auch noch Sand ins Getriebe der Welt-Wirtschaft geriet, purzelten die Preise bis auf unter 40 Baht. Der Markt hat sich davon nicht wieder erholt.

Der Kautschukbaum, eine Pflanze aus der Familie der Wolfsmilchgewächse, koennte eigentlich 25 Jahre lang gemolken werden. Doch der Preisverfall zwingt viele Farmer in Thailand, mehr und mehr Kautschuk-Flächen abzuholzen und das Glück mit der momentan heißbegehrten Oelpalme zu versuchen.

 

Juli 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.03.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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