Braun war der größte Bär im ganzen Wald, aber er war so sanftmütig, dass kein anderer Bär etwas mit ihm zu tun haben wollte. Eines Tages flog aus Versehen eine kranke kleine Schwalbe in seine Höhle. Sie hatte sich den Flügel gebrochen und konnte sich gerade in die Höhle des Bären noch retten. Als sie merkte, dass sie in der Höhle des Bären gelandet war, erschrak sie schrecklich. „Er wird mich auffressen, wer hilft mir denn in meiner Not“ flehte sie und jammerte, dass es zum Erbarmen war.
Aber Braun hob das Schwalbenmädchen vorsichtig auf, wusch es und versuchte, ihren verletzten Flügel zu heilen. Er kümmerte sich so rührend um das kleine Vogeltier, dass er fast vergaß, seinen Winterschlaf zu halten. Schließlich fiel es ihm doch noch ein, dass es für ihn Zeit für den Winterschlaf geworden war und er legte sich in sein Lieblingseck und versuchte zu schlafen. Aber er konnte einfach nicht einschlafen, so sehr er sich auch bemühte, er blieb wach.
Aus Dankbarkeit fing Mia nun zu singen an, - sie wollte ihn zart in den Schlaf singen! Stundenlang saß sie bei Braun und sang, aber der Bär döste nicht ein. Er konnte nicht schlafen, denn er wusste, wenn er einschliefe würde die kleine Schwalbe sterben. Sie aber wusste, dass er sterben würde, wenn er seinen Winterschlaf nicht halten könne. Und weil sie ihm so dankbar war, dass er sie so liebevoll bei sich aufgenommen hatte, fing sie heimlich an, das Fliegen zu üben.
Immer wenn der Bär die Höhle verließ, um Nahrung zu suchen, machte sie ihre Übungen, schlug auf und ab, so dass der Flügel immer kräftiger wurde. Sie übte so lange, bis sie wieder fliegen konnte.
„Ich kann wieder fliegen, Braun, du kannst jetzt ruhig deinen Winterschlaf halten“ sagte sie.
Braun freute sich über den Erfolg seines Schützlings, doch dann wurde er sehr traurig – Mia würde während er schlief wieder wegfliegen und wieder wäre er ganz allein. Dessen war er sich ganz sicher, den Schwalben fliegen in den Süden, wenn es Winter geworden ist – und es war ja auch schon sehr kühl geworden in diesen Tagen.
„Ach, lieber Braun, sei doch beruhigt, wenn der Winter vorüber ist und es wieder Frühling wird, bin ich wieder bei dir. Ich komme wieder zurück, Ehrenwort“.
Und so kam es, dass sie ihren großen Freund in den Schlaf sang. Dann flog sie davon. Der große einsame Bär schlief und durch seine Träume hindurch begleiteten ihn die hellen Töne seiner kleinen Freundin.
Ein kalter Dezemberwind blies und Mia saß vor der Höhle und überlegte, wie sie zum Meer käme, denn sie wollte im Süden überwintern und dann, wenn die Natur wieder erwacht, zu ihrem Freund Braun, zurückkehren. Also machte sie sich auf den Weg zum Meer. Es war ihr möglich, zu fliegen, aber sie war langsam und ermüdete schnell. Das Meer spiegelte die Farbe des Himmels und sah aus wie flüssiges Blei, und die Wellen rollten gleichmäßig an die Küste. Schwere Wolken sanken langsam herab, der Nebel wurde dichter und verhüllte den Horizont. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit hätte Mia die Schönheit ringsum wahrgenommen, aber als sie jetzt dastand auf ihrem Rastplatz am Meer, wurde ihr klar, dass sie überhaupt nichts empfand.
Mia war bereits müde geworden und nahm kaum die Welt um sich herum noch wahr, als sie das Kreischen vieler Seeschwalben vernahm und das sanfte Plätschern der Wellen, die über den Sand rollten. Sie überlegte nun nicht lange, nahm alle Kraft in ihr zusammen und erhob sich in die Lüfte, um in verwandter Begleitung in den Süden zu fliegen.
Sie dachte zärtlich an Braun, der jetzt in seiner Höhle schlief und malte sich das Wiedersehen mit ihm in schönsten Farben aus. Das gab ihr viel Kraft, weiterzufliegen.
Das Leben des Bären war indes bei weitem nicht so anstrengend. Er schlief in seiner Höhle und träumte vom Frühling. Er räkelte sich und spürte Wohlbehagen. Und als die Natur wieder erwachte, die Bäume zart ihre Knospen unter der dünn gewordenen Schneedecke auftaten, spürte er bereits den Frühling nahen. Er roch ihn fast.
Die Schwalbe flog zurück zu Braun. Sie hatte ihn nicht vergessen.
Braun freute sich ganz riesig, als er sie sah. Aber er merkte, dass irgendetwas mit der kleinen Schwalbe nicht stimmte. Sie war so still.
„Was ist denn los? Bist du krank? Mir fehlen dein Gesang und deine Fröhlichkeit. Du wirkst so traurig“ brummte der Bär besorgt. Die Schwalbe fand nicht die richtigen Worte und so drückte sie herum „hm, tja, „ und seufzte.
„Na los, Kleine, erzähl schon, wozu hat man Freunde“ meinte er vertraut und gab ihr ein bisschen von seinem Baumsirup zu trinken. Er deckte ihre Schultern mit Blättern zu. und machte in einer Ecke der Höhle ein wenig Feuer, damit seine kleine Freundin sich wärmen konnte.
Tage und Nächte vergingen und die kleine Schwalbe sprach kein Wort. Sie aß nichts, trank nichts und war sehr dünn und abgemagert. Der Bär war untröstlich. „ Was ist denn nur geschehen“ fragte er sich immer wieder und ging hinaus, sammelte die Lieblingswürmer seiner kranken Freundin, wärmte sie über dem Ofen und fütterte sie langsam damit.
Viel Zeit verging und das Schwalbenmädchen Mia sprach kein Wort. Aber dann, - an einem sehr sonnigen Frühlingstag fand sie endlich Kraft, um mit Braun darüber zu sprechen, was ihr denn passiert sei.
„Weißt du, Braun, obwohl mein Flügel dank deiner Hilfe schon fast heil war, so war ich doch noch nicht so stark, um mit den anderen Vögeln in den Süden fliegen zu können. Von Anfang an hing ich zurück und niemand wartete auf mich, außer einer mickrigen zerzausten Seeschwalbe. Aber auch sie bekam nach einer Weile genug von mir, wollte nicht immer ausruhen und auf mich warten. Irgendwann sagte ich dann, sie solle versuchen, die anderen einzuholen und sich nicht mehr um mich kümmern. Und so flog auch sie davon und ließ mich allein auf einem verschneiten Feld zurück. Nun versuchte ich, allein zu fliegen, aber der Wind blies so stark.“
„Das ist ja wirklich fürchterlich, meine Liebe“ meinte der Bär nachdenklich. „Den Tod hättest du dir dabei holen können.“
„ Zwei Wochen bemühte ich mich nun ganz allein, voranzukommen“, erzählte Mia. „Aber weißt du, Braun, ich konnte nicht sehr lange fliegen, weil der Wind mich immer wieder behinderte.“
Ihr Flügel war ja noch nicht ganz verheilt. Und so schonte sie ihn immer mehr – bis sie überhaupt nicht mehr fliegen konnte. Als eine heftige Windbö kam, barg sie den Flügel unter ihrem Bauch, wodurch sie die ganze Höhe verlor, die sie sich mühselig erarbeitet hatte… Schließlich gab sie die Hoffnung auf, je nach Süden fliegen zu können. Sie konnte den großen Ozean nicht überfliegen und musste irgendwie anders überleben, bis sie zu ihrem Freunde zurückkehren könne, überlegte sie. Und sie wollte unbedingt wieder zu ihrem Freund, außerdem hat sie es ihm ja versprochen.
„Die erste Nacht war entsetzlich – und so stimmte ich einen Klagegesang an, und dachte, jemand würde mich hören, aber ich war ganz allein,“ erzählte sie. Irgendwann schlief sie vor Erschöpfung ein und als sie am Morgen erwachte, tobte ein Schneesturm, und sie sang den ganzen Tag in der Hoffnung, jemand würde sie finden und ihr helfen, - aber niemand kam.
„Dann entschied ich, mich auf den Weg zu dir zu machen, lieber Braun, und ich wanderte monatelang über endlose Felder und durch die Wälder, und dabei sang ich klagend, bis ich den Klang meiner eigenen Stimme nicht mehr hören konnte. Von da an sang ich nicht mehr.“
„Du armes Ding, musstest so viel auf dich nehmen und ich schlief und hatte keine Ahnung“ brummte Braun und sah dabei sehr bekümmert aus.
Von Tag zu Tag wurde Mia schwächer. Viele Wochen waren vergangen, und als sie sich an einem warmen Winternachmittag etwas besser fühlte, wollte sie wieder singen, doch als sie den Schnabel aufmachte, kam nur ein scheußlicher Laut hervor.
Lange saß nun Braun aufmerksam bei der Schwalbe und lauschte ihren Erzählungen und er war gerührt, dass sie ihr Versprechen nicht gebrochen hat und trotz aller Mühen nicht aufgegeben hat.
Sie sahen einander in die Augen und die Schwalbe spürte seine Nähe und wollte ihm ein Lied singen, nur für ihn. Doch der einzige Laut, den sie zustande brachte, war ein schrilles Krächzen.
„Ist es nicht schlimm genug, dass ich nicht fliegen kann, Braun, - aber jetzt kann ich nicht einmal mehr singen…“ weinte sie nun herzzerreißend.
Aber es war Frühling, der Bär hatte seinen Winterschlaf gehabt und war stark genug, sich seiner kleinen Freundin anzunehmen und so übte der Bär mit der Schwalbe stundenlang den ganzen Frühling hindurch das Fliegen. Er sammelte für sie die besten Würmer und briet sie, massierte ihr jeden Abend den Flügel, um ihn zu kräftigen, und er ging mit ihr hinaus in den Wind und zwang sie, gegen den Wind zu fliegen, bis sie aufhörte, ihren Flügel zu schonen.
Der Duft wild wachsender Blumen war bereits zu riechen und die Sonne hatte schon sehr viel Kraft und lockte die Knospen der noch kahlen Bäume hervor. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Aber Mia konnte immer noch nicht singen, und der Bär wusste nicht, wie er ihr da helfen sollte. Er versuchte es, aber es war nicht so wie mit dem Fliegen. Je mehr er sich bemühte, desto schlimmer wurde das Gekrächze. Er war untröstlich.
Sie übten das ganze Jahr über und die Zeit verging im Nu. Als schließlich wieder der Winter kam, wollte der Bär keinesfalls einen Winterschlaf machen. Er sorgte sich sehr um die Schwalbe, denn er war sich ganz sicher, dass sie wieder wegfliegen würde. Sie zeigte ihm zwar immer wieder, dass alles in Ordnung sei und flog tapfer in der Höhle hin und her.
„Langsam wird es wieder Zeit für meinen Winterschlaf. Bitte singe mir doch ein Lied zu Einschlafen“ bat Braun.„Ich kann ohne dein Schlaflied nicht einschlafen“
Mia setzte sich zu ihm und hätte ihm so gern ein Lied zum Einschlafen gesungen, - aber sie konnte nicht. Sie konnte nicht mehr singen.
Die Schwalbe wusste, dass sie weiterleben würde, denn sie konnte wieder fliegen. Sie brauchte nicht zu singen, um zu überleben. Aber wenn sie wegflog, ohne den Bären in den Schlaf zu singen, würde er sterben. Also musste sie unbedingt wieder singen lernen, sie wusste nur nicht wie. Also begann sie mit dem Üben. Sie übte und übte, aber je mehr sie sich bemühte, je schlimmer wurde ihr Gekrächze bis der Bär ihr schließlich verbot weiter zu üben. Der Bär wurde von Tag zu Tag schwächer. Er musste endlich schlafen, und die Schwalbe wusste, sie muss etwas unternehmen, sonst würde der Bär sterben. Also fasste sie einen Entschluss. Sie übte nicht mehr jeden Nachmittag mit dem Bären das Fliegen, sondern ging allein hinaus.
“Ich muss ohne dich fliegen lernen“, erklärte sie, aber sie flog nicht, sondern begab sich stattdessen zu einem Baum am Waldesrand, und in der ungestörten Stille dort versuchte sie zu singen. Sie glaubte, sie sei allein, doch über ihr im Baum hockte ein Spatz, der sie voller Neugier beobachtete.
„Was ist denn mit dir passiert? Warum kannst du nicht singen?“ fragte er. Seine Stimme war leise und zärtlich, und als die Schwalbe zu ihm hinaufblickte, waren seine Augen so sanft und freundlich, dass sie ihm antwortete. „Ich habe so lange geweint und geklagt, dass ich meine Stimme nicht mehr hören konnte“ sagte sie. „Und jetzt kann ich nicht mehr singen.“
Der Spatz kam auf ihren Zweig heruntergeflogen und setzte sich neben sie. „Der Bär wird sterben, wenn ich nicht wieder singen lerne. Er wird von Tag zu Tag schwächer, und ich muss wieder singen. Ich muss einfach.“
„Ich weiß eine Lösung“ sagte der Spatz. „Sag dem Bären, du kannst wieder singen, und wenn er sich zum Schlafen niederlegt, dann machst du den Schnabel auf, und ich verstecke mich hinter einem Stein und singe für dich.“
Mia fand die Idee großartig, und die beiden flogen zur Höhle des Bären um sein Leben zu retten. Sie kamen dorthin, ehe der Bär von der Jagd zurückkehrte, und die Schwalbe versteckte ihren neuen Freund hinter einem Stein gleich neben der Stelle, wo der Bär schlief. Als der Bär dann nach Hause kam, sagte sie zu ihm, sie könne wieder singen. Als er ihre Stimme hören wollte, sagte sie, er solle sich hinlegen und die Augen schließen.
„Du wirst mir sehr fehlen, Braun“ sagte sie. „Ich verspreche dir, im Frühling komme ich zurück, und jetzt singe ich dich in den Schlaf.“
Der Bär schloss die Augen. Da öffnete die Schwalbe ihren Schnabel, und der Spatz hinter dem Stein begann wunderschön zu singen. Es dauerte eine Weile, und schließlich sank der Bär in einen tiefen Schlaf.
Die Schwalbe hatte Angst, sie könnte es wieder nicht schaffen, nach Süden zu fliegen, – ihr Flügel war in den Wochen, in denen sie nicht geübt hatte, wieder ganz steif geworden, und der Winter war schon ziemlich nah.. Die ganze Unternehmung ängstigte sie schrecklich. Das erzählte sie dem Spatz.
Ich fliege nie nach Süden im Winter“, sagte er, „ seit vielen Jahren nicht mehr, und du musst es auch nicht tun. Du kannst diesen Winter mein Gast sein“ schlug er vor und er nahm Mia mit zu sich in seinen Baum.
Sein Nest war gemütlich und warm und die beiden lebten ein paar Wochen zufrieden und glücklich miteinander Sie verspeisten seinen Eichelvorrat und tranken viel Baumsirup. Der Spatz erzählte der Schwalbe viele interessante Geschichten und schmeichelte ihr mit Komplimenten, und nach und nach verliebte Mia sich in ihn. Sie gab ihre Flugübungen gänzlich auf, denn er meinte, sie könne sich die Mühe sparen, es sei ja viel zu kalt schon. Und da war es doch viel angenehmer, gemeinsam im Warmen zu sitzen. So wurde ihr Flügel immer steifer bis schließlich die ganze Arbeit des Bären dahin war.
Vielleicht wäre alles gut gegangen, wenn sie genügend Nahrung für den ganzen Winter gehabt hätten, aber kein Monat war vergangen, da hatten sie schon alles aufgegessen. Der Spatz sagte, das sei kein Grund zur Sorge, und mit Schaufeln, die er aus Eichenschalen und Baumrinde hergestellt hatte, begaben sie sich hinaus in den tiefen Schnee. Der Spatz zeigte ihr, wie man Wurzeln und Würmer tief aus der Erde ausgrub, und ein paar Tage arbeitete er unermüdlich an ihrer Seite. Es war harte Arbeit, zumal ihr Flügel nicht so kräftig war, doch da sie nicht locker ließ, konnte sie schließlich mit der Schaufel die gefrorene Erde durchstoßen und einen schönen Wurzelklumpen ausgraben.
Eine Woche verging, und der Spatz ging nicht mehr mit ihr hinaus.
„Ich bin krank, meine Liebe, geh doch allein. Wenn ich wieder gesund bin, werde ich losziehen und du kannst zu Hause bleiben,“ meinte der Spatz.
Die Schwalbe liebte ihn so sehr und deshalb ging sie gern hinaus und suchte allein nach Nahrung. So ging es mehrere Wochen. Sie arbeitete den ganzen Tag draußen in der Kälte, während der Spatz friedlich in seinem Nest schlief.
Eines Tages wurde Mia krank. Sie wurde immer dünner und ihre Lungen waren sehr angegriffen, sie hatte schon fast eine Lungenentzündung. Sie wünschte sich, der Spatz würde merken und sein Versprechen nun einlösen, doch er sagte kein Wort. Da brach sie eines Tages im Wald zusammen, unter einer großen Ulme nicht weit von der Höhle, wo der Bär seinen Winterschlaf hielt. Und sie sehnte sich nach seiner Wärme.
Mia kämpfte gegen den Schnee, der unaufhaltsam auf sie fiel, aber sie hatte kaum noch Kraft. Mit schwacher Stimme rief sie den Spatz um Hilfe, doch er hörte sie nicht. So lag sie viele Stunden, um Hilfe rufend und gegen den Schnee kämpfend bis ihre Stimme und ihre Kraft dahinschwanden. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit betäubte die Kälte sie ganz und gar, und ohne Schmerz glitt sie hinüber ins Unbewusste.
Da lag sie nun, ohne etwas zu spüren und der Schnee fiel auf sie, bis keine einzige Feder ihres Flügels mehr zu sehen war.Die arme kleine Schwalbe war ohnmächtig geworden und der Schnee begrub sie mehr und mehr, während über ihr im Baum der Spatz auf sie wartete. Es schneite die ganze Nacht hindurch ohne Pause, und je länger der Spatz wartete, desto ängstlicher wurde er, weil die Schwalbe nicht nach Hause kam, um ihm sein Essen zu bringen. Ein paar Mal rief er aus dem Nest hinaus „Beeile dich, ich habe Huuunger“ . Es kam keine Antwort. Mia konnte ihn leise hören und versuchte auch etwas zu rufen, doch ihre Stimme war viel zu schwach und wurde durch den Schnee noch gedämpft.
Als es dunkel wurde, begriff der Spatz schließlich, dass der Schwalbe etwas zugestoßen sein musste und er machte sich auf die Suche nach ihr. Er befürchtete, sie überfordert zu haben. Sie könnte zusammengebrochen sein und das hätte schließlich seine Situation ja sehr verschlechtert. Wer hätte ihm dann sein Essen gebracht? Er gelobte, sie besser zu behandeln, wenn er sie wieder finden würde, damit sie den Rest des Winters durchstand. Aber er fand sie nicht, weder an diesem Abend noch während der nächsten Tage. Mia lag unter dem Schnee, der sich immer höher türmte, und kämpfte um ihr Leben. Sie hörte den Spatz rufen und sie antwortete auch, doch er hörte sie nicht. Ein paar Mal tippelte er sogar über sie und merkte es nicht.
Irgendwann aber hörte sie, wie der Spatz sich mit einem anderen Vogel, einem Vogelweibchen, unterhielt. Die Schwalbe fand nicht heraus, was für ein Vogel es war – sie wusste nur, es war kein Spatz. Das Vogelweibchen hatte sich verflogen und erzählte dem Spatz, dass es von seinem Schwarm getrennt worden war und nun fragte es nach dem Weg. Der Spatz meinte, es solle sich wegen des Flugs in den Süden keine Sorgen machen. „Bleib doch bei mir“ sagte er. "Ich habe ein gemütliches, warmes Nest. Du brauchst diesen Winter nicht nach Süden zu fliegen. Ich weiß, wie man Nahrung beschafft. Wir machen das gemeinsam.“ Das Vogelweibchen fror sehr und war hungrig und durstig, also nahm es das Angebot an. Die Schwalbe hörte das alles mit und war tief gekränkt. Der Spatz hatte sie einfach vergessen.
Während der nächsten Woche lag Mia unter der dicken Schneedecke und hörte den Spatz und das Vogelweibchen lachen und reden und Nahrung suchen. All das verletzte sie tief. Die Tage vergingen und Mia verlor ihre letzte Hoffnung. Der Spatz würde sie niemals finden. Er suchte sie ja auch gar nicht mehr. Er liebte sie nicht. Er liebte das Vogelweibchen. Aber als noch eine Woche verging und die Schwalbe das Vogelweibchen nun alleine Futter suchen hörte, während der Spatz im warmen Neste blieb, wusste sie, dass es doch nicht so war.
Langsam begriff sie: Der Spatz taugte nichts. Er lockte Weibchen in sein Nest und brachte sie dazu, für ihn Nahrung zu suchen. Er liebte keins von ihnen, und er besaß keinen Funken Anstand.
Die Schwalbe sehnte sich nach dem Bären, nach seiner Freundlichkeit und Liebe, aber der hielt seinen Winterschlaf und würde erst im Frühjahr wieder aufwachen. Mia betete, der Schnee möge schmelzen. Dieser kleine Hoffnungsschimmer hielt sie am Leben. Sie musste die Sache mit dem Spatz klären. Sie konnte nicht sterben, ehe sie ihm nicht die Wahrheit ins Gesicht gesagt hätte. Sie musste ihn entlarven und sie musste das Vogelweibchen vor ihm warnen. Dieser Wunsch hielt sie am Leben und nach vielen Tagen begann auch die Schneedecke zu schmelzen. Jeden Tag schmolz sie ein bisschen mehr, bis erst der Schnabel der Schwalbe aus der vereisten Kruste hervorlugte, dann ihr Körper und schließlich ihre Füße, und als sie endlich mit den Flügeln schlagen konnte, war sie endlich frei.
Sie schüttelte sich. Als erstes suchte sie sich ein paar Wurzeln´, denn sie brauchte Kraft ehe sie dem Spatz gegenübertreten konnte. Sie grub so viele Wurzeln aus wie sie nur finden konnte, und aß gierig bis sie keinen Bissen mehr hinunterbrachte. Die Nacht verbrachte sie friedlich schlafend in einem verlassenen Nest, das sie auf einem Nachbarbaum entdeckt hatte. Als sie am nächsten Morgen erwachte, schien ihr die Sonne in die Augen und sie fühlte sich stark und selbstbewusst. Sie aß noch mehr Wurzeln, dann flog sie eine Weile hin und her, um in Schwung zu kommen und flog zum Nest des Spatzen, als der gerade mit dem Vogelweibchen frühstückte. Die Schwalbe trat ganz nahe an den Essplatz heran. Da stand sie nun, aufrecht und stolz: „Du hast mich ausgenutzt, damit ich für dich Futter suche“ rief sie. „Du hast mich nicht geliebt. Du hast mich nur mitgenommen, weil du dir nicht selbst Futter suchen wolltest. Du bist faul und egoistisch und denkst, du bist etwas Besseres als ich.“ Dann wandte sie sich dem Vogelweibchen zu und sagte, „dir wird es auch bald so ergehen, denn er hat kein Herz. Er benützt andere, und dann, wenn er sie nicht mehr braucht, wirft er sie weg. Er hat kein Gewissen.“
Mia war außer sich vor Zorn und Enttäuschung.
Der Spatz erhob sich vom Essplatz und packte seine Schaufel. „Raus hier“ schrie er und drohte mit der Schaufel. Die Schwalbe aber rührte sich nicht vom Fleck.
„Komm mit mir, Vogelweibchen“ flehte sie. „Wir brauchen ihn nicht. Wir können auch ohne ihn leben. Er ist nur ein kleiner Lügner und Betrüger“
„RRRRaus hier, habe ich gesagt“ donnerte der Spatz.
Aber Mia wich keinen Millimeter zurück.
„Dem ganzen Wald werde ich von dir erzählen“ schrie sie.
Der Spatz konnte sich nicht mehr beherrschen. Er nahm die Schaufel und schlug ihr damit auf den Kopf, immer wieder, bis sie zu Boden fiel. Mia war tot.
Braun lag in seinem Bau und träumte von einem Wiedersehen mit Mia. In seinen Träumen hörte er das Wehen des Abendwindes und das Rauschen der Wellen am Strand, von dem seine Freundin ihm erzählte.
Als die ersten Sonnenstrahlen in seine Höhle fielen, wachte der Bär auf und sah sich um. Einerseits freute er sich des sonnigen Vorfrühlings, doch andererseits fehlte ihm seine kleine Freundin. „Wo ist sie denn abgeblieben“ dachte er, „sie hat mir doch versprochen wieder zu kommen?“ Er wurde traurig, und weil er sich so einsam fühlte, unternahm er einen kleinen Spaziergang. Nicht weit von seiner Höhle unter einem Baum blieb er erstarrt stehen. „Nanu, eine kleine Schwalbe, - tot,“ überlegte er und er hob sie auf und betrachtete sie. Als er den verletzten Flügel, den er einst gesund pflegte, sah, erkannte er seine Mia.
Er weinte bitterlich, hielt sie in seinen tollpatschigen Händen und schluchzte: „ Ich habe vergessen, dir zu sagen, dass nicht jeder, der freundlich und nett zu dir ist, es ehrlich meint, dass du aufpassen musst, ehe du vertraust.“
Braun war traurig, dass es so viel Böses in der Welt gab und er nahm sich vor, wenn irgendwann wieder ein kleiner Vogel zu ihm in die Höhle kommen sollte, - dann wird er es lehren, Fremden gegenüber immer sehr vorsichtig zu sein.“
Vorheriger TitelNächster TitelDie Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Maike Opaska).
Der Beitrag wurde von Maike Opaska auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.03.2017.
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Mittagsläuten
von Maike Opaska
Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.
Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.
Und deshalb schrieb ich diesen Gedichtband.
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