Manfred Bieschke-Behm

Bahnfahrt mit Hindernissen

 

 

Meine liebste Freundin,

ich sitze gerade am See, Du weißt, welchen See ich meine und bin dabei eine Tasse Kaffee zu trinken. Wie immer ist der Blick über den See atemberaubend schön. Und wie immer genieße ich das Hiersein. Ohne Dich ist es allerdings ein nur halbes Vergnügen. Gerne hätte ich Dich bei mir, aber was nicht geht, geht eben nicht.

Alles andere als ein Vergnügen war die Herfahrt. Ich muss Dir einfach schreiben, was mir passiert ist. Mit einem unguten Gefühl stieg ich in den Zug. Warum? Mir war die Reservierung eines Fensterplatzes im Großraum zugesagt. Mein Platz war besetzt und auch alle anderen Plätze im Abteil. Ich musste mich mit einem Platz in einem Abteil direkt neben der Tür abfinden. Das war mein erstes Ärgernis! Damit aber nicht genug. Mit mir im Abteil saßen eine Mutter mit ihren zwei lebhaften Kindern und zwei ältere Damen. Die zwei Damen verhielten sich sehr ruhig. Nur hin und wieder drangen Wortfetzen an meine Ohren, die mich weder störten noch mich in meiner Vorfreude beeinträchtigen. Die Kinder dagegen nervten, wenn sie von ihrer Mutter nicht beschäftigt wurden, quengelten sie. Ich hatte den Eindruck, dass die Mutter mit ihrer Aufgabe überfordert war. Gelegentlich wurden die zwei älteren Damen beim Spiel mit den Kindern der mit einbezogen, was diese zu amüsieren schien. Irgendwann stiegen die Mutter mit ihren zwei Kinder aus, wobei eines der Kinder die Gelegenheit nutzte, ihre mit Schokolade beschmierte rechte Hand an meinem Rock abzuwischen. „Sind halt kleine Kinder“, erklärte mir eine der zwei älteren Damen und sah, wie ich, auf den brauen Schokoladenfleck stierte. Weil der Versuch dem Fleck zu Leibe zu rücken scheiterte, legte ich verärgert die mitgebrachte Zeitung auf den „Schadfleck“.

Fast unbemerkt betraten zwei Herren in den besten Jahren das Abteil und nahmen die gerade frei gewordenen Plätze ein. Kaum, dass die Männer saßen, musterten sie mich und die neben mir sitzenden Damen von oben nach untern und von unten nach oben. Mir kam es vor, als würden wir einer Prüfung unterzogen, von deren Ergebnis es abhing, ob die Herren bleiben oder sich ein anders Abteil suchen würden. Im Nachhinein habe ich bedauert, das sie bleiben. Dazu gleich mehr. Gut war, dass sich die Herren offenbar nicht viel zu sagen hatte. Weitestgehend verlief deren Bahnfahrt stumm. Dann aber erhöhte sich die Geräuschkulisse. Beide Herren verfielen in eine Art Dämmerschlaf. Einer der beiden fing an zu schnarchen. Zunächst verhalten und durch Schnappatmung unterbrochen. Dann jedoch nahm das Schnarchen an Lautstärke zu. Ungewollt musste ich in das Gesicht des Schnarchenden schauen. Jeder Schnarcher war optisch begleitet durch sich zuspitzende Lippen, die im Höhepunkt der Zuspitzung anfingen zu vibrieren und anschließend in ihrem Normalzustand zurückfielen. Auch die zwei Damen beobachteten diese bühnenreife Darbietung und schauten sich verwundert an. Der zweite Herr, so schien es, nahm keine Notiz von dem Naturschauspiel. Er schaute aus dem Fenster und ließ die Landschaft an sich vorüberziehen. Zunächst glaubte ich, dass sich der Schnarcher beruhigen würde oder ich mich an dem Geräusche gewöhnen könnte. Aber leider traf nicht von den beiden Varianten ein. Der Schnarcher schnarchte immer lauter und ich wurde immer ungehaltener. Letztendlich stand ich auf und verließ das Abteil nicht ohne die Abteiltür lautstark hinter mit zuzumachen. Nachdem ich mich abgelenkt und beruhigt hatte, ging ich zurück in das Abteil. Der Schnarcher, hatte aufgehört Geräusche von sich zu geben. Beruhigt setzte ich mich hin und wollte den Artikel über das Leben der Menschen in der Zeit der Renaissance zu Ende lesen, als erneut ein Schnarchgeräusch aufkeimte. Mein Blick über den Zeitungsrand ließ mich nicht glauben, was ich sah. Jetzt schnarchte der am Fenster sitzende Herr. Seine Stirn hatte er an die Scheibe gepresst, sein Atem verursachte einen milchig weißen Fleck auf der Scheibe, der in seiner Ausdehnung immer größer wurde und eine freie Sicht auf die Natur nicht zuließ. Ich überlegte, was ich tun sollte und war fast dazu entschlossen, mir einen anderen Platz zu suchen, als die Abteiltür aufgeschoben wurde. Im Türrahmen stand ein fescher uniformierter Mitarbeiter der Bahn und bat die Fahrkarten kontrollieren zu können. Durch die Ansprache des Kontrolleurs wachte der Herr am Fenster auf und musste sich zunächst mit seinem Hiersein zurechtfinden. Außer für mich war es für die anderen kein Problem dem Schaffner ihre Fahrkarten zu zeigen. Ich fand meine Karte nicht. Du kannst Dir vorstellen, wie es mir in dem Moment ging. Meine Hände fingen an zu zittern, das Blut schoss mir in den Kopf und ich fühlte mich von allen auf das Unangenehmste beobachtet. „Sie werden doch nicht schwarzfahren?“, fragte der eben Erwachte und glaubte mit seiner Frage, einen Scherz zu machen. Mir war alles andere, als nach scherzen. Gott sei Dank verhielten sich, bis auf die impertinente Person, meine Nachbarinnen und der zweite Herr neutral. Der Unverschämte hielt sich vor Lachen seinen sich nach oben und nach unten bewegenden Bauch, was ihn mir noch unsympathischer machte. Während der Schaffner nervös wurde, kramte ich erneut in meine Tasche und versuchte die verdammte Fahrkarte zu finden. „Soll ich Ihnen beim Suchen helfen?“ Ich sah den „Fensterschnarcher“ angewidert an und antwortete ihm: „Unterstehen Sie sich. Bleiben Sie da, wo sie sind.“ Dem Kontrolleur, dem die Szene sichtbar unangenehm war meinte, dass kein Grund vorläge, sich so zu echauffieren. Er sagte, dass er seinen Kontrollgang fortsetzt und auf der Rücktour noch einmal vorbeischauen würde.

Du glaubst gar nicht, wie peinlich mir die ganze Geschichte war. Am liebsten hätte ich meinen Koffer geschnappt und wäre umgezogen. Das allein ging deshalb nicht, weil ich mitbekam, das der zweite Herr dem am Fenster sitzenden Herrn zugeflüsterte, dass er davon ausginge, dass ich beim nächsten Halt das Weite suchen würde. Stell Dir vor, so etwas traut man mir zu. Ausgerechnet mir, der ... Ach lassen wir das. Natürlich blieb ich sitzen. Natürlich tat ich so, als hätte ich das eben Gesagte nicht gehört. Stattdessen kramte ich noch einmal meine Tasche durch. Und Du wirst es nicht glauben, ich fand meine Fahrkarte. Sie hatte sich in eine Falte verkrochen, die mir bisher unbekannt war. Du kannst Dir vorstellen, wie glücklich ich war, dass ich dem Schaffner auf seiner Rücktour meine Fahrkarte präsentieren konnte. Der Kontrolleur zwinkerte mir zu und wünschte allen Mitreisenden eine noch angenehme Weiterreise. Und verehren Sie uns bald wieder, sagte er, als er bereits dabei war die Abteiltür hinter sich zu schließen. Die zwei Damen stiegen beim nächsten Halt aus und wünschten mir eine schöne Zeit in Bayern. Die zwei Herren verließen mit mir den Zug beim übernächsten Halt. Mit einem „Grüß Gott“ seitens der Herren trennten sich auf dem Bahnsteig unsere Wege.

So meine Liebe jetzt habe ich Dir alles über meine Bahnfahrt mit Hindernissen mitgeteilt. Ich hoffe, dass ich die kommenden Tage entspannt und ohne Zwischenfälle genießen kann.

Sowie es etwas Neues zu berichten gibt, melde ich mich bei Dir.

 

Einen lieben Gruß sendet Dir Deine Freundin.

 

PS. Soeben sehe ich zwei Männer auf mich zukommen. Sie sehen den zwei Herren aus dem Zugabteil verdammt ähnlich. Hoffentlich entdecken die mich nicht und erkundigen sich, ob sie sich zu mir setzen dürfen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.03.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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