Sebastian Kottke

Durst

Liebe tut weh.

Und unsere Seele durstet nach Liebe.

Und unser Leben hungert nach einem Herzen.

 

 

Lass die Finger von dem, der ist nicht gut für dich!“, rieten sie mir. Ich schäme mich. Sie hatten mal wieder recht. Und dabei sollte doch alles so schön werden mit uns. Wir hatten alles. Eine Wohnung. Einen gemeinsamen Job. Uns. Und nun liege ich hier mit meinem Durst. Und mit der Uhr. Und den alten Balken an der Decke. Morgen werde ich wieder aufstehen. Meiner alten Wege gehen. Versuchend, nicht durchzudrehen. Ohne dich.

 

Man sagte immer, dass es befreiend wirkt zu weinen. Ich habe die letzten Stunden und Tage und Wochen und Monate nichts anderes gemacht. Ich habe Lieder gehört die ich hasse – nur um nicht unsere Lieder zu hören. Ich habe getrunken. Und gebetet. Und um dein Lächeln gefleht. Und ich habe gebetet, endlich aufzuwachen aus diesem Albtraum! Es wäre wunderbar zu wissen. Es wäre wunderbar, aufzuwachen und du liegst neben mir und sagst: „Mein Engel, es ist alles gut. Ich liebe Dich für immer!“. Und dann würdest Du mich umarmen und mich küssen. Und es wäre gut. Und es wäre Liebe. Für immer.

 

Ich sitze hier in meinem selbstgebauten Käfig und möchte ausbrechen. Ausbrechen aus diesem Leben. Ausbrechen aus diesem Schmerz. Aber wie? Überall bist nur Du! Mein Durst wird schlimmer. Vielleicht werde ich verdursten. Es wäre doch das Beste für alle! Ich bin ein Wrack. Doch ich kann nicht aufgeben. Irgendwie will ich auch nicht aufgeben. Ich spüre, dass da noch etwas ist. Irgendetwas. Tief in Dir! Abgesehen davon werde ich dir diesen Triumph nicht gönnen. Nicht nach all diesem Schmerz! Du wirst nicht gewinnen.

 

Eine Mücke summt an meinem Ohr vorbei. Es ist die erste, die mir in diesem Jahr begegnet. Wahrscheinlich wird es bald Frühling.

 

Ich höre Geräusche. Ich lausche. Ein Schlüssel wird ins Schloss gesteckt. Mein Herz macht einen Sprung. Vielleicht bist es ja Du! Du hast mir den Schlüssel ja noch nicht zurückgegeben. Den Schlüssel zu unserer Wohnung. Den Schlüssel zu unserem Leben. Mir wird schlecht von dem Geräusch. Und von dem Rasen meines Herzens. Die Töne sind zu laut. Zu intensiv. Zu tief sitzt dieser Schmerz. Bist du es überhaupt? Plötzlich Schritte. Dann Stille! Und wieder rinnen die Tränen von meinen Wangen. Angst? Wartest Du auf mich? Bist du es wirklich? Stehst du vielleicht hinter der Tür unseres Schlafzimmers und überlegst, wie Du es mir sagen kannst? Komm her, ich warte auf dich! Ich habe mein ganzes Leben auf dich gewartet. Ich liebe Dich! Dieser Schmerz war in Ordnung. Gebe mir doch nur ein Wort und alles wäre wieder gut. Gebe uns unser Leben zurück!

 

Es tut alles so weh! Ich zerbreche an diesem Schmerz. Ich zerbreche an dieser Welt! Sie bringt mich langsam um. Langsam aber sicher falle ich tiefer und tiefer und tiefer. Ich sehe kein Licht mehr in dieser Zeit. Es ist unglaublich, welche Macht die Liebe hat! Sie gibt mit einem Lächeln, und nimmt mit einer Fratze! Die Erinnerungen an uns sind so stark. Viereinhalb Jahre lang waren wir eins.

 

Ich stehe auf und schleppe mich zur Tür. Meine Hände zittern. Mir ist schwindlig. Was passiert, wenn ich diese Tür öffne? Die Tür zu unserem Leben? Kann ich dies wirklich alles ertragen? Oder ist es zu viel? Zu viel für ein Leben, mein Leben? Warum machst Du das nur alles mit mir? Was hast Du nur mit mir gemacht?

 

Ich setze mich wieder hin. Auf die Bettkante. Dort, wo wir einst saßen und gemeinsam nach einem Streit weinten. Und uns dann in die Arme nahmen und gesagt haben: „Ich liebe dich! Es ist alles gut!“, und dann küssten wir uns. Und alles war wieder gut.

 

Plötzlich dreht sich der Türknopf. Ich sehe deine blauen Augen sofort! Du hast geweint. Du stehst dort in der Tür und fragst: „Kann ich bitte mit Dir reden?“. Ich bejahe! Natürlich! Nichts täte ich lieber. Sage mir doch bitte, dass alles nur ein böser Traum war. Sage mir, dass Du nie aufgehört hast, mich zu lieben! Sage mir, dass Du dein Leben mit mir verbringen willst! So, wie ich es will. Ich bin Dein. Für immer! Weil Du mein Leben bist.

 

Ich habe dich vermisst! Schrecklich vermisst! Du bist der Wichtigste für mich! Und wir gehören zusammen, das weißt Du!“. Es klingt wie auswendig gelernt. Stille.

 

Ich hasse dich! Du schaust mich so mit deinen zauberhaft blauen Augen an, in denen ich versinken kann und in denen ich mich immer verlor. Und immer verlieren werde! Und noch ein Stück falle ich tiefer in meinem ganz persönlichen Albtraum. Und es rotiert in meinem Kopf. Ja, klar! Außerdem liebst Du noch den Typen X, Hengst Y, Kerl Z, und wie sie nicht alle heißen. Kaum hast Du Stress mit mir nimmst Du dir den Erstbesten. So sind die Menschen – immer den Weg des geringsten Widerstandes. Welcome to life! Welcome to love! Es ist schon sehr ungeschickt von Dir, diese Kerle nicht zu erwähnen. Du hast wohl wieder Stress mit einem von Ihnen gehabt. Ich bin unfähig etwas zu sagen. Dabei hätte ich doch so viel zu erzählen. Am liebsten würde ich Dir an den Hals springen. Und dich küssen. Du dürftest mich lieben, so wie wir es immer getan haben. In jeder zweiten Nacht. Oder so, wie Du es gerne hättest.

 

Ich sammle meine Kräfte. „RAUS! VERSCHWINDE AUS MEINEM LEBEN!“. Dein Blick senkt sich. Ich sehe, wie deine Tränen funkeln. Die Tränen sprechen von Ehrlichkeit und Reue. Ich stehe auf und renne an Dir vorbei. Ich renne ins Bad. Unser Bad. Ich schließe die Tür und setze mich auf den kalten gefliesten Boden. Und ich warte. Du gehst.

 

Die Tür fällt ins Schloss. Ich verlasse das Bad und sehe deine Schlüssel auf unserer Kommode liegen. Es ist vorbei? Endgültig vorbei? Wieder laufen meine Tränen. Mein Durst wird stärker. Und dann klingelt mein Telefon. Es war wohl eine SMS. Ich laufe in unser Wohnzimmer und lese den Text: „Ich liebe Dich! Für immer! Wir gehören zusammen. Gib uns noch eine Chance!“. Jetzt ist es Zeit für eine Flasche Wein. Und ich nehme das Handy und schreibe zurück. Die Finger erstellen den Text wie von selbst. Mein Hirn hat nichts zu sagen. Ich teile dir mit, dass ich dich für immer liebe. Und ich nie mehr wollte als Dich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.03.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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