„Vielleicht haben wir ja heute Glück.“
„Ach, ich weiß nicht, Max“, zweifelte André, „ich bin da weniger optimistisch. Jetzt versuchen wir es schon zum vierten Mal. Zu unterschiedlichen Zeiten – mittags und abends, und immer war das Valleé de larmes geschlossen. Nachbarn und Kollegen müssen ja allmählich glauben, wir könnten uns den Besuch eines französischen Restaurants nicht leisten.“
„Hast du noch mal im Internet nachgeschaut, ab man da reservieren kann?“
„Hab ich. Nichts – keine Homepage, keine Erwähnung im Telefonbuch. Solch ein Edelrestaurant hat es gar nicht nötig, Werbung für sich zu machen. Die rennen denen doch auch ohne Reklame die Tür ein. Wer was von gutem Essen versteht, weiß auch, wo er es findet.“
Max schaute auf die Uhr: „Kurz nach 19.00 Uhr. Am Freitag müssten sie eigentlich geöffnet haben. Und so früh dürfte es auch noch nicht zu voll sein. Franzosen pflegen sehr spät zu speisen.“
Und tatsächlich war geöffnet und auch noch ein Tisch für zwei Personen frei, unmittelbar vor der Küche, deren Schwingtür ständig auf und zu gestoßen wurden, weil Speisen und Getränke heraus- und schmutziges Geschirr hineingetragen wurde.
Man hörte das Fleisch in den Pfannen brutzeln und die hektischen Rufe und Flüche der Köche. Ein Schwall unterschiedlicher Gerüche und Dämpfe wehte jedes Mal zu Max und André hinüber.
„So liebe ich es“, begeisterte sich André, „diese authentische französische Atmosphäre, „als befände man sich mitten in Paris. Und dann das Inventar, schau doch nur. Die müssen lange gebraucht haben, um diese Vielfalt der Stile und Geschmäcker zusammenzutragen. So was findet man nur noch auf den Flohmärkten des Montmartre.“
„Ich habe Hunger. Wollen wir die Speisenkarte ordern? Aber vorher die Getränke. Ich habe mächtigen Durst. Möchtest du auch erst mal eine Cola?“
Nachdem sich nach 20 Minuten immer noch kein Garcon hatte blicken lassen, schritt André zur Tat und holte zwei der Speisekarten, die auf einem Tischchen neben der Eingangstür aufgestapelt lagen. Auf dem Rückweg zu ihrem Tisch huschte ein Kellner an ihm vorüber.
„Können Sie uns bitte zwei Cola bringen? Wir sitzen dort drüben bei der Küche.“
Der Kellner hielt kurz inne und knurrte empört: „Cola? Nur bis 18:00 Uhr, oder denkt Ihr, die Pacht in dieser Gegend könnte mit dem Verkauf von Cola und Apfelsaft aufgebracht werden?“
„Dann eben zwei große Bier.“
„Von Freitag 19:00 Uhr bis Sonntag 23:00 Uhr nur Wein, Champagner, Cocktails und diverse Alkoholika.“ Und schon war er davongeeilt.
„Ich bin aber auch ein Depp“, sagte André, als er wieder bei Max am Tisch saß, „in einem französischen Restaurant Bier und Cola zu bestellen. Ein echter Fauxpas. Hoffentlich werden wir jetzt überhaupt noch bedient.“
„Das können wir nur noch wiedergutmachen, indem wir eine Flasche Champagner bestellen. Oder möchtest du, dass wir als Habenichtse angesehen und ignoriert oder gar vor die Tür gesetzt werden?“
Die Flasche war fast geleert, als ein in eine blau-weiß-rot gehüllte Tracht gehüllter Mann von stattlicher Leibesfülle, der aussah wie die Fleisch gewordene französische Nationalflagge, offensichtlich der Maitre de maison, auf den Tisch von Max und André zuschritt, sich einen leeren Stuhl griff, sich grußlos zu ihnen setzte und die beiden erwartungsvoll anstarrte.
Als diese nur herumdrucksten, weil sie die handgeschriebene Speisenkarte nicht hatten entziffern können, schaute er griesgrämig drein und wollte schon aufstehen, doch fragte Max zum Glück gerade noch rechtzeitig: „Was können Sie uns heute empfehlen?“
„Tout“, zischte er, noch einen Grad böser und wiederholte „tout“.
„Dann nehmen wir Ente.“
„Lapin?“
„Non lapin pas. Ente.“
„Quackquack?“, fragte der Patron noch einmal nach.
„Die Freunde nickten heftig mit dem Kopf, froh, die Bestellung erfolgreich gemeistert zu haben.“
Das vor dem bestellten Gericht gereichte warme Bauernbrot mit Salz und Pfeffer war ein vielversprechender Anfang. Die Entenbrust, die Rosmarinkartoffelscheibchen und eine halbe Reiskugel stellten sich als dezent gewürzt und angenehm unaufdringlich portioniert heraus, das Möhrengemüse leuchtete in grellem Orange. Max und André blickten einander zufrieden an.
Dann schlürften sie den Rest Champagner aus und signalisierten dem Kellner mit weltmännischer Gebärde, dass sie zu zahlen gedachten. Sie wollten die Plätze nicht über Gebühr für andere Gäste blockieren.
„Getrennt bitte und mit Karte“, sagte Max.
„Malheureusement“, sagte der Kellner kurzangebunden, „hier nur comptant, cash, und ensemble.“
Max blickte auf die Rechnung, erblasste, wahrte aber seine Contenance und flüsterte André zu: „Ich weiß nicht, ob ich genug dabei habe. Kannst du mir mit einem Hunderter aushelfen?“
Max hätte noch gerne gefragt, warum das Restaurant „Tal der Tränen“ hieß, aber der Kellner ließ sich mit dem Rückgeld nicht mehr blicken.
„Bei so einem exzellenten Essen ist ein üppiges Trinkgeld angemessen“, klärte André Max auf. „Das tut einem dann auch nicht leid, oder?“
(Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder tatsächlich existierenden Lokalitäten wären rein zufälliger Natur.)
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2017.
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