Da war doch ein Geräusch gewesen? Die junge Rosi schaute sich schreckhaft um. Ein Knacken im Gebüsch? Ich gehe mal lieber zurück zu den anderen, dachte sie und sah zur Hütte hinüber, wo ihre Freundinnen waren. Es war eine dumme Idee gewesen, ganz alleine nochmal nach Draußen ins Dunkle zu gehen, schließlich wusste schon jedes Kind, wie gefährlich es für junge Mädchen war, so ganz alleine in der dunklen Nacht. Aber Rosi hatte einfach ein paar Minuten Ruhe und Zeit für sich haben wollen, ein bisschen Pause von dem ganzen Gegacker und Gelache ihrer Freundinnen.
Das Durchatmen hatte sie jedoch noch nicht lange genossen, als mit jedem Schritt, den sie sich weiter von der Hütte in die Dunkelheit entfernte, ihre angeborene Schreckhaftigkeit die Oberhand gewann. Ihr lief eine Gänsehaut über den Rücken. Das ist wie in den Horrorfilmen, in denen immer derjenige stirbt, der sich von der Gruppe entfernt, dachte sie. Und dann auch noch dieses unheimliche Rascheln und Knistern der Bäume und Sträucher.
Gerade als Rosi beschloss, schnell wieder zurück zu den anderen in die sichere Hütte zu gehen, hatte sie das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden. Und dieses Gefühl sollte sie nicht täuschen. Wie gelähmt blieb Rosi stehen. Das letzte was sie sah, war ein großer Schatten, der mit einem plötzlichen Satz aus der Dunkelheit auf sie zusprang. Es ging blitzschnell. Sie fühlte nur kurz einen eiskalten Schmerz als ihre Kehle durchtrennt wurde. Rosi hatte nicht mal mehr Zeit zu schreien.
Der Mörder hatte eine schöne Kindheit gehabt, die Familie lebte sehr zurückgezogen von der Außenwelt im Wald. Trotzdem war er nie einsam gewesen. Er hatte viele Geschwister mit denen er spielen konnte und eine sehr liebevolle Mutter. An den Vater konnte er sich nicht erinnern, doch er hatte ihn auch nie vermisst. Die Mutter war es, die ihm alles Wichtige fürs Leben beibrachte: Die ersten Schritte, Kommunikation, Benimmregeln und Reinlichkeit aber auch das Überleben in der Natur, das Bauen von Unterschlüpfen, Tipps wie man sich nachts warm hielt, welche Früchte genießbar waren und welche tödlich. Er lernte das möglichst lautlose Anschleichen bei der Jagd auf Mäuse, Eichhörnchen und anderen kleinen Tieren und bei Erfolg auch, wie man diese tötet, speziell wie es am schnellsten und überraschendsten geht, sodass das Opfer möglichst wenig merkt und keine verräterischen Schreckenstöne von sich geben kann. Diese getöteten Tiere baten dann eine abwechslungsreiche Ergänzung zum Speiseplan. Für ihn und seine Familie schien es das normalste der Welt, es war in den Alltag integriert wie ein Spiel.
Als der Mörder zu einem jungen Erwachsenen herangewachsen war, sammelte seine Mutter ihn und seine beiden Brüder eines Tages um sich und teilte ihren Söhnen mit, dass sie nun die Familie verlassen müssten. Die vier kleinen Schwestern durften bei der Mutter bleiben aber es sei nun mal die Aufgabe von erwachsenen Männern ihre eigenen Wege zu finden und sie hätten nun ihre Pflicht zu erledigen. Sie sagt das mit so einem Nachdruck, dass den Jugendlichen nichts anderes übrig blieb, als Abschied zu nehmen und schon am Tag darauf starteten sie – jeder in eine andere Richtung – hinaus in die weite Welt.
Anfangs fühlte sich der Mörder etwas einsam und verstand nicht, warum er aus der Familie geschickt wurde. Doch mit jedem Tag, an dem er es schaffte, sich selbst etwas zu Essen, frisches Wasser und für die Nacht einen Unterschlupf zu organisieren, wurde er stolzer auf das was er tat. Er baute das von seiner Mutter gelernte Wissen über das Überleben in der Natur weiter aus und verbesserte seine Fähigkeiten.
Eine Zeit lang ging das gut, doch schon bald stellte er fest, dass es ihn langweilte, den ganzen Tag ohne großes Ziel durch den Wald zu wandern. Er hatte genug davon, sich von Früchten, Beeren, Pilzen und ab und zu mal einer gefangenen Maus zu ernähren. Nun verspürte er den Drang nach mehr und vor allem verspürte er plötzlich einen enormen Hunger nach Fleisch. Er geriet in eine Art Blutrausch, je mehr er an den Geschmack von Fleisch dachte. Immer wieder erinnerte er sich zurück, was ihm seine Mutter damals über das Töten beigebracht hatte. Wie einfach war das gewesen, wie dumm und naiv die Opfer. Ja, je länger er darüber nachdachte, desto mehr bekam Lust darauf, es endlich mal wieder auszuprobieren. Und zwar diesmal nicht nur an einer kleinen Maus. Und so wurde er zum Mörder.
Seine erste Tat begann er damit, dass er sich auf den Weg zu einer Siedlung am Waldrand aufmachte. Er hatte die Menschen, die dort lebten, schon Tage zuvor durch deren rücksichtslosen Lärm und die fremden Gerüche bemerkt. Normalerweise hielt er sich extra weit fern, denn er konnte sie nicht leiden, diese fremden Gestalten. Das war ihm durch seine Kindheit und Aufzucht im Wald mit der Familie so beigebracht worden und er sah keinen Grund, sich von dieser Abneigung durch eigene Erfahrungen abbringen oder – noch schlimmer – überzeugen zu lassen.
In sicherer Entfernung zur Siedlung ging er am Waldrand in Deckung. Er legte sich ins hohe Gras zwischen moosbewachsene Felsen, geschützt von Sträuchern und Bäumen. Von dort aus beobachtete er die Siedlung und alles was dort vor sich ging und er überlegte sich eine Vorgehensweise. Dann wartete er so gut wie regungslos bis die Sonne unterging.
Im Schutze der Dunkelheit schlich er näher an die Siedlung heran. Er hatte durch seine Beobachtungen am Tage bereits ausmachen können, dass es in einem kleinen Häuschen am Rande der Siedlung eine ältere Dame gab, die alleine zu leben schien. Sie war immer etwas abseits einer Gruppe von Anderen gewesen, hatte tagsüber nicht viel getan, war meist still etwas abseits gestanden und hatte vor sich hingestarrt, mal kurz hatte sie im Garten Kräuter gepflückt und schließlich allein zu Abend gegessen. Der Rest der Gruppe schien sie zu ignorieren und - vielleicht aufgrund ihres hohen Alters – von dem gemeinsamen Leben auszuschließen.
Inzwischen hatte sie sich bereits schlafen gelegt. Der Mörder zögerte nicht lange, als er das offene Fenster sah. Es war eine warme Sommernacht in der man auch nachts noch schwitzte und viele der Bewohner ließen deshalb zum Schlafen die Fenster oder gar Türen offen stehen. Mit einem eleganten schnellen Sprung war der Mörder auch schon mitten im Raum. Es war ein kleines Häuschen, das nur aus diesem einzigen Raum bestand, in dem gegessen, geschlafen und auch gelebt wurde. Es stank, als wäre schon sehr lange nicht mehr sauber gemacht worden. Der Mörder rümpfte kurz die Nase, aber konzentrierte sich sofort wieder auf sein Vorhaben. Langsam und leise näherte er sich der schlafenden Dame. Und dann ging alles ganz schnell: Lautlos töten – das Opfer hatte nicht mal etwas bemerkt – die Leiche gepackt, ein Sprung zurück durch das offene Fenster und hastig mit geduckten Schritten zurück in die Sicherheit des dunklen Waldes. Niemand hatte ihn auch nur wahrgenommen.
Der Mörder hatte Hunger. Unstillbaren Hunger auf Fleisch. Und so überwand er all seine Abscheu vor der alten, ungepflegt aussehenden Frau und aß in den nächsten Tagen Stück für Stück bis auf die Knochen. Er befand sich in einer Art Rauschzustand und verließ in diesen Tagen seine Höhle, die er als Unterschlupf nutze, nicht. Er verspürte keinerlei Ekel oder schlechtes Gewissen, bekam nicht mehr mit, ob es Tag oder Nacht war und war nur noch mit Essen und darauffolgender Ruhepause beschäftigt, bevor er wieder aß und wieder ruhte.
Als er schließlich den Körper der alten Frau komplett aufgegessen hatte, sah er auf die Überreste hinab. Ein Haufen Knochen und ungenießbare Teile. Er hatte erwartet, nun erfüllt und satt zu sein, doch das war nicht der Fall. Der Mörder erschrak einen kurzen Moment, als ihm sein nächster Gedanke kam. Doch dann musste er unwillkürlich lächeln. Sein Hunger war keineswegs gestillt, im Gegenteil. Er hatte ihn gerade erst geweckt. Er verspürte eine enorme Gier auf frisches, junges Fleisch. Und so geschah es, dass er in den darauffolgenden Jahren sein Lebensziel darauf ausrichtete, fremdes Leben auszulöschen, unerkannt zu entkommen und sich vom Fleisch seiner Opfer zu ernähren.
Es vergingen über fünf Jahre.
In einer milden Herbstnacht war es, als der Mörder in seinem Versteck saß und grübelte. Gestern hatte er zwar diese doofe Gans erwischt, die sich allein im Dunkeln vor die Hütte getraut hatte, doch lange befriedigt hatte ihn diese Tat nicht. Er war da inzwischen eigen. Sie war ihm viel zu dünn gewesen. Er stand auf die richtig Dicken. Am besten mit schönen kräftigen Schenkeln und Hinterteilen, so groß und rund wie Medizinbälle. Ob seine Opfer männlich oder weiblich waren, war dem Mörder bei seinen grausamen Taten vollkommen egal, sie mussten nur jung und nahrhaft sein. Schließlich tötete er nicht, weil es ihm etwa Freude bereitete, sondern – wie er selbst sagte – weil er es inzwischen zum Überleben brauchte. Und so war ihm die Dünne von gestern nicht genug, er brauchte Nachschub.
Lautlos, wie er es inzwischen perfektioniert hatte, machte er sich auf den Weg zurück zu der Hütte, wo er Rosi am Tag zuvor erwischt hatte. Er hatte längst mitbekommen, dass hier eine ganze Gruppe von Mädchen allein eingenistet war, er hatte quasi die freie Auswahl. Und er schien Glück zu haben - die sonst so lauten, aufgedrehten Gören schliefen schon. Er konnte gleichmäßiges Atmen hören. Lautlos stieg er die Holzstufen zur Eingangstür hinauf und lächelte, als sich der Türhebel mühelos öffnen ließ. Wie törricht, dass sie kein richtiges Schloss benutzen, dachte er sich. Seine Opfer waren meist naiv und rechneten nicht damit, dass ihnen etwas passieren könnte. Er schlich sich in die Hütte hinein und sah sich um. So viel Frischfleisch, dachte er. Der Speichel lief ihm schon im Mund zusammen. Er würde sich eine aussuchen, die ihm am Narhaftesten erschien und dann im Schlaf von Ihrem Leben erlösen. Langsam näherte er sich der ersten Schlafstelle.
Mit einem lauten Knall wurde plötzlich Tür zur Hütte hinter ihm aufgerissen, ein Poltern und ein lauter Fluch: „Kruzifix, willst Du Dir jetzt die Nächste holen??“
Der Mörder drehte sich um und blickte direkt in den Lauf der Schrotflinte eines wütenden Bauern mit rotem Gesicht:
„Hab ich Dich endlich, Meister Reineke! Seit Jahren bin ich Dir schon auf der Fährte, aber immer bist Du mir entwischt! Hans, komm schnell her! Ich hab ihn erwischt, den Fuchs!! Der stiehlst mir nicht mehr meine Gänse!“
Ende
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2017.
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