Laura Denkhaus

Atem der Träume II

Das Wasser ist zunehmend kälter geworden. Ich weiß, dass es Zeit ist weiterzuziehen und mit einem kräftigen Flossenschlag schnelle ich aus dem Wasser. Noch in der Luft werden meine Schuppen zu goldenem Fell, das seidig auf meinen sehnigen Muskeln liegt. Einen Wimpernschlag später tragen mich meine Pranken über den mit Laub bedeckten Boden. Die Luft ist kühler, als ich sie in Erinnerung habe, und die Bäume haben ihre satten Grüntöne gegen liebliches Gelb, Rot und Braun eingetauscht. Lautlos bewege ich mich über einen von Bäumen gesäumten Pfad. Dies ist nicht der Traum eines Menschen. Die Intensität und Leidenschaft, die das Bild, das sich mir bietet, geschaffen haben, können unmöglich von einem menschlichen Wesen herrühren. Träume wie dieser sind selten. Sie stammen von einer monumentalen majestätischen Macht, die von den Menschen als Natur bezeichnet wird. Auch diese empfindet, doch ihre Gefühle sind ergreifender und rühren mich in meinem Innersten. Jetzt schenkt sie mir den Anblick des Kusses von Feuer und Erde. Der gepeinigte Himmel ist von blutroten Striemen, die aus dem Leiden der Sonne hervorgehen, durchzogen. Sie wiegen sich wie Adern im Takt des Herzens, das glutheiß im Zentrum steht, und fluten den Himmel in tausenden Nuancen der Trauer. Es ist ein unumgänglicher Abschied und die Erde erstrahlt zur Bekundung ihrer Liebe in einem rötlichen Schein. Unzählige pinkfarbene Wolken sprenkeln den Himmel im verzweifelten Versuch mit Schönheit abzulenken, doch das Herz wird immer kleiner. Auch die Adern verblassen und mit ihnen die Liebesbekundung der Erde. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben, doch ich kann das nicht. Eine feurige Träne rinnt aus meinem goldenen Auge und versiegt in meinem Fell. Ich beschleunige meinen Gang, bis ich in einen fieberhaften Lauf verfalle. Ich will das Feuer nicht gehen lassen. Die Sonne gehört zur Erde. Ich darf sie nicht verlieren. Doch ein imposanter Wald am Horizont verschluckt das Herz endgültig. Es ist verloren.

Der volle Mond steht bereits hoch am Himmel, als meine von Wehmut erschwerten Schritte den Waldrand erreichen. Ich weiß, dass mich dort der nächste Traum erwartet, und ich will diese lähmende Trauer abschütteln, doch ich bin noch nicht bereit das faszinierende Bild des Kusses von Feuer und Erde als Erinnerung zu bezeichnen. Der Eindruck beschäftigt mich noch zu stark. Dennoch gehe ich in den Wald, als würde mich irgendeine unsichtbare Kraft ziehen. Meine Tatzen bringen das Laub auf dem Boden mit jedem Schritt zum Rascheln und bis auf die Laute der vorsichtigen Brisen, die nur schwach in den Wald dringen und kleine Blätter tragen, begleitet kein weiteres Geräusch meinen Weg. Die Dunkelheit verdichtet sich immer weiter zu einem Vorhang, den ich nicht zur Seite wischen kann. Dieser lastet auf meinen breiten Schultern wie eine Bürde, die mir plötzlich von einem kleinen Licht genommen wird. Ich komme nicht weit von einer Lichtung entfernt zum Stehen. Magie bebt dröhnend durch die Nacht. Sie lockt mich und tanzt verführerisch im rotgoldenen Schein. Dann zieht sie mich zur Lichtung. Zum Feuer. Ich folge ihr bereitwillig. Mit einer Stimme aus Leidenschaft, die wie aus Millionen Seelen erklingt erzählt sie mir eine Geschichte.

Kreaturen der Nacht, gehörnte Wesen,

die des Feuers Flammen ehrten,

Schatten erhoben, schwarz verwachsen,

die den Wald mit Macht erschwerten.

Die Magie ergreift mich und zieht mich an dem dünnen Faden, den sie mit ihrer Geschichte gesponnen hat, immer weiter zu sich heran. Am Rand des Feuers erkenne ich ein kleines Mädchen, das bewundernd die Umgebung betrachtet. Auch mich beginnt sie zu mustern. Ich bin ein Teil ihres Traumes. Der junge Blick wird wieder von den züngelnden Flammen gefesselt eh ich meinen Wert aus ihnen zu lesen im Stande bin. Die Magie hat ihre Erzählung noch nicht beendet.

Lautes Grölen aus tiefem Munde,

das sich in die Lüfte schwang,

und wie schweres Drachendonnern,

in weit entfernte Winkel drang.

Eine Welle geht durch das Feuer und eine Flamme löst sich um in der Form eines Drachens in den Sternenhimmel aufzusteigen. Das junge Gesicht lächelt und schaut mir direkt in die Augen. Dann kommt sie auf ihren nackten Füßen zu mir gelaufen um das goldene und besonders weiche Fell an meiner Flanke zu liebkosen. Ihr weißes Nachthemd kitzelt meine kräftigen Vorderbeine und zusammen lauschen wir dem Ende der Geschichte.

Mond und Feuer schmolzen Licht,

das fort war, MICH zu rufen,

weh` hektisch durch Wälder brach,

auf göttlich erschaffenen Hufen.

Flammende Pferde lösen sich aus dem Feuer und laufen wiehernd in den Wald hinein. Mein Blick verfängt sich erneut in den großen strahlenden Augen des Mädchens, doch dann verblasst sie und mit ihr die Magie und das Feuer.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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