Doris E. M. Bulenda

Wie serviert man Kaffee für die Kunden?

Anfang der 1980-er Jahre, als ich in einer kleineren Setzerei arbeitete, bekamen wir eine Mitarbeiterin aus dem tiefsten Bayerischen Wald. Der Ausdruck „Hinterwäldler“ ist politisch nicht korrekt, abwertend und kränkend – aber leider stimmte er bei dieser „Dame“ völlig. Sie war auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, in der großen Stadt gelandet – aber ihr Benehmen und ihr Auftreten war immer noch so, als ob sie gleich den Stall ausmisten wollte.

Wofür sie eigentlich bei uns angestellt war, wusste keiner so genau. „Mädchen für alles“, das war wohl ihre Hauptfunktion.

Eines Tages kamen am späten Nachmittag drei wichtige, ziemlich „geldige“ Kunden überraschend zu Besuch. Dummerweise war unsere Bürodame schon nachhause gegangen, die Chefsekretärin hatte einen freien Tag. Also wurde unsere Dame aus dem Bayerischen Wald gebeten, Kaffee für den Besuch zu kochen und auch zu servieren.

Schon als sie mit dem Tablett in das Chefbüro kam, warfen ihr die sehr korrekten, überaus peniblen Männer in ihren Armani-Anzügen mit Krawatte erstaunte Blicke zu. Sie trug wie üblich kurze Männer-Lederhosen, hatte nackte stark behaarte Beine, ein kariertes Männerhemd, fast bis zum Nabel offen, dicke Socken und Schuhe, die jeder Beschreibung spotteten, so ausgelatscht und dreckig waren sie. Dazu war sie nicht gerade schlank, sodass dieses Outfit sie noch etwas unförmiger machte. Ihre ganze Erscheinung schrie einem zu: „Bauerntrampel“. (Sorry, ich weiß, das ist schon wieder unkorrekt und nicht nett – aber es war wirklich so.)

Sie stellte die Kaffeetassen auf den Tisch, schenkte ein und fragte, wer wie viele Stücke Zucker haben wollte. Dann nahm sie mit den Fingern drei Stück Zucker aus der Packung und warf sie in die erste Tasche. Wobei der Kaffee ein wenig in die Untertasse spritzte. Nahm dann einen kleinen Kaffeelöffel und rührte um. Packte als nächstes wieder mit den Fingern zwei Stück Zucker, warf sie in die zweite Tasse und rührte mit demselben Löffel um. Das Spiel wiederholte sich bei der Tasse des dritten Kunden und auch beim Chef.

Die Herren waren alle vier starr vor Erstaunen. Sie bemerkte die konsternierten Blicke und meinte ziemlich schnippisch: „Oiso, wos woits denn, I hob den Leffi do ned abg’schleckt.“ (Übersetzung in Hochdeutsch: Also, was wollt ihr denn, ich habe den Löffel doch nicht abgeleckt.)

Unserem Chef war das Ganze jetzt schon ziemlich peinlich, er winkte ihr zu, sich zu verziehen. Leider verstand die Gute das falsch, sie bemerkte weiter: „Ja mei, I hob hoid nur den oana Leffe g’funden.“ (Übersetzung: Ich habe halt nur diesen einen Löffel gefunden.)

Dann endlich kapierte sie den Wink des Bosses und verzog sich. Wir anderen, die das durch die Glaswände und die offene Tür mitgesehen und mitgehört hatten, mussten uns das Lachen gewaltig verkneifen. Die allgemeine Meinung war, naja, die weiß es eben nicht besser.

Aber ich habe so meine eigene Meinung über diesen Vorfall. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Gute es einfach nur nicht mochte, Kaffee zu kochen und auch noch brav zu servieren. Jedenfalls wurde sie danach nie wieder aufgefordert, einem Kunden etwas zu kredenzen. Sie hatte ihr Ziel sehr schön erreicht … Und ich denke immer wieder gerne mit Schmunzeln an die verblüfften Gesichter der drei vornehmen Kunden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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