Wolfgang Küssner

Geboren in der Straßenbahn

Die Straßenbahn hat ihren Betrieb längst eingestellt; nicht den täglichen, sondern den generellen Betrieb. Und das liegt auch schon einige Jahre zurück. Es war konkret der 1. Oktober 1968, als die elektrische Tram nicht mehr verkehrte. Seit 1888 hatte sie achtzig Jahre lang ungezählte Gäste mit den 206 Zügen auf dem 48,7 Kilometer langen Streckennetz befoerdert. Zunächst wurde die Bahn von Pferden gezogen, ab Februar 1893 schrittweise elektrifiziert. Bangkok war die erste Stadt Südostasiens mit einer Tram. Damals in der Region eine Sensation.

An einem besonders warmen Tag im Jahre 1932 war ein Mann namens Phra Chenduriyang mit der Tram unterwegs zum neuen Revolutionsrat. Es gab Veränderungen im Land. Der militärische Umsturz vom 24. Juni 1932 führte das Land von der absoluten zur konstitutionellen Monarchie. Phra Chenduriyang war bis dato koeniglicher Berater für Musik gewesen und hatte nun von den neuen Machthabern den Auftrag bekommen, eine Nationalhymne zu komponieren. Diese war notwenig, denn in Zeiten der absolten Monarchie erfüllte die Koenigshymne Phleng Sanrasoen Phra Barami beide Funktionen.

Phra Chenduriyang war ausgesprochen koenigstreu, schließlich stand er schon viele Jahre in Sachen Musik im Dienstes des Hofes. Genau genommen hatte alles schon mit seinem Vater angefangen. Dieser hieß Jakob Veit, er war ein in Trier geborener Musiker, Abenteurer und Weltenbummler. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verließ er mit Eltern und Geschwistern seine Heimat mit Ziel Vereinigte Staaten von Amerika. Dort geriet er in den Bürgerkrieg und kämpfte aufseiten der Nordstaaten; bereiste kurz darauf Asien und verliebte sich in Thailand, das zu der Zeit noch Siam hieß.

In Bangkok lernte er den als Diplomat am koeniglichen Hof akkreditierten amerikanischen Konsul kennen. Dieser Vertreter der USA erfuhr von Jakob Veits musikalischem Koennen – er war sehr begabt, spielte mehrere Instrumente – und Chandler, so der Name des Repräsentanten, wußte, daß Koenig Chulalongkorn (Rama V.) das Land oeffente, modernisierte und einen Fachmann für westliche Musik suchte. Und so geschah es, daß Jakob Veit 1867 zum Instrukteur der Koeniglichen Musik-Kapelle „Wang Na“ berufen wurde. Jetzt hatte Veit den Palastmusikern europäische Trompetentoene beizubringen, sie mit entsprechender Noten-Technik vertraut zu machen.

Jakob Veit heiratete eine Frau aus dem Mon-Stamm und hatte mit ihr drei musikalisch begabte Soehne - Leo, Paul und Peter. Doch in der Musik sah nur Peter seine Lebensaufgabe. Zunächst  arbeite er aber 10 Jahre lang in der Verkehrsabteilung der Staatsbahn als Dolmetscher und Berater. In der Freizeit spielten die Brüder häufig Hausmusik. Koenig Vachiravudh war seinem Vater auf dem Thron gefolgt, erinnerte sich eines Tages an die Verdienste eines Deutschen namens Jakob Veit und berief dessen Sohn Peter zu den schoenen Künsten. Er erhielt den Rang eines Luang Chen Duriyang – auf gut deutsch: Fachmann für Orchestermusik. Später wurde Peter Veit, der sich mit Piti Wathayakon einen Thai-Namen zugelegt hatte, zum Leiter des „Koeniglichen Westlichen Streichorchesters“ ernannt und von Rama VI. mit dem feudalen Ehrennamen Phra Chenduriyang (was soviel heißt wie: bewandert mit Musikinstrumenten) ausgestattet.  Diesen Titel führte Peter Veit fortan auch als Familiennamen; er kümmerte sich um die Verbreitung westlicher Musik in Thailand und machte sich um die Sammlung thailändischer Musik verdient, die bis dato meistens nur mündlich überliefert worden war.

Und dann der an ihn gerichtete Auftrag, eine neue Hymne für den Revolutionsrat zu komponieren und dieser heiße Tag im Sommer 1932. Mit diesem Auftrag tat er sich ausgesprochen schwer, es sollte und wollte ihm kein musikalisches Thema einfallen. Und so war er mit der Tram unterwegs zu den neuen Machthabern, um schweren Herzens sein Versagen gegenüber dem Revolutionsrat einzuräumen.

Piti Wathayakorn mußte auf seinem Weg mehrmals umsteigen, die Tram wechseln. Kaum saß er in der neuen Straßenbahn, da legten die ratternden Räder so etwas wie den Takt zu einer neuen Melodie. Räder, Technik, Fortschritt, Modernisierung.... Er hatte die 1. Sinfonie von Brahms im Kopf. Ja, beides sollte auf dieser kurzen Fahrt zusammenwachsen. Kaum war er mit der Tram an der neueingerichteten Regierungsstelle angekommen, stürmte er die Stufen nach oben; nahm am ersten Tisch Platz; ließ sich Papier und Beistift geben. Staunende Offiziere schauten ihm über die Schulter, als er die Noten zu Papier brachte; C-Dur, Vier-Viertel-Takt; das Tempo Allegro maestoso – also schnell und majestätisch. Überschrift: Phleng Chat Thai.

Die neue Nationalhymne – genauer gesagt Phleng Chat Thai – war in der Straßenbahn geboren und von den Vertretern der „Volkspartei“ akzeptiert. 1939 kam noch ein neuer Text von Luang Saranupraphan, dem seinerzeit bedeutendsten thailändischen Schriftsteller, hinzu. Diese Nationalhymne hat bis zum heutigen Tag Gültigkeit. Sie wird täglich um 8 und um 18 Uhr von allen Rundfunk- und Fernsehsendern ausgestrahlt. Mit ihren Klängen und dem Fahnenappell beginnt täglich die Schule, und im Kino wird sie vor dem Hauptfilm den Besuchern zu Gehoer gebracht. Thais erheben sich und verharren beim Abspielen der Hymne, Gästen muß geraten werden, es ebenso zu tun, denn die Hymne zu mißachten ist eine Ordnungswidrigkeit.

Zwischen 1943 und 1950 war Phra Chenduriyang  Professor an der Silpakorn-Universität ( ausgesprochen: sinlápako:n ) in Bangkok, landesweit in Sachen Archäologie und für die schoenen Künste die allererste Adresse, führend.

Am 25. Dezember 1968 starb Piti Wathayakon (Peter Veit) im Alter von 85 Jahren an Herzversagen. Ob es zwischen seinem Ableben und der Einstellung des Straßenbahnverkehrs wenige Wochen zuvor einen Zusammenhang gab, ist nicht überliefert.

 

September 2016

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