Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier 1

Der Kater und sein Magier


 

Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder

lebenden Katern (insbesondere mit solchen,

die vom Tierschutzverein vertreten werden)

sind rein zufällig.


 

- 1 -

 

Ich erinnerte mich noch gut an den Tag, an dem ich meinem Lehrmeister das erste Mal gegenüber getreten war. Es war der Beginn meiner Zeit als Zauberlehrling auf Finsterburg gewesen und zugleich der Tag, an dem ich erwachsen wurde.

An jenem verhängnisvollen Tag war ich am frühen Morgen aus unserem kleinen Dorf aufgebrochen; denn der Weg nach Finsterburg war weit, und so setzte die Sonne bereits den Horizont in Brand, als ich endlich den Ort meiner beruflichen Zukunft erreichte. Den Platz hatte mir mein Vater besorgt, der mich an diesem Morgen genauso mitfühlend gemustert hatte wie im letzten Winter Bobo unser Hausschwein  – kurz bevor der Metzger kam. Das hatte mir zwar den ganzen Tag zu denken gegeben, aber letztlich war ich zu der Überzeugung gelangt, daß dies nur an dem Abschiedsschmerz gelegen haben konnte.

Eine Fehleinschätzung, wie ich feststellen sollte.

Einstweilen ahnte ich jedoch noch nichts von dem, was noch kommen sollte und meldete mich frohen Mutes bei der mißgelaunten Stadtwache an. Die zuckte merklich zusammen, als ich mein Begehren vortrug. Für einen Moment glaubte ich sogar, so etwas wie blankes Entsetzen in den Augen der Wache zu entdecken, als ich sie bat, mich zum Meister zu begleiten. Vielleicht war ich aber auch nur von dem Geruch meiner durchgelatschten Sandalen ein wenig benommen und sah Gespenster. Trotzdem dämpfte das Verhalten der Stadtwache meinen Enthusiasmus ein wenig, bereitete mich aber nur unzureichend auf das vor, was mir noch bevorstand.

Zunächst ging es mit mir jedoch bergauf, denn ich erklomm immer der Wache folgend eine Schwindel erregend, steile Turmtreppe, die nach endlosen Umdrehungen schließlich vor einer in die Jahre gekommenen Tür endete. Aus meiner Sicht war an dieser nichts Besonderes, sah man einmal davon ab, daß sie dringend die liebevolle Hand eines Schreiners und einen neuen Anstrich hätte vertragen können. Der Wache hingegen schien sie heillose Furcht einzuflößen, fast so, als würden sämtliche Dämonen der Unterwelt dahinter hausen und nur darauf warten, daß ein Ahnungsloser so dumm wäre, die Tür zu öffnen.

„Am besten klopfst du selbst an“, empfahl mir die sichtlich nervöse Wache mit einem Blick, bei dem ich mich schon wieder wie Bobo das Hausschwein fühlte. Dann verschwand sie flugs die Treppe hinunter. Mit der Unbekümmertheit der Jugend ignorierte ich das seltsame Verhalten der Wache und klopfte entschlossen an die Tür. Mein ungestümes Verhalten bewirkte ein asthmatisches Husten auf der anderen Seite, gefolgt von schlurfenden Schritten. Dann öffnete sich die Tür in bedrohlich quietschenden Angeln.

„Aahh, der neue Trottel“, wurde ich zu meiner Verblüffung von einem grantigen, klapprigen, alten Mann in einer verschlissenen Robe begrüßt, der mit meinem kindlichen Idealbild eines ehrwürdigen Zauberers weniger gemein hatte, als ein Troll mit einer Waldfee. Die Nase sprang tollkühn hervor wie ein Bugspriet, während der knochige Schädel vom einem Wust langer, grauer Haare eingerahmt wurde, die derart abstanden, als habe der Meister noch an den Nachwirkungen eines Blitzschlags zu knabbern. Am schlimmsten war jedoch die Tatsache, daß der Meister müffelte wie ein Lager lange nicht gelüfteter, schimmeliger Pferdedecken. Ich war entsetzt, zumal er mir nach einer kurzen Einführungsrede mit erhobenem Zeigefinger mitteilte, warum er sich überhaupt einen Lehrling genommen hatte.

„Küchenpersonal ist teuer, Lehrlinge sind umsonst“, verkündete mir der Meister in seiner unermeßlichen Weisheit, was zweifellos nicht zu leugnen, aber unerfreulich für mich war und dazu führte, daß ich an diesem Tag neben meiner Ausbildung zum Zauberer zugleich meine Arbeit im finsteren Küchengewölbe aufnahm. Ich bin überzeugt, daß dies der Grund ist, warum das Zukunftvoraussagen erst am Ende des Lehrplans steht.

 

Wird fortgesetzt...... voraussichtlich nächsten Freitag
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus-Peter Behrens).
Der Beitrag wurde von Klaus-Peter Behrens auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Spiegelungen des Daseins: HImmel und Erde: Hommage an das Leben von Jürgen Wagner



Die Gedichte aus den Jahren 2013-16 erzählen von der ‚Hochzeit‘ von Himmel und Erde. Ob in der kraftgebenden Schärfe des Rettichs oder in der Vitalität der Jahrtausende schon lebenden Eibe, ob in der Weisheit alter Geschichten oder im Wunder der Liebe, ob in spirituellen Erfahrungen oder in den Weiten des Alls: überall begegnen sich Licht und Dunkel, oben und unten. Unsere gewohnte Alltagswelt bekommt etwas von ihrem wahren Glanz wieder, wenn wir uns ein Stück dafür öffnen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus-Peter Behrens

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Artefaktmagie Teil 9 von Klaus-Peter Behrens (Fantasy)
Das Abenteuer LEBEN! von Heidemarie Rottermanner (Fantasy)
DER KRUMME TANNENBAUM von Christine Wolny (Weihnachten)