Steffen Herrmann

Populismus

Für die Analyse gesellschaftlicher Phänomene empfehle ich die Systemtheorie. Für den Fall, dass Dir dieses Paradigma nicht so geläufig ist: Diese Theorie orientiert sich an der Differenz System/Umwelt (nicht Teil/Ganzes). Systeme bestehen aus ihren Operationen.

Die Gesellschaft ist ein System. Sie besteht aus Kommunikationen (nicht aus Menschen), wobei Kommunikation als die Einheit der Differenz von Information und Mitteilung verstanden wird. Diese Einheit wird im Verstehen realisiert. Die Differenz von System und Umwelt reproduziert sich in den Operationen als Differenz von Medium und Form. Medien sind Medien relativ zu ihrem System und nur aus ihnen können sich Formen bilden. Die Funktion von Medien besteht darin, reduzierte Kompexität operationsfähig zu machen. In der Gesellschaft gibt es drei Typen von Medien: Sprache, Verbreitungsmedien (etwa Buchdruck, Fernsehen, Internet) und Erfolgsmedien (oder symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, etwa Macht, Geld, Wahrheit, Vertrauen, Liebe).

Ein interessanter (und mit dem Thema zusammenhängender Aspekt) ist das Verhältnis von Verbreitungs- und Erfolgsmedien. Bemerkenswert an Verbreitungsmedien ist, dass sie sich nicht kontinuierlich entwickeln, sondern an Schwellen, oft technischer Natur, gebunden sind. Wird eine solche Schwelle überschritten, kann eine Gesellschaft tiefgreifend transformiert werden, weil sie nun in der Lage ist durch eine stärkere Reduktion von äusserer Komplexität mehr innere Komplexität aufzubauen.

Das ist bereits beim Auftreten des ersten Verbreitungsmediums – der Schrift – zu erkennen, die nichtinteraktive Kommunikationsformen überhaupt erst möglich macht und damit eine Voraussetzung zur Entstehung von Organisationen und von darauf beruhenden Gesellschaftsformationen (also etwa hierarchische oder zumindest nach Zentrum und Peripherie differenzierten Gesellschaften) bildet.

Die nächste Schwelle, welche die Wirkung der Verbreitungsmedium multipliziert, ist der Buchdruck. Wenn er sich in einem bereits ansatzweise bestehenden wirtschaftlichem System entfalten kann (in Westeuropa, nicht in China!) wird durch diese Vergrösserung der Reichweite der Kommunikation und ihrer Entkopplung von räumlicher und zeitlicher Präsenz die Bildung von Subsystemen innerhalb der Gesellschaft gefördert oder erst möglich gemacht. Es kommt zur Bildung der Funktionssysteme der Gesellschaft und ihrer gegenseitigen Abgrenzung voneinander. Gesamtgesellschaftlich erfolgt eine Transformation von einer stratifizierten in eine funktional differenzierte Gesellschaft. Dieser Prozess beginnt im 16., vielleicht auch bereits im 15. Jahrhundert und ist im 19. Jahrhundert weitgehend abgeschlossen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es dann zur dritten Revolution der Verbreitungsmedien. Einerseits wurde die zeitliche Entkopplung zwischen der Sender- und der Empfängerseite zumindest scheinbar weitgehend aufgehoben, wodurch eine nicht nur multiplikative (wie beim gedruckten Wort), sondern eine synchrone Kommunikationen möglich ist. Millionen Menschen können zugleich hören, was im Radio gesprochen wird, auch unabhägig davon, ob live gesendet wird oder nicht, kommt es zu einer beträchtlichen Erweiterung der Grenzen, in der eine gesellschaftliche – und damit gemeinsame - Gegenwart konstituiert werden kann.

Andererseits – und das dürfte auf lange Sicht noch wichtiger sein, koppeln die neuen Medien (vor allem Radio und Fernsehen) an bisher kaum benutzte Wahrnehmungsmedien: sei bei der Kommunikation von Musik und in stärkerem Masse noch bei Filmen. Das Spezifische der Sprache ist, dass sie auf der Ebene ihres irreduziblen Anteils an Information negierbar ist. Jede sprachliche Mitteilung lässt sich ablehnen, zu jeder Proposition gibt es eine Negation. Die neuen Kommunikationsmedien können diese Kritisierbarkeit umgehen oder doch schwieriger machen: Musik, Filme, Aufnahmen etc. verweisen nicht von vornherein auf ihre Negierbarkeit, sondern präsentieren sich in ihrer Positivität.

Beide Aspekte zusammen können dazu führen, dass die neuen Medien, wenn sie von einer zentralisierten politischen Macht in Beschlag genommen werden, diese potenzieren und die bereits bestehehenden Grenzen zu gesellschaftlichen Subsystemen (so zum Wirtschafts-, Erziehungs-, Kunst-, Rechtssystem, doch auch zur Privatheit) durchbrechen (aber nicht zerstören) und eine Totalisierung anstreben. Nicht der Stalinismus und schon gar nicht der Nationalsozialismus sind ohne die Massenmedien (und ihre Neuheit) vorstellbar.

Später (und jetzt nähern wir uns der Gegenwart) wird es den Funktionssystemen gelingen, gegen diese für sie (und die Problemlösungskapazität der Gesellschaft) destruktiven Tendenzen ihre eigenen Grenzen zu stabilisieren und damit die Autopoiesis der jeweiligen Operationsmodi zu retten.

Dabei passiert dann irgendwann etwas Bemerkenswertes: genauer gesagt sind es zwei voneiander unabhängige Entwicklungen, die gemeinsam zu tiefgreifenden Strukturänderungen führen, welche eben erst in Gang gekommen zu sein scheinen.

Erstens wird das Verbreitungsmedium selbst zu einem Erfolgsmedium. Die Massenmedien schliessen sich operativ, werden zu einem eigenen Funktionssystem mit eigenem Code und gesamtgesellschaftlicher Funktion. Der Code der Massenmedien ist Information/Nicht-Information und ihre Funktion besteht darin, dass sie der Gesellschaft ein Gedächtnis liefern, eine Art passive Informationsbasis, die von den Kommunikationen als bekannt vorausgesetzt werden können. In den Massenmedien reflektiert die Gesellschaft sich selbst, sie sind als Subsystem darauf spezialisiert, Irritationen zu verarbeiten und – vor allem – zu produzieren. Durch die Massenmedien steigert die Gesellschaft ihre Irritierbarkeit und damit ihre Evolutionsgeschwindigkeit.

Hier finden wir den ersten wichtigen Anknüpfungspunkt zum Thema des Populismus. Der moderne Populismus ist kaum vorstellbar ohne ein System, welches sich darauf fokussiert, Erregungen zu produzieren, zu vervielfältigen und zu erneuern. In wesentlicher Hinsicht ereignet sich der Populismus in der von den Massenmedien konstruierten Realität. Populistische Parteien und Bewegungen blähen sich auf und sacken zusammen wie ein Soufflet: so in Deutschland die Piraten und Pegida. Wenn sie in Machtpositionen gelangen sollten, können sie den bestehenden Apparat nur unmerklich irritieren, die modernen Funktionssysteme erweisen sich als genügend robust, um ihre Grenzen zu wahren.

Zweitens, und das wird auf lange Sicht noch wichtiger sein, entstehen Massenmedien, in denen sich die Grenze zwischen Sender- und Empfängerseite verwischt. Alle senden und alle empfangen. Aus diesen Echolandschaften der neuen Medien entwickeln sich widersprüchliche Potentiale: eine Demokratisierung, eine Entpersonalisierung der Kommunikation, eine Nervosität, die zeitliche und örtliche Abgrenzungen zerstört, doch auch eine durch Rückkopplung und Selbstverstärkung virtuelle Verheimatung. Die Frage ist nun, in welcher Situation diese Neuerungen auftreten, also welche Strukturen sie transformieren können.

In seinem Buch über die Religion diskutierte Luhmann den Umstand, dass die Mediencodes auf der negativen Seite weit stärker aneinander gekoppelt sind, als auf der positiven. Wer vorwiegend auf der positiven Seite operiert, hat Freiheit: Wer reich ist, kann sich Geschmack sparen, wenn er möchte; einem Wissenschaftler steht es frei, sportlich zu sein oder nicht, etc. Auf der negativen Seite dagegen gibt es eine Inklusion von Exklusion: Keine Wohnung, keine Arbeit, kein Geld, keine Macht, keine Bildung... Hier setzt in der modernen Gesellschaft die Funktion die Religion an, die mit ihrem Code Transzendenz/Immanenz eine grössere Freiheit in Bezug auf die Exklusions­mechanismen hat und sich so auch (und gerade) in den prekären Milieus ausbreitet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass funktional voll ausdifferenzierte Gesellschaften einen Exklusionsbereich ausbilden, in dem die Erfolgsmedien deflationäre Tendenzen haben (Geld, Wissen, oft Macht, vielleicht auch Vertrauen und Liebe), der für religiöse Kommunikation offen bleibt und der je nach seiner konkreten Umwelt verschieden spezifiziert ist. So beeinflusst etwa der Umstand, ob und in welcher Höhe diese Region ökonomisch (durch Sozialleistungen) gestützt wird, welche Machtformen (etwa mafiöser oder religionsfundamentalistischer Art) dort evoluieren können.

Der Exklusionsbereich der Funktionssysteme ist seinerseits bisher kein Funktionssystem, doch es spricht einiges dafür, dass er das werden könnte. Doch welche Funktion soll er erfüllen? Wir stossen hier direkt auf ein Paradox: Was für eine Funktion soll eine Kommunikationsform haben, deren spezifische Eigenschaft gerade die Funktionslosigkeit ist? Die Frage ist hier, wie dieses Paradox entfaltet werden kann und es liegt hier nahe zu vermuten, dass eine Kommunikation, die mit der Leitdifferenz funktional/funktionslos operiert, der Selbstreflexion der Gesellschaft dient (an dieser Stelle den Massenmedien verwandt).

Jenseits dieser Spekulation lässt sich schon jetzt konstatieren, dass sich der funktionale Exklusionsbereich ausdifferenziert, also einerseits innere Komplexität aufbaut (etwa durch Zuwanderung, wodurch sich verschiedene Milieus ausbilden und voneinander abgrenzen können) und andererseits Grenzen zur Umwelt etabliert werden (Seggregationstendenzen bis hin zu Parallelgesellschaften). Weiterhin lässt sich auch Re-entry (die Wiedereinführung der Form in die Form) beobachten, als eigene Macht- (Mafia), Rechts- (Scharia), Wirtschaftssysteme (Mafia, Schwarzarbeit).

Dieser seit einigen Jahrzehnten evoluierende Exklusionsbereich wird von seiner Umwelt in seiner Autopoiesis – das heisst in seinem Wachstum – beobachtet. Das heisst, es wird beobachtet, wie er sich von seiner Umwelt abgrenzt, wie er Ressourcen (Steuergelder) bindet und in seinen Operationen Attraktoren produziert (soziale Hängematte, Willkommenskultur), die seine Zukunft sichern. Da es sich hier bisher nicht um ein Funktionssystem handelt, die Paradoxie funktionell/funktionslos also nicht entfaltet werden kann, erscheint der Exklusionsbereich als eine Belastung des Gesamtsystems der Gesellschaft, als Parasit oder Schlimmeres (Hort von Kriminalität und Terrorismus). Das politische System versucht, durch verschiedene Programme (Reformen, Arbeitsmarktmassnahmen, gezielte Förderungen) die Entstehung einer eigenen – salopp formuliert - Klasse der Nutzlosen zu verhindern, doch es ist fraglich, ob ihr das auf Dauer gelingen kann.

In der hier entwickelten Perspektive lassen sich folgende (zugegebenermassen unzureichend begründete) Thesen aufstellen:

1. Der moderne Populismus ist nun ein Modus, mit welcher der Exklusionsbereich von seiner Umwelt aus beobachtet wird. Diese Beobachtung geschieht bevorzugt in dessen Nähe, also dort, wo operative Kopplungen bestehen: das sind selbst oft prekäre Milieus (aber nicht notwendigerweise).

2. Das so Beobachtete wird in seiner Autopoiesis beobachtet, die als Parasitismus und sogar als Bedrohung (rechter P.) und/oder als Folge der jeder Kontrolle entwichenen Funktionssysteme (linker und rechter Populismus) verstanden wird. Der rechte Populismus wird von der Frage her motiviert, ob der Sozialstaat auf lange Sicht mit Immigration kompatibel ist, der linke steht in der Tradition sozialistischer Ideologie, die sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks neu positionieren muss.

3. Der Populismus versteht sich als eine durch die bestehenden Strukturen gehemmte Bewegung, deren Zugriff auf politische Macht unmittelbar bevorsteht. Er unterstellt, dass er strukturelle Transformationen initiieren kann, die das Wachstum des Exklusionsbereiches stoppen und sogar zurückdrehen können. Es handelt sich im Wesentlichen um eine defensive Strategie einer partiellen Rückkehr zu verloren gegangen geglaubten Identitäten (z.B. Nationen), der Re-Konstruktion von verschwundenen oder schwächer gewordenen Grenzen (Regulierung und Beschränkung von Immigration). Als Mittel wird häufig auf Repression und (Wieder)Ausbau politisch-polizeilicher Macht gesetzt.

4. Die konkreten Formen dieses in den meisten Industrieländern relativ plötzlich auftretenden Phänomens werden durch den Umschlag der Massenmedien in eine Struktur begünstigt, wo in einigen Bereichen die Trennung zwischen Sender und Empfänger aufgehoben ist. Mit deren entpersonalisierten doch gleichwohl individuellen Kommunikationsformen lassen sich rasch Erregungsniveaus produzieren und zirkulieren, die in Bezug auf die von diesen Kommunikationen benutzten Informationen hochselektiv sind (sich die Fakten also selbst auswählen, von denen sie sich irritieren lassen).

5. Die Zukunft des Populismus ist damit noch nicht ganz klar. Auf der einen Seite kann er seine eigene Entzauberung unmittelbar nach Zielerreichung (politische Macht) nicht verhindern und kann sich dann nur noch zwischen dem Einschwenken auf traditionellere Formen des Regierens und dem totalen Fiasko entscheiden. Zwar behindert eine derartige Enttäuschungserfahrung nicht das Entstehen neuer populistischer Bewegungen, doch lassen sich solche Zyklen auch nicht endlos wiederholen.

Auf der anderen Seite werden die Ursachen, die das Entstehen dieser Struktur motiviert hatten, nicht so rasch verschwinden. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass die etablierten Funktionssysteme, insbesondere das politische, die fortwährenden Irritationen seitens der populistischen Strömungen zum Anlass für eigene Strukturanpassungen nehmen und damit dem medial sehr präsenten, doch unfruchtbaren Populismus das Wasser abgraben.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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