Jürgen Skupniewski-Fernandez

Die Lebensgeschichte der Alma Ruth (Teil 1)

Über Nacht hatte es heftig geschneit. Minus zehn Grad zeigte das Thermometer an am jenen 24. Dezembermorgen 1954. Es war nicht viel los im kleinen Dorf. In dicken Mänteln verpackt und in Wollschals vermummt, machten sich die ersten Dorfbewohner mit Schneeschiebern und Reisigbesen ans Werk und befreiten die mit Kopfstein gepflasterten Gehwege von den üppigen Schneeverwehungen. Dabei pflegte man für gewöhnlich ein nachbarliches Schwätzchen zu halten. Die selbstgestrickten Pudelmützen mit ihren dicken Bommeln schmiegten sich schützend über ihre Ohren.

Gottseidank, der Wind hatte sich zum Morgen hin abgeflaut. Somit war die Arbeit wenigstens nicht ganz umsonst. Alma Ruth war schon früh auf den Beinen. Sie stand vor dem Spiegel und sah nachdenklich auf ihr Spiegelbild. Sie war froh, dass ihre Mutter sie in diesem Moment unterstützte, auch wenn sie nur für eine Woche bei ihr blieb. Ich erinnere mich noch sehr gut an ihre Worte, als sie mir von diesem ganz besonderen Tag erzählte. Ja, es war Weihnachten gewesen. Voller Vorfreude war das ganze Dort mit festlichen Vorbereitungen beschäftigt. Endlich konnten die Menschen wieder Hoffnung schöpfen und Ruhe finden nach all‘ diesen schrecklichen Kriegsjahren und schmerzvollen Wanderungen der Vertreibung.
Sie hatten überlebt, aber noch bluteten in diesen Tagen die Wunden jener tragischen Ereignisse. Und viele suchten immer noch verzweifelt nach verschollenen Angehörigen. Alma Ruth flüchtete aus Ostpreußen. Sie hatte Glück, denn ein paar Nachbarn aus umliegenden Gehöften
nahmen sie auf ihrem Pferdegespann mit. Sie war erst sechzehn Jahre alt. Ihre Mutter floh mit Schwester und ihrem kleinen Bruder per Schiff; sie strandeten in Dänemark. Ihr Vater war zu der Zeit in Frankreich eingesetzt und geriet in Gefangenschaft. 1949 fand sich die ganze Familie wieder. Sie waren zwar über ganz Deutschland verstreut gewesen aber am Leben.

Sie selber blieb noch eine ganze Weile im Osten Deutschlands. Ihre Flucht endete 1944 im Erzgebirge. Freiberg wurde ihr zur neuen Heimat. Alma Ruth war auf sich allein gestellt; lernte aber bald ihr Liebe kennen.

Sie heiratete blutjung den Sohn eines Unternehmers, Lothar. Und da sie noch nicht volljährig war musste ihr Vater aus der Ferne per Telegramm sein Einverständnis kabeln. Alma war ein bildhübsches Mädchen und wäre so gerne Schneiderin geworden; wollte Kleider entwerfen, Kostümen ihren Schnitt geben. Ja, sie hatte viele Träume damals; ihr Herz schlug für die Mode. Das Leben aber hatte ihr eine andere Geschichte zugedacht. Ihre Ehe war von kurzer Dauer. Lothar war dreißig Jahre alt; sie gerade mal siebzehn. Sie fühlte sich bei Lothar geborgen, beschützt. Lothar war einst aktiver Leichtathlet. Sport hatte früher für ihn immer eine Priorität gehabt. Doch in den letzten Kriegswirren verlor er sein rechtes Bein.

Von da an half er seinem Vater im Unternehmen. Er konnte sehr gut mit den Angestellten umgehen; behauptete zumindest immer sein Vater. Lothars Mutter war von der Heirat mit Alma nicht besonders angetan. Sie versuchte ihn immer wieder davon abzuhalten. Doch er konnte sich mit Hilfe seines Vaters letztendlich durchsetzen. So wurde Alma seine junge Braut. Für sie aber begann nun eine Zeit des Spießrutenlaufens. Die Flucht noch in tiefer Erinnerung, folgten beinahe täglich endlose Pöbeleien ihrer Schwiegermutter. Nichts war ihr recht, nichts war gut genug. So sehr sich Alma auch bemühte – vergebens! Unerträglich schmerzten die andauernden Stänkereien. Beide Frauen gifteten sich fortwährend an, wo immer sie sich sahen. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Zwei schwierige Jahre vergingen, zermürbende Jahre, dann konnte Alma Ruth nicht mehr. Sie gab auf. Kraftlos musste sie sich eingestehen, dass ihre Ehe in dieser Familie keinen Sinn mehr ergab. Lothar litt ebenfalls unter den ständigen Auseinandersetzungen. Es machte ihn krank immer zwischen beiden Frauen zu schlichten. Dann war da noch die Sache mit seinem amputierten Bein. Zugegebenermaßen, er hatte den Verlust immer noch nicht überwunden.

Alma stand auf den Treppen des Gerichtsgebäudes. Sie war nun eine geschiedene Frau. Die Sonne stand ihr im Gesicht, ihr langes braunes Haar bedeckte ihre Schultern. Da stand sie nun, gerade mal süße Neunzehn und schon geschieden. Wo sie sich doch so nach einem eigenen Zuhause gesehnt hatte. Sie wollte nur eine eigene Familie haben, Kinder, ihren Mann glücklich machen und sich dem Schneidern widmen. Pläne schmieden – eigene Näherei….
Da stand, wie eine Siegessäule, selbstbewusst,auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihre Ex-Schwiegermutter. Im Eifer ihres Hochmuts betrat diese die Fahrbahn; vergaß aber dabei auf den entgegenkommenden Verkehr zu achten. So konnte sie nicht mehr ausweichen; ein PKW streifte sie. Lothars Mutter verlor im selben Moment das Gleichgewicht und fiel kopfüber auf den Bürgersteig. Regungslos blieb sie liegen.

Am Kopf klaffte eine große Wunde. Blut verteilte sich auf den Steinen. Alma schaute mit erschrockenen Augen auf das was sich da gerade vor ihr in unmittelbarer Nähe abspielte. Sie ging langsam die Stufen des Gerichtsgebäudes hinunter. Blieb dann aber abrupt stehen. Passanten und ihr Ex-Mann beugten sich üben den bewegungslosen Körper der Schwiegermutter.

„Oh Gott! Es gibt doch noch Gerechtigkeit“, dachte Alma Ruth und Tränen kullerten über ihre Wangen. Dann machte sie sich auf den Weg zur Straßenbahn. Ihr kleines Köfferchen war schon längst gepackt und ihrer Freundin übergeben. Hildegard hatte Almas kleinen Koffer neben einen Stuhl abgestellt. Sie wartete in einem Kaffee unweit des Gerichtgebäudes. Als sich die jungen Frauen sahen, umarmten sie sich herzlich und hielten sich dabei ganz fest aneinandergedrückt. Ihre Herzen pochten und jeder Herzschlag vertiefte ihre bereits innige Freundschaft. Alma Ruth wischte sich die Tränen aus den Augen. Beide lächelten sich an und gingen Arm in Arm, eingehakt, festen Schrittes Richtung Straßenbahn.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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