Tobias Funke

Sternenschicksal




Tränenblind vor Entsetzen saß er auf dem Bett seiner kleinen Kabine. Was er gerade mit ansehen mußte konnte sein Verstand nicht rational erfassen.

Sie hatte sich einfach von der Station abgestoßen und ihren Helm geöffnet, etwas daß man im Vakuum des Alls sonst nicht freiwillig tat.

Lebwohl Markus“ hatte sie ihm über den Helmfunk noch zugeflüstert bevor das gnadenlose Nichts ihre Augen gefror und die Leere des Weltraums das Leben aus ihrem Körper riss.

 

Nun wusste er warum sie darauf bestanden hatte die Reparatur der Manövriertriebwerke an seiner statt auszuführen.

 

Zuerst Dr. Norton und jetzt auch noch Isabel.

Hatten denn alle auf der Station den Sinn für die Realität verloren.

Man hatte nicht gleich an Selbstmord gedacht, als man Dr. Norton vor zwei Tagen tot in seiner Kabine aufgefunden hatte, doch die Obduktion fand eine große Menge des Giftes in seinem Körper das er sich mit einer Spritze injiziert hatte. Er musste sich mit letzter Kraft noch in seine Kabine geschleppt haben, bevor er einschlief

und sein Herz den Dienst einstellte.

 

Sicherlich war ihre Situation ziemlich trostlos und bedrückend. Aber Markus weigerte sich die Hoffnung aufzugeben. Irgendwie würden sie schon einen Ausweg finden.

 

Es fing alles vor 9 Tagen an. Am 14.August 2087.

 

Voller Entsetzen starrten die 20 Mitglieder der Raumstation Ceres auf die Bildschirme und durch die wenigen Bullaugen der Station auf das unfassbare Schauspiel des Grauens, das sich unter ihnen auf der Erde abspielte.

Grelle Blitze, gefolgt von langsam wachsenden, immer grösser werdenden Pilzen hunderter und aberhunderter Atomexplosionen füllten ihre Sicht. Verwüstungen von ungeahnten Ausmaßen überzogen die Welt. Ganze Städte waren einfach verschwunden, nur verkohlte Ruinen wo einst Millionen Menschen lebten.

Die Wälder, die man in den letzten 50 Jahren sorgsam wieder aufgeforstet hatte standen in Flammen. Gigantische Staub- und Aschewolken fingen an den Himmel zu verdunkeln und die einst so wunderschöne blaugrüne Kugel der Erde in einen schwarzen Schleier der Kälte und des Todes zu hüllen.

 

Nachdem der erste Schock vorüber war und alle aus ihrer Schreckensstarre heraus kamen gab es ein einziges hektisches Durcheinander. Jeder versuchte mit seinen Liebsten oder der Familie Kontakt aufzunehmen, doch aufgrund der massiven Strahlung und der Zerstörungen waren die Anstrengungen nicht von Erfolg gekrönt.

 

Markus saß nur da und schaute hinunter auf die Oberfläche. Er hatte keine Verwandten oder Freunde, nicht einmal Familie. Sein ganzes Leben hatte er sich auf die Aufgabe vorbereitet, die er hier auf der Station erfüllte.

Es war schon immer sein Traum gewesen im All zu arbeiten. Er fühlte sich wohl hier oben. Hier konnte er in Ruhe arbeiten und der immerwährenden Hektik und Betriebsamkeit der, hoffnungslos überfüllten, Erde entgehen.

 

Die Monitore zeigten gerade den, ihm so bekannten und vertrauten, Stiefel im Süden Europas, Italien. Dort hatte er seinen letzten Urlaub verbracht bevor er seinen Dienst auf der Station antrat.

 

Marcella“, der Name schoss wie ein Blitz in seine Gedanken. Sie war das zweitgrößte Abenteuer gewesen das er in seinem kurzen Leben erfahren hatte.

 

Es war im Frühjahr gewesen.

Bevor er auf der Station seinen Dienst antrat, hatte er sich einen ausgiebigen Urlaub gegönnt. Von den Alpen bis hinunter zur Sohle des Stiefels wollte er ganz Italien bereisen.

 

Er kam nur bis nach Rom, denn dort traf er sie.

In einem kleinen Restaurant sah er sie zum ersten Mal. Nie würde er ihr Lächeln und ihre leuchtenden Augen vergessen, die selbst die Sterne am Nachthimmel überstrahlten.

Niemals hätte er gedacht, daß er den Mut finden würde sie anzusprechen, doch er tat es.

Sie aßen und tranken, lachten und unterhielten sich bis in die späten Abendstunden. Dann liebten sie sich die ganze Nacht.

Sinnlich, zärtlich, sanft und doch stürmisch erkundeten sie den Körper des anderen mit einer Leidenschaft, wie er es nie erlebt hatte.

 

Obwohl sie beide wussten, daß sie sich wohl so schnell nicht wiedersehen würden verbrachten sie einen ganzen Monat zusammen in Rom.

Sie war die lebendigste Person, die er je kennengelernt hatte. So ganz anders als er selbst. Sie war sprunghaft, temperamentvoll und spontan. Tag für Tag ließ er sich mitreißen und schon bald hatte er mehr von Rom gesehen als man als Tourist je zu sehen bekam.

 

Sie kannte all die wunderschönen, romantischen Orte, die man abseits des Trubels in Ruhe genießen konnte. Sie gingen spazieren, fuhren mit dem Rad und besuchten sogar einen kleinen Freizeitpark, der den Touristen nur wenig bekannt war.

 

Eines Abends, kurz vor seinem Flug ins All, lagen sie auf einer Wiese im Freien und genossen die Sterne, wie sie am klaren Himmel funkelten. Er erzählte ihr wo er arbeiten würde und daß er wohl die nächsten 2 Jahre nicht auf die Erde zurückkommen könne.

 

Sie schmiegte sich an seinen Körper, küsste ihn und sagte sie freue sich für ihn weil er ein so fantastisches Abenteuer vor sich hätte. Als sie ihn anlächelte sah er eine Träne über ihre Wange rinnen. Er wollte sie fortwischen doch sie nahm seine Hand in die ihre und küsste sie ganz zart.

 

In dieser Nacht liebten sie sich im Freien unter dem leuchtenden Schein der Sterne. Am nächsten Tag ging jeder seiner Wege, doch vergessen würde er ihn niemals.

Diesen denkwürdigen, mit Liebe gefüllten, Monat in Rom.

 

War sie noch am Leben oder schon tot? Hatte sie gelitten oder ging es schnell?

Ein kleiner Teil von ihm hoffte darauf, daß sie noch am Leben war. Der Teil von ihm, der sie liebte und wiedersehen wollte. Doch der Wissenschaftler in ihm, rational und berechnend, blickte auf den dunklen Fleck an dem einst Rom gewesen war und konnte sich nicht vorstellen, daß irgendwer dort unten die Katastrophe überlebt haben konnte. Selbst die Menschen, die weit weg von den Großstädten lebten, würden wohl nach einem wochenlangen Todeskampf ihr Ende finden. Wer immer die ersten Explosionen überlebt hatte würde entweder durch Strahlung oder die Unbill des nuklearen Winters früher oder später zugrunde gehen.

 

Erst jetzt, da er allein in seiner Kabine saß, wo er gerade den Tod einer Kollegin mitangesehen hatte, wurde ihm bewußt, daß es um die Menschen auf Ceres ebenfalls nicht zum Besten stand.

 

Wie lange würden wohl ihre Nahrungs- und Wasservorräte noch reichen? War es möglich von irgendwo Nachschub zu erhalten und wenn ja wie? Ihm kam die Mondkolonie in den Sinn, die sich seit etlichen Jahren im Bau befand. Gab es dort genug Platz für die ca. 2000 Menschen, die auf verschiedenen Stationen im Sonnensystem verteilt waren. Waren genug Shuttles und Treibstoff vorhanden um diese Menschen auch zum Mond zu bringen.

 

Fragen über Fragen tauchten in seinem Hirn auf und drohten seine, sonst so hoffnungsvolle, Stimmung zu kippen.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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