Ingo R. Hesse

Trautes Heim, ..Hund allein'!

Mit M. wuchs ich auf. Ich war etwa vier Jahre alt, als er zu uns und sein Bruder zu meinem Opa und meiner Oma kam.

 

M., dessen Name (politisch ziemlich daneben) in etwa „kleiner Mohr“ hieß, weshalb ich ihn hier nur M. nennen.. und gar nicht erst versuchen werde, eine Ableitung von einem heimischen Gemüse zu konstruieren, war nicht mehr da als ich etwa 20 Jahre alt war, und gerade von einem spontanen Paris-Trip zurück kam.

 

Mein Bruder, der schon lange woanders eine Familie gegründet hatte, war gerade zu Besuch und fragte mich recht hämisch ..ob ich denn hier nichts, bzw. niemanden vermisste. Und dann wurde klar, dass ein Grünrock aus der weiteren Familie, die unschöne Aufgabe übernommen hatte, M. von seinen nun schon recht lange währenden Leiden zu befreien.

 

Zum ersten Mal erfuhr ich wie es ist, einen ganz lieben Menschen zu verlieren. M. war zwar keiner gewesen, sondern „nur“ ein Hund, ein recht frecher und auch ziemlich hässlicher noch dazu. Aber obwohl er mir einmal im Spiel zu meiner ersten Tetanus-Spritze verholfen hatte, hatte ich mich ihm näher gefühlt als so manchem, den ich auch täglich in dieser Wohnung antraf.

 

Meine Mutter, die nicht nur Menschen für sich einnehmen konnte, sondern die geborene Tierfreundin und Tier-Bändigerin war, wollte nach diesem Einschnitt keinen Hund mehr haben. Zunächst.

 

Kurz darauf bezog ich mit meiner ersten festen Freundin die kleine Wohnung im Dachgeschoss des Elternhauses. Und wie es nun mal auch heute noch oft ist, ..wenn schon nicht sofort Kinder, dann sollte uns doch wenigstens ein gemeinsamer Hund den Paaren ähnlich machen, die über die Leinwand flimmerten oder in Illustrierten ihr Unwesen trieben.

 

Meine Mutter war zu der Zeit Hausfrau und mit vielen anderen Aufgaben im und ums Haus beschäftigt. Und als ich sie fragte, stimmte sie sofort zu. Sie würde tagsüber den kleinen X. Versorgen, der mir als Welpe angeboten worden war.

 

X., nenne ich ihn, weil ich zwar ihn niemals vergessen werde, aber sein Name ist mir entfallen. Ich erinnere mich aber daran, dass ich aus der Diskussion um von mir bevorzugte Namen wie Bacardi, Gauloises oder Tarzan nicht siegreich hervor gegangen war.

 

Meine Idee, dass zwei Frauen für mich nur besser sein könnten als eine, habe ich zwar bis heute nicht ganz ablegen können. Aber damals erfuhr diese Überzeugung einen herben Rückschlag.

 

Denn irgendwie war Sand ins Getriebe der Weiblichkeit gekommen. Der Motor konnte danach nicht mehr so wie Räder wollten. Und irgendwie war plötzlich auch unklar, wer denn nun der Motor und wer … . Ich denke es gibt hier den Einen oder die Andere, dem oder der solche Konstellationen und ihre Folgen für das Umfeld nicht fremd sind.

 

Es spielte keine Rolle, wer angefangen hatte und worum es ging. Die Fronten waren so verhärtet, dass meine Mutter, die wusste dass ich im Zweifel immer zu der Frau halten würde, die mit mir das Bett teilte, nur einen Weg sah, mich ..und damit meine Freundin zu unterwerfen.

 

An anderer Stelle hatte ich schon gesehen, dass Kinder zum Spielball geworden waren. Hier war X. der Leidtragende. Noch nicht ganz stubenrein und von unbändigem Bewegungsdrang gelenkt, sollte er nun bis zu 9 Stunden alleine und ..vor allem dicht bleiben.

 

Dass das zu viel verlangt gewesen war, konnten wir schon am ersten Abend nach dieser neuen Situation feststellen. Selbst Kunststoff-Planen und andere Hilfsmittel halfen nicht. Und Friede zwischen den als sanft, klug und Harmonie fördernd bekannten Wesen, konnte nicht mehr entstehen.

 

Also, ..was tun? Den Job konnte weder meine Freundin noch ich aufgeben. Und nach etwa zwei Wochen Tortur für uns alle, ..auch für meine Mutter, die gegen ihre abgöttische Liebe zum Tier diese Nummer durchzog, kam dann aus der Verwandtschaft der Rettungs-Ring.

 

Ein Bekannter des Bekannten eines meiner Vettern, hatte vor ein paar Monaten seinen Hund einschläfern lassen müssen und war bereit, unseren X. zu übernehmen. Wie sehr man schon nach kurzer Zeit an so einem Kulturfolger hängen kann, durfte ich dann auch erleben.

 

Aber, ich wusste, dass er in wirklich gute Hände kam. Ein Paradies, das für seinen Vorgänger weiträumig umzäunt worden war. In das er nur einsteigen und sich anständig benehmen musste.

 

Und das hat er wohl mit Bravour gelöst.

 

Die Welt ist klein und ich war Baggerfahrer. Und so kam es immer wieder vor, dass ich mit einer Baumaschine da vorbei kam, wo X., der inzwischen sicher einen würdigen Namen erhalten hatte, auf der Mauer neben dem Hauseingang saß.

 

Und, ich weiß dass mir das niemand abnehmen wird. Aber dieser Hund, dieser Mischling, der schon damals als die Retriever noch nicht golden waren, ein ähnlich liebes Gesicht sein Eigen nannte, ...dieser kluge Hund grinste mich hämisch an. Bis ich vorbei war.

 

Und manchmal war ich sicher, dass er hinter mir die Pfote hob und mindestens einen Zeh in die Luft streckte.

 

Recht so! Ich hatte es nicht anders verdient!

 

Die Kinder, um die schon in diesen meinen jungen Jahren im Umfeld gekämpft wurde, und die Aktion mit X, führten zu Entscheidungen an die ich mich bis heute gehalten habe.

 

Ich gründe keine Familie mit einer Frau, bei der nicht sicher ist, dass ich wenigstens bis zum Abitur des Kindes dabei bleiben darf. Und ich schaffe keinen Hund an, für den ich nicht bis zu seinem oder meinem Ableben sorgen kann.

 

Inzwischen sind noch ein paar Entscheidungen dazu gekommen, was erwachsene Kinder m(einer) Partnerin und das Halten von Haustieren in der Stadt anbelangt. Und auch damit bin ich gut gefahren.

 

Dass das auf dem kurzen Elend und dem danach doch ziemlich schönen und langen Leben von X. aufgebaut ist, macht mir heute kein schlechtes Gewissen mehr. Aber es verpflichtet mich zu Dank.

 

Deshalb, lieber X., vielen Dank!

 

Lasse Dir bitte ein Pfund Tartar auf meine Rechnung servieren!

 

Ich zahle irgendwann auf meinem Weg wohin auch immer.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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