Wolfgang Küssner

Wohltemperiert

Ja, wie hätten Sie es den gern? Etwas wärmer, etwas kälter, darf es lauwarm sein oder moegen Sie es lieber bitterkalt? Vielleicht eisig oder besser ofenwarm, frostig oder schwül, drückend heiß oder piwarm, brühwarm oder arschkalt oder sogar klirrend kalt? Die einfache Frage nach der richtigen Temperatur ist gar nicht so leicht zu beantworten. Eigentlich ist sie gar nicht zu beantworten. Auf diesem Globus leben etwa 7,3 Milliarden Menschen und diese haben vermutlich ebenso viele Anworten. Was ist wohltemperiert? Frisch, kühl, kalt, heiß, warm, lau. Ist nicht alles relativ?  Der Inuit oder Same, der Xingu oder Mon, der Tiroler oder Himba, der Inka oder Dithmarscher, der Ibo oder Baske, der Bantu oder Orang Asli, der Sorbe oder Koreaner, Pygmäe oder Tuareg, Melanesier oder Cherokee, der Mapuche oder Maori, der Oromo oder Ainu, Aborigines oder Nuba – die Antworten werden nicht einheitlich sein. Kann es überhaupt eine klare, einfache Antwort nach dem, was wohltemperiert ausmachen koennte, geben? Sind es drei oder zehn, zwanzig oder dreißig, vierzig Grade oder bewegen wir uns im Bereich der Minus-Temperaturen, die als wohltemperiert empfunden werden? Und zu welcher Zeit des Jahres, wenn es sie denn noch geben sollte?

Das Eiscreme muss natürlich kalt sein, doch für die Entwicklung der richtigen Geschmacksnoten bedarf es einer ganz leichten Erwärmung, um den zarten Schmelz zu erzeugen. Klingt nach Werbung, schmeckt aber. Der Kaffee soll nicht kalt, sondern heiß sein, aber gesundheitlich positiv wirkt er erst im lauwarmen Zustand getrunken. Der Sommer muss natürlich warm und trocken sein, aber bitte kein Schwitzen verursachen. Der Winter, ja, der darf kalt sein, da muss Schnee fallen, aber bitte keine glatten, gar vereisten Strassen. Dazu passt schoen heißer Rumgrog, aber ich darf mir die Zunge nicht verbrennen. Oder wie wäre es mit wärmendem Glühwein, er muss nur sofort nach dem Spaziergang trinkbar sein.

Im Urlaub muss die Klimaanlage für Kühle im Raum sorgen, aber bitte keine Erkältung hervorrufen. Das Meereswasser soll schon warm sein, aber ich moechte mich darin auch erfrischen koennen. Ein eiskalter Drink am Pool wäre schoen, doch er darf sich nicht auf die Darmflora auswirken. Sie wissen schon, „Montezumas Rache“ oder wie die dann eintretenden Behinderungen regional genannt werden moegen. Die morgendliche Dusche soll natürlich erfrischen, aber zu kalt darf das Wasser auch nicht sein. Das Badewasser dagegen muss natürlich warm sein, aber nicht zu Verbrühungen führen.

Würzige, knusprige, warme Bratkartoffeln ess ich gern, aber bitte keine schlappen, oelgetränkten und lauen Erdäpfel in Scheiben. Die Sauce sollte richtig gut warm sein und keine Haut an der Oberfläche bilden. Die kräftige Suppe muss herzhaft sein und einheizen, Kraft geben, aber keine Blasen am Gaumen hervorrufen. Nichts wird bekanntlich so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Ungezählte Beispiele koennten hier folgen. Kann man es einem Besucher, einem Gast recht machen? Herr Ober, ein Espresso sollte heiß getrunken werden, dieser hier ist kalt.

Was ist wohltemperiert? Keine leichte Frage. Und die Antwort erst. Nee, die Antwort ist eigentlich noch viel schwerer. Da koennten einem die Tränen kommen. Apropos Tränen, der Leser denke mal an Wein. Was ist das denn jetzt für ein Übergang? Tränen, weinen, Wein? Nun, wie dem auch sei; da gibt es zum Beispiel ideale Trinktemperaturen für spezielle Weine. Das mit der Zimmertemperatur für Rotweine kann der Leser gleich mal zu den Akten legen. Die Zimmertemperatur in Oesterreich oder Schweden wird vermutlich von der in Thailand oder Marokko  abweichen. Das sollte ganz schnell dem Vergessen angehoeren. Weißweine, so die Experten und Geniesser, sollten zwischen 9 und 14 Grad getrunken werden; je jünger, je kühler, je kräftiger und älter, um so wärmer. Ähnliches gilt für den Rotwein: Die idealen Trinktemperaturen liegen zwischen 12 und 18 Grad, je kräftiger und reifer, um so wärmer, je jünger und fruchtiger, entsprechend kühler.

Sollten die genannten Grade mit Ihren Zimmertemperaturen übereinstimmen, dürfen Sie sich natürlich nicht wundern, selten Gäste zu haben. Okay – das hätte auch den Vorteil - Sie koennten den eventuellen guten Tropfen ganz allein geniessen. Warum aber das Zimmer zum Kühlschrank machen? In einem normalen Kühlschrank koennte der Inhalt einer Flasche Wein pro Stunde Verweildauer um etwa 0,5 bis 1,0 Grad gekühlt, oder  wohltemperiert werden.

Und das Weintrinken in den Tropen? Kaum haben Sie das Glas gefüllt, beginnt es bei 25 bis 30 Grad Zimmertemperatur zu schwitzen. Der Rebsaft erwärmt sich; versuchen Sie mit Eis die Temperatur zu halten, hätten Sie auch gleich eine Weinschorle nehmen koennen.  Als Alternative gäbe es den Genuss edler Tropfen in klimatisierten Restaurants. Doch häufig sind diese soweit heruntergekühlt, dass der Besucher eher darauf achtet, sich keinen Gefrierbrand einzuhandeln, denn sich auf das zu konzentrieren, was über die Zunge fließt und eigentlich für einen nachhaltigen Abgang sorgen sollte. (An dieser Stelle ein kurzer Hinweis für jene Thailand-Urlauber, die spontan einen Kino-Besuch absolvieren moechten: Kaufen Sie nicht nur eine Kinokarte, sondern gleichzeitig auch ein paar Socken und ein Badehandtuch, Sie werden beides als Wärmespender benoetigen, denn nicht nur viele Restaurants sind stark gekühlt, Cinemas ebenso.) Man kann offensichtlich nicht alles wohltemperiert haben.

Das Thema scheint schon vor mehr als 250 Jahren einen Bach, genauer gesagt, Johann Sebastian Bach, beschäftigt zu haben. Nichtkennern sei gesagt, Bach ist so etwas wie der liebe Gott der Musik, zumindest der Klassik. (Die Pop-Musik war seinerzeit noch gar nicht erfunden.) Da hatte er 1722 seinen ersten Teil mit 24 Satzpaaren von Präludien und Fugen veroeffentlich. 1740/42 dann noch einmal die gleiche Anzahl an Kompositionen, jeweils in allen Dur- und Molltonarten und aufsteigend von C-Dur bis h-Moll publiziert und diese mit  “Das Wohltemperierte Klavier” (BWV 846-893) überschrieben. Präludien sind übrigens sehr vielseitig angelegte kleine Musikstückchen ohne strenge kompositorische Vorschriften; bei den Fugen gibt es dann schon klare Vorschriften. Aber hier soll es ja um das Thema „wohltemperiert“ gehen.

Dieser Begriff wurde wohl um 1681 von einem Komponisten namens Andreas Werckmeister geschaffen, dabei ging es nicht um ein wohltemperiertes Klima bzw. Temperatur, sondern um eine wohltemperierte Stimmung. Nein, nein, nicht Blasmusik und Schenkelklopfen, sondern um die Musikstimmung, um die Klangfarben, denn fortan standen alle Tonarten gleichberechtigt nebeneinander und konnte Komponisten so motivieren, auch andere Tonarten, die nun nicht mehr „verstimmt“ daherkamen, zu verwenden.

Johann Sebastian Bach hatte sich für seine zweimal 24 Satzpaare des Begriffes vom Wohltemperierten bedient und einen bis heute absolut wichtigen Meilenstein in der Musikgeschichte geschaffen. Von Ludwig van Beethoven ( Sie wissen, der mit dem „Ta ta ta daaah...“) sind die Worte überliefert: „Immer, wenn ich beim Komponieren ins Stocken  geriet, nahm ich mir das Wohltemperierte Klavier hervor, und sogleich sprossen mir wieder neue Ideen.“ Von Robert Schumann (einem der bedeutendsten Komponisten der Romantik) war zu vernehmen: „Das Wohltemperierte Clavier sei dein täglich Brot. Dann wirst Du gewiss ein tüchtiger Musiker.“

Hatten Sie etwa gedacht, Bach würde seine Zeit mit der Frage nach den richtigen, angenehmen, gerade passenden oder nicht gefälligen Graden vergeuden? Von der Temperatur hat er klug die Finger gelassen, ihm ging es um die Klangfarbe, die Stimmung, das Wohltemperierte.

 

August 2016

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