Karl-Heinz Fricke

Urmensch Moppy

Sein eigentlicher Name war Willi. Das wussten jedoch nur wenige Bergleute. Die Stadt Goslar hatte Originale in Prinz und Ätepanne und August Negernase von der Klus und Moppy. Moppy schien wie ein Überbleibsel aus der Steinzeit. Seine urwüchsige vierschrötige Gestalt war mit einem wilden roten Schopf gekrönt, dessen Haare in alle Richtungen wuchsen. Sein Gang war schneepflugartig. Immer wenn sein Drahtesel betriebsunfähig war, und das war es wegen seines Gewichtes meistens, dann ging Moppy mit Riesenschritten zu Fuß. Er hatte das ehrbare Maurerhandwerk erlernt. Als Grubenmaurer unserem Revier zugeteilt hatte ich des öfteren Gelegenheit den Mensch Moppy näher kennen zu lernen. Ich hörte ihn oft rätselhaft vor sich hin zu sprechen, und auch sein ganzes Benehmen war irgendwie bizarr. Er hatte aber auch Eigenschaften, die man nicht in ihm vermutete. Dank seiner körperlichen Kraft konnte er arbeiten wie ein Berserker. Wenn es nichts zu Mauern gab wurde er einem Schiesshauer als Helfer zugeteilt. So war er auch mir einige Male ein willkommender Helfer.

 Bei den Ausmauerungen des Richtschachtes bei den Austeufungen der 10. und 12. Sohle konnte man auch auf Moppy nicht verzichten. Mit technischen Errungenschaften hatte Moppy nicht viel im Sinne. Die folgende Geschichte zeugt davon: Während er mir schon wiederholt als Helfer zugeteilt worden war, waren die Rollen in diesem Falle vertauscht. Er hatte den Auftrag den Aufbruch, den ich gerade fertig gestellt hatte, auszumauern. Jegliche Arbeit in Aufbrüchen, kleine meist senkrechte Schächte von Sohle zu Sohle, waren damals schwierig und umständlich. Man stellte uns einen Göpel zur Verfügung, mit dessen Hilfe wir die Baumaterialien mit Motorkraft heraufziehen konnten. Diese Maschine war Moppy unheimlich. Er sagte in Goslar Platt: "Damit will eck nist zu daun hebben !"  Er schlug mir vor, dass ich das Mauern übernehmen sollte, wozu auch die Bedienung des Göpels gehörte. Er würde gern den Zement mixen und die Steine laden. Da ich schon mehrmals mitgemauert hatte und die leichtete Arbeit hatte, sagte ich zu. Unser Reviersteiger, der uns zweimal in jeder Schicht aufsuchte, schüttelte nur den Kopf, wenn er Moppy handlangern sah.

Eine andere Geschichte trug sich beim Erschließen einer langen Versuchsstrecke zu, die wir im Jahre 1952  in drei Schichten vorantrieben. Da beide großen Erzlager noch vor Beendigung des Jahrhunderts ausgebeutet sein würden, suchte man fieberhaft nach neuen Erzvorkommen. Diese Strecke  fast 6 km vom Hauptschaft entfernt, sollte zu neuen Erzen führen. Um starken Wassereinbrüchen vorzubeugen, hatte man eine schwere Bleitür in die Strecke eingebaut, die wir bei der Einfahrt öffneten und bei der Ausfahrt wieder schliessen mussten.  Später stiessen wir auch auf Wasser beim Bohren. Allerdings brauchten wir nicht flüchten, Trotz Pumpe stand das Wasser bis zu 20 cm auf der Sohle vor Ort. Der Steiger ordnete an eine Backsteinmauer hochzuziehen um das Wasser einzudämmen. Das Wasser war eiskalt und wir bekamen  kalte Füße in dfen Gummistiefeln. Moppy, der das Mauern übernehmen sollte und nicht gern Geld ausgab, hatte Löcher in seinen Gummistiefeln. Als ich ihm sagte, dass er nasse Füße haben müsste, sagte er nur: "Datt maket nist eck hebbe keine Strümpe an !" Der Versuch noch Erz zu finden war ergebnislos.

Beim Schachtabteufen in einer montags Nachtschicht erzählte uns Moppy verschmitzt, dass er am Sonntagnachmittag großen Spaß gehabt hatte. Er hatte eine Wanderung in das Granetal gemacht. Er ging an dem Waldweg längst des Flusses entlang als ihn der Hitze wegen der Wunsch überkam sich im Wasser abzukühlen. Er entledigte sich all seiner Bekleidung und setzte sich im Adamkostüm in ein von großen Steinen umgebenes Wasserloch. Nur sein wilder roter Schopf ragte aus der Oberfläche hervor. Eine seiner Eigenschaften, die niemand in ihm vermutete, war seine Stimme. Als Mitglied eines Gesangvereins sang er den ersten Tenor. Sich pudelwohl im kühlen Wasser fühlend begann er zu singen. Eine Wandergruppe, die um die Biegung des Weges kam, suchte bei Moppys Anblick fluchtartig das Weite.

Von einer weiteren Charaktereigenschaft Moppys erzählt diese Begebenheit. Neben seiner gewissen Naivität, konnte er auch gemein sein. Begeistert erzählte er uns, nicht scheu sich mit dieser Tat zu brüsten. Das Leben in jenen Jahren spielte sich in der kalten Monaten meistens in den Wohnküchen ab. Kohlenmangel diktierte die anderen Zimmer unbeheizt zu belassen. Das Herdfeuer diente neben dem Kochen der Speisen gleichzeitig der Heizung. In den Wäldern gab es Holz, das man für eine geringe Gebühr sammeln durfte. Sehr beliebt waren die starken Äste der Fichten und Tannen, die man auf Hauungen einfach liegen ließ. Moppy hatte von einem Kahlschlag erfahren und teilte diesen einem seiner Nachbarn mit. Nach einer Kurzschicht an einem Sonnabend zogen die beiden los um Zacken zu machen, um die Äste vom Grün abzuhacken. Moppy schlug dem Kollegen vor um anderen zuvorzukommen, ohne die Wagen schnell zur Hauung zu gehen. Am Sonntagmorgen könnten sie dann ihr Holz holen. Der Nachbar war damit einverstanden. Nur mit ihren Beilen bewaffnet machten sie sich gleich nach der Ankunft an die Arbeit und jeder schichtete seine Zacken auf. Zu ihrer Freude waren keine anderen Holzsammler zugegen. Sie suchten sich die dicksten Äste aus. Am Nachmittag machten sie sich auf den Heimweg. Als es dunkelte holte Moppy seinen Ausziehwagen vom Hofe. Allein machte er sich auf die Zacken zu holen. Nicht seine, sondern die des Nachbars. Zu Hause verstaute er die Lading in seinem verschließbaren Verschlag. Nachdem der Nachbar am Sonntagmorgen an Moppys Tür geklopft hatte, machten sie sich mit ihren Wagen auf den Weg. Die Beile ließen sie zu Hause.
Der Nachbar war entsetzt als er seinen Stapel nicht mehr vorfand. Beide begannen lauthals zu fluchen. Moppy bemerkte, es müsste ein Einzelner gewesen sein, sonst wäre sein Stapel sicher auch weg. Seelenruhig lud er danach seine Zacken auf. Ob er wohl Gewissenbisse hatte, als ihm der Nachbar noch schieben half ? Hätte er sein Beil mitgenommen, hätte er sich einen neuen Stapel machen können.

Fast vierzig Jahre alt überraschte uns Moppy mit der Ankündigung, er gedächte in den Ehestand zu treten. Seine Auserwählte, die auch schon den ersten Frühling versäumt hatte, wohnte in einem Nachbardorf. In Gestalt und Aussehen passte das Paar vorzüglich zusammen. Das große Ereignis sollte an einem Freitag auf dem Anwesen seiner Braut stattfinden. Moppy arbeite zur Zeit mit uns im Schacht an den Teufarbeiten. Wir vier anderen würden wohl ohne Moppy die Arbeit machen müssen. Wir trauten unseren Augen nicht, als er im Hochzeitsanzug zu uns herunterkam. Sogar die Blume steckte noch im Knopfloch. Als wir ihn fragten ob er auf seine Hochzeitsnacht verzichtigte, meinte er nur, dann hätten sie vorher schon ausprobiert. Nur seine löcherigen Gummistiefel über die Hosenbeine und mit Helm und Karbidlampe ließen ihn halbwegs als Kumpel aussehen.  Auf unsere Frage warum er sich nicht  wenigstens umgezogen habe, antwortete er, dass er ohnehin schon spät sei und wer die Schuld daran hatte könne den Anzug reinigen.
Das ist die Geschichte  von Moppy dem Grubenmaurer.

Karl-Heinz Fricke,   14.4.2017

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