Heinz-Walter Hoetter

Die alte Frau von der Bushaltestelle

Der Herbst zog ins Land. Nebelschwaden lagen auf den Niederungen und sahen aus wie riesige Leichentücher. Die Luft war unangenehm kalt. Die Vögel hatten sich bereits zurückgezogen, denn sie waren auf eine lange Reise in den Süden gegangen. Überall wurde es ruhiger. Man merkte, dass der Winter mit großen Schritten nahte. Die Leichtigkeit des Sommers war jetzt so gut wie verschwunden und überall lag eine gewisse Abschiedsstimmung in der Luft, die das Gemüt der Menschen ergriff.

Ich war auf dem Weg zu meiner Bushaltestelle, die sich in der Nähe eines nach dem Krieg neu angelegten Waldfriedhofes befand.

Plötzlich bemerkte ich eine alte Frau, die in einem langen, grauen Wollmantel gehüllt vor mir herlief. Ihre Schritte waren langsam und schwer. Sie ging gebückt, als trüge sie eine unsichtbare Last auf ihren Schultern. In der rechten Hand hatte sie einen abgewetzten Krückstock, der gar nicht so recht zu ihr passte. Er diente ihr anscheinend auch nicht als Stütze, denn sie zog ihn einfach nur hinter sich her. Mit der linken Hand schien sie zu gestikulieren, wobei sie immer wieder mit dem ausgestreckten Zeigefinger in eine ganz bestimmt Richtung deutete. Wenn sie das tat, wurden ihre Schritte noch langsamer. Es machte auf mich den komischen Eindruck, als würde sie auf jemanden warten, der ihr zu langsam geworden war.

Mittlerweile kam ich an die alte Frau immer näher heran. Ich konnte jetzt sogar hören, dass sie offenbar mit sich selbst sprach. Einige Wortfetzen drangen zu mir. Ich verstand aber den Inhalt der Aussage nicht.

Ich beschleunigte meine Schritte und schon bald erreichte ich die einsam im trüben Morgennebel liegende Bushaltestelle, die sich unmittelbar neben dem Haupteingang des Friedhofes befand.

***

Auf der gegenüberliegenden Seite der Bushaltestelle stand früher einmal ein vornehmes Hotel, das im Krieg durch einen fürchterlichen Bombenangriff leider total zerstört worden war.

Wir Kinder aus der Stadt trafen uns früher gerne hier, weil direkt hinter dem Hotel ein schöner Badesee lag, der auch von den Hotelgästen damals, die von überall her angereist kamen, häufig genutzt wurde. Das Leben an diesem Ort vermittelte uns Kindern auch immer etwas von der fernen weiten Welt, von der wir alle träumten.

Heute ist das gesamte Grundstück nur noch eine düstere Ruine, die von Unkraut stark überwuchert worden ist. Angeblich soll an dieser Stelle bald ein neuer Wohnkomplex entstehen. Leider sind die Erben schon seit vielen Jahren zerstritten. Sie können sich nicht einigen. Es soll angeblich wieder mal ums liebe Geld gehen. Keiner will eben zu kurz kommen.

***

Vor und nach dem Krieg fuhr auf dieser Strecke übrigens noch eine Straßenbahn, die direkt vor dem Hotelgebäude hielt. Gleich daneben befand sich ein sehr schönes Restaurant, das zum Hotel gehörte. Von dem regen Leben, das hier einst herrschte, zeugt heute leider nur noch ein quietschendes, rostiges Schild über dem einstigen Restauranteingang, worauf geschrieben steht: "Zur Straßenbahn".

An den Ruinenwänden kann man noch zahlreiche Einschusslöcher erkennen. Die damals in unserer Stadt stationierten Wehrmachtssoldaten führten in dieser Gegend äußerst heftige Rückzugskämpfe gegen die vordringenden amerikanischen Soldaten. Nun, wo einst die Hotelfenster waren, gähnen jetzt schwarze Löcher und geben bereitwillig den Blick in das Innere des total verfallenen Gebäudes frei. Das Terrassengeländer des Restaurants ist bereits gänzlich verrostet und hängt schief nach außen gebogen in einen total verwilderten Garten hinein, wo man sogar noch einige vermoderte Parkbänke erkennen kann, die aber von Büschen und Bäumen überwuchert worden sind. Sie erinnern kaum noch an die Möglichkeit, darauf zu sitzen.

***

An diesem Ort lief ich schon als Junge mit meinen Freunden herum. Ja, immer dann, wenn ich in den zurück liegenden Jahrzehnten an dieser Haltestelle stand und in Gedanken versunken auf meinen Bus wartete, um in die Arbeit zu fahren, kam es mir stets so vor, als hätte sich die Zeit schützend auf ein wunderschönes Stück meines Lebens in Form unendlich vieler, nie verblassender Erinnerungen gelegt.

Vor meinem geistigen Auge entstand dann jedes mal wie von selbst das prachtvolle Hotel mit dem See dahinter neu, wobei sich alles wieder zu einem kompletten Bild vereinigte. Besonders der Badesee ist mir gut in Erinnerung geblieben, wo sich im Sommer stets eine große Zahl von Badegästen in seinem erfrischend kühlen Wasser herum getummelt haben.

Aber das ist schon lange her. Es tut alles irgendwie weh im Herzen, wenn man daran zurück denkt.

***

Völlig abgelenkt durch meine Gedanken war ich unbemerkt an der alten Frau vorübergegangen. Ich hatte die Bushaltestelle vor ihr erreicht und wartete nun geduldig neben meinen beiden Koffern auf den Bus.

Bald erschien auch die alte Frau und stand schließlich nur wenige Meter neben mir. Ich konnte jetzt in ihr Gesicht sehen. Die Zeit hatte tiefe Falten auf ihre Stirn und in ihrem Gesicht hinterlassen. Ihr Blick schien abwesend zu sein und dunkle Ringe rahmten ihre Augen.

Auf einmal tauchte in der Ferne der Bus auf, der gerade aus einer Seitenstraße kam und an einer anderen, vorgelagerten Haltestelle kurz hielt.

Die alte Frau neben mir wurde plötzlich unruhig. Unsere Blicke trafen sich ungewollt, wobei ich bemerkte, wie sie mich eine Weile ansah und schließlich laut zu sprechen anfing. Ihre Worte waren seltsamerweise an mich gerichtet. Sie wollte mir wohl etwas erzählen. Ich hörte einfach nur zu, obwohl ich die alte Dame gar nicht kannte. Irgendwie tat sie mir leid.

"Mein Mann fährt zur Beerdigung seiner Schwester nach Berlin. Er muss mit dem Bus zum Bahnhof. Ich hoffe, er kommt rechtzeitig an. Leider kann ich nicht mitfahren, weil ich an einer schmerzhaften Hüftarthrose leide. Mir fällt das Gehen schwer. Ich habe ihn deshalb nur bis hier hin begleiten können. Wissen Sie, in all den vielen Jahren haben wir uns nie getrennt. Wir waren immer treu zusammen und haben uns stets gut verstanden. Unsere einzige Tochter lebt in Kanada. Sie ist eine vielbeschäftigte Kinderärztin. Sie konnte uns deshalb nur selten besuchen. Erst vor einigen Tagen schrieb sie mir aber einen netten Brief. Voller Freude berichtete sie darin, dass sie endlich einen netten Mann aus Deutschland kennen gelernt hätte, der bald zu ihr kommen würde. Eine Heirat wäre übrigens nicht ausgeschlossen, wie sie meinte. - So, jetzt muss ich aber aufpassen, dass mein Mann den Bus nicht verpasst. Er ist ein bisschen vergesslich geworden."

Während die Alte so sprach, schaute sie dabei mit einem seltsam ruhigen Blick neben sich ins Leere.

Ein kalter Wind kam plötzlich auf, der die Herbstblätter von den Bäumen blies.

Es sollte wohl das letzte Mal sein, dass ich hier von dieser Bushaltestelle abfuhr, dachte ich so für mich.

Aber alles kam anders.

***

Mein Elternhaus hatte ich vor einiger Zeit bereits samt Grundstück verkauft und war nun zu meiner großen Liebe unterwegs nach Kanada, die ich vor etwa einem halben Jahr auf einer Geschäftsreise rein zufällig in der Millionenstadt Toronto kennen gelernt habe. Wir trafen uns auf einer Tagung für bestimmte Arzneimittel, die speziell für schwerkranke Kinder entwickelt worden waren. Wir haben uns gleich unsterblich ineinander verliebt. Es war Liebe auf den ersten Blick, wie man so schön sagt. Mit ihr zusammen wollte ich ein neues Leben anfangen und endlich eine richtige Familie gründen. Es wurde auch langsam Zeit dafür.

Mir selbst blieben nur noch meine vielen Erinnerungen an diesen schönen Ort meiner Kindheit. Mich fröstelte auf einmal bei dem Gedanken, als mir bewusst wurde, dass hier keiner mehr auf mich warten würde, denn ich lasse keinen zurück, zu dem ich jemals zurückkommen könnte. Ich spürte auf einmal eine tiefe Wehmut in mir und meine Augen fingen an zu brennen.

Als der Bus endlich kam und sich die Türen zischend öffneten, nahm ich meine beiden Koffer, stieg ein und suchte mir einen guten Fensterplatz aus. Dann schaute ich nach draußen.

Die alte Frau war ebenfalls hinter mir auf die offene Bustür zugegangen, blieb jedoch kurz davor stehen. Dann hielt sie den Krückstock hoch, als wollte sie ihn an einen unsichtbaren Gast im Bus überreichen.

Ich konnte dabei vom Fahrgastfenster aus direkt in ihr Gesicht sehen. Tränen liefen über ihre hohlen Wangen und tropften auf die verschmutzten Gehplatten der Haltestelle. Langsam hob sie ihren linken Arm und begann damit zu winken. Ihr trauriger Blick starrte dabei ins Leere.

Vor mir saßen zwei junge Männer, die sich lautstark über die alte Frau amüsierten. Einer grinste und lästerte: "Guck dir mal diese verrückte Alte an. Sie ist meine Nachbarin. Die steht schon wieder hier an der Bushaltestelle und winkt wie blöde. Dabei ist ihr Mann seit mehr als einem Jahr tot. Er liegt da hinten auf dem Friedhof unter der Erde. Sie denkt wohl immer noch, dass er wiederkommen wird aus Berlin, wo er überraschend gestorben ist. Er soll angeblich kurz nach der Beerdigung seiner Schwester einen schweren Herzinfarkt erlitten haben. Man konnte ihm nicht mehr helfen. Er starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus."

Ich war schockiert über diese dummen Bemerkungen der beiden Typen. Trotzdem hielt ich mich zurück und machte es mir in meinem weichen Fahrgastsitz bequem. Als der Bus langsam losfuhr, winkte ihm die alte Frau noch lange hinterher.

Für mich aber begann endlich die Reise nach Kanada zu meiner Liebsten, die mich sehnsüchtig erwartete.

***

Etwa zwei Monate später starb auch die alte Frau, mit der ich zusammen an der Haltestelle auf den Bus gewartet hatte.

Woher ich von ihrem Tod erfahren habe? 

Nun, die kleine Geschichte hier kann es euch verraten.

Manchmal gibt es im Leben die unglaublichsten Zufälle, die man sich einfach nicht erklären kann.
 

ENDE

(c)Heiwahoe


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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