Patrick Rabe

Schuld(en), Gnade und "Weltgeist"

Die Osterbotschaft des Beschenkens

 

"Die ganze Welt liegt in den Händen dessen, der böse ist." (1. Johannesbrief, 5,19)

 

Was bedeutet das eigentlich? Bedeutet das, dass der Teufel über die Welt herrscht? Dass Gott die Kontrolle über seine Schöpfung entglitten ist? Dass wir uns als Christen tunlichst von allem, was uns umgibt, fernhalten sollten? Zumal dann, wenn wir das oben erwähnte Zitat ganz zitieren: "Ihr wisst, dass wir aus Gott sind, aber die ganze Welt liegt in Händen dessen..." Ist Gott demnach nicht mehr in der Welt? Erde schon aufgegeben? Einzige Chance ein Upload ins nächsthöhere Level?

 

Ich weiß, dass viele Evangelikale - und auch andere Christen- so denken. Und auch ihre ganze Lebenspraxis geht in diese Richtung. Man darf keine Rockmusik, keinen Jazz und keinen Beethoven hören, man darf keine Medikamente nehmen, man darf nicht rauchen, man darf mit Unglaübigen nicht verkehren...alles nicht von Gott. Solchen Leuten möchte ich zurufen: "Ihr denkt verquer. In eurer Lieblingsbibelstelle steht: "Die GANZE Welt liegt in Händen dessen!" Also bitte: schnell aufhören zu essen, zu trinken und zu atmen. Alles nicht von Gott, Leute!"

 

Das Problem an der der klassisch evangelikalen Deutung ist, dass man glaubt, die Bibel sei quasi als inspiriertes Komplettpaket vom Himmel gefallen. Dem ist nicht so. Die Bibel hat sich über einen sehr langen Zeitraum entwickelt und zum ursprünglich jüdischen Denken und Glauben, welches wir in der Thora vorfinden, kamen immer wieder neue Einflüsse und Erweiterungen hinzu.

 

Dem urjüdischen Denken ist jeder Gott-Welt, jeder Licht-Finsternis-Dualismus fremd. Das jüdische Denken ist allumfassend, der jüdische Gott ist nicht die eine Hälfte einer Polarität. Man schaue beispielsweise in die Schöpfungsgeschichte. Gott ist nicht das Licht und grenzt sich von der (bösen) Finsternis ab, sondern er ERSCHAFFT Licht UND Finsternis und UMFASST sie beide, segnet sie auch beide (Am siebten Tag ist ALLES GUT).

 

Das dualistische Denken, welches das Neue Testament durchzieht und bestimmt, (am Stärksten im Johannesevangelium und einigen Briefen) stammt aus dem Hellenismus, also aus dem Griechentum, das durch die Römer nach Israel getragen wurde (bzw. erste dualistische Modelle finden sich auch schon im AT, durch babylonischen Einfluss). Deswegen ist das dualistische Denken aber weder falsch noch verunreinigt jüdisch oder eine Irrlehre, es ist einfach nur die Erweiterung des jüdischen Denkens durch Aspekte, die nicht aus dem Judentum stammen.

 

Um diesen Gott-Welt-Dualismus aber korrekt verstehen zu können, müssen wir seine Quellen kennen. Mit naivem Evangelikalen-Bibelverständnis kommen nur Schräglagen heraus.  Ich kann aber aus Platzgründen hier nicht die gesamte hellenistische Philosophie erläutern. Deswegen destilliere ich jetzt ein Bisschen.  

 

Wichtig ist zu wissen, dass mit WELT nicht SCHÖPFUNG oder ERDE gemeint ist!!!! Was ist das denn auch für eine abnorme Vorstellung! Gott soll seine schöne Schöpfung an den Teufel verloren haben!? Ja, und wann denn bitte? Beim Sündenfall etwa? Nein! Noch in den Psalmen wird Gottes Wirken in seiner Schöpfung gepriesen! Wenn im Neuen Testament von "Welt" oder "Weltzeit" gesprochen wird, dann ist damit ein bestimmter, die Menschenwelt "regierender" "Geist" gemeint. Dieser hier gemeinte Geist ist die Philosophie des Gebens und Nehmens, des Reinsteckens und Rauskriegens, des Säens und Erntens, des Hastewas Bistewas, des Karmas, der Schuld, des Rechnens und Be-Rechnens, der (ausgleichenden) Gerechtigkeit, des Gerichtes Gottes über die Menschen und des Gerichts des Menschen über den Mitmenschen. Man muss sehr differenziert an die Sache herangehen. Denn wenn wir jetzt sagen, diese Gesetze stammten vom Teufel, kürzen wir gedanklich brutal ab. Das Gesetz des Karmas ist göttlich und ist das der Welt (hier auch Schöpfung!) zugrundeliegende Prinzip. (Die alttestamentarischen Gebote stammen ja auch von Gott und nicht vom Teufel!) Deswegen finden wir diesen Gedanken auch in ausnahmelos ALLEN Religionen. Ich bekomme raus, was ich reingebe. Immer. Solange das Gesetz der Welt (für mich) gilt. Das Problem ist nur, dass wenn wir in diesem Wirkungsprinzip leben (Vergeltungsprinzip), sind wir spätestens dann richtig angearscht, wenn wir groben Mist bauen, und er auf uns zurückfällt. Je höher unsere Lebensschuld, desto Aua. (Und damit sind nicht nur moralische Schulden gemeint). Dazu kommt, was Jesus uns ja sehr schön immer wieder aufzeigt, unsere Eigenblindheit. (Splitter/Balken). Das heißt: Wir merken es noch nicht einmal, wenn wir Schulden machen!!! Das Prinzip dieser Welt ist tatsächlich nur für den von Vorteil, der auf der Haben-Seite steht. Im Hinduismus und Buddhismus finden wir das sehr diffizil dargestellt. Die Bibel zeigt uns nun: Ende der Illusion! Hier steht niemand mehr auf der Haben-Seite! Ihr seid alle schon tief in den roten Zahlen! Ihr könnt alle nur noch aufrecht gehen, weil ihr alle beieinander verschuldet seid!!!!! (Wir finden das mittlerweile bis hinein in wirtschaftspolitische Weltzusammenhänge!!!! Schaut hin, deutet die Zeichen richtig und erbleicht!!!!!) ES GIBT KEINE PROFITEURE MEHR!!!! NUR NOCH SCHEIN-PROFITEURE!!!!!!!

 

Und nun tritt ein fundamental neues Wirkungsprinzip auf den Plan. Das Prinzip der GNADE. Nur, wenn das Karma-Prinzip ausgehebelt wird, ist der Menschheit noch zu helfen. Das hat bitteschön NICHTS mit dem unsäglichen "Der Mensch ist schlecht und muss sich schämen-Quatsch" der Kirchen zu tun! Ich hoffe, das konnte ich schlüssig darstellen! Es geht hier lediglich um Lebensschulden. Aber was heißt "lediglich". Das Problem ist massiv.

 

Gott "installiert" die Gnade in Jesus Christus, um uns wieder zu Gewinnern des Lebens zu machen. Er macht einen radikalen Schuldenschnitt. Alle Schuld(en) vergeben! Für immer. Konto wieder gedeckt! Mit Gottes Liebe! Aber dieser Schuldenschnitt kann nur  greifen, wenn der Mensch ihn auch er-greift. Das heißt, dieses neue Prinzip kann nur wirksam werden, indem der Mensch selber Schulden erlässt.  Wer das nicht tut, dem geht es wie dem ungerechten Knecht, dem sein Herr die Schulden erlässt, der aber dann seinen Schuldiger zum Zurückzahlen zwingen will. Dieser ungerechte Knecht  muss dann eben auch ins Gefängnis und jeden Heller zurückzahlen. Nochmals. Das hat nichts mit Moral zu tun. Nichts mit verquasten Schuldgefühlen. Nichts mit Himmel und Hölle. Nichts mit dem Jenseits. Das passiert hier und jetzt.  Das Einzige, worum es hier geht, ist Ursache und Wirkung. Die Gnade ist quasi ein cleverer Trick, um aus der Schuldenfalle rauszukommen. Denn das Karma-Prinzip bleibt ja aktiv. Säen und ernten, reinstecken und rauskriegen gilt weiter und wird immer gelten. Ich schmiere halt nur dieses Gesetz an, indem ich es zur Wirkung bringe. Ich schlage den "Feind" mit seinen eigenen Waffen. Denn, völlig logisch: Wenn ICH allen Menschen ihre Schulden erlasse, werden auch mir meine Schulden nachgelassen. Denn was ich reingebe, kommt zurück. Ich hebele somit das Karmagesetz aus, indem ich es anwende. Genau das meint Jesus, wenn er sagt: "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Solange Himmel und Erde bestehen, wird nicht ein Strichlein vom Gesetz weggenommen." Dieser Satz ist esoterisch (Oh nein, das böse Wort!!!!). Fasst man ihn "exoterisch" auf, muss man zu dem Schluss kommen, Jesus meine die Verhaltenscodizi aus der Thora. Die SIND auch gemeint. Aber nicht zuförderst. Denn all diese "Gebote" sind ja nur Ausdifferenzierungen des "Gesetzes". Und das ist das Gesetz des Säens und Erntens. "Exoterische" Christen hat dieser Satz schon wahnsinnig gemacht. Weil er scheinbar der Theologie der Gnade widerspricht. Tut er aber gar nicht. Er zeigt nur, dass wir das Wirkungsprinzip der Vergeltung nur aushebeln können, indem wir es anwenden (und innerhalb dieser Gesetzmäßigkeit die Schulden vergeben). Das heißt "Nicht auflösen, sondern erfüllen"!!!

 

Zurückkommend zur Ausgangsfrage: Gott möchte, dass wir uns aus dem be-rechnenden Weltgeist lösen und alle in seiner vollkommenen Fülle leben, in der alles allen gehört. Er möchte, dass wir uns zu einem Geist der Liebe uns des Schenkens hinwenden. "Gebt, und es wird euch gegeben werden: ein gutes, gedrücktes und gerütteltes und überlaufendes Maß wird man in euren Schoß geben, denn mit demselben Maß, mit dem ihr messt, wird euch wieder gemessen werden!" Amen, so ist es und so wird es sein in Ewigkeit. Einen frohen Ostermontag!

 

© by Patrick Rabe, Ostermontag 2017.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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