Jürgen Skupniewski-Fernandez

Die Lebensgeschichte der Alma Ruth (Teil 3)

Nach der Scheidung mit Lothar blieb Alma noch eine Zeitlang bei ihrer Freundin Hildegard in Freiberg. Hildegard hatte inzwischen geheiratet und Alma hatte etwas Glück; sie fand eine Anstellung in einer Nähstube. 1950 kamen die Burda Modeschnitte heraus. Es war ein voller Erfolg. Die moderne Frau der fünfziger Jahre suchte wieder nach passenden Outfits für besondere Gelegenheiten. Dementsprechend war die Nachfrage stetig gewachsen. Alma blühte so richtig auf. Sie war in ihrem Element und hatte richtig Spaß an ihrer Arbeit gefunden. Sie war ja noch Debütantin; aber was für eine! Ihr Talent sprach sich schnell herum und die Besitzer erfreuten sich am gutlaufenden Geschäft. Alma bekam auch öfters mal Stoffreste für den Eigenbedarf. Abends nähte sie dann etwas für ihre Freundin oder Nachbarn und verdiente noch so zusätzlich Geld. Aber es wurde auch immer schwieriger, denn das politische Umfeld veränderte sich rasant in der russischen Besatzungszone und ängstigte viele. Begriffe wie Zonengrenze, innerdeutsche Grenze, Aufspaltung in Ost- und Westdeutschland standen da schon länger im Raum. Absperrungen, Blockaden – Alma wurde sehr nachdenklich. Man hörte so viel. Ja, es hieß, dass es bald überhaupt keine Möglichkeit mehr geben solle in den Westen zu gelangen. Ihre ganze Familie lebte, wenn man so will, auf der anderen Seite.

Ihr geschiedener Mann nebst Vater hatte die Ostzone bereits verlassen. Lothars
Vater wurde in Dortmund die Leitung eines Unternehmens übertragen. Hildegard, ihre Freundin, und ihr Mann Helmut gingen nach Münster in Westfalen. Helmut fand Arbeit als Chauffeur eines hohen Siemens Managers. Dieser vermachte ihm Ende der Sechziger Jahre seine Villa in Münster; praktisch als Dankeschön für seine Treue und Dienste. 1951 kroch Alma eines Nachts unter einen Stacheldrahtzaum in den Westteil Deutschland und gelangte so nach Niedersachsen.

Ihre Schwester Martina hatte 1949 einen Bauern in der Nähe von Schneverdingen, einem damals verschlafenen Heideörtchen, nicht weit von Hamburg, geheiratet. Almas Mutter fand eine kleine Wohnung auf einem Nachbargehöft. Ihr Vater war zwischenzeitlich aus der Gefangenschaft aus Frankreich zurück und bei der Familie. Ihr kleiner Bruder aber lebte bei Almas Tante in der Nähe Kölns. Fast alle ihre Verwandten hatten sich im Kölner Becken niedergelassen. Almas Eltern zogen etwas später ebenfalls in diese Region und bauten sich ihr Leben wieder neu auf. Was ihnen auch sehr erfolgreich gelang. Als Näherin oder angehende Schneiderin konnte Alma in dieser ländlichen Idylle nicht arbeiten. Sie nahm einen Job als ungelernte Krankenschwester an. Das Militärhospital der britischen Besatzung suchte für seine Krankenstation im Camp Reinsehlen Hilfsschwestern.

Das Camp Reinsehlen hatte
eine bewegte Vergangenheit. Gebaut wurde es kurz vor dem zweiten Weltkrieg als Militärflugplatz, diente dann als Flüchtlings- und Gefangenenlager und später als Truppenübungsplatz. Heute ist das Camp ein Erholungsgebiet mit Hotel. Auf dem Gelände hielt sich Ende Oktober 1998 der Dalai-Lama auf. Eine Zeltstadt wurde damals errichtet; Tausende von Teilnehmern wollten an seinen Weisheiten teilhaben.

 

Alma war froh, dass sie wieder Arbeit bekam. Auf der Krankenstation lernte sie ihren zweiten Ehemann, Antoni, kennen. Antoni lag gerade mit Herzproblemen auf der Station. Beide freundeten sich sofort an. Tauschten ihre Schicksale und Erlebnisse aus und fanden mehr und mehr zu einander. Alma besuchte ihn wann immer es ihr die Zeit erlaubte. Für Romanzen war allerdings nicht viel Raum. Vorrangig ging es erst einmal darum Fuß zu fassen und sich endlich eine Lebensbasis aufzubauen.
Almas Familie war nicht gerade besonders angetan von ihren Heiratsabsichten. Musste es denn auch noch ein Pole sein?! Was wusste sie denn schon von seiner Herkunft, von seiner Familie, seiner Bildung. Die Familie zeigte sich dann auch distanziert. Alma ließ sich aber nicht beirren und setzte ihren Kopf durch. Im Januar 1953 heirateten beide. Vorher galt es noch die Konfessionsfrage zu klären. Antoni kam aus streng katholischer Erziehung und Alma aus einem liberalen protestantischen Milieu. Ihre Familie mütterlicherseits gehörte zu den reformierten Schweizer Familien, die Ende des 17. Jahrhunderts nach Ostpreußen übersiedelte.

Alma wollte aber keinen Konfessionswechsel. Die Ehe wurde unter katholischem Ritual vollzogen und man einigte sich, dass die Kinder ebenfalls eine katholische Erziehung bekommen sollten. Im Camp war Antoni oftmals als Messdiener tätig. Schon als Kind und junger Mann war er aktiv der Kirche verbunden.

Ca. 20 km von Reinsehlen entfernt, bezogen sie eine Wohnung in einer ehemaligen Baracke der deutschen Wehrmacht. Der Ort ging als Heerlager in der Geschichte des kleinen Örtchens Munster ein. Kaiser Wilhelm II hatte seiner Zeit dieses noch eingeweiht. Das Lager war seit 1893 in Betrieb und stand damals unter dem Befehl von Oberstleutnant Paul von Hindenburg, dem späteren Reichskanzler.

Flüchtlinge aus Ostdeutschland, Gestrandete und ehemals Inhaftierte (vornehmlich Osteuropa) aus diversen Lagern bekamen hier vorerst ein Zuhause. Antoni liebte auch den Fußball und spielte ab und zu schon mal Toto. Er bat einmal Alma Ruth ein paar Kreuze auf einem Tippschein zu machen. Schon war das Wunder perfekt. Almas Zahlen waren richtige Glückszahlen gewesen. Sie war plötzlich sehr gefragt. Jeder wollte ein paar Zahlen von ihr – schnell ward sie zur Glücksfee erkoren. Vom Totogewinn richteten sie ihre kleine bescheidene Wohnung ein. Ein Teil des Geldes bekam Antonis Bruder Stanislaw. Der lebte zwischenzeitlich mit seiner ukrainischen Frau in Lübeck. Sie hatten 3 kleine Töchter, die Zwillinge waren gerade erst ein Jahr alt geworden. Stanislaw träumte von Amerika und wollte unbedingt auswandern. Mit einem Anteil von Almas Gewinn konnte er dann von Hamburg aus mit seiner Familie nach New York übersetzen. Ihr Ziel war der Bundesstaat Michigan. Hier siedelten schon seit dem frühen 19. Jahrhundert viele Polen an.

Antoni hatte  durch seine Tätigkeit in der englischen Armee wenig Zeit und so sahen Alma und er sich relativ selten. Als sie schwanger wurde und im September ihr erstes Kind geboren werden sollte, entschloss sie nach Köln zu gehen, um das Kind in der Nähe ihrer Eltern auf die Welt zu bringen. Im September erblickte der kleine Marcel das Tageslicht im Kreiskrankenhaus von Siegburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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