Diethelm Reiner Kaminski

Verloren im All

Die Ameisen Brunelda, Griselda und Fabricia lebten auf einer Sonnenblume in einem Meer von Sonnenblumen. Dass sie auf einer Sonnenblume lebten, wussten sie jedoch nicht, denn sie hielten die große Blume für eine Sonne in einem gigantischen Universum von Sonnen. Das Gedächtnis von Ameisen ist kurz, und so konnten sie sich nicht daran erinnern, wie sie auf ihre Sonne gekommen waren, auch nicht daran, wo ihre Eltern waren und ob es jemals Verwandte oder andere Mitbewohner auf dieser Sonne gegeben hatte. Jetzt bewohnten sie sie jedenfalls allein. Nie hatten sie jemanden bei ihren Streifzügen gesehen, auch nicht auf den Sonnen innerhalb ihres begrenzten Blickfeldes, wenn sie auf die äußerste Spitze eines Blütenblattes kletterten. Von hier aus konnten sie die Unendlichkeit des Sonnensystems zumindest ahnen und kamen aus dem Staunen über dessen Größe nicht heraus.

Nie hatten sie ihre Sonne verlassen, denn fliegen konnten sie nicht, und den schier endlosen Stängel, den sie für eine Verbindung zu einer noch gewaltigeren Sonne hielten, trauten sie sich nicht zu betreten aus Angst, von unbekannten Kräften in die Tiefe gerissen zu werden.

„Zu gerne würde ich wissen, wie es auf den anderen Sonnen aussieht“, seufzte Griselda oft und starrte sehnsüchtig ins Meer der Sonnen.

„Wie soll es dort schon aussehen“, sagten Brunelda und Fabricia jedesmal, „nicht anders als hier vermutlich. Warum sollten wir uns Gefahren aussetzen, die wir nicht einschätzen können? Hier sind wir sicher. Hier geht es uns gut. Hier haben wir alles, was wir brauchen.“

Mit dieser Antwort gab sich Griselda nicht zufrieden. Tag und Nacht nagte der Wunsch in ihr, das Weltall zu erkunden und unbekannte Sonnen zu betreten.

„Jede Sonne dreht sich um eine andere Sonne, auch unsere“, behauptete Griselda, „wusstet ihr das?“

„Natürlich wussten wir das, du kleine Klugscheißerin“, beeilten sich Fabricia und Brunelda zu antworten, obwohl sie keinen Schimmer hatten. Wozu auch? Nutzloses Wissen, das nichts an ihrem Leben geändert hätte.

„Und jedes Sonnensystem kreist wieder um ein anderes“, führte Griselda ihren tollkühnen astronomischen Gedanken weiter aus, aber die beiden anderen hörten schon gar nicht mehr zu, so langweilig war ihnen Griseldas Geschwätz.

Griseldas Entschluss war indes gefasst. Sie fraß sich noch einmal so richtig am Nektar, der reichlich an den Blütenblättern hing, satt und machte sich heimlich auf den langen Weg, der viel weniger beschwerlich war, als sie befürchtet hatte. Sie lief vorsichtig den langen Stängel hinab, mühte sich, unten angekommen, über Steine und Gräser, bis zum nächsten Stängel und krabbelte diesen hinauf, bis sie schließlich, noch vor Anbruch der Dunkelheit, auf der benachbarten Sonne im selben Sonnensystem angekommen war. Sie kletterte auf die äußersten Spitzen der Blütenblätter, um sich zu orientieren. Enttäuscht war sie schon: Nicht der geringste Unterschied. Alles war wie daheim, allerdings war diese Sonne, wie es schien, unbewohnt. Auch wenn Griselda sich umschaute: Alles wie gehabt, ganz gleich, in welche Richtung sie schaute. Da hätte sie gleich zu Hause bleiben können. Dennoch waren ihre Entdeckerneugier und ihr Tatendrang noch längst nicht gestillt. Es musste doch in dieser Unendlichkeit eine Sonne geben, die ganz anders war als ihre eigene. Griselda füllte sich wieder den Magen mit Nektar, packte sich auch noch etliche Tagesrationen auf den Rücken und machte sich erneut auf den Weg, um weitere Sonnen zu erkunden. Viele Wochen war sie unterwegs, doch das Ergebnis war immer das gleiche. Alle Sonnen schienen unbewohnt. Jedenfalls war Griselda kein einziges Mal einer Ameise oder einem anderen Lebewesen begegnet. Längst hatte sie jede Orientierung verloren. Es geschah rein zufällig, dass sie dort wieder anlangte, wo sie aufgebrochen war.

Brunelda und Fabricia empfingen sie ohne große Begeisterung. „Wo hast du dich denn so lange herumgetrieben? Du wolltest dich bestimmt nur vor der Arbeit drücken. Alles mussten wir in der Zwischenzeit allein machen.“

„Ihr ahnunglosen Nesthocker“, fing Griselda an zu schwärmen. „Ihr wisst ja gar nicht, was ihr alles versäumt habt. Gewiss, hier auf unserer Sonne ist es nicht übel, aber verglichen mit den anderen Sonnen, und ich habe viele gesehen, überhaupt kein Vergleich. Ich könnte euch traumhafte Dinge erzählen, aber ich lass das mal lieber. Ich möchte euch nicht neidisch machen. Ich sag nur: Es war wie im Märchen.“

„Und warum bist du dann nicht dort geblieben?“, fragte Brunelda schlecht gelaunt.

„Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, euch gegenüber zu verschweigen, wo die wahren Ameisenparadiese zu finden sind. So egoistisch bin ich dann doch nicht. Worauf wartet ihr noch? Macht euch auf. Ihr werdet es nicht bereuen.

 

Brunelda und Fabricia träumten von nun an jede Nacht von unbeschreiblich schönen Sonnen, aber sie brachen nie auf, weil sie sich nicht trauten, den Stängel hinunterzulaufen aus Angst, von unbekannten Kräften in die Tiefe geschleudert zu werden.

Aber auch Griselda verließ nie wieder ihre Sonne. Mal war sie zu erschöpft, mal war sie unpässlich, das eine Mal schob sie Migräne, das nächste Mal eine schwere Erkältung vor.

Bis schließlich – denn Ameisen haben ein kurzes Gedächtnis – der Wunsch nach Spaziergängen im All von allen vergessen war.

05.02.2010

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