Inge Hoppe-Grabinger

Die schwarze Lederjacke (U-Bahn-Geschichten)


Sie sitzt neben mir in der U-Bahn und trägt eine strenge schwarze Lederjacke.Der Halsschmuck,  das T-Shirt,
die Leggings, die Stiefel sind ebenfalls schwarz.
Wie alt ist sie?  Selten genug bin ich so unsicher bei der Einschätzung, ich  schwanke ich zwischen l8 und 28. 
Das Gesicht ist neutral, um nicht zu sagen ausdruckslos, nicht schön, aber auch nicht unschön.
Sie greift in die rechte Tasche. Gleich wird sie auf dem Smartphone diese blöden Hüpfspiele spielen,
denke ich, bei denen es um die Geschicklichkeit der beiden Daumen geht.  Schon fühle ich die kleine
Wut aufsteigen, wenn ich so etwas sehe. Immer würde ich gar zu gern sagen: Was für eine Zeit-
verschwendung. Fällt  Ihnen nichts Besseres ein?  Was man doch in der gleichen Zeit   anstellen
könnte etc . 
Sie greift in die Tasche ihrer schwarzen Lederjacke und holt  eine weiße Stoffprobe heraus, so groß
wie ein Smartphone,  weiße Seide, bestickt mit weißen Blüten. Immer wieder lässt sie diese Stoffprobe
durch die schmalen Finger gleiten, mit der Kuppe des rechten Zeigefingers befühlt sie die Erhebungen
der Blüten im Stoff.  Dann faltet sie sorgsam dieses kleine Stück Stoff zusammen  und nimmt es
zurück in die  rechte Tasche der schwarzen Lederjacke.  Und dann steigt sie aus.

2O. April 2o17   (beobachtet zwischen Bahnhof Zoo und Spichernstr.)

 

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